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Full text of "Zentralblatt Für Die Grenzgebiete Der Medizin Und Chirurgie. V. 7.1904"

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BOUGHT WITH THE INCOME OF THE 

SAGE ENDOWMENT FUND 

THE GIFT OF 

HENRY W. SAGE 

1891 


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CORNELL UNiVERSITT 







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CORNELL UNIVERSITY 



Centralblatt 


für die 

Qrenzgebieie der Medizin und Chirurgie. 


Herausgegeben von 


r>r*. Hermann Schlesinger, 

Privatdozent an der Universität Wien. 


ERSTER BAND. 


JENA, 

Verlag von Gustav F'ischer. 

1898. 


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CORNELL UNiVERSITY 




Alle Rechte Vorbehalten. 


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CORMELL UNIVERSITY 



CENTRALBLATT 

für die 

Grenzgebiete der fledizin und Ghirurgie. 

Herausgegeben von 

I >r*. Hermann Schlesinger, 

Privatdocent an der Universität in Wien. 

Verlag von GUSTAV FISCHER in Jena. 


I. Band. 


Jena, Dezember 1897. 


Nr. 


1 . 


Das Centralblatt für die Grenzgebiete der Medizin und Chirurgie erscheint monatlich 
im Umfange von 3—4 Druckbogen. Der Umfang des Jahrgangs wird etwa 40 Druck¬ 
bogen betragen. Das Abonnement für das Centralblatt kostet IG Mark für den Band in 
12 Nummern. — Die Abnehmer der Mitteilungen aus den Grenzgebieten der 
Medizin und Chirurgie, herausgegeben von J. Mikulicz und B. Naunyn, erhalten 
das Centralblatt zum Vorzugspreise von 12 Mark. 


Die heutige Entwicklung der Heilkunde ist durch die Abzweigung 
zahlreicher Spezialfächer von ihren zwei Haupstämmen, der Medizin 
und Chirurgie, charakterisiert Es ist erstaunlich, wie schnell sich dieser 
Entwicklungsprozess vollzogen hat Noch vor wenig mehr wie einem 
Menschenalter gab es nur 4 selbständige Disziplinen: Innere Medizin, 
Chirurgie, Geburtshilfe und Psychiatrie. • Heute zählen wir bereits ein 
Dutzend praktischer Fächer, die entweder ihre vollkommene Selbständig¬ 
keit erlangt haben oder nach einer solchen ringen. Wer von einem 
einseitigen oder beschränkten Standpunkt urteilt, dem mag dieser Zer¬ 
stücklungsprozess unheimlich erscheinen; wer aber den Vorgang unbe¬ 
fangen als einen naturgemässen Entwicklungsprozess verfolgt, wird nicht 
im Zweifel sein, dass gerade in der Arbeitsteilung ein enormer Gewinn 
für den wissenschaftlichen und praktischen Ausbau der Heilkunde liegt. 
Die meisten der Spezialgebiete haben sich nach der Loslösung von den 
Hauptstämmen schon zu blühenden Arbeitsgebieten entwickelt, die sowohl 
in der Praxis als auch in der Forschung reiche Früchte getragen haben. 

Eine Gefahr aber birgt dieser Zerstücklungsprozess in sich. Der 
Zusammenhang der Gebiete wird immer loser; die Uebersicht über 
das Ganze ist fast unmöglich geworden, und damit schwindet vielfach 
bei den einzelnen Spezialfächern das Bedürfnis und die Neigung, den 
Zusammenhang mit dem Ganzen zu wahren. Soweit dieser Uebelstand 
in der Natur der Sache begründet ist, lässt sich dagegen kaum etwas 
thun. Die Trennung wird aber noch wesentlich verschärft durch eine 
Reihe von Einrichtungen, die bis zu einem gewissen Grade wohl einer 
Korrektur zugänglich sind: wir meinen die Trennung der Fächer durch 
Spezialkongresse und Fachzeitschriften, die sich auf immer engere Ge¬ 
biete begrenzen. 

Oentralblatt f. d. Gr. d. Chir. u. Med. I. 1 


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Die medizinische Literatur ist heute so enorm angewachsen, dass 
es dem Fachmann schwer wird, selbst sein eigenes Gebiet vollkommen 
zu bewältigen, sofern es sich nicht um ein ganz kleines Arbeitsfeld 
handelt. Um so schwerer wird es uns, die Literatur der Nachbargebiete 
zu verfolgen, und sei es auch nur dasjenige zu lesen, was zu unserem 
Fach in näherer Beziehung steht. Die Schwierigkeit wird dadurch ver- 
grössert, dass die meisten Arbeiten in den Fachzeitschriften vom ein¬ 
seitig spezialistischen Standpunkt abgefasst sind; für den Nichtspezialisten 
sind sie meist ungeniessbar, häufig selbst schwer verständlich. 

Solche Erwägungen waren es, welche uns vor zwei Jahren den 
Anlass zur Gründung der Zeitschrift gaben, die unter dem Titel: „Mit¬ 
teilungen aus den Grenzgebieten der Medizin und Chirurgie“ im Verlage 
von Gustav Fischer erscheint Wir haben uns auf die Grenzgebiete 
zwischen den zwei Hauptfächern der Heilkunde beschränkt, da diese vor 
allem einer Annäherung und Verbindung bedurften. Es wurde schon 
damals erwogen, ob es nicht zweckmässig wäre, das Unternehmen in 
späterer Zeit dadurch zu erweitern, dass neben der Medizin und Chir¬ 
urgie noch andere nahe stehende Fächer mit einbezogen würden, und 
dass ferner neben den Originalarbeiten auch noch Referate aus der 
Fachliteratur der betreffenden Spezialfächer aufgenommen würden. Na¬ 
mentlich letztere Massregel war nach unserer Ueberzeugung in hohem 
Grade geeignet, die Verständigung zwischen Medizinern und Chirurgen 
zu erleichtern. 

Wir trugen uns eben mit dem Gedanken, unsere Zeitchrift in dem 
angedeuteten Sinne zu erweitern, als Herr Dr. Schlesinger uns 
mitteilte, er habe den Plan gefasst, ein ausschliesslich referierendes 
Organ zu gründen, welches im übrigen genau dieselben Ziele wie die 
„Mitteilungen aus den Grenzgebieten der Medizin und Chirurgie“ ver¬ 
folgen sollte. Es braucht kaum hervoigehoben zu werden, dass wir 
diesem Plane sofort sympatisch gegenüberstanden und Herrn Dr. Schle¬ 
singer in seinen Absichten bestärkten. Eine Zeit lang dachten wir 
daran, das referierende Organ mit den „Mitteilungen“, die bekanntlich 
nur Originalarbeiten aufnehmen, in eine organische Verbindung zu 
bringen. Rein äussere Gründe, zum Teil auch Schwierigkeiten, die sich 
im buchhändlerischen Vertrieb ergeben hätten, haben uns indessen davon 
abgehalten. Ein organischer Zusammenhang zwischen den beiden Zeit¬ 
schriften, den „Mitteilungen“ und dem „Centralblatt der Grenzgebiete 
der Medizin und Chirurgie“ bleibt nur insofern, als die ersteren nach 
wie vor nur Originalmitteilungen, letzteres ausschliesslich Referate auf¬ 
nehmen. Im übrigen ist dem neuen Centralblatt vollständige Selbständig¬ 
keit gewahrt. 

Wir sind überzeugt, dass das „Centralblatt für die Grenzgebiete 
der Medizin und Chirurgie“ viel zur gegenseitigen Verständigung und 
Anregung unter den Kollegen beitragen wird und sprechen den Wunsch 
aus, dass es bald in weitesten Kreisen Anerkennung finden möge. 

Mikulicz. Naunyn. 


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I. Sammel-Referate. 


Die neueren Fortschritte in der Lehre vom 
otitischen Himabscesse. 

Von 0. Körner, Professor in Rostock. 

Die vor etwa 10 Jahren bekannt gewordenen, unerwartet grossen Er¬ 
folge englischer und deutscher Chirurgen in der Operation otitischer Hirn- 
abscesse haben zahlreichen Forschern den Anlass gegeben, die Entstehung, 
den Sitz und die Symptome dieser Erkrankung zu studieren, um durch sorg¬ 
fältigen Ausbau der Symptomatologie und Diagnostik immer zahlreichere 
Fälle rechtzeitig der chirurgischen Heilung entgegenzuführen. Was in ziel¬ 
bewusster Arbeit von Ohrenärzten, Chirurgen und inneren Klinikern zur 
Kenntnis dieser Erkrankung beigetragen worden war, habe ich Ende 1893 
kritisch gesichtet und mit eigenen Beobachtungen vereinigt dargestellt. Die 
schnell fortschreitende klinische Erfahrung nötigte mich schon 1895 bei 
Herausgabe der 2. Auflage meines Buches zu zahlreichen Aenderungen und 
Ergänzungen. Seitdem sind kaum zwei Jahre vergangen, und schon ge¬ 
statten neue klinische Beobachtungen und chirurgische Erfahrungen, die Lehre 
vom otitischen Hirnabscesse wesentlich zu bereichern. Die wichtigsten Fort¬ 
schritte auf diesem Gebiete sollen im Folgenden berichtet werden. 

Nachdem einmal das klinische Bild des otitischen Himabscesses im 
Grossen und Ganzen, und anscheinend erschöpfend dargestellt war, wurden 
naturgemäss viele Beobachtungen mitgeteilt, die seltener vorkommende Dinge 
und Ausnahmen von der Regel betrafen, während die das Gewöhnliche be¬ 
stätigenden Befunde als unwichtig zurückgehalten wurden. Daraus ergibt 
sich die Notwendigkeit, bei dem weiteren Ausbau der Symptomatologie auf 
die von mir früher ausgiebig verwertete, statistische Forschungsmethode vor¬ 
läufig zu verzichten. Nicht die Häufigkeit des Auftretens bestimmter Ver¬ 
hältnisse und Zeichen, sondern allein die Thatsache ihres Vorkommens darf 
uns zur Zeit beschäftigen, wenn wir nicht manche gewonnene Erkenntnis 
verfälschen wollen. Ich werde deshalb nicht auf Fragen eingehen, die allein 
mittels der Statistik entschieden werden können. Hierher gehört z. B. die 
relative Häufigkeit der Gross- und Kleinhimabscesse, die häufigere Er¬ 
krankung der rechten Seite, das solitäre und multiple Auftreten der Abscesse 
u. a. m. Auch sind mehrere neuere, auf ungenügende Zahlen begründete 
Behauptungen irrtümlich. So werden vielfach die Statistiken aus einer 
Klinik und die „ununterbrochenen Reihen von Beobachtungen eines Forschers“ 
überschätzt; bisher haben dieselben nie Zahlen aufgewiesen, mit denen sich 
gegenüber dem gesamten literarischen Materiale etwas beweisen lässt 

Sitz der Abscesse. 

Der Satz, dass die otitischen Himabscesse nur durch eine kontinuier¬ 
liche und bei den Sektionen fast immer nachweisbare Infektion vom primären 
Eiterheerde im Ohre und Schläfenbeine aus entstehen, ist allseitig bestätigt 
worden. Demgemäss sitzen dieselben nur in den dem Schläfenbeine an- 

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liegenden Himteilen, also im Schlafelappen oder in der Kleinhimhälfte der 
ohrkranken Seite, Es hat sich jedoch gezeigt, dass die Abscesse des 
Schläfelappens oft sehr weit in den Hinterlappen hineinragen. 
Solche Abscesse sind kurzweg für Hinterlappenabscesse angesprochen worden, 
was leicht begreiflich ist, weil die Grenze zwischen Schläfen- und Hinter¬ 
lappen an der besonders in Betracht kommenden Unterseite des Hirns weder 
durch anatomische Verhältnisse, noch durch eine konventionell gezogene 
Linie bestimmt ist Der anscheinend einzige wirklich im Hinterlappen 
liegende (hantelförmige) Abscess (Morf) war durch eine nicht mehr im Be¬ 
reiche des Schläfenbeines, sondern cm hinter dem Knie des Sinus trans- 
versus liegende Knocheneiterung verursacht, die allerdings mit einer gleich¬ 
zeitigen Schläfenbeineiterung zusammenhing. 

Die Kleinhirnabscesse liegen, wenn sie von der Fossa sigmoidea 
des Sulcus transversus aus entstanden sind, in dem vorderen äusseren Teile 
der Kleinhimhälfte, und wenn die Eiterung durch das Labyrinth auf dem 
Wege der Vorhofswasserleitung oder des inneren Gehörgangs in die hintere 
Schädelgrube geleitet wurde, tiefer medianwärts. Koch hat gezeigt, dass 
dieser tiefere Sitz häufiger vorkommt, als man bisher angenommen hatte. 
Diese Erkenntnis ist wichtig, weil die oberflächlichen Abscesse leicht, die 
tiefen aber schwer oder nicht zugänglich sind, und weil es, wie wir sehen 
werden, gelingen kann, den verschiedenen Sitz schon vor der Operation zu 
erkennen. 

Wahre otitische Abscesse in der Brücke sind bisher nicht sicher beob¬ 
achtet. Man findet bisweilen bei eitriger Leptomeningitis kleine oberflächlich 
gelegene Abscesschen in der Brücke, geradeso wie an anderen Stellen in der 
Hirnrinde, die durch die Meningitis induziert wurden und neben dieser ohne 
klinische Bedeutung sind. 

Symptome und Diagnose. 

1. Grosshirnabscess. 

Die schon erwähnte irrtümliche Auffassung weit nach hinten gelegener 
Schläfelappenabscesse als Hinterlappenabscesse ist zum Teil auch durch das Auf¬ 
treten eines scheinbaren Herdsymptoms des Hinterlappens, der Hemianopsie, 
in solchen Fällen verschuldet worden. Die Hemianopsie beim otitischen Hirn- 
abscesse entsteht aber durch Femwirkung auf die Sehfaserung in ihrem Ver¬ 
laufe innerhalb der Capsula interna, und ist selbst bei weit nach hinten 
reichenden Abscessen nicht mit Sicherheit als Folge einer subcorticalen Läsion 
der Sehfaserung aufzufassen, denn sie fand sich bisher ausnahmslos verbunden 
mit anderen Folgen einer Schädigung der inneren Kapsel, nämlich mit Pa¬ 
resen der gekreuzten Körperhälfte. Hemiopische Pupillenreaktion ist — 
wie ja ganz selbstverständlich — in den Fällen, in welchen auf sie gefahndet 
worden ist (Oppenheim, Lannois und Jaboulay), vermisst worden, was ich 
nur deshalb erwähne, weil ich in einem Referate über die Arbeit von Lannois 
und Jaboulay die irrtümliche Bemerkung finde, dass dieses Zeichen bei der 
Differenzialdiagnose zwischen Schläfen- und Hinterlappenabscess wertvoll sei. 

Die häufig beobachteten gekreuzten Paresen des Gesichts und der 
Extremitäten entstehen, wie schon erwähnt, durch Fernwirkung des Schläfen- 
lappenabscesses auf die innere Kapsel, und nicht, wie Macewen und von 
Bergmann früher glaubten, auf die motorische Rindenregion. Die Gründe 
hierfür habe ich früher ausführlich erörtert; sie sind jetzt allgemein anerkannt, 
zuletzt auch in England (Ballance). Trotzdem werden immer wieder Fälle 



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mit gekreuzten Paresen in falscher Deutung der Symptome über der motorischen 
Region trepaniert (Thigpen, Boppe), von wo aus der Abscess nicht gefunden, 
oder nur auf einem grossen und gefährlichen Umwege entleert wird. 

Eine wertvolle Bereicherung haben unsere Kenntnisse über die beim 
Schläfenlappenabscesse vorkommenden Sprachstörungen erfahren. Oppen¬ 
heim, Pick und Manasse haben hier neben der häufig vorkommenden 
amnestischen die genauer charakterisierte optische Aphasie nachgewiesen. 
Die Kranken sehen einen vorgezeigten Gegenstand wohl, wissen ihn aber nicht 
eher zu benennen, bis sie durch Betasten oder durch das Gehör (wenn es sich 
z. B. um die Benennung einer Glocke handelt) das fehlende Wort finden. Die 
optische Aphasie scheint auf den Sitz des Abscesses in der Gregend des hinteren 
Teiles der 2. und 3. Schläfenwindung zu deuten (Pick). Bei der diagnostischen 
Verwertung solcher Symptome ist zu beachten, dass optische Aphasie von 
Jansen, und amnestische Aphasie von Kuhn auch bei Meningitis beobachtet 
wurde, und dass auch extradurale Abscesse der mittleren Schädelgrube, wie 
schon früher bekannt, namentlich bei jungen Individuen amnestische Aphasie 
herbeiführen können. 

Die Worttaubheit ist auch heute noch als ein sehr seltenes Symptom 
des otitischen Hirnabscesses zu betrachten. Es liegt nur eine neue Beob¬ 
achtung von Milligan, vor. 

Gregen die Annahme, dass Schläfenlappenabscesse Schwerhörigkeit 
auf dem gekreuzten Ohre verursachen können, macht Oppenheim geltend, 
dass der Acusticus jeder Seite in Beziehung zu beiden Hörsphären tritt, so 
dass die Erkrankungen, welche das Hörcentrum einer Seite schädigen oder 
ausschalten, keine wesentliche und vor allem keine anhaltende Schwerhörigkeit 
bedingen. Wie wir nun die gekreuzte Schwerhörigkeit erklären wollen, ist eine 
besondere Frage; dass sie durch den otitischen Schläfenlappenabscess herbei¬ 
geführt werden kann, scheint mir besonders durch Eulenstein’s Fall be¬ 
wiesen zu sein. Vielleicht handelt es sich hier gar nicht um einen im 
Schläfenlappen selbst verursachte Störung, sondern um eine Fern Wirkung auf 
die centralen Acusticusbahnen im Mittelhim, die eine beiderseitige Schwer¬ 
hörigkeit hervorrufen können; diese wird dann auf dem sonst intakten 
Ohre deutlicher hervortreten, als auf dem eiternden und schon vorher 
schlecht hörenden. 

Zu den bisher bekannten Symptomen des Schläfenlappenabscesses kommt 
als neues das Abweichen der herausgestreckten Zunge nach der ge¬ 
sunden Seite (Zeller, Willis). 

2. Kleinhirnabscess. 

Sitzen die otitischen Kleinhirnabscesse in der äusseren Hälfte der 
Hemisphäre, so machen sie meist nur allgemeine Hirnsymptome, insbeson¬ 
dere Kopfschmerz, der oft im Hinterhaupt, aber gar nicht selten auch an 
anderen Stellen, z. B. in der Stirngegend, empfunden wird, Erbrechen, Puls¬ 
verlangsamung, Neuritis optica, allgemeine Convulsionen. Sind solche Er¬ 
scheinungen stark ausgesprochen, während lokale Hirnsymptome fehlen, so 
darf man an einen Kleinhirnabscess an der genannten Stelle denken. Als 
Ursache der allgemeinen Hirn- und Himdruckerscheinungen beim Kleinhirn¬ 
abscesse findet man starke Flüssigkeitsansammlung in den Ventrikeln; beim 
Grosshirnabscesse pflegt diese Komplikation zu fehlen. Früher glaubte man, 
es handele sich hier um einen Hydrops ventriculorum, verursacht durch Be¬ 
hinderung des Blutabflusses aus der hinteren Schädelgrube. Da jedoch die 
Kleinhirnabscesse den Sinus transversus nicht zu komprimieren pflegen und 


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da sogar der völlige Verschluss eines Sinus durch phlebitische Thrombose 
keinen Hydrops ventriculorum herbeiführt, muss man wohl Koch beistimmen, 
der diese Ergüsse für die Folge einer komplizierenden Meningitis serosa ventri- 
cularis hält 

Die tiefer, näher der Brücke, gelegenen Kleinhirnabscesse 
können ausser den genannten Symptomen auch noch gleichseitige, gekreuzte 
und doppelseitige Lähmungen hervorrufen. Da diese Lokalisation, wie schon 
erwähnt besonders dann gefunden wird, wenn der Eiter durch das Labyrinth 
zum Kleinhirn gelangt ist, muss bei der Diagnose mit allen der Ohrenheil¬ 
kunde zu Gebote stehenden Mitteln untersucht werden, ob das Labyrinth mit¬ 
erkrankt ist worauf neuerdings wieder Barr hingewiesen hat 

Das eigentliche Herdsymptom des Kleinhirns, cerebellare Ataxie 
und Kleinhirnschwindel, ist in der Berichtszeit nicht sicher nachgewiesen 
worden. Koch führt zwar ausser dem alten ein wandsfreien Falle von Fein¬ 
berg noch 10 andere aus der Literatur an, doch sind diese alle nicht ver¬ 
wertbar, da entweder eine genaue Untersuchung fehlt, oder das Labyrinth 
mitbeteiligt war. Zu beachten ist, dass auch Schläfenlappenabscesse starken 
Schwindel hervorrufen können. 

Für Klein- und gegen Grosshimabscess spricht Fehlen wie auch 
Steigerung des Patellar-Reflexes auf der kranken Seite, ferner De¬ 
viation conjugöe (meist nach der gesunden Seite, Schwartze, Winter und 
Deansley, Acland und Bailance). 

Ob ein Gross- oder Kleinhirnabscess mit Leptomeningitis puru- 
lenta kompliziert ist oder nicht, scheint mittels der Lumpalpunktion 
ziemlich sicher entschieden werden zu können. Wenigstens nimmt Leutert 
auf Grund seiner Erfahrungen an, dass das vollständige oder fast vollständige 
Fehlen polynukleärer Leukocyten in der Punktionsflüssigkeit die Lepto¬ 
meningitis purulenta ausschliesse. Doch sind gegen die Lumbalpunktion beim 
Himabscesse überhaupt, wie auch gegen ihren diagnostischen Wert schwer¬ 
wiegende Bedenken von Oppenheim erhoben worden. 


Operationsresultate. 

Die Zahl der operativ entleerten Hirnabscesse ist — soviel ich sehe — 
bis jetzt auf 140 gestiegen. Aus der Zahl der berichteten Heilungen dürfen 
wir aber keineswegs schliessen, welcher Prozentsatz der entleerten Abscesse 
zur Heilung gelangt Wir müssen wohl annehmen, dass bei so aufsehen¬ 
erregenden Erfolgen, wie die ersten glücklichen Operationen von Himabscessen 
waren, verhältnismässig öfter über die geheilten als über die gestorbenen Ope¬ 
rierten berichtet wurde. Es beginnt aber bereits die Reaktion, die vielleicht 
bald auch über das Ziel hinausschiessen wird, indem neuerdings Fälle gerade 
deswegen veröffentlicht werden, weil sie ungünstig verliefen. Hier können 
vielleicht später einmal die ununterbrochenen Reihen von Beobachtungen ein¬ 
zelner Kliniken oder einzelner Operateure für die Feststellung des Heilwertes 
der Operation wichtig werden. 

Zunächst haben die berichteten Erfolge gegenüber den berich¬ 
teten Misserfolgen beim Grosshirnabscesse abgenommen, beim 
Kleinhirnabscesse zugenommen, und zwar zählte ich: 

1893: 56,5 °/ 0 Heilungen beim Grosshirn- und 33,3 °/o beim Kleinhirnabscesse 
1895: £5,3 ,, „ ,, „ „ 56,25°/ 0 „ „ 

1897: 50,4 „ „ „ „ „ 56,0 „ „ 


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Im Ganzen finde ich jetzt: 

115 eröffnete Grosshimabscesse mit 58 Heilungen = 50,4 °/ 0 

_25__Kl ein _ ,, 14 „ = 56,0 „ 

140 eröffnete Abscesse mit 72 Heilungen = 51,4 2/o- 

Die zahlreichen Berichte über Operation sversuche bei Fehldiagnosen und 
über nicht gefundene Abscesse übergehe ich. 

Auf die verschiedenen Operationsmethoden verteilen sich 
Heilungen und Todesfälle wie folgt: 



Zahl 

Heilung 

Tod 

Ausgang 

unbe¬ 

kannt 

I. Aufsuchung des Abscesses vom er¬ 
krankten Schläfenbein aus .... 

37 


14 

1 

II. Ebenso mit Gegenöffnung an der 
äusseren Schädelwand. 

■ 

I 

0 

0 

III. Aufsuchen des Abscesses durch Ver¬ 
folgen einer Fistel an der äusseren 
Schädelwand (Abscess dem Durchbruch 
nach aussen nahe). 

1 

1 

0 

0 

IV. Operation von der unveränderten 
äusseren Schädelwand aus .... 

94 

42 

52 

0 

V. Methode nicht angegeben .... 

1 

0 

1 

0 


140 

72 

67 

1 


140 


Von den häufiger angewandten Methoden hat demnach die 
Aufsuchung des Abscesses vom erkrankten Knochen aus die 
besten Erfolge aufzuweisen. 

Bei den günstig verlaufenen Fällen ist die primäre Ohr- und Knochen¬ 
krankheit nicht immer zur Ausheilung gelangt, ja sogar manchmal gar nicht 
operiert worden. Man darf in solchen Fällen also nur von einer Heilung 
des Hirnabscesses, aber nicht von einer Heilung des Kranken 
sprechen, wie noch oft geschieht. Die ungeheilte primäre Eiterung im 
Schläfenbein kann natürlich einen neuen Abscess oder eine andere 
letale Komplikation herbeiführen. 

Recidive des geheilten Abscesses selber, ohne neue Infektion vom 
primären Eiterheerde aus, scheinen nach den ersten Monaten nicht mehr vor¬ 
zukommen. 

In den unglücklich ausgegangenen Fällen war die Todesursache: 

1. D ie Operation kam zu spät: 

Es war schon vorhanden: 

a) Durchbruch in den Seitenventrikel oder nach den 
Meningen 7 mal, 


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b) Pyämie durch Sinusphlebitis lOmal, 

c) Leptomeningitis 9mal, 

d) ein zweiter Abscess: 

a) in demselben Hirnteile 4mal, 
ß) in einem anderen Hirn teile lmal, 
y) der Abscess war zweikammerig und nur eine Kam¬ 
mer war eröffnet worden lmal. 

2. Trotz rechtzeitiger Entleerung des Abscesses erfolgte 
der Tod durch: 

a) fortschreitende Encephalitis (nur bei Grosshimabscessen) 
12mal, 

b) Pneumonie lmal, 

c) Shok lmal, 

d) Fehler oder Unglücksfall bei der Operation oder Nach¬ 
behandlung 5mal. 

3. Die Todesursache wurde bei der Sektion nicht ermittelt 
oder es wurde keine Sektion gemacht 15mal. 

Wenn man bedenkt, dass noch vor etwa zehn Jahren alle Kranken 
mit otitischen Hirnabscessen ihrem Leiden erlagen, während jetzt anscheinend 
die Hälfte derselben gerettet werden kann, so ist das unstreitig ein be¬ 
deutender Fortschritt. Andererseits kann aber eine Operation, die nur etwa 
50 % Heilung aufzuweisen hat, noch keineswegs befriedigen. Es wird noch 
langer, ernster Arbeit bedürfen, um die Indikationsstellung und die Methode 
zu verbessern. Ich kann die Autoren nicht verstehen, die sich entschuldigen, 
wenn sie heutzutage noch einen geheilten Hirnabscess mitteilen. — Was aber 
am meisten not thut, ist die Verhütung so schwerer Erkrankungen durch 
frühzeitige rationelle Behandlung der ursächlichen Ohreiterungen. 


Literatur. 

Von den seit dem Erscheinen der 2. Auflage meines Ruches „Die otitischen Er¬ 
krankungen des Hirns, der Hirnhäute und der Blutlciter“ erfolgten Publikationen über den 
otitischen Hirnabscess sind nur diejenigen aufgezählt, welche wesentlich Neues bringen oder 
über operierte Fälle berichten. 

Avoledo, Archivio ital. di Otol. Vol. V, p. 127. — Acland and Ballance, 
St. Thomas Hosp. Rep. 1894. — Bacon, Gorham, Transact. Americ. Otol Soc. Vol. VI, 
No. 3. — Zeitschr. f. Ohrenheilkunde, Bd. 30, S. 361. — Ballance, H. A. Brit. Med. 
Journ. 1897, Vol. I, p. 1275. — Barling, ibid., p. 1467. — Barr, Archives of Otology, 
Vol. 24, p. 237. — Boppe, Progr. m£d. 1896, I, 362. — Bönninghaus, Bericht über 
dessen Privatklinik pro 1895 und 1896. — Broca, Progr. m6d. 1896, 381. — Annales 
d. mal. de Poreille 1896, 409. — Bronner, Brit. med. Journ. 1897, Vol. H, p. 465. — 
Dench, New-York Eye and Ear Infirm. Rep. Jan. 1897. — Gradenigo, Arch. ital. di 
Otol. Vol. III, p. 354. — Vol. V, p. 559. — Grunert, Berl. klin. Wochenschr. 1896, 
No. 52. — Hartmann, Zeitschr. f. Ohrenheilk., Bd. 29, S. 384. — Jansen, Berl. klin. 
Wochenschr. 1895, N°. 35. — Kaufmann, Monatsschr. f. Ohrenheilk. 1896, S. 502. — 
Kierander, rcf. Zeitschrift für Ohrenheilkunde, Bd. 30, S. 72. — Koch, der oti- 
tische Kleinhirnabscess, Berlin 1897. — Kümmel, Zeitschrift für Ohrenheilkunde, Bd. 28, 
S. 259 und Bd. 31, S. 209. — Kuhn, ibid., Bd. 30, S. I. — Lannois of Jabou- 
lay, Rev. hebdom. de laryng etc. No. 23, 1896. — Ledermann, Journ. Americ. med. 
Assoc., 12. Sept. 1896. — Leutert, Münchener med. Wochenschrift 1897, No. 8 u. 9. 
— Archiv für Ohrenheilkunde, Bd. 41, S. 284. — Manasse, Zeitschr. für Ohrenheilkunde, 
Bd. 31, S. 225. — Milligan, ibid., Bd. 30, S. 223. — Brit. med. Journ. 1896, 
Vol. I, p. 789. — Morf, Zeitschr. f. Ohrenheilk., Bd. 29, S. 191. — Moss, ibid., Bd. 27, 
S. 304. — Murray, Brit. Med. Journ. 1896, Vol. I, p. 598. — Mylcs, Transact. 
Americ. Ootol. Soc. Vol. VI, No. 3. — Nichols, Manhattan Eye and Ear Hosp. Rep. 
Jan. 1897. — Oppenheim, Die Encephalitis und der Hirnabscess. Nothnagels spezielle 
Pathol. und Therap., Bd. IX, Teil I, Abt. III, Wien 1897. — Pick, s. Zaufal. — Paul- 


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CORNELL UNIVERSUM 



9 


sen, Arch. f. klin. Chirurgie, Bd. 52. (Nur Fall 12 ist neu.) — Romeny, Med. Week- 
blad. 20, IV, 1895. — Rotter, mitgeteilt bei Oppenheim, Lc. — Scheibe, ref. Archiv 
f. Ohrenheilk., Bd. 40, S. 71. — Thigpen, Archives of Otol. Vol. 26, p. 256. — Vergo 
and Stirling, dt. nach Broca et Maubrac. — Walker, Brit. med. Journ. 1897, VoL I, 
p. 5 78. — Willis, Brit. med. Journ. 1897, Vol. I, p. 330. — Wolff, Dissert., Strass¬ 
burg 1897. — Wulff, ref. Monatsschr. f. Ohrenheilk. 1897, S. 353. — Zaufal und Pick, 
Prager med. Wochenschr. 1896, No. 5—9. — Zeller, BerL klin. Wochenschr. 1895, 

s. 923. — 


Zur Pathologie und Therapie der Wanderniere. 


Sammelbericht über die seit dem Jahre 1892 erschienene Literatur. 

(Abgeschlossen 1. Sept. 1897.) 

Von Dr. J. Fischer, Wien. 

Schon der stattliche Umfang der Literatur allein lehrt, dass unsere 
Ansichten über die Wanderniere keineswegs feststehende und völlig geklärte 
sind. Ihre Aetiologie und Pathogenese, ihre klinische Bedeutung und ihre 
Therapie, das alles sind Punkte, bezüglich derer die Ansichten der Autoren 
oft diametral auseinandergehen. Um so notwendiger ist es, von Zeit zu Zeit 
den Blick zurück zu werfen auf all das Material, das zum weiteren Ausbau 
unserer Kenntnisse über das in Frage stehende Thema aufgestapelt wurde. 
Anatomen und Internisten, Chirurgen und Gynäkologen sind hierbei in gleicher 
Weise beteiligt; finden sie ja alle wichtige Anknüpfungspunkte bei den zur Dis¬ 
kussion gestellten Fragen. 

Von einer völlig erschöpfenden Literaturübersicht kann im folgenden 
nicht die Rede sein; Arbeiten, die mir nicht im Original oder in einem aus¬ 
führlicheren Referate Vorlagen, sind nur der Vollständigkeit halber und im 
Interesse jener, denen sie zugänglich sind, ins Literaturverzeichnis aufgenommen 
und daselbst mit einem * bezeichnet Von einer eingehenderen Würdigung 
theoretischer oder experimenteller Publikationen musste ich absehen, um den 
Bericht nicht allzu sehr auszudehnen; kasuistische Mitteilungen, die kein be¬ 
sonderes Interesse bieten, sind nur de nomine erwähnt Ich hielt es für 
notwendig, auch diejenigen Arbeiten in den Rahmen des Sammelberichtes 
einzubeziehen, welche die normale Topographie der Nieren behandeln, sowie 
jene, welche angeborene Lageanomalien betreffen. Letzteres geschah nicht bloss 
darum, weil man in der Lehre von der Wanderniere so oft auf kongenitale 
Verhältnisse hin weist sondern auch deswegen, weil sie klinisch und differential¬ 
diagnostisch der erworbenen fixierten Verlagerung gegenüber in Betracht kommen. 

I. Die normale Topographie der Nieren. 

Die Kenntnis der normalen Lage der Nieren ist nicht nur wichtig für 
die Begriffsbestimmung der beweglichen Niere, für das Verständnis ihrer Aetio¬ 
logie und ihres Entstehungsmechanismus, sie ist auch notwendig für die Auf¬ 
fassung ihrer Symptome und für die Differentialdiagnose, ganz unentbehrlich 
aber für die operative Therapie. 


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a) Die Beziehungen der Nieren zum Skelet. 

Die Beziehungen der Nieren zu den Wirbeln und den Zwischenwirbel¬ 
scheiben sind nach Baduels sorgfältigen Messungen an menschlichen Leichen 
folgende: 

Beim erwachsenen Manne reicht die Niere: 


rechts 

links 

vom unteren Drittel des XII. Brustwirbels 
— Zwischenwirbelscheibe zwischen 
XII. Brust- und I. Lendenwirbel 
bis zur Mitte — unterem Ende des III. 
Lendenwirbels. 

von der Zwischen wirbelscheibe zwischen 
XI. und XII. Brustwirbel — unterem 
Drittel des XII. Brustwirbels 
bis zum oberen Drittel — Mitte des III. 
Lendenwirbels. 


Bei der erwachsenen Frau: 


rechts 

links 

von der Zwischen wirbelscheibe zwischen 
XII. Brust- und I. Lendenwirbel 
bis zum unteren Drittel des III. — oberen 
Rand des IV. Lendenwirbels. 

von der Mitte des XII. Brustwirbels — 
oberen Rand des I. Lendenwirbels 
bis zum oberen Drittel des III. Lenden¬ 
wirbels — Zwischenwirbelscheibe zwi¬ 
schen III. und IV. Lendenwirbel. 


Im Jugendalter (hier ist, wie auch später, kein Geschlechtsunterschied 
gemacht): 


rechts 

links 

vom unteren Rand des XII. Brustwirbels 
bis zur Intervertebralscheibe zwischen 
III. und IV. Lendenwirbel. 

von der Mitte des XII. Brustwirbels 
bis zur Mitte des III. Lendenwirbels. 

Beim Kind: 

rechts 

links 

von der Zwischen wirbelscheibe zwischen 
dem XII. Brust- und dem I. Lenden¬ 
wirbel — oberen Rand des I. Lenden¬ 
wirbels 

bis zur Intervertebralscheibe zwischen IV. 
und V. Lendenwirbel — oberen Rand 
des V. Lendenwirbels. 

vom oberen Rand — Mitte des XII. Brust¬ 
wirbels 

bis zur Zwischen wirbelscheibe zwischen 
III. und IV. Lendenwirbel — Mitte 
des IV. Lendenwirbels. 

Beim Neugeborenen: 

rechts 

links 

vom oberen — unteren Rand des XII. 
Brustwirbels 

bis zur Mitte des IV. Lendenwirbels — 
Zwischenwirbelscheibe zwischen IV. 
und V. Lendenwirbel. 

von der Mitte des XI. — oberen Randes 
des XII. Brustwirbels 
bis zum oberen Rand — Mitte des IV. 
Lendenwirbels. 


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Die Beziehungen des obern Nierenrandes zu den Rippen sind nach 
Baduel folgende: 



rechts 

links 

Erwach¬ 

sener 

Mann 

oberer, unterer Rand 
der XII. Rippe 

unterer Rand der XI. Rippe, Rippen¬ 
zwischenraum, oberer Rand aer 
XII. Rippe 

Erwach¬ 
sene Frau 

oberer Rand, 

Körper der XII. Rippe 

XI. Intercostalraum, oberer Rand 
der XII. Rippe 

Jugend¬ 

alter 

oberer Rand 
der XII. Rippe 

Körper 

der XI. Rippe 

Kind 

unterer Rand der XII. Rippe 

oberer Rand der XII. Rippe 

Neuge¬ 

borenes 

oberer Rand der XII. Rippe, 

XI. Intercostalraum 

XI. Intercostalraum, unteres Ende 
der XI. Rippe 


Die Abstande des unteren Nierenrandes von der Crista ilei betrugen: 



Erwachsener Mann 

Erwachsene Frau 

Jugendalter 

Kind 

Neugeborenes 

rechts 

1,5—2,5 cm 

1—2 cm 

1 cm 

berührt die 
Crista o. wenig. 
Millimeter 

0,2 cm 

links 

2,5—3,5 cm 

2—3 cm 

1,5 cm 

0,5—0,8 cm 

0,3—0,5 cm 


Die Distanzen der Niere von der medianen inneren Wirbellinie: 


zum 

Erwachsener 

Mann 

Erwachsene 

Frau 

Jugendalter 

Kind 

Neugeborenes 


rechts 

links 

rechts 

links 



rechts 

links 

rechts 

links 

oberen 

Innenrand 

3-4 

cm 

3,5-4 

cm 

3,5—4 

cm 

3—4 

cm 

2 cm 

2 cm 

1,5-1,8 
cm 

1,5—1,8 
cm 

1-1,2 

cm 

1-1,2 

cm 

unteren 

Innenrand 

4,5-5,3 
cm 

4,8-5 

cm 

4,5—5 

cm 

4-5 

cm 

3,5 cm 

3,5 cm 

1,8 cm 

2 cm 

1-1,5 

cm 

1—1,8 

cm 

zur grössten 
Convexität 
des Aussen- 
randes 

-«- 

9-9,5 

cm 

9-9,5 

cm 

9-9,5 

cm 

8,5-9 

cm 

7 cm 

7 cm 

6 cm 

5,8 cm 

3,2-4,4 
cm 

3-4 

cm 


Aus den vorstehenden Massen scheint hervorzugehen, dass die Nieren bei 
der Frau tiefer als beim Manne stehen. Und während sich auch bei Helm 
die Angabe findet, dass bei Frauen die Nieren durchschnittlich um die Höhe 
eines halben Lendenwirbels tiefer stehen, ist dies nach Baduel nur durch 
die Differenz zwischen männlichem und weiblichem Skelet bedingt, da die 
Lendenwirbelsäule bei der Frau kurzer ist als beim Manne, die falschen Rippen 
bei ihr ferner mehr horizontal verlaufen. 

In allen Altersstadien steht die rechte Niere tiefer als die linke. 

Während Baduel die Durchschnittsmasse angibt, die er bei den 
Untersuchungen von 60 Leichen gewonnen hat, finden wir bei Helm die 
Schwankungen innerhalb normaler Verhältnisse verzeichnet. Er fand das 
obere Ende der Niere 


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in der Höhe des X. Brustwirbels 3 mal 

» » » » XI. ,, 88 ,, 

» » » » xu. » 71 

1t 

tiefer 2 „ 

das untere Ende 

in der Höhe des H. Lendenwirbels 30 mal 
jj » »i » UL 103 i) 

11 11 M W IV • » 27 

tiefer 4 „ 

In zwei Dritteln der Fälle stand die rechte Niere tiefer als die linke. 
Rechte Niere tiefer 57 mal 
Linke Niere tiefer 17 „ 

Beide Nieren gleich tief 13 „ 

Die grösste Differenz — normale Personen vorausgesetzt — betrug 
3—5 cm, während die mittlere Differenz auf 1—2 cm anzusetzen ist. Die 
tiefere Lage der rechten Niere ist nach Helm durch die grössere Ausdehnung 
des rechten Leberlappens bedingt, welcher der während der Entwickelung 
emporsteigenden Niere ein Hindernis setzt Hyrtl gegenüber, der es als Sage 
hingestellt hat, dass die Leber schuld an der tieferen Lage der rechten Niere 
sei und sich hierbei auf die Säugetiere beruft, bei denen die rechte Niere höher 
steht, meint Helm, dass dort die Verhältnisse anders lägen, weil die linke 
Leberhälfte bei den Säugern fast ebenso stark ausgebildet ist, wie die rechte, 
infolgedessen dann Magen und Milz tiefer als beim Menschen stehen, wodurch 
auch der linken Niere ein tieferer Platz angewiesen wird. Den Tiefstand der 
Nieren bei Kindern im Vergleiche zu Erwachsenen erklärt er 1. aus ihrer un¬ 
verhältnismässigen Grösse, 2. aus der grösseren Ausbildung der Leber und 
insbesondere des linken Leberlappens. Bei Kindern finde man auch häufiger 
als bei Erwachsenen die linke Niere tiefer als die rechte oder beide gleich tief. 
Gerota sah in 29 Leichen nur einmal einen tieferen Stand der linken Niere. 

Die Angaben Baduels bezüglich des Verhältnisses der Nieren zu den 
Rippen und der Crista ilei ergänzen die folgenden Feststellungen von Helm, 
welche die wechselnden Verhältnisse innerhalb normaler Breiten illustrieren. 
Es steht das obere Ende der rechten Niere 


in der Höhe der Ansatzstelle 

bei Mftnncm 

bei Frauen 

der XI. Rippe 

in 7» der Fälle 

in 7- der Fälle 

» XII. „ 

tt Va tt >t 

8 / 

ft ls » tt 

tiefer 

— 

1t Is tt tt 


der linken Niere 


in der Höhe der Ansatzstelle 

bei Milnnern 

bei Frauen 

der XI. Rippe 

• in ? /s der Fälle 

in 7* der Fälle 

tt XII. „ 

tt /s tt tt 

i/“ 

•t 12 tt tt 

tiefer 

— 

— 


Der untere Nierenpol erreicht oder überschreitet sogar den Darmbeinkamm 
bei Männern nur rechterseits unter 9 Fällen lmal, 
bei Weibern rechterseits unter 21 Fällen lmal, 
linkerseits unter 7 Fällen lmal, 
beiderseits ebenfalls unter 7 Fällen ImaL 


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Vergleicht man diese Angaben mit den entsprechenden Baduels, so 
wird man die Vermutung Küsters, dass es sich in diesen Fällen von Helm 
nicht mehr um normale Verhältnisse handle, gerechtfertigt finden. 

Die oberen Pole beider Nieren neigen sich ein wenig gegeneinander, 
wie das aus den oben angeführten Distanzen ihrer Ränder zur Wirbelsäule 
hervorgeht; aber auch die Querachsen beider Nieren liegen nicht in der 
Frontalebene, sondern bilden einen nach hinten offenen Winkel. Ihre Stellung 
unterliege nicht nur bei verschiedenen Individuen, sondern selbst auf beiden 
Seiten derselben Individuums ganz erheblichen Schwankungen, welche bis zü 
40 °/ 0 Unterschied betragen. Als Ausdruck dieses Verhaltens wird man bei 
anatomischer oder operativer Freilegung der Niere von hinten her bald auf 
den konvexen Rand, bald auf die Hinterfläche stossen. 

Bezüglich der Lage der Nierenarterien giebt Helm an, dass ihr Ursprung 
aus der Aorta gewöhnlich ( 2 / 8 der Fälle) in der Höhe der Bandscheibe zwischen 
I. und H. Lendenwirbel liegt Sie entspringen häufig beide gleich hoch aus 
der Aorta (42,5 °/ 0 ), etwas seltener die linke tiefer als die rechte (39,8 °/ 0 ) 
und ganz selten die rechte tiefer als die linke (15°/ 0 ). 

b. Länge und Gewicht der Nieren. 

Da eine scheinbar tiefere Lage der Niere auch durch eine grössere 
Länge bedingt sein kann, so ist es wichtig, die Nierenlänge zu kennen. Die¬ 
selbe beträgt im Durchschnitt nach Helm 10—20 cm; in einem Drittel der 
Fälle ist die linke Niere länger als die rechte, sonst verhält es sich umgekehrt 
oder beide Nieren sind gleich lang. Die Differenz in der Länge beider Nieren 
beträgt gewöhnlich 0,5 — 1 cm. Die Frauenniere ist etwas kleiner als die 
des Mannes. Die Niere der Neugeborenen und der Kinder in den ersten 
Lebensjahren ist von ganz unverhältnismässiger Grösse und erst allmählich 
stellt sich das Verhältnis zwischen der Grösse des Körpers und der der 
Nieren her, wie wir es beim Erwachsenen finden. Die speziellen Zahlen lauten 
bei Baduel tabellarisch zusammengestellt: 




Erwachsene 

Frau 

Jugendalter 

Kind 

Neugeborenes 






rechts 

links 

rechts 

links 

rechts 

links 

Länge 

10,5-11 

cm 

10,5- 
11,5 cm 

10-11 

cm 

10—11 

cm 

8,6 cm 

8,5 cm 

6,6-7 

cm 

6,8-7,8 
cm 

4,2-4,5 
cm 

4,6-6 

cm 

Breite 

6-6,6 

cm 

6-5,6 

cm 

6—6,5 

cm 

6—5,6 

cm 

4,6 cm 

4,5 cm 

3,5-4 

cm 

3-3,6 

cm 


2,2-2,5 
cm 

Dicke 

3 cm 

3 cm 

3 cm 

3 cm 

2,5 cm 

2,6 cm 

1,6-2 

cm 

2-2,2 

cm 

1,5 cm 

1,6 cm 


Da man auch das vermehrte Nierengewicht unter die zur Verlagerung 
disponierenden Momente gezählt hat, erübrigt es noch, die Normalzahlen (in 
Gramm) hier anzuführen. 


Erwachsener Mann 

Erwachsene Frau 

Jugendalter 

Kind 

Neugeborenes 

rechts 

links 

rechts 

links 

rechts 

links 

rechts 

links 

rechts 

links 

110—120 

120—130 

110—115 

115—120 

45 

65 

35—40 

38—42 

10 

12 


(Baduel). 


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c) Beziehungen der Niere zu den Nachbarorganen. 

Die hintere Flache der Niere berührt in ihrem obem Anteile die falschen 
Rippen und das Zwerchfell, weiter unten den M. psoas, den M. quadratus lum- 
borum und den M. transversus abdominis. Nach Kofmann stellt sich das 
Verhältnis zu den Muskeln in der Weise dar, dass der mediale obere Teil der 
Niere mit dem M. psoas, mit dem M. quadratus lumborum, in Berührung tritt 
der übrige grösste Teil derselben, jedoch so, dass der untere Pol auf die Sehne 
des M. transversus ahd. zu liegen kommt Der M. quadratus lumborum wird 
lateralwärts noch von der Niere überragt Insbesondere für den Chirurgen ist es 
beachtenswert, dass hinter dem Zwerchfell noch der Complementärraum der Pleura¬ 
höhle liegt dass ferner das Verhalten der 12. Rippe ausserordentlich schwankend 
ist Letztere kann auch vollständig fehlen. Der doppelseitige Mangel derselben 
ist häufiger als der einseitige; die rechte Rippe fehlt häufiger als die linke. Das 
Zwerchfell aber inseriert sich auch dann dort, wo normalerweise die 12. Rippe 
verlaufen musste. Das äussere Drittel der 12. Rippe liegt — ihre normale Länge 
zu 12 cm angenommen — ausserhalb des Pleurabereiches. 

Das obere Ende beider Nieren steht mit den Nebennieren in Berührung. 
(Ich folge hier der Darstellung Helms). 

Von diesen ist die rechte schmäler und höher als die linke und sitzt 
dem oberen Ende der Niere auf, während die linke dem oberen Ende mehr 
medialwärts anliegt Bei Verlagerungen der Niere bleibt die Nebenniere ge¬ 
wöhnlich an ihrem normalen Platze. Die Vorderfläche der rechten Niere liegt 
oben der Leber, unten dem Colon an. An der medialen Seite berührt der 
gerade Abschnitt des Duodenums die Niere. Abweichungen von diesem Ver¬ 
halten kommen durch Verlagerungen der Niere sowohl, wie durch abnormen 
Verlauf des Duodenums zustande. Sie können nach zwei Richtungen hin 
erfolgen, entweder so, dass Niere und Duodenum sich immer weiter von¬ 
einander entfernen, oder dass das Duodenum einen immer grösseren Teil der 
Niere bedeckt Das erstere ist häufig bei Männern, das letztere bei Frauen 
der Fall. Die Ursache ist nach Helm wohl in der verschiedenen Breite der 
Lendengegend bei beiden Geschlechtern gelegen. Auch der jeweilige Füllungs¬ 
zustand des Duodenums bedingt Variationen. Je nachdem es mehr oder 
weniger voll ist, tangiert es blos den medialen Nierenrand oder schiebt sich, 
das Colon ascendens hinabdrängend, auf die mediale Partie der vorderen 
Nierenfläche (Kofmann). 

An die Vorderfläche der linken Niere stösst im oberen Teil der Magen¬ 
fundus, der mittlere Abschnitt wird teilweise vom Pankreas überlagert, den 
äusseren Rand umgreift in der oberen Hälfte die Milz (den oberen Pol nach 
Art eines Keiles mit innerer Spitze umgestaltend, Baduel), in der unteren 
das absteigende Colon. 

Sehr wichtig sind die Beziehungen der Nieren zu dem Colon. Die 
Flexura coli dextra stellt in der Mehrzahl der Fälle (56,7°/ 0 ) keine einfache 
rechtwinklige Umbiegung dar, sondern das Colon ascendens schlingt sich am 
unteren Nierenpol angelangt, erst um diesen herum auf die mediale Seite der 
Niere (Flexura renalis), um dann bis zur Leber weiter aufzusteigen und dort 
zum zweiten Male rechtwinklig abbiegend (Flexura hepatica) ins Quercolon 
überzugehen. Das Colon descendens geht am oberen Ende der linken Niere 
aus dem meist schräg ansteigenden Quercolon hervor und läuft lateral neben 
der Niere herab. 


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d) Die Hüllen und der Befestigungsapparat der Niere. 

Betreffs beider Punkte herrschen unter den verschiedenen Autoren ganz 
abweichende Ansichten. Die eingehendsten diesbezüglichen Untersuchungen 
verdanken wir Gerota. 

Der Befestigungsapparat ist beiderseits ein verschiedener. Rechts zieht 
das die oberen beiden Drittel der rechten Niere deckende Bauchfell, von der 
lateralen Bauchwand kommend, über die vordere Nierenfläche und die Neben¬ 
niere weg auf das Colon ascendens und die Flexura coli dextra hin, tun von 
hier auf die Pars descendens duodeni und die Vena cava inferior weiter zu 
verlaufen; oben erreicht es die untere Leberfläche, wo mehrere seröse Bänder 
gebildet werden (Ligamenta hepato-renalia). Unterhalb dieses Bauchfellüber¬ 
zuges kann die Niere nach abwärts gleiten, ohne dass der seröse Ueberzug 
sich mitbewegt, da sich zwischen beiden noch lockeres fetthaltiges Gewebe be¬ 
findet Daher kann man ihn auch nur für ein sehr wenig wirksames Mittel 
der Nierenbefestigung ansehen. 

Was das bei den Autoren immer wieder angeführte Mesonephron betrifft, 
so handelt es sich nach Gerota hierbei um sehr seltene und angeborene patho¬ 
logische Dinge. Nach Kofmann kann aber überhaupt von einem Mesonephron 
nicht gesprochen werden, da ein solches weder angeboren noch erworben vor¬ 
komme. Die Bezeichnung stehe auch mit den entwickelungsgeschichtlichen 
Thatsachen im Widerspruche und solle deshalb nicht angewendet werden. Das 
sogenannte Mesonephron stelle nur den Stiel des Sackes dar, der durch starke 
Erschlaffung des peritonealen Ueberzuges entstanden ist, somit mit einer Gekrös- 
bildung nichts zu thun habe. Die einfach mobile Niere besitzt keinen Stiel, 
bei der Wanderniere wird das Peritoneum an einer umschriebenen Stelle ab¬ 
gehoben und ausgebuchtet, bei der mobilen ist es blos unterminiert Deshalb 
nimmt man auch bei der ersten Art lieber eine Laparotomie mit Stielabbindung, 
bei der zweiten einen Lumbalschnitt vor. 

Wichtig sind die Untersuchungen Gerotas in Bezug auf jenes Binde¬ 
gewebe, welches zwischen Bauchfell und Fettkapsel der Niere gelegen bald als 
besonderes, selbständiges Blatt, bald als zum subperitonealen Gewebe oder zur 
Capsula adiposa gehörig angesehen wurde. Die zwischen der Fascia trans¬ 
versalis fibrosa — der Aponeurose des M. transversus abdominis und dem 
Peritoneum befindliche Lage von Bindegewebe hat nach Gerota direkt fas- 
cialen Charakter (besonders bei Kindern leicht darstellbar); er bezeichnet sie 
als Fascia subperitoneaiis. Während die Fascia transversalis fibrosa kopfwärts 
auf die Bauchfläche des Zwerchfelles, beckenwärts in die Fascia iliaca über¬ 
geht, vom und hinten sich auf den aponeurotischen Sehnen des M. transversus 
abdominis verliert, geht die Fascia subperitoneaiis beckenwärts in das fetthaltige 
Bindegewebe der Fossa iliaca, vom in die gleichnamige Fascia der anderen Seite 
über, verliert sich auf dem Zwerchfell, bleibt aber gegen die Wirbelsäule hin 
deutlich und spaltet sich am lateralen Nierenrand in zwei Blätter, welche als 
Fascia renalis die Niere umschliessen. Das zwischen Fascia transversalis und 
Fascia subperitoneaiis stets befindliche Fettgewebe, welches wohl von der Capsula 
adiposa renis zu unterscheiden ist, bezeichnet Gerota als Corpus adiposum 
pararenale. Das vordere Blatt der Fascia renalis — Lamina praerenalis, 
Fascia renalis anterior, streicht über die vordere Nierenfläche hinweg, dann vor 
den Nierengefässen und dem Ureter, vor der Vena cava inferior und geht vor 
der Aorta hinweg in das gleichnamige Blatt der anderen Seite über. Am oberen 
und unteren Nierenende vereinigen sich beide Blätter, um sich oben auf dem 
Zwerchfell zu verlieren, unten, wie erwähnt, ins Fettgewebe der Fossa iliaca 


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überzugehen. Die Fascia praerenalis ist insbesondere am oberen Umfange der 
Niere ziemlich fest mit dem Bauchfell verbunden. Die Fascia retrorenalis ist 
deutlicher als die vordere markiert, ist mit der Fascia des M. quadratus lum- 
borum, sowie der des M. psoas major eng verbunden und mit der Niere selbst 
(insbesondere oben und am Hilus, Legueu) durch zahlreiche Septula verknüpft 
Je solider diese Adhärenzen sind, desto besser steht es mit der Befestigung 
der Niere. Die Fascia retrorenalis stellt also durch ihre Fixation an der 
hinteren Bauchwand und an der Niere ein wirkliches und vielleicht das wichtigste 
Befestigungsmittel derselben dar, was auch Legueu betont. Da aber die Ver¬ 
bindung mit der hinteren Bauchwand stärker ist als die Befestigung der Fascie 
mit der Niere, so kann sich diese wohl innerhalb der beiden Blätter der Fascia 
renalis verschieben, nicht aber mit ihrer Fascie zusammen verschoben werden. 

Kofmann widerspricht auf Grund seiner Präparationen ebenfalls der 
Ansicht, dass das Peritoneum oder die Fascia transversalis eine Nierenkapsel 
bilde. Er kennt aber keine Fascia oder Lamina praerenalis und formuliert 
seine Befunde dahin, dass die Niere im retroperitonealen Bindegewebe ein¬ 
geschlossen sei, welches in der unmittelbaren Nähe derselben von lockerer Be¬ 
schaffenheit und grossem Fettgehalt sei, nach hinten aber sich mehr verdichte 
und eine straffe Abschliessungsmembran, die Fascia retrorenalis, darstelle. 

Aus den Befunden Gerota’s, die Fettkapsel der Niere betreffend, hebe 
ich nur hervor, dass er abweichend von der landläufigen Lehre eine Capsula 
adiposa stets schon vom 1.—2. Lebensjahre ab, in einigen Fällen schon beim 
Neugeborenen angetroffen hat, dass er sie ferner nicht als Befestigungsapparat 
ansehen kann, da sie einerseits bei sehr gut fixierten Nieren fehlen kann, 
andererseits, wenn sie auch vorhanden ist, doch eine gewisse Beweglichkeit der 
Niere zulässt, wie dies auch bezüglich der Fettkapsel anderer, de norma be¬ 
weglicher Organe, z. B. des Bulbus oculi, der Harnblase, des Rectums gilt. 
Die Fettkapsel ist am convexen Rand und am unteren Pol am reichlichsten 
(Helm, Küster). 

Die Verschiedenheiten in der Befestigung der rechten und der linken 
Niere beziehen sich nur auf die Vorderfläche (Gerota, Kofmann). Denn 
die linke Niere hat hier zum Pancreas, zur Milz und zum Colon descendens 
innige Beziehungen. Ihr Bauchfellüberzug ist ferner nicht wie bei der rechten 
Niere (vom unteren Ende abgesehen) von dem primären Peritoneum parietale 
gebildet, sondern entsteht durch Verschmelzung dieses primären, parietalen 
Blattes mit einer Membran, welche dann topographisch zwar parietalem Bauch¬ 
fell entspricht, genetisch jedoch ein Mesenterium darstellt Daraus folgt, dass 
die linke Niere vorne eine stärkere Befestigung besitzt als die rechte. 

Von weiteren Befestigungsmitteln der Nieren sind zunächst die Neben¬ 
nieren von Gerota genauer geprüft worden. Er fand, dass die an ihre Um¬ 
gebung festfixierten Nebennieren nur im Kindesalter der Tunica fibrosa renis 
ausgiebig anhaften, so dass es hier eines Gewichtes von 700—1000 gr bedarf, 
um die Niere von ihrer betreffenden Nebenniere abzubringen, mit zunelunendem 
Alter die Festigkeit der Verbindung aber immer mehr abnimmt, indem die 
Nebennieren relativ zur Niere an Volumen abnehmen und sich Fettgewebe 
zwischen beide Organe schiebt 

Nach Gl6nard ist aber die Verbindung zwischen dem oberen Ende der 
Niere und der Capsula suprarenalis, das sogenannte Ligament ränosurrimal 
adventue das mächtigste Fixationsmittel der Niere. Er führt als Beweis hierfür 
eine Autopsie an, bei der die rechte Niere von der Nebenniere 2 Finger weit 
entfernt und doch die Verbindung beider Organe durch ein abgeplattetes Liga¬ 
ment von 2—2,5 cm Breite gesichert war. Der Umstand, dass dieses Band 


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in der Mitte verschmälert war, ist ihm der Beweis, dass die Beweglichkeit der 
Niere ihre Ursache in einem langsamen Herabsinken derselben hatte, wodurch 
das Ligament ausgedehnt wurde. 

Ist das Ligament insufficient geworden, dann ist der Gefässtiel das 
wichtigste Befestigungsmittel, welches zwar leichter dehnbar ist, aber nie reisst 
Das Peritoneum setzt nach Glönard der Niere nur wenig Widerstand ent¬ 
gegen; es beschrankt kaum die Beweglichkeit nach vorn. Auf diese ana¬ 
tomischen Verhältnisse gründet Glönard auch zum Teil seine Einteilung der 
beweglichen Niere. 

Eine Reihe von Autoren führen die Nierengefässe (A. und V. renalis) 
als Fixationsmittel an, insbesondere mit der Begründung, dass sie den gut 
fixierten grossen Bauchgefässen entspringen (Banner). Schmid hält sie sogar 
für das wichtigste Befestigungsmittel der Niere; ohne angeborene abnorme 
Länge der Nierengefässe ist ihm die Entstehung einer Wanderniere überhaupt 
unwahrscheinlich, da er es nicht für möglich hält, dass durch den Zug der 
Niere eine nennenswerte Aenderung der Lage des Gefässstranges, eine Aus¬ 
dehnung und Verlängerung derselben erfolgen könne. Er vergleicht damit 
die Entstehung der Hernien, welche auch das schwerste Trauma an sich 
nicht erzeugen kann, wenn nicht eine gewisse angeborene Anlage besteht 
Nach Gerota werden die rechtwinklig zur Nierenaxe liegenden und von Fett¬ 
gewebe umgebenen Gefässe jedoch nur dann als fixierendes Moment in Betracht 
kommen können, wenn die Niere bereits verlagert, insbesondere aber herab- 
gestiegen ist. Legueu hat auch gezeigt, dass, wenn man die Gefässe zer¬ 
schneidet, ohne etwas von der Kapsel zu verletzen, die Nieren am Cadaver 
wenigstens in ihrer Lage verharren. Dagegen haben wieder andere Autoren 
die Fortsetzungen der Capsula fibrosa, welche von vorne und hinten her die 
Nierengefässe decken und teils mit der Aortenscheide teils mit der die Pars 
lumbalis diaphragmatis überziehenden Fascie verschmelzen, als Ligamenta 
suspensoria renis beschrieben. 

Als weitere Gefässfixationen der Niere werden die von der hinteren 
Lumbal wand zur Fettkapsel ziehenden Aestchen, namentlich die zahlreichen 
Venen derselben, angesehen. 

Schliesslich ist auch der intraabdominale Druck als an der Aufrecht¬ 
erhaltung der normalen Nierenlage beteiligt hingestellt worden, welcher Auf¬ 
fassung vielfach widersprochen wird (Helm, Küster, Kelling). 

Nach Küster steht diese Anschauung in unlösbarem Widerspruche damit, 
dass bei vollkommener Erschlaffung der Bauchwand, wie bei sehr umfang¬ 
reichen Bauchbrüchen, keineswegs regelmässig oder auch nur häufig Nieren¬ 
verschiebung gefunden wird. Kelling, der eingehende Untersuchungen über 
die Druck Verhältnisse in der Bauchhöhle angestellt hat, nimmt an, dass die 
Leber, die Milz, der Magen, das Quercolon, der obere Teil des Dünndarmes 
zwar auf den unteren Organen aufliegen, also durch den statischen Druck in 
ihrer Lage erhalten werden, die Nieren jedoch an ihren Bändern hängen. 
Franks dagegen suchte an Nieren, welche im Körper durch Injektion von 
Müller’scher Flüssigkeit gehärtet wurden, nachzuweisen, dass sie in ihrer 
Lage nur durch den Druck der Nachbarorgane gehalten werden. 

Nach Schwerdt, von dem Druckmessungen am Lebenden vorliegen, 
ist bei der Enteroptose, deren konstante Teilerscheinung die Nephroptose ist, 
der intraabdominelle Druck thatsächlich herabgesetzt, und zwar in den zwei 
Arten, die er als Spannungsdruck der Bauchwand und als Spannungsdruck 
der einzelnen Hohlorgane bezeichnet 
CentralbUtt f. d. Gr. d. Chir. n. Med. I. 2 


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Einzelne Autoren (Glönard, Schourp) führen unter den Momenten, 
welche dem Herabsinken der Niere entgegentreten, auch die Aspirationskraft 
des Zwerchfelles an. 


II. Untersuchungsmethoden. 

a) Inspektion. 

Unter Umstanden können bis an die Bauchwand verlagerte Nieren 
einen sichtbaren Vorsprung an der Vorderflache des Abdomens erzeugen. 
Dass in der Knieellenbogenlage eine Einsenkung auf der Seite des verlagerten 
Organes entsteht, kann Küster nicht bestätigen. 

b) Palpation. 

Hartmann bringt nur eine Zusammenstellung der bis dahin angegebenen 
Palpationsmethoden, als die er das Glönard’sche Pincement, die IsraePsche 
und die Guyon’sche bimanuelle Methode, sowie das Guyon’sche Ballottement 
beschreibt 

Guyon giebt in seinen klinischen Vorlesungen eine ausführliche Dar¬ 
stellung der von ihm geübten Nierenpalpation. Als Lagerung empfiehlt er 
hierbei die passive Rückenlage. Der Arzt muss dem Kranken möglichst nahe 
stehen, damit er die Kraft des Armes nur dazu verwendet um die Hand in 
die Tiefe dringen zu lassen, nicht aber, um sie auszustrecken. Das Minimum 
an Kraft wird die feinste Palpation ermöglichen. Er lasst den Kranken nicht 
sprechen, weil dies ohne Contraction der Muskeln nicht geschehen kann. Er 
legt besonderes Gewicht darauf, dass die rückwärtige Hand nicht zwischen 
Crista ilei und letzten Rippen, sondern im Triangulum costo-vertebrale in die 
Tiefe drückt. Hierbei ergiebt sich die Notwendigkeit, nicht mit der ganzen 
Hand zu tasten, da man hierzu höchstens ein bis zwei Finger verwenden kann, 
Man drückt, und zwar ziemlich stark, mit der Spitze des Fingers oder der 
Finger, die man eventuell hackenförmig krümmen kann, damit sie besser in 
die Tiefe dringen, nach vorn und hat damit auch bereits der vorderen Hand 
die Direktion gegeben. Die vordere Hand liegt, wenn sie der rückwärtigen 
diametral gegenüber gestellt wird, auf dem äusseren Rand des Rectus auf. 
Rechterseits genügt es, wenn sie die Rippen berührt, links muss die Hand 
ein wenig unter den Rippenrand eindringen. Dieses Eindringen muss im 
„Takt“ (exploration en mesure), im Rythmus mit den Athembewegungen ge¬ 
schehen. Von der Glönard’schen Methode meint Guyon, dass sie nur bei 
Individuen mit weichen Bauchdecken und geringem Fettansatz brauchbare 
Resultate gibt. Bezüglich der IsraePschen kam er zu dem Schlüsse, dass 
man mittelst ihrer die Niere nur dann erreichen kann, wenn sie herabgetreten 
oder vergrössert ist. Aber bei tiefer Inspiration macht eine bewegliche Niere 
in der IsraePschen Seitenlage die grössten Exkursionen. Das Ballottement 
gestattet, nicht nur die Lage der Niere zu erkennen, sondern auch deren 
Kontouren zu fühlen, sie zu messen und zu begrenzen, zu erkennen, ob ihre 
Oberfläche glatt oder bucklig ist, und wie es mit der Konsistenz steht Die 
Hand, welche auf dem Abdomen liegt darf keinen Druck ausüben, sondern 
nur die Bauchwand sanft berühren. Dann führt man im Triangulum costo- 
vertebrale durch wiederholte Beugungen der Phalangen kleine Erschütterungen 
aus. Nur wenn die Erschütterung daselbst als Choc verspürt wird, wird dieser 
auch wirklich durch die Niere verursacht Das Ballottement ist nicht wie er 
früher geglaubt hat ein direkter Beweis für die Beweglichkeit der Niere, denn 


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es handelt sich hier um eine Gesammthebung dieser Region. Es beweist 
aber, dass eine kleine Volumszunahme oder eine Lageveränderung vorliegt 
Die Leber kann aber genau so ballottieren, wie die Niere (vergLauchLeDentu). 

Glönard hat seine Methode in den letzten Jahren noch mehr aus¬ 
gebildet und er beschreibt sie in seinem Organe, der Revue des maladies de 
la nutrition, in erschöpfendster Weise. Sein procödö nephroleptique, wie er 
sein Verfahren bezeichnet, verfolgt den Zweck, die Niere, wenn sie beweglich 
ist, in einer Schlinge festzuhalten, während der Kranke eine tiefe Inspiration 
macht Er unterscheidet folgende Acte: 

1. Affüt. Mit der linken Hand wird die Lumbalregion unterstützt, die 
vier Finger mit ihrer Spitze gegen die Wirbelsäule gekehrt, eng aneinander 
liegend, derart, dass der Mittelfinger parallel dem hinteren Rippenrand und 
unmittelbar unter ihm zu liegen kommt Die linke Hand hat hierbei den 
Zweck, 1. die Niere nach vorn zu bringen, um sie unter die Wirkung 
des Zwerchfells zu stellen, 2. sie der rechten Hand zu nähern, 3. eine 
gewisse Starrheit der Hinterfläche zu geben, auf welcher dann die rechte 
Hand die Nierenform zu suchen hat Der Daumen der Linken wird ent¬ 
gegengesetzt auf die Flanke gelegt Mit der rechten Hand wird die Bauch¬ 
wand nach innen von dem angenommenen Sitze der beweglichen Niere nieder¬ 
gedrückt Die Spitze der Hand ist hierbei nach oben und aussen gerichtet, 
mit jeder Exspiration dringt sie tiefer, ihre Enden drücken aber nicht mit der 
Spitze, sondern mit der Flachseite auf. Der linke Daumen kommt unter den 
angenommenen Sitz der beweglichen Niere zu liegen. Seine Spitze sieht nach 
oben und innen, ganz nahe der Spitze der rechten Hand; er dringt ebenfalls 
mit jeder Exspiration von unten nach oben vor. Während die rechte Hand 
dazu bestimmt ist, die Beweglichkeit der Niere nach der Innenseite zu be¬ 
schränken und dadurch, dass sie die Niere nach aussen schiebt, sie der Tastung 
mit der Linken zugänglicher zu machen, hat diese letztere den Zweck, die bei 
der Inspiration herabsteigende Niere zwischen den vier Fingern und Daumen 
zu ergreifen (pincer). 

2. Capture. Festhalten der Niere am Ende der Inspiration. Tasten 
die Finger der linken Hand während der Inspiration keine Konsistenzveränderung, 
dann ist keine Ptose vorhanden; tasten sie vom Anfang der Inspiration an¬ 
gefangen einen Körper, der zwischen ihnen herabzusteigen scheint, so ist eine 
Ptose, und zwar ersten bis dritten Grades, vorhanden. Wenn die Finger der 
linken Hand nichts wahrnehmen, aber die Rechte in der Fossa iliaca eine 
Ptose findet, welche sie zwischen den Fingern der linken Hand auf steigen 
lassen kann, dann ist eine Ptose 4. Grades vorhanden. 

3. Echappement. Man lässt die Niere entschlüpfen, indem man am 
Beginne der Exspiration das untere Ende des Organes zwischen den Fingern 
der linken Hand drückt, wobei die Niere nach oben gleitet. 

Glönards Verfahren soll nicht nur die früher einzig und allein be¬ 
schriebenen Formen der in der Flanke oder in der Fossa iliaca gelegenen 
Wanderniere erkennen lassen, Formen, die er unter dem Namen Rein mobile 
classique zusammenfasst, sondern auch die sogenannte Rein mobile nouveau, 
die im Hypochondrium liegende bewegliche Niere. 

Noble empfiehlt zur Untersuchung die aufrechte, etwas vornüber ge¬ 
beugte Stellung, die er damit erzielt, dass er den Patienten mit den Händen 
auf einen Tisch sich stützen lässt. 

Trastour giebt ein Verfahren an, welches eine Art von Amplexation 
und bimanueller Palpation sein soll. Der Kranke sitzt mit nach vorne ge¬ 
beugtem Stamme und Kopfe, die Hände leicht auf die Knie gelegt; der zur 

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Rechten (bei der Untersuchung der rechten Niere) ebenfalls siteende Arzt legt 
die linke Hand auf die Weichteile der Lendengegeud, um sie möglichst der 
auf der vorderen Bauch wand liegenden Hand zu nähern. Treub befürwortet 
die Methode Trastour’s für Fälle, wo die Diagnose in liegender Stellung der 
Patienten im Stiche lässt 

Bei Morris liegt der Patient mit angezogenen Beinen auf der gesunden 
Seite, und zwar so, dass der Körper noch ein wenig nach der Bauchseite hin 
gedreht ist. Alle beweglichen Eingeweide fallen dann nach vorne und es 
bildet sich vor dem M. quadratus lumborum eine tiefe Höhlung, in welcher 
die Niere als der höchst gelegene feste Körper in der Bauchhöhle leicht 
getastet wird. 

Wylie lässt die Kranken mit nach vorne übergebeugtem Körper und 
herabhängenden Beinen am Bettrande sitzen, drückt die Finger der linken 
Hand von rückwärts unter der zwölften Rippe ein, tastet gleichzeitig mit der 
rechten Hand vom Rippenrande aus und bringt so die Fingerspitzen einander 
möglichst nahe. Hierauf wird bei ruhig so liegenden Händen der Kranke 
von einer Wärterin in liegende Stellung gebracht, worauf der Daumen der 
linken Hand nach vorne unter den Rippenbogen dringt und die rechte Hand 
nach abwärts geht, wo sie fast immer sofort die Niere findet, wenn diese ver¬ 
lagert ist. 

Thomann empfiehlt die Untersuchung in Knieellenbogenlage, während 
Edelbohls die Palpation im Stehen bevorzugt, damit die Niere infolge ihrer 
Schwere herabsinke. Duplay untersucht die Kranken nacheinander in Rücken- 
und Seitenlage, in Kniebrust- und aufrechter Stellung. 

Nach Litten nimmt man die Palpation am besten so vor, dass der 
Patient sich in voller Rückenlage befindet, wobei man die Kreuzgegend durch 
ein Kissen unterstützen kann. Der Arzt steht bei der Untersuchung beider 
Nieren auf der rechten Seite des Lagers, was Küster für die Untersuchung 
der linken Niere imbequem erscheint. Man legt die zusammengelegten Fingerspitzen 
der rechten Hand unter den vorderen Rippenbogen in der Mitte zwischen 
vorderer Axillar- und Mammillarlinie, während die in gleicherweise zusammen¬ 
gelegten Fingerspitzen der linken Hand unmittelbar unter den hinteren Rippen¬ 
rand zu liegen kommen. Bei der Palpation handelt es sich darum, leicht zu 
palpieren. Je leichter man palpiert, je weniger man den Kranken durch die 
Untersuchung belästigt und je weniger man mit den Fingerspitzen in die Tiefe 
bohrt, um so eher wird man zum Ziele gelangen. 

Auch Litten gilt das Echappement als besonders charakteristisch, da 
es keinem anderen Organe zukommt 

Nach Stalker erkennt man bei der Palpation die Niere 

1. daran, dass man spürt, dass das, was man zwischen den Händen 
hat, mehr ist, als die Dicke der vorderen und hinteren Bauchwand, 

2. an dem festen, der Niere entsprechenden Tasteindruck, 

3. an einer gewissen schmerzhaften Sensation, über welche der Patient 
unter dem festen Drucke klagt, 

4. daran, dass einem das Organ oft wie eine Seife im Bade entschlüpft 

Litten berechnet die Häufigkeit der fühlbaren Niere, soweit er die 

Verhältnisse noch als physiologische betrachtet wissen will, auf 6—8% bei 
Männern, auf 30% bei Frauen linkerseits, auf 75% rechterseits. (Nach 
Stalker ist die linke Niere in % der Fälle der rechten tastbar.) Der Unter¬ 
schied zwischen den beiden Geschlechtern ist nach ihm in der grösseren 
Spannung der Bauchdecken und in dem festeren Gefüge der Eingeweide und 
hier namentlich des Quercolons bei Männern gelegen. Die grössere Tast- 


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barfceit der rechten Niere habe ihren Grund nicht in der tieferen Lage der 
rechten Niere, welche zu gering sei, um die so grosse Differenz zu erklären, 
sondern in der grösseren Erschlaffung der Flexura hepatica coli, sowie der¬ 
jenigen fixierenden Ligamente, welche dieselbe mit der Leber und rechten 
Niere verbinden. Die angeführten Zahlen Littens und ihre Uebereinstimmung 
mit den Verhältnissen bei der ausgesprochenen Wanderniere beweisen jedoch 
für Küster, dass Litten keineswegs nur physiologische Befunde vor sich 
gehabt hat. Curschmann macht darauf aufmerksam, dass man bei tiefer 
unter den Rippenbogen herabsteigenden Nieren, nicht, wie man erwarten sollte, 
die hintere und vordere Flache der Niere zwischen den Händen hat, sondern 
das obere und hintere und das vordere und untere Ende des Organs. Die 
Längsaxe ist schief von hinten unten nach vom oben gerichtet Es ist dies 
die notwendige Folge der Verschiebung auf der schief von hinten und unten 
nach oben und vorne aufsteigenden Fläche der hinteren Bauchwand. Die 
mehr als normal bewegliche Niere bewegt sich nämlich nicht parallel der 
Wirbelsäule, sondern mit einer Abweichung nach aussen, sich mehr und mehr 
von der Mittellinie des Körpers entfernend. Es rührt dies davon her, dass 
das Organ nicht über den M. psoas weggleitet, sondern am äusseren Rand 
desselben heruntersteigt und so von ihm eine Ablenkung nach unten und 
aussen erfährt Diese Angabe Curschmann’s steht freilich im Widerspruche 
mit der allgemeinen Annahme, dass sich die Niere nur nach unten und innen 
bewegen könne, da ihre Gefässe den Krümmungsradius darstellen. 

Um Verlagerungen der Baucheingeweide festzustellen, empfiehlt Schuster 
die Palpation im wannen Vollbade, da hierbei die Muskulatur der Bauch¬ 
decken besser entspannt wird. 

Auch der Gebrauch von Abführmitteln wird oft eine stärkere Spannung 
der Bauchdecken ausschalten. Von weiteren Hindernissen der Palpation führt 
Glönard noch eine bedeutendere Hauthyperästhesie, sowie die thorakale At¬ 
mung an. 

In Fällen, wo die einfache bimanuelle Palpation nicht zum Ziele führt, 
wird man die Narkose zur Untersuchung heranziehen, doch beraubt man sich 
dann der Beihilfe des Kranken, sowohl bezüglich einer gewünschten Stellungs¬ 
veränderung, als bezüglich der die Palpation und Diagnose unterstützenden 
tiefen Inspiration. 

c) Perkussion. 

Bezüglich der Perküssion folge ich der Darstellung Litten’s. Der ober! 
Rand der Niere, welcher rechts an die Leber, links an die Milz grenzt, sowie 
der mediale Rand, welcher durch eine Schalldifferenz von der Wirbelsäule 
nicht abgegrenzt werden kann, sind von vornherein dem Nachweis durch die 
Perkussion entzogen. Auch die untere Grenze ist in praxi nicht mit einiger 
Sicherheit bestimmbar. Es bleibt somit nur der untere Teil des lateralen Randes, 
welcher durch die Schalldifferenz gegenüber dem tympanitischen Schal) des 
Colon ascendens auf der rechten Seite, des Colon descendens auf der linken 
Seite abgegrenzt werden kann. Dieser Rand, welcher jederseits ca. 10 cm 
von der Medianlinie entfernt ist, kann aber nur dann abgegrenzt werden, 
wenn das Colon nicht mit Kothmassen gefüllt ist, oder wenn nicht eine starke 
moteoristische Aufblähung des Colons oder eine starke Flatulenz des Magens 
die Nierendämpfung überdecken. 

Zu den Schwierigkeiten, welche die Dicke der mächtigen Muskellagen, sowie 
die Dicke der Fettkapsel einer genaueren Perkussion bereiten, kommt dann noch 
der Umstand hinzu, dass es eine anatomische Normallage der Niere nicht 


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gibt (Küster), dass ferner infolge der schon oben erwähnten Verschiedenheit 
in der Stellung der queren Nierenaxe nicht nur bei verschiedenen [Indi¬ 
viduen, sondern auch bei ein und derselben Person, bald die ganze Hinter¬ 
fläche, bald nur der konvexe Nierenrand dorsalwärts gerichtet sind (Litten). 
Guyon macht auch darauf aufmerksam, dass bereits eine Kontraktion der 
Lendenmuskeln die Dämpfungslinie verschiebt. 

Nach Baduel ist manchmal auch der obere linke Nierenrand von der 
Milzdämpfung abzugrenzen; auch zwischen dem unteren Rand der Nieren und 
dem Darmbein lasse sich immer ein deutlicher heller Zwischenraum nachweisen. 
Der normale Querdurchmesser der Nierendämpfung beträgt nach ihm 
bei Erwachsenen beiderlei Geschlechtes 9 cm, 

bei jugendlichen Individuen 6 cm, 

bei Kindern 5 cm, 

bei Neugeborenen 3—5 cm. 

Der Abstand des unteren Randes der Nieren dämpf ung vom oberen 
Rande des Darmbeinkammes beträgt 


bei 

recht» 

links 

dem erwachsenen Manne 

2 cm 

3 cm 

der erwachsenen Frau 

1,5 cm 

2,5 cm 

jugendlichen Individuen 

1 cm 

Kindern und Neugeborenen 

nicht abschätzbar 


Bruschini ist es in zwei Fällen gelungen, die Diagnose auf Wander¬ 
niere durch die Perkussion zu stellen. Er hat dann seine Untersuchungen 
auf 154 Kranke ausgedehnt; nur in 15 Fällen, von denen aber blos 2 Wander¬ 
nieren betrafen, fand er auf einer Seite keine Nierendämpfung (9mal rechts, 
4mal links, die Wandernieren abgerechnet). Alle 9 Fälle, in denen die rechts¬ 
seitige Nierendämpfung fehlte, betrafen Kranke mit Milztumoren. In den 
4 Fällen mit mangelnder linksseitiger Nierendämpfung handelte es sich ein¬ 
mal um ein Pyloruscarcinom mit bedeutender Magenerweiterung, zweimal um 
Lebertumoren (Syphilis der Leber und hypertrophische Lebercirrhose), im 
4. Fall um ein rechtsseitiges enormes Empyem. Grosse Bauchtumoren werden 
also dadurch, dass sie die Därme auf die entgegengesetzte Seite drängen, die 
Nierendämpfung daselbst verschwinden lassen. Dasselbe kann der erweiterte 
Magen bewirken. 

Die Perkussion der Nieren von der vorderen Bauchfläche aus wird nur 
bei Geschwülsten derselben oder bei ganz flottierender Niere in Betracht 
kohimen. Hierbei ist das Verhältnis zum Colon zu berücksichtigen, das man 
eventuell durch die Aufblähung des Darmes deutlicher ersichtlich machen kann. 

d) Combinierte Perkussion. 

Die von Zuelzer früher empfohlene Methode der combinierten Perkus¬ 
sion (Perkussion und Auskultation) wird von Küster und Litten ohne jede 
Kritik beschrieben. 

e) Incision. 

Dieselbe kommt als diagnostisches Mittel nur bei denjenigen beweglichen 
Nieren in Betracht, welche komplizierende Organerkrankungen (Steine,_Neo- 


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plasmen u. s. w.) aufweisen und bezieht sich dann weniger auf die Wander¬ 
niere, als auf die Begleitaffektion. 

f) Röntgenphotographie. 

Dieselbe hält Rosenthal für geeignet, in zweifelhaften Fällen Auf¬ 
schluss zu geben, und Kümmel gibt an, dass die Schatten der Niere zu¬ 
weilen andeutungsweise zu sehen sind. 

III. Die normale Beweglichkeit der Nieren. 

Die Frage, ob es eine normale Beweglichkeit der Nieren gibt, ist eine 
der heissumstrittensten. Wie aus der Durchsicht der Arbeiten hervorgeht, 
sind die Stimmen, welche sie in bejahendem Sinne beantworten, nicht nur 
an Zahl, sondern auch an Gewicht die überwiegenden. Es kommt hier haupt¬ 
sächlich die respiratorische Verschieblichkeit in Betracht, die mouvements 
de translation nach Tuffier. Konfundierend wirkt, dass man bald von der 
respiratorischen Verschieblichkeit im Allgemeinen, bald von der palpablen 
respiratorischen Verschieblichkeit abhandelt Curschmann und Senator 
treten für die respiratorische Verschieblichkeit der normal gelagerten Niere ein. 
Nach Litten steigt sie bei tiefster Inspiration sogar um die ganze Grösse 
der inspiratorischen Zwerchfellkontraktionen hinab und Litten erklärt dies 
als eine normale, physiologische, bei jeder fühlbaren Niere wiederkehrende 
klinische Erscheinung. Die normale respiratorische Verschieblichkeit ist auch 
für ihn der Grund vieler Recidiven nach Nephrorhaphie, indem sich die 
Ligaturen infolge der beständigen Verschiebungen lockern und schliesslich 
ganz loslösen. Nach Kofmann aber kann vom anatomischen Standpunkt 
aus die respiratorische Verschiebung wenigstens der rechten Niere nur sehr 
unbedeutend oder gar nur gleich Null sein, da bloss ein kleines Stück der¬ 
selben das Zwerchfell berühre und die Leber kaum geeignet sei, die respira¬ 
torischen Bewegungen auf die Niere fortzupflanzen. Die Leber gleite nur 
auf der Vorderfläche der Niere herab, es sei denn, dass, wie er an einigen 
Leichen sah, der hintere Leberrand sich zwischen Zwerchfell und seitlichem 
Nierenrand einfalzt 

Nach Küster ist die Niere physiologisch ein wenig beweglich, indem 
sie bis zu einem gewissen Grade die Stellungsveränderungen des Zwerchfelles 
mitmacht; dieser Autor widerspricht jedoch entschieden dem oben angeführten 
Standpunkte Littens von einer so ausgiebigen respiratorischen Verschiebung. 

Den geringsten Grad von Nierenbeweglichkeit, den Hilbert als Ren 
palpabilis beschreibt, bezeichnet er als eine innerhalb physiologischer Grenzen 
fallende Abnormität; Hufschmidt und Krez hinwiederum erklären jede pal- 
patorisch nachweisbare Verschiebung als eine pathologische Erscheinung. 

Eine Niere, welche man bei der Inspiration absteigen fühlt sodass ihr 
unteres Ende getastet werden kann, welche sich aber bei der Exspiration 
wieder zurückbewegt, nennt Franks eine physiologisch bewegliche Niere, 
ganz im Gegensatz zu den Worten Banners, dass es sich dort, wo die 
Lageveränderung (namentlich bei der Respiration) bereits für die palpierende 
Hand deutlich wahrnehmbar ist, stets um eine pathologische Veränderung 
handle. Auch Stiller erklärt die respiratorische Beweglichkeit stets als patho¬ 
logische Erscheinung; nach Gl6nard ist die palpable respiratorische Ver¬ 
schieblichkeit immer ein Zeichen einer beweglichen oder verlagerten Niere. 
Die respiratorische Verschieblichkeit zeigen aber nur seine drei ersten Grade 
der Nephroptose; wir finden sie nicht bei der früher allein bekannten, soge- 


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nannten, „klassischen“ Wanderniere, die in der Fossa iliaca liegt und des¬ 
halb dem Einfluss des Zwerchfells entzogen ist Deshalb wurde die fehlende 
respiratorische Verschieblichkeit früher als differentialdiagnostisches Moment 
zwischen Wanderniere und Tumoren von intraperitoneal liegenden Tumoren auf¬ 
gestellt. Reponiert man diese klassiche Wanderniere ins Hypochondrium, so 
kann man die respiratorische Beweglichkeit auch an ihr feststellen. 

Glönard unterscheidet folgende Grade der respiratorischen Verschieb¬ 
lichkeit: 

a) Man erreicht nur den unteren Pol, 
ohne die Niere zurückhalten zu 
können (Echappement). 

b) Man kann die Niere erfassen, aber 
ohne die Furche über dem oberen 
Pol zu erreichen (Echappement, 
capture). 

c) Man passiert den oberen Pol und 
tastet die Furche (Echappement, 
capture, sillon). 

B. Die Niere ist auch während der Exspiration tastbar — Rein mo¬ 
bile du flaue, de la fosse iliaque. Rein mobile classique. Rein mobile. 
Rein flottant. Nach vorhergehender Reposition in das Hypochondrium er¬ 
hält man l^chappement, capture, sillon. 

Die Stellungsveränderung, die man als respiratorische bezeichnet, besteht 
nicht nur in einem Abwärtsrücken der Niere, sondern auch in einer leichten 
Verschiebung des oberen Endes, das auf den Zwerchfellschenkeln aufliegt, 
nach vorne (Helm, Küster). 

Nach Dünn ing hat die normale Niere eine Beweglichkeit von 1 / 2 — 3 / 4 Zoll 
in ihrer Fettkapsel. 

Ich füge hier auch die Angaben über die normale Beweglichkeit der 
Nieren am Kadaver an. Hierbei handelt es sich natürlich nur um eine 
künstliche Verschiebbarkeit, die wegen der bedeutend geänderten Verhältnisse, 
unter denen sie stattfindet, nicht allzuviel Rückschlüsse auf die intra vitam 
bestehenden gestattet Der Untersucher an der Leiche wird aber doch ge¬ 
wisse Anhaltspunkte gewinnen, auf eine pathologisch vermehrte Beweglichkeit 
schliessen zu können. Nach Gerota kann die Niere, wenn man das Bauch¬ 
fell eröffnet und das Diaphragma eingeschnitten hat, 3—5 cm nach allen 
Richtungen hin verschoben werden. Es bewegt sich die Niere dann nicht 
für sich, sondern mit ihrer Fascie, da die Befestigungen der letzteren vorher 
durch die Eröffnung des Bauches und die Verletzung des Zwerchfelles ge¬ 
lockert wurden. Helm fand in 96 Fällen die rechte Niere nur lömal be¬ 
weglicher als die linke, während 12mal das umgekehrte Verhalten vorlag 
und 69mal beide Nieren gleich beweglich waren. Er hat nur die Beweglich¬ 
keit in der Richtung nach oben und unten geprüft und auf beiden Seiten 
verglichen, die Differenz zwischen der zulässigen höchsten und tiefsten Lage als 
Masstab der Verschieblichkeit annehmend. Das nur geringe Mehr in der Ver¬ 
schieblichkeit der rechten Niere wird dadurch erklärt, dass die linke Niere 
bei der Bewegung nach aufwärts weniger Widerstand findet, er ausserdem 
rechts weit häufiger als links Verwachsungen mit den Nachbarorganen (Leber, 
Duodenum, Gallenblase) fand. 


A. Die Niere ist nur während der 
Inspiration tastbar (Rein mobile de 
Phypochondre, Rein mobile nouveau). 


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Seine Befunde sind aus folgenden Tabellen ersichtlich: 


Bezeichnung 

Grad der Verschieblich¬ 
keit 

Erwachsene 

Kinder 


Erwachsener 

Kind 

rechts 

links 

rechts 

links 

Unbeweglich 

0—1 cm 

0—0,5cm 

32 

28 

1 

1 

Wenig beweglich 

1—3 cm 

0,5—1,5cm 

21 

25 

1 

2 

Massig beweglich 

3—5 cm 

1,5—3 cm 

25 

28 

2 

3 

Sehr beweglich 

5—8 cm 

3—6 cm 

10 

7 

4 

2 


Mit Bezug auf den Geschlechtsunterschied bei Erwachsenen in Perzent¬ 
zahlen : 



Mann 

Frau 


recht« 

links 

rechts 

links 

Unbeweglich 

42,6 

37,7 

22,2 

18,5 

Wenig beweglich 

21,3 

21,3 

29,6 

44,4 

Massig beweglich 

27,9 

34,4 

29,6 

25,9 

Sehr beweglich 

8,2 

6,6 

18,5 

11,1 


(Fortsetzung folgt) 


Literatur. 

•Abbott, F. C., Movable kidney, St. Thomas’s Hospital Report London. 1894. 
Bd. XXII, p. 260. — Abrams, A., A case of gastroptosis and merydsmus with volun- 
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Al bar ran, £tranglement du rein mobile. VII. Congr£s fran^ais de Chirurgie. Annales 
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1893. Bd. XIII, p. 416. — Albarran, £tude sur le rein mobile. Annales des maladies 
des organs g£nito-urinaires. 1895. Bd. XIII, p. 577 und 673. Gazette m6dicale de Paris. 
1895. Bd. LXVI, p. 433. — Albarran et Legueu, Hydron£phroses ouvertes et 

hydron^phroses ferm£es. VI. Congr&s fran^ais de Chirurgie. Semaine m£d. 1892. Bd. XII, 
p. 171. — Albers-Schönberg, Ein Fall von Uterusruptur bei congenitaler Dystopie 
der linken Niere als Geburtshindernis. Centralbl. f. Gynäkologie. 1894. Bd. XVIII, p. 1223. 
— Aldor, A., vändorvese veres uton val6rögzit£s£rol (nephropexia) ereomänyel operält k6t 
eset kapesän. Gyögyäszat. Budapest. 1896. Bd. XXXVI, p. 174. Ueber Fixierung der 
Wanderniere aul blutigem Wege (Nephropexie im Anschlüsse von zwei erfolgreich operierten 
Fällen. Pester med. chir. Presse. 1896. Bd. XXXII, p. 531. — Allingham, Clini- 

cal Soc. of London. Sitzung vom 8. April 1892. Discuss. Brit. Med. Journal. 1892. Bd. I, 
p. 814. — Alsberg, A., Zur Dystopie der Nieren: Exstirpation einer im kleinen Becken 
gelegenen linken Niere. Festschrift zur Feier des 80jährigen Stiftungsfestes des ärztlichen 
Vereins zu Hamburg. 1896. — Altnaus, J„ Strangulated movable kidney. Brit 

Med. Journal. 1893. Bd. I, p. 867 u.991. — Anders, J. M., A case of movable 

kidney manifesting Dietls crises with spontaneous eure. Internat Clin. Philadelphia. 1897. 
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Chir. Soc. Sitzung vom 6. März 1895. Lancet 1895. Bd. I, p. 784. — Ander¬ 
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— Graham, W., Chicago Path. Soc. Jan. 14. 1895. Discuss. Journ. Amer. Med. Ass. Chi¬ 

cago 1895. Bd. XXIV, p. 546. — Graser, E., Beitrag zur Pathologie und chirurgischen 
Therapie der Nierenkrankheiten. Deutsches Archiv f. kiin. Medidn 1895. Bd. LV, 
p. 465. — Graves, S. C., A case of abdominal nephrectomy. Philad. Med. News 1892. 
Bd. LXI, p. 349. — Graves, S. C., A case of lumbar nephrectomy for pyonephrosis. 
Philad. Med. News 1892. Bd. LXI, p. 602. — Greifenhagen, W„ Casuislische Beiträge 
zur Nierenchiruigie. 5. Inländischer Aerztetag zu Dorpat Deutsche med. Wochenschi. 1893. 
Bd.XIX, p. 1239. St Petersb. Med. Wochenschr. 1894. Bd. XIX, p. 39. — Grunow, Ueber 
Nierentumoren und deren Exstirpation. I.-D. Jena 1894. — Günzburg, Zur Therapie 
der Enteroptose. Vorläufige Mitteilung. Münchner med. Wochenschr. 7. Juli 1896. — 
Güter bock, P., Die Bedeutung der circumrenalen Blutergüsse bei Nieren Verletzungen. Ber¬ 
liner med. Gesellsch. Sitzung vom 26. Juni 1895. Deutsche med Wochenschrift 1895, 
Bd XXI, Vereinsbeilage, p. 124. — Güterbock, P„ Beiträge zur Lehre von den Nieren¬ 
verletzungen. Archiv f. klin. Chirurgie 1896. Bd. LI, p. 225. — Gueti6, Ict£re par 
suite de n^phroptose. Wratsch 1894, ref. Gaz. des höpit 1895. Bd LXVIII, p. 519. — 
Guibt, M., Rein en ectopie pelvienne. Bull, de la Soc. anat 5 s. Bd IX, p. 483, 1895. 
Guinon, Soc. med des hopitaux. Sitzung vom 21. Mai 1897. Sem. mW. 1897. Bd 
XVU, p. 200. — Guyon, F., Les deplacements r^naux et la n£phrorrhaphie. Gaz. des 
höp. 1892. Bd. LXV, p. 964. — Guyon, F., Rein flottant douloureux. Journ. des 

pratiriens 1894, p. 13. — *Guyon, F., Rein mobile. Rev. de thr 6ap. mfd. chir. 1895. 
Bd. LXII, 747. — *Guyon, F., Du rein mobile. Ind6pendance MWicale 1895, 3. De- 
cembre. — Guyon, F„ Die Krankheiten der Hamwege. Klinische Vorlesungen aus dem 
Höpital Necker. Uebersetzt von Kraus und Zuckerkandl. Bd. II, 1897. — Guyot, Soc. 
mW. des hAp. Paris. Sitzung vom 21. October 1892. Discuss. Sem. mW. 1892. Bd 

xn, p. 444. 

(Fortsetzung folgt) 


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II. Referate. 


Physiologie, Pathologie, pathologische Anatomie. 

Troubles trophiques cons£cntifs k la section des racines postärieures 
m4dollaires. Von J.-P. Morat Gazette des höpitaux. 1897. No. 64. 

Verfasser erinnert an die Existenz centrifugaler nervöser Elemente in 
den hinteren Rückenmarkswurzeln. — Auf der Plantarfläche der Zehen der den 
durchschnittenen Wurzeln entsprechenden Gliedmasse erscheinen nach variabler 
Zeit, selten vor einem Monate, Geschwüre, die an Breite und Tiefe zunehmen, 
Ausfall der Haare, der Nägel, Verdickung der Knochen, Infiltration und In¬ 
duration der Haut und des subcutanen Zellgewebes, erinnernd an das mal 
perforant am Fusse. Verfasser bestreitet, dass dazu Veränderung des Spinal¬ 
ganglions nötig sei. Wenn die Durchschneidung der Wurzeln zwischen Ganglion 
und Medulla erfolgt ist, bleibt der sensible Nerv in der Peripherie gesund, 
die trophischen Störungen sind offenbar durch die funktionelle Lähmung der 
Nervenelemente bedingt, deren Leitungsfähigkeit unterbrochen ist. Verfasser 
bestreitet jeden klinischen Zusammenhang der trophischen Störungen mit Sensi¬ 
bilitätsverlust resp. Lähmung sensibler Nerven. Die Durchschnei düng der 
hinteren Wurzeln unterbricht die Kontinuität einer gewissen Zahl vasodilata- 
torischer Elemente; aber auch Zirkulationsstörungen können aus klinischen und 
theoretischen Gründen nicht die Ursache sein. Per exclusionem nimmt Ver¬ 
fasser also als wahrscheinlich die Existenz centrifugaler Nerven an, die un¬ 
mittelbar die Gewebe der Haut beherrschen, und deren Lähmung mit der Zeit 
Strukturveränderung dieser Gewebe herbeiführt, analog den Muskelnerven; sie 
wären aber wie diese keine trophischen Nerven im gewöhnlichen Sinne: Ver¬ 
fasser erwartet von der Erfahrung die Bestätigung. 

Infeld (Wien). 

Ueber das Verhalten der Patellarreflexe bei Querschnittsunterbrechung 
des Rückenmarkes. Von A. Habel. Aus der medizinischen Klinik in 
Zürich (Prof. Eichhorst). Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. 
29. Band. 1. Heft 

Besprechung der Literatur der Frage: Aufhebung der Reflexe nach 
Querdurchtrennung des Rückenmarkes in seinen oberen Teilen — Bruns- 
Bastian’sches Symptom. — 1 Fall von Hämatomyelie, 6 Fälle von Kom- 
pressions-, 2 von traumatischer Myelitis mit Aufhebung, 13 Fälle von 
Kompression mit Erhaltung der Reflexe. — Ohne sich für eine der Theorien 
zu entscheiden, stellt Verfasser folgende Thatsachen fest: I. Die totale Durch¬ 
trennung des Cervical-, oberen oder mittleren Dorsalmarkes bedingt eine Auf¬ 
hebung der Sehnenreflexe mit Blasen- und Mastdarmparalyse, aber keine 
ausnahmslose Aufhebung der Hautreflexe. H. Eine einfache Rückenmarks¬ 
kompression in der gleichen Höhe kann ähnliche Zustände hervorrufen. HI. Eine 
einfache Rückenmarkskompression kann eine Aufhebung der Reflexe bedingen 
mit Erhaltung oder nur Abschwächung der Sensibilität IV. Was den ope- 



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rativen Eingriff anbetrifft, so scheint derselbe zulässig in den Fällen, in 
welchen man noch Sensibilität nachweisen kann. Jedenfalls ist eine totale 
Aufhebung der Reflexe mit Aufhebung der Sensibilität keine absolute Kontra¬ 
indikation, da dieser Zustand bei relativ ganz intaktem Rückenmark bestehen 
kann. Infeld (Wien). 

Ueber Veränderungen des menschlichen Rückenmarkes nach Wegfall 
grösserer Gliedmassen. Von Flatau. (Deutsche med. Wochenschrift 
1897, No. 18). 

Verfasser untersuchte das Rückenmark von 2 Amputierten nach den 
modernen Methoden und konnte die Angabe älterer Autoren „ein durch¬ 
schnittener motorischer Nerv degeneriert nicht nur in seinem peripheren Ab¬ 
schnitt, sondern auch gegen das Rückenmark zu“ aufs Neue bestätigen, die 
vorderen Wurzeln werden atrophisch, die motorische Ganglienzellen selbst 
waren hypervoluminös und abgerundet und zeigen bei der NissTsehen 
Färbungsmethode deutliche Unterschiede von einer gesunden Vorderhorn¬ 
ganglienzelle. 

Das Waller’sehe Gesetz kann aber auch in seiner Lehre über die 
Degeneration der sensiblen Bahnen nicht mehr aufrecht erhalten werden. 
War in der letzten Zeit schon wiederholt experimentell an Tieren nachge¬ 
wiesen worden, dass nach Verletzung des peripheren Teiles der sensiblen 
Nerven in den Spinalganglienzellen und den Hintersträngen Degenerationen 
auftreten, so konnte Flatau nun auch beim Menschen nach Amputation De¬ 
generation in den Hintersträngen nachweisen. 

Wir finden also im sensiblen Neuron ähnliche Verhältnisse, wie im 
motorischen, hier wie dort hängen die einzelnen Teile desselben so enge zu¬ 
sammen, dass die Veränderung eines Teiles das Ganze schädigt. 

L. R. Müller (Erlangen). 

Mitteilung über zwei Fälle von congenitaler Nieren Verlagerung. Von 

E. Schwalbe. Virchows Archiv, Bd. 146, p. 414. 

Im ersten Falle, einen 52jährigen, an Miliartuberkulose, verstorbenen 
Mann betreffend, findet sich bei normaler Lage beider Nebennieren eine grosse, 
gekrümmte mit der Concavitact nach rechts und oben liegende Niere, an 
welcher sich zwei, verschieden geformte Abschnitte erkennen lassen. Der 
obere, dessen Oberfläche glatt ist und dessen Gestalt einer normalen Niere ent¬ 
spricht, befindet sich an Stelle der linken Niere; der untere, mehrfach ge¬ 
lappte Abschnitt geht vom unteren Anteile der linken Niere bogenförmig in der 
Richtung gegen den 3. bis 5. Lendenwirbel, und endet, etwas die Mittellinie 
nach rechts überragend, unter der Mesenterialwurzel. Seine vordere, konvexe 
Fläche entsendet den in drei Portionen entspringenden Ureter, während der 
der linken Niere aus einem einheitlichen, etwas erweiterten Nierenbecken 
entspringt. Entsprechend der verschiedenen Ursprungshöhe sind beide Ureteren 
ungleich lang, ihre Einmündung in die Blase jedoch ist normal. 

Das Gebilde wird von 4 Arterien mit Blut versorgt, von denen die 
oberste der linken Art. renalis nach Ursprung und Verlauf entspricht; eine 
zweite kleinere versorgt das Becken der linken Niere; die beiden untersten 
Arterien entspringen von der Vorderseite der Aorta, und begeben sich zum 
unteren Abschnitte der rechten Niere. Venen finden sich nur zwei, von denen 
die linke normal beschaffen ist, während die rechte abnorm tief in die Cava 
ascendens mündet 


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Im zweiten Falle handelt es sich um Tieflagerung der rechten Niere, 
die sich als flaches, kuchenförmiges und leicht gelapptes Organ in der Höhe 
des 4. und 5. Lendenwirbels vor der Art iliaca int dextr. liegend findet 
Entsprechend dem grossen Gefässe zeigt sich an der Rückseite des Organes 
eine tiefe Furche. Das Blut strömte durch zwei kurze, der Aorta resp. der 
Anonyma iliaca entstammende Arterien zu und durch zwei, knapp vor der 
Mündung in die Cava ascendens sich vereinigende Venen ab. Der Ureter geht 
von der Vorderseite des Organs ohne eigentliches Becken ab und verlauft* 
eine Schlinge bildend, zur normalen Mündungsstelle. 

In beiden Fällen lagen intra vitam keinerlei Symptome der Abnor¬ 
mität vor. 

Die Möglichkeit einer Diagnose dieses Zustandes besprechend, hofft 
Autor, dass die Durchleuchtung mit Röntgen strahlen in Zukunft die sonst 
sehr schwierige Diagnosen Stellung erleichtern dürfte. 

v. Friedländer (Wien). 

Ueber di© kompensatorische Hypertrophie der Nieren. Von Sacer- 
dotti. Virchows Archiv, Bd. 146, p. 267. 

Nach einer kurzen Besprechung der zur Erklärung der kompensatorischen 
Hypertrophie der Nieren aufgestellten Hypothesen geht der Verfasser auf die 
Resultate der von ihm zur Klärung dieser Frage unternommenen Versuche 
ein. Eine Reihe von Versuchen widmet er der Nachprüfung der Resultate, 
welche Tuffier und andere bei einseitiger Nephrectomie erhalten hatten. 
In Uebereinstimmung mit den Autoren findet er, dass am 4. bis 6. Tage 
nach der Operation die überbleibende Niere schon Zeichen von kompensa¬ 
torischer Hypertrophie aufweist Hinsichtlich der Funktion der Niere differieren 
aber seine Befunde insoferne, als er eine wesentliche Beeinflussung der 
Sekretion, sowohl in quantitativer als qualitativer Hinsicht vermisst Er er¬ 
klärt die Differenz damit, dass er ohne Narkose operierte und dadurch eine 
die Nierenfunktion alterierende Schädlichkeit vermied. 

In einer weiteren Versuchsreihe beschäftigt sich der Autor mit der 
Frage nach der Ursache der kompensatorischen Hypertrophie. Um zu ent¬ 
scheiden, ob die Annahme Ziegler’s, dass die Hypertrophie zurückzuführen 
sei auf Proliferation der Sekretionszellen infolge der gesteigerten Menge der 
zu verarbeitenden Auswurfsstoffe, richtig sei, prüft er das Verhalten einseitig 
nephrectomierter Tiere im Zustande der Inanition, bei welcher die Menge 
der Auswurfsstoffe, besonders des Harnstoffes wesentlich abnimmt Das 
interessante Ergebnis dieser Versuchsreihe ist, dass in jenen Fällen, wo die 
Versuchstiere den Eingriff ohne komplizierende Nephritis überstehen, jedes 
Zeichen der Zellproliferation und der kompensatorischen Hypertrophie fehlt, 
während die Nephritis auch in der überbleibenden Niere des Hungertieres noch 
Zellproliferation anregen kann. 

Den schlagendsten Beweis, dass die Zellproliferation angeregt wird durch 
vermehrte Arbeit, liefert Autor durch einen schönen Versuch. Er ersetzt 
das Blut eines gesunden Tieres mit intakten Nieren durch das Blut eines 
total nephrectomierten Tieres, das also mit Auswurfsstoffen überladen sein 
muss. In allen Fällen ergab dann die Untersuchung des von dem gesunden 
Tiere gelieferten Harnes eine beträchtliche Vermehrung der Hamstoffausscheidung, 
und in der Niere des Tieres fand sich konstant vom 4. bis 6. Tage angefangen 
eine Proliferation der Sekretionszellen. Diese war um so hochgradiger, je 
länger das gesunde Tier das Blut des kranken Tieres verarbeiten musste, 


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und die Zahl der mikroskopisch nachweisbaren Mitosen stand in einem direkten 
Verhältnis zur geleisteten Arbeit, nach der Grösse der ausgeschiedenen Ham- 
stoffmenge berechnet 

Ueber die Technik der Versuche und die zur Erhaltung des Resultates 
notwendigen Cautelen sind in der Arbeit ausführliche Angaben niedergelegt 

v. Friedländer (Wien). 


Spezielle Pathologie und Therapie. 

A. Gehirn. 

Beitrag zur Diagnostik und zur chirurgischen Behandlung der Gehirn* 
tumoren und der Jackson’schen Epilepsie. Von Fr. Schultze. Deutsche 
Zeitschrift für Nervenheilkunde IX, 3. u. 4. Heft, Nov. 1896. 

Die temporäre Schädelresektion ist z. Z. noch ein gefährlicher und nicht 
selten den Eintritt des Todes beschleunigender Eingriff (am gefährlichsten 
rasche Druckemiedrigung nach Ausschälung grosser Geschwülste), kann aber 
bei unoperierbaren und unauffindbaren Geschwülsten bisweilen monatelange 
Besserung erzielen. Letztere kann vielleicht, besonders bei rechtz. Operationen 
und starkem Prolaps, noch durch Entfernung einzelner gesunder Hirn teile 
verstärkt werden. 

1. 21 jähriger Mann. Oktober 1894: Parästhesien der Finger, Schwindel, 
Doppeltsehen, unsicherer Gang. — November: starke statische, geringe loko- 
motorische Ataxie, doppels. Opthalmopl. ext, Sprache und Schlucken erschwert, 
choreiforme Bewegungen der Beine, Apathie, später leichte Stauungspapille. 
Besserung. April 1895 geheilt entlassen. Nachfolgende psych. Reizbarkeit, 
Tobsuchtsanfälle, Potatorium. Februar 1896: frische Lues, keine Lähmungen. 
— Diagnose: Anfangs auf Tumor der Vierhügelgegend, dann auf Polioen¬ 
cephalitis mit Hydroeephalus (Diss. v. Boskamp 1895). 

2. 33jähriger Mann. Seit 1892 3mal epil. Anfälle, seit März 1895 
linkss. Kopfschmerz, Erbrechen, Amaurose, Zuckungen. Mai 1895: Stauungs¬ 
papille, links Abducensparese, September 1895: links Schädelresektion, Tumor 
nicht gefunden, Oktober 1895: rechtss. Lähmung und Zuckungen; permanente 
Drainage des linken Seitenventr. Januar 1896: Sektion: basales Glio- 
sarkom des Gyrus rectus rechts, rechter Ventr. durch Druck fast 
geschlossen, linker stark erweitert (hier eitrige Entzündung und hämorrh. 
Erweichung). 

3. 36 jähriger Mann. 1893 Brett auf r. Schläfegegend, seit April 1895 
Unsicherheit, dann epilept Anfälle im rechten Arm und Bein. Operation des in 
den linken Centralwind, vermuteten Tumors abgeschlagen. Besserung nach Brom. 
Dezember 1895: Fall auf Hinterkopf, Kopfschmerzen, Juni 1896 Epilepsie, 
zunehmende rechtss. Lähmung und Erschwerung der Sprache. Keine Stau- 
ungspapille. Leichte operat. Entfernung des 150 g schweren Sarkoms der 
linken vorderen Central Windung (wesentl. Marklager); nach einigen 
Stunden Tod (Blutung, plötzl. Druckänderung). 

4. 31 jähriger Mann. Juli 1895: epilept Anfälle, November ^Stau¬ 
ungspapille, cerebellare Ataxie, Abducensparese, starke Apathie, Parese des 
rechten Facial. (partiell) und der rechten Hand. Nach Resektion wurde der im 
Marklager der linken Hemisphäre vermutete Tumor nicht gefunden. Nach 
einigen Tagen Tod: apfelgrosses Sarkom der linken Hemisphäre vor 

Centnilblatt f. d. Gr. d. Med. u. Chir. I. 3 


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dem vorderen Schnittende der Dura, nach vorne und innen eine Cyste (vgl. 
Jores, AllgT Zeitschrift für Psychiatrie 1896). 

5. 29 jähriger Mann. Seit 6 Wochen heftige Kopf- und Nackenschmerzen, 
Erbrechen, Gähnen, Gedächtnisschwäche, Hyperalgesie der Beine, dann Zuckungen 
im rechten Stemocleidom., Stauungspapille, schliesslich Abducens- und Internus¬ 
parese. Resektion nach Wagner. Entsprechend der Diagnose Gliosarkom im 
rechten Stirnlappen gefunden, mit scharfem Löffel entfernt, wegen Blutung 
Tamponade; linkss. Parese, Tod am nächsten Tage. 

6. 20jähriger Mann. Nach Fall auf Kopf (Juli 1895) Kopfschmerzen, 
Erbrechen, Taumeln, Schwindel; Februar 1896: Nackenschmerzen, Anfälle 
von Bewusstlosigkeit; April 1896: cerebellare und etwas lokom. Ataxie, Occi- 
put und Halswirbel schmerzhaft, Nystagmus, Stauungspapille, Schwindel, 
Krämpfe mit Cyanose, Erbrechen, später Taumeln nach links, rechtss. Hör¬ 
schwäche, Parese und Zucken im rechten Facialis, linkss. Hemianopsie, dann totale 
Amaurose (Lichtreaktion erhalten). Diagnose: Tumor cerebelli mit Druck auf 
Occiput (Abscess?); plötzlicher Tod vor beabsichtigter Operation: Gliosarkom 
des Unterwurms, stark nach links hin gewuchert 

Fall 7 und 8 betreffen Mädchen mit Anfällen von vorwiegend rechts¬ 
seitigen Krämpfen — bei 8 nach vorausgagangenem Kopftrauma —, mit Kopfweh, 
Gedächtnisschwäche und dauernder rechtsseitiger Parese. Resektion über den 
linken Centralwindungen bei 7 ohne Erfolg (starke psychische Alteration, 
Tod nach 2 Jahren), bei 8 geht die Lähmung ganz zurück, nach 11 Mo¬ 
naten wieder Krampfanfall, Schwachsinn unverändert, Lumbalpunktion negativ. 

M. Laehr (Berlin). 

Case of removal of cerebellar tnmour. Von Dr. Lunn, Dr. Beevor 
and Mr. Ballance. (Ein Fall von Operation eines Kleinhirntumors.( 
Verhandlungen der neurologischen Gesellschaft in London, 22. April 1897. 
Brain, 1897, Spring and Summer, p. 260. 

Kurzer Bericht über einen operierten Kleinhirntumor. C. J., 49 Jahre 
alt, wurde am 4. Oktober 1894 ins St. Maryledone - Krankenhaus aufge¬ 
nommen. Symptome: Kopfschmerz, Brechreiz, Neuritis optica, Schwäche der 
rechten oberen Extremität, rechter Kniereflex lebhafter als der linke, Schwindel, 
lateraler Nystagmus, Tendenz nach links zu fallen, cerebellarer Gang. Die 
Symptome gingen auf eine specifische Behandlung nicht zurück. 

Operation in 2 Sitzungen am 19. November und am 26. November 1894. 
Der entfernte Tumor war ein eingekapseltes Spindelzellen-Sarkom im 
vorderen Anteile der rechten Kleinhirnhemisphäre, welcher 173 grains (ca. 
11,2 g) wog. 

Der Kranke genas, wurde aber am rechten Auge amaurotisch. 

J. A. Hirschl (Wien). 

Biegungsbruch über rechtem Parietale. Hirnabscess. Hemianopsie. 
Bemerkungen über das Wesen des Hirnvorfalles. Von Dr. M. v. Re¬ 
gulski. Deutsche Zeitschrift für Chirurgie, Bd. 43, 1896. 

Ein 19 jähriger Mann erhielt einen Steinwurf gegen das Occiput aus 
nächster Nähe, fiel bewusstlos zu Boden und kam erst in einigen Minuten 
zu sich. Bei der Untersuchung auf der Klinik fand sich im hinteren oberen 
Winkel des rechten Parietales und in der Richtung nach vorne unten eine 3 cm 
lange, jauchende Wunde. Im Grunde derselben ein gegen das Schädelinnere 
vorgetriebenes, mehrfach zersplittertes Knochenstück. Patient, der leicht be- 



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nommen ist, klagt über Kopfschmerz, Schwindel und Nebelsehen. Keine 
Lähmungen von Seite der Gehirn- und Extremitätennerven mit Ausnahme 
einer rechtsseitigen Hemianopsie. Temp. 37,7°, Puls 60. Es wurde ein 
viereckiges, etwa 2 cm umfängliches, mehrfach gesplittertes, deprimiertes 
Knochenstück, das gegen die Dura andrückte, entfernt, ohne dass im Zustande des 
Kranken eine wesentliche Besserung eingetreten wäre. Vielmehr verschlimmerte 
sich der Kopfschmerz, es trat häufiges Erbrechen, leichtes Fieber, Stuhlver¬ 
stopfung auf. Dabei zeigte sich die Pia samt den Resten der Dura im 
Grunde der Wunde eitrig belegt, keine Gehirnpulsation. Es wurde die 
Knochenwunde erweitert; auf Einstich auf l x / 2 cm Tiefe entleerte sich aus 
dem Hirn eine geringe Menge Eiter. Drainage. Erst nach einigen Tagen 
besserten sich die Erscheinungen, das Fieber trat zurück, jedoch bildete sich 
ein etwa haselnussgrosser Himprolaps aus. Die rechtsseitige Hemianopsie 
bestand zunächst fort, desgleichen entwickelte sich Polyurie. Der Vorfall, 
der längere Zeit eine Zunahme gezeigt hatte, ging später allmählich zurück, 
desgleichen die Hemianopsie, ohne dass aber zwischen beiden Erscheinungen 
ein Abhängigkeitsverhältnis nachzuweisen gewesen wäre. Bei einer späteren 
Untersuchung bestand noch immer eine, wenn auch nur partielle Hemianopsie. 

Regulski nimmt an, dass durch das gegen das Gehirn vorgetriebene 
Bruchstück des Knochens entweder der Gyr. occipit. I in seiner oberen 
Hälfte oder der Gyr. pariet I und H in seinem hinteren Anteile verletzt 
wurde. Für das Zustandekommen der Hemianopsie wird man mit dem Autor 
wohl eine Läsion des sagittalen Marklagers unterhalb des Scheitellappens, 
woselbst ja die Sehstrahlung verläuft, annehmen müssen. Hier etablierte 
sich infolge der Verletzung des Hirns der bei der Operation Vorgefundene 
Abscess. Dass andere Erscheinungen von Seite des Parietallappens, vor allem 
Störungen der Sensibilität fehlten, hängt unseres Erachtens hauptsächlich mit 
dem occipitalwärts gerichteten Sitz des Herdes zusammen. Regulski erwähnt 
weiters 2 Fälle von Verletzungen über dem Parietalhim, wo gleichfalls Funktions¬ 
störungen desselben fehlten. 

In dem Prolapse konnte Himsubstanz nicht nachgewiesen werden; dies 
sowie theoretischen Erwägungen, die freilich vom neurologischen Standpunkte 
anfechtbar erscheinen, bringen den Verfasser zur Vermutung, dass das, was 
meist als Himvorfall beschrieben wird, nur in Ausnahmsfällen Hirn enthält, 
in der Regel vielmehr Granulation im weitesten Sinne ist 

E. Redlich (Wien). 

Ueber Resultate der Trepanation bei Hirntumoren. Von Rossolimo. 
(1. Cysto-glio-sarcoma. 2. Angioma cavernosum). Arch. f. Psychiat und 
Nerv. 1897, Bd. XXIX, p. 528. 

Rossolimo bespricht ausführlich die Vorgeschichte und den Krank¬ 
heitsverlauf zweier operativ behandelter Fälle von Tumor cerebri. 

Fall I (März 1894) betrifft einen 38 jährigen Offizier. Keine Lues. 
1875 und 1890 Fall auf den Hinterkopf. 1892 plötzlich Bewusstseinsver¬ 
lust, nach l / 2 Jahr abermals. Allmählich zunehmende linksseitige Hemiparese, 
Erbrechen, von der linken Hand ausgehende epileptiforme Krämpfe. Leichte 
amnestische Aphasie und Paraphasie. Später einige zwangsartige Willens¬ 
impulse. Leichte linksseitige centr. Paresis N. VH. Der linke Arm cyano- 
tisch, seine Temp. um 2—3° C erniedrigt Depressive Stimmung. Zeit¬ 
weilige Verschlimmerungen vom Charakter einer akuten Encephalitis; hierbei 
die Netzhautgefässe hyperämisch. Schwankender Kopfdruck an der rechten 

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Seite der Stirn. Diagnose: eingekapselte Flüssigkeit in der rechten Hemi¬ 
sphäre in der Nähe des Centruins für den Arm, wahrscheinlich Abscess. 
Trepanation. Cyste unter der Hirnrinde, 3—5 cm tief, l l / 2 cm breit. 
Flüssigkeit (1—l 1 /^ Essl.) entfernt Unmittelbar darauf Kraft und Tempe¬ 
ratur der oberen Extremitäten gleich. Nach 2 l / 2 Monaten Zustand sehr 
befriedigend. Wunde geheilt Es Testieren leichte amnestische Erscheinungen, 
unbedeutender Schmerz im Gebiet der Wunde, einige Empfindlichkeit des 
linken Armes gegen Kälte. Nach der Entlassung 2 Monate dienstfähig; 
alsdann erneute Aufnahme wegen Ohnmachtsanwandlungen und Kopfschmerzen. 
An der früheren Trepanationsstelle fluktuierende Geschwulst von Wallnuss¬ 
grösse. Kopfschmerzen, Uebelkeit, ziemlich erhebliche Sprachstörung, leichte 
linksseitige Hemiparese. Operation: die Geschwulst erweist sich als ein 
ins Innere des Gehirnes sich einsenkender Sack aus lockerem, weichem Gewebe, 
angefüllt mit seröser Flüssigkeit; nach deren Entleerung fast kompletes 
Schwinden aller Krankheitssymptome. Tamponade. Beim Verbandwechsel 
Abfluss wechselnder Mengen seröser Flüssigkeit, der alsbald nekrotische Ge- 
websfetzen beigemischt erscheinen. Auftreten weicher Massen in der Wunde. 
Bald stellen sich wieder die alten Beschwerden ein. Mehrfach vorübergehende 
Besserung nach Entleerung der sich ansammelnden Flüssigkeit Fort¬ 
schreitende Erweichung und Vorstülpung des unter der Trepanationsöffnung 
befindlichen Hirngewebes. Auftreten stärkerer epileptischer Anfälle. Fieber. 
Tod 14 Monate post operat 

Die Sektion wies ein cystisch degeneriertes Gliosarcom der rechten Hemi¬ 
sphäre auf, welches keilförmig in den oberen, äusseren Abschnitt des Corp. 
nuclei caudati hereingewuchert war; die Seitenventrikel kommunizierten nicht 
mit der Cyste. 

Fall H. Schuster, 36 Jahre. Im 21. Lebensjahre ohne eruirbare 
Ursache plötzlich eine rechtsseitige Hemiparese mit Aphasie. Komplete 
Heilung nach 2 l / 2 Monaten. Nach etwa 1 Jahr epileptischer Anfall, im 
rechten Bein beginnend. Später mehrfach linksseitige Kopfschmerzen. Im 
28. Lebensjahr Anfall von gleicher Art wie der beschriebene, jedoch ohne 
Bewusstseinsverlust. Von nun ab wiederholten sich derartige Anfälle mehrere- 
male im Jahr, gingen jedoch stets mit Bewusstseinsverlust einher. Da¬ 
zwischen kleine, weniger ausgebildete Anfälle. In den letzten 2 Jahren 
beständig linksseitige dumpfe Kopfschmerzen, zunehmende Sehschwäche. 
Schwäche im rechten Bein, sich von Zeit zu Zeit wiederholende epileptische 
Anfälle. Bei der Aufnahme im Wesentlichen nachstehender Status: 
Stauungspapille. Unter der Stirnhaut, besonders auf der linken Seite, 
sieht man zwei dicke, gewundene Arterien von der A. temporalis zum 
Scheitel ziehen, wo sie sich am linken Rande der Sagittalnaht vereinigen. Das 
rechte Bein steppt und ist etwas magerer; leichtes Hinken. Der rechte Arm 
etwas schwächer wie der linke. Sehnenreflexe rechts J stärker als links. Dia¬ 
gnostiziert wurde eine anatomische Alteration der obersten Abschnitte der 
Centralwindungen (links). Der Charakter des Krankheitsprozesses war nicht 
genau zu bestimmen. Interne Behandlung bisher erfolglos. Wegen zuneh¬ 
mender Sehschwäche Trepanation (Wagnerischer Lappen). Während des Auf- 
meisselns starker Blutverlust; schlechte Narkose. Eröffnung der Dura durch 
Kreuzschnitt Der Befund einer Blutgefässgeschwulst liess von weiterem 
Eingreifen Abstand nehmen. Verband, Exitus nach 15 Stunden. Sektion: 
Angioma cavernosum, hauptsächlich in der weissen Substanz des Lobulus 
paracentralis liegend. Die Central Windungen waren im oberen Drittel stellen¬ 
weise atrophiert, zusammengedrängt und von Gefässverzweigungen bedeckt 



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Ro ssolimo vermutet als Aetiologie der vorliegenden Geschwulst ein 
Trauma (es fand sich eine Narbe in der Stirnhaut derselben Seite, auf welcher 
die Neubildung sass). Die Eigenschaften des pathologischen Prozesses er¬ 
klären recht wohl die eigenartigen, sich über 16 Jahre hinziehenden klinischen 
Erscheinungen. 

Bei beiden Kranken fällt das Fehlen schwerer Erscheinungen von 
gesteigertem intercraniellem Druck, sowie die geringe Neigung zu Stau¬ 
ungserscheinungen in der Sehnervenpapille auf; Rossolimo neigt zu der 
Annahme, die Ursache dafür in dem Charakter der Neubildung zu suchen, 
welche nicht eine kompakte, unnachgiebige, schwere Masse darstellt, sondern 
einen elastischen Sack, dessen flüssiger Inhalt fortwährenden Schwankimgen 
seiner Menge unterworfen ist Beide Fälle nahmen nach der Schädeloperation 
einen ungünstigen Verlauf. Im ersteren Falle hätte eine breitere Eröffnung 
der Schädelhöhle und eine energische Entfernung jener der Neubildung be¬ 
nachbarten Gehirn teile eine bessere Aussicht auf Verlängerung des Lebens 
gegeben. Im letzteren Falle führte gerade dieses Vorgehen bei der Dicke 
des Schädelgewölbes und dem Grad seiner Vascularisation den Tod durch 
Shokwirkung herbei. 

Die praktischen, aus den beiden Fällen zu ziehenden Erfahrungen fasst 
Rossolimo dahin zusammen, dass am unglücklichen Ausgang der ohnehin 
seltenen indirekten Operationen bei Gehirntumoren vorläufig noch die technische 
Seite sehr viel Schuld trägt, und dass die Grundprinzipien in dieser Hinsicht 
lauten sollen: möglichst breite Schädeleröffnung bei möglichst geringem 
Trauma. (Somit auch wohl statt der Aufmeisselung die Eröffnung der 
Schädelhöhle mit der Kreissäge. Ref.). 

L. Brauer (Heidelberg). 

Zur operativen Chirurgie der Hirngeschwülste. Von Prof. Dr. Krön¬ 
lein. (Aus der Züricher chirurgischen Klinik des Prof. Dr. Krönlein.) 
— Beiträge zur klinischen Chirurgie XV, 1896, p. 251. 

In der erschöpfenden Statistik über operativ behandelte Hirngeschwülste 
von Chipault (1894) finden sich 12 operativ behandelte Hirntuberkel. Zählt 
man die inzwischen veröffentlichten Fälle von Czerny und Curtis hinzu, 
so steigt diese Zahl auf 14. Sieben Todesfällen stehen vier Heilungen gegen¬ 
über. K. berichtet folgenden 15. Fall: 

Hühnereigrosser Conglomerattuberkel im mittleren und unteren Drittel 
der linksseitigen Central Windungen, den Cortex und die angrenzenden sub- 
corticalen Partien einnehmend; Jackson'sehe Epilepsie vom rechten Vorder¬ 
arm ausgehend; osteoplastische Trepanation und Exstirpation des Tumors. 
Heilung. — 

43jähriger Schiffmann. Vater und Schwester Tuberkulose. 1884 Trauma, 
Sommer 1894 Kopfschmerz, Schwindelanfälle. 27. Februar 1895 erster Anfall: 
Mittags Einschlafen der rechten Hand, 3 Uhr nachmittags Bewusstlosigkeit, Schaum 
vor dem Munde, klonische Zuckungen der rechten Gesichtehälfte, der rechten oberen 
Extremität in ihrem peripheren Anteil vom Vorderdarm an; Dauer l L Stunde. — 
Die Anfälle wiederholten sich in verschiedenen Intervallen, meist ohne Bewusstseins¬ 
störung, griffen oft auf die rechte untere Extremität über. Dabei entwickelte sich 
„Lähmung des rechten Armes und partielle Lähmung der Zunge“. 

Status am 21. Juni 1895: Eine 3 1 /* cm lange, alte, blasse, auf dem Schädel¬ 
knochen leicht verschiebliche, schmerzlose Narbe in der linken Parietalgegend, in 
Lage und Richtung ungefähr dem mittleren Teü des Sulcus Rolando entsprechend. 
Kopfschmerz und Schwindel. Beklopfen des Schädels ist nirgends schmerzhaft. 
Augenhintergrund normal. Kein Erbrechen. Puls 68. Innerer Befund normal. 


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Rechte Pupille ganz wenig enger als die linke. Rechter (unterer) Facialis 
paretisch. Sensibilität im Trigeminusgebiet „höchstens rechts um ein Geringes gegen¬ 
über links abgeschwächt“. Sprache stotternd. Die rechte Hand steht in leicht zu 
überwindender Flexionskontraktur, zeigt leichten Tremor. Es bestehen fortwährend 
klonische Zuckungen der Flexoren des rechten Vorderarms. Die Muskulatur der¬ 
selben ist paretisch, nicht atrophisch. Geringe aktive Bewegungen in Hand- und 
Fingergelenken rechts sind möglich. Rechte Hand und Vorderarm bieten vermehrte 
Schweisssekretion, keine Sensibilitätsstörung. Beine nicht paretisch. Gang etwas 
schwankend. Patellar-, Triceps- und Quadriceps-Sehnenreflex beiderseits gesteigert. 

Verlauf: In der Klinik mehrere Jackson’sche Anfälle, ein Anfall mit Bewusst¬ 
seinsverlust. Die Sprache wird noch mehr stotternd und mühsam. 

Diagnose: Im Hinblick auf die Kopfverletzung vor 11 Jahren konnte 
zunächst an eine einfache Absprengung der inneren Tafel oder an 
einen traumatischen Spätabscess gedacht werden. Gegen die erstere 
sprach das Fehlen von Herdsymptomen dnrch mehr als 10 Jahre, gegen den 
zweiten das zu lange Intervall. Im Hinblick auf die Tuberkulose zweier 
Blutsverwandten konnte auch ein primärer Hirntuberkel vorliegen, um¬ 
somehr, als dessen traumatische Aetiologie nicht in Abrede gestellt werden 
kann. Ein Sarcom, ein Gliom, ein Endotheliom wurde als gleichfalls 
möglich angenommen, ein Gumma mit grösster Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen. 
— Die Lokalisation war eine selbstverständliche. 

6. Juli 1895. Operation: Osteoplastische Resektion des Schädeldachs nach 
Wagner. Centralfurche und die beiden Central Windungen sind jetzt in der Mitte 
und in den unteren Dritteln ihres Verlaufes vollständig aufgedeckt. An dieser Stelle 
ein Conglomerat derber kirschgrosser Knoten; sie haben die Grösse eines Hühnereies. 
Heraushebelung dieser Knoten mittelst des spatelförmigen Scalpellstiels, Jodoformgaze, 
Reposition und Adaption des Duralappens und des Knochenhautlappens, Naht. 
Die mikroskopische Untersuchung der Tumoren ergab die tuberkulöse Natur derselben. 

Verlauf: Heilung der Operationswunde vollkommen reaktionslos. 

Der rechte Vorderarm war zunächst völlig gelähmt; erst später kehrte langsam 
die Beweglichkeit in demselben wieder. Am Schlüsse der Beobachtungszeit, ca. 
3 l /j Monate nach der Operation, „hat sich die aktive Beweglichkeit des rechten 
Armes zusehends gebessert“; die rechte untere Extremität, die beim Gehen (erst nach 
der Operation!) paretisch war, wird gleichfalls kräftiger, so dass der Gang des 
Kranken sich am Schlüsse der Beobachtungszeit „kaum“ vom Gange des Gesunden 
unterscheidet, die Sprache hat sich gleichfalls gebessert, der rechte Mundfacialis bleibt 
andauernd leicht paretisch. 

Bis ca. 24. August treten Anfälle auf: der erste mit Bewusstseinsverlust in 
der Klinik am 7. August; die anderen nach seiner Entlassung am 10. August ohne 
Bewusstöeinsverlust. 

Es wäre dieser Fall somit der fünfte operierte Hirntuberkel, 
der als geheilt anzusehen ist; wird aber verlangt — und dies Verlangen 
scheint mir nicht ungerechtfertigt —, dass die Beobachtungszeit nach der 
Operation sich mindestens über ein Jahr erstrecken soll, dann muss dieser 
Fall dem Falle von Czerny und dem einen Fall von Mac Even an¬ 
gegliedert werden, in welchen Fällen die Beobachtungszeit nach der 
Operation 9 Monate, beziehungsweise noch kürzere Zeit gewährt hat Der 
andere Fall Mac Even’s (Tabelle Krönlein’s ,Nr. 11) und der Fall von 
Horsley (Tabelle Krönlein’s Nr. 7) sind in Heilung übergegangen, die nach 
einer Beobachtungszeit von mehr als einem Jahre noch zu konstatieren war. 

J. A. Hirschl (Wien). 


Ein operativ geheilter Fall von Hirntumor. Von Ziehl und Roth. 
Deutsch, med. Woch. 1897, p. 297. 

Bei einem 60 jährigen Manne, welcher im 23. Lebensjahre Lues acqui- 
rierte und vor drei Jahren ein Kopftrauma erlitt, bildete sich innerhalb etwa 



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eines halben Jahres eine mit Jackson’scher Epilepsie verbundene Hemiparesis 
dextra aus. Jodkali sowie eine Schmierkur brachten keine nennenswerte Besse¬ 
rung, sodass 1894 zu breiter Aufmeisselung der linken Schädelhälfte geschritten 
wurde. Hierbei zu Tage tretende, der normal erscheinenden Dura mässig 
fest anhaftende, in den Knochen eingewucherte braunrote Gewebsmassen 
wnrden mit dem entsprechenden Knochenstück entfernt Von einer Eröff¬ 
nung der Dura wurde, da ein Tumor unterhalb derselben nicht durchzutasten 
war, abgesehen. Die Diagnose lautete nach wie vor auf luetische Neubildung. 
Trotz glattem Wundverlauf trat weiterhin eine rapide Verschlimmerung des 
Krankheitsbildes auf. Eine Zittmann’sche Kur brachte nur vorübergehende 
Besserung. Februar 1895 wurde, da die Symptome höchst bedrohlich wurden, 
das Schädeldach in gleicher Weise eröffnet, jetzt jedoch auch die Dura ge¬ 
spalten. Es fand sich nun ein 25 g schweres Peritheliom, welches unter 
nur leichter Verletzung der auseinandergedrängten Gehirnsubstanz zumeist stumpf 
entfernt werden konnte. Nach gutem Operationsverlauf stellte sich eine all¬ 
mählich fortschreitende Besserung des Krankheitsbildes ein, und fühlt Patient 
sich jetzt nach 2 Jahren bis auf ganz geringfügige Parästhesien im früher 
gelähmten Arm völlig wohl und leistungsfähig. — Ob es sich im vorliegenden 
Falle um eine syphilitische Knochen aff ektion und zufällig daneben um ein 
Sarkom der Innenfläche der Dura handelte, oder ob sich ein Sarkom von 
beiden Seiten der Dura entwickelte, ohne letztere zu zerstören, ist nachträglich 
schwer zu entscheiden. Dem Trauma, welches nach glaubwürdigen Angaben 
die Stelle der späteren Erkrankung betroffen hatte, ist wohl jedenfalls eine 
gewisse ursächliche Rolle zuzusprechen. 

Hinsichtlich des operativen Vorgehens erhellt aus dem Falle, dass man 
zu einer Eröffnung der Dura auch dann zu schreiten hat, wenn das Vor¬ 
handensein einer intraduralen Erkrankung nicht sicher zu erweisen ist; die 
durch die Spaltung der Dura bedingte Komplikation erscheint gering gegen¬ 
über der Gefahr, eine tiefer sitzende Erkrankung zu übersehen. 

L. Brauer (Heidelberg). 


Beitrag zur Pathologie und Therapie des Hydrocephalus. Von Dr. 

A. Henle. Aus der königlichen chirurgischen Klinik in Breslau. Mit¬ 
teilungen aus den Grenzgebieten der Medizin und Chirurgie, 1. Band, 
2. Heft, 1896. 

Henle bespricht den Hydrocephalus internus, der vom pathologisch¬ 
anatomischen Standpunkte aus in einen primären und einen sekundären ein¬ 
geteilt wird; ersterer, der sowohl angeboren als erworben Vorkommen kann, 
ist einer direkten Therapie zugänglich, letzterer, der meist erworben sein 
dürfte, kann, wenn eine Besserung der primären Störungen möglich ist, viel¬ 
leicht auch ohne direkten Angriff ausheilen oder Stillstehen. Die Aetiologie 
der primären Hydrocephalus ist unklar, in einigen Fällen haben die ihrerseits 
ätiologisch unklaren, vielleicht auf hereditäre Lues, Alkoholismus der Mutter 
zu beziehenden entzündlichen Veränderungen der die Ventrikelflüssigkeit 
produzierenden Plexus eine abnorm reichliche Sekretion derselben veranlasst; 
der sekundäre Hydrocephalus ist oft Teilerscheinung irgend eines allgemeinen 
Oedems, der bei Rachitis sehr häufige leichte Grad von Hydrocephalus dürfte 
in der durch Bronchitis und andere mit Rachitis zusammenhängende Umstände 
veranlassten Erschwerung des Lungenkreislaufes begründet und durch die 
Weichheit der Schädeldecken begünstigt sein; andere Stauungen haben lokale 


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Ursachen, die entweder die normale Cirkulation des Liquor cerebrospinalis 
oder den venösen Rückfluss behindern. 


Ein mitgeteilter Fall betrifft ein nicht rachitisches Mädchen von 6 1 /, Monaten; 
6 Wochen nach der Ausheilung einer eiterigen Periostitis am linken Oberschenkel tritt Un¬ 
ruhe, Teilnahmslosigkeit ein, der rechte Arm wird nicht bewegt, das Kind nimmt die Brust 
nicht; der Schädelumfang nimmt rechts beträchtlich zu, schliesslich bis auf 52 cm, 
während der Brustumfang fast unverändert blieb, das Körpergewicht nach anfäng¬ 
licher geringer Steigerung immer mehr sank; Pupillen vorübergehend enge, reagieren 
prompt: der rechte Arm nicht gelähmt, macht athctotische Bewegungen. Puls 124. 
Es wird rechts unter die Kopfhaut ein durchbohrtes goldenes Plättchen gebracht, 
nach 10 Tagen durch dieses ein goldenes Röhrchen in den rechten Ventrikel durch- 
gestossen, die Hautwunde mit Silbernähten geschlossen, Zweck: der Liquor soll aus 
dem Ventrikel in ein Gewebe abfliessen, wo er leicht resorbiert werden kann. Aus¬ 
tritt von 50 ccm weisslicher, trüb seröser Flüssigkeit, welche virulenten Staphylo- 
coccus pyogenes aureus enthält. Im Verlauf kurz dauernde, geringe Temperatur¬ 
steigerung, Puls bis 176. Nach einiger Besserung allmählicher Verfall. Die Athetose 
am rechten Arm hört, nachdem sie etwa 4 Wochen bestanden hat, auf, der Arm 
nimmt Kontrakturstellung an. Zuckungen, dann auch Kontraktur im rechten Bein. 
Etwa 5 Wochen nach der Punktion des rechten Ventrikels wird in derselben Weise 
einzeitig der linke punktiert, weil der Schädelumfang konstant zunimmt, 30 ccm 
klarer, wasserheller, steriler, 3°/oo Albumen enthaltender Flüssigkeit werden abgelassen. 
Nach einer Woche Exitus. Die Sektion des gehärteten Gehirns ergiebt rechts hoch¬ 
gradigen Hydrocephalus internus, links mehrere Abscesse unterhalb des Ventrikels, 
einen von der Grösse einer Billardkugel; das linke Foramen Monroi verlegt resp. 
verschlossen, der Aquaeductus Sylvii S-förmig gekrümmt und verlegt. 


Himabscesse im ersten Lebensjahre werden als etwas ganz excessiv seltenes 
bezeichnet, Multiplicität der Abscesse ist bei hämatogenen Eiterungen die 
Regel, sonst selten. — Bei spontanem Verlauf können kleinere, besonders 
rachitische Wasserköpfe ausheilen, sonst ist die Prognose ungünstig, indem 
der Hydrocephalus entweder progredient ist und zum Tode oder seltener 
unter Stillstand zu mehr oder weniger bedeutenden Funktionsstörungen führt, 
selten bei Durchbruch der Ventrikelflüssigkeit nach aussen eine Art Spontan¬ 
heilung eintritt. — Die Therapie wird eingehend besprochen. Die relativ 
besten Aussichten bietet der sekundäre Hydrocephalus, besonders der rachitische; 
Vesicantien am Kopf, interne Medikation, besonders das Jodkali hat sich 
nur bei leichteren Fällen, so von Quincke’s Meningitis serosa bewährt. 
Kompression ist im allgemeinen nicht anzuwenden; Punktion des Ventrikels 
hat in wenigen Fällen geholfen; Erklärung mit Hilfe von Wernicke’s An¬ 
nahme, dass der vermehrte Himdruck die Venen verschliesst, während die 
Arterien noch durchgängig sind, so dass durch die Punktion der venöse 
Rückfluss wieder hergestellt und die Verlegung der Lymphbahnen aufgehoben 
würde; meist bewirkt die Punktion nur vorübergehendes Nachlassen der 
Hirndrucksymptome; die wiederholte Punktion der Ventrikel hat entzündungs- 
erregende Einflüsse und andere Nachteile. Von der Lumbalpunktion gilt 
Aehnliches,: ebenso von gleichzeitiger oder folgender Kompression des Schädels; 
Punktion mit nachfolgender Jodinjektion ist von einzelnen Kranken zwar 
überstanden worden, aber kaum sicher zu beurteilen; Punktion mit Dauer¬ 
drainage hat im Ganzen wenig Erfolge gehabt; man hat allerdings auch sehr 
grosse Quantitäten Cerebrospinalflüssigkeit ohne Nachteil auf einmal abge¬ 
lassen und braucht consecutive intracranielle Blutungen wenig zu fürchten; 
nie sind erhebliche reaktive Erscheinungen in der Umgebung der Drain¬ 
löcher konstatiert worden. Die Ausführung und Idee der Therapie im 
vorliegenden Fall ist im 2. Absatz angedeutet; die Gegend für einen En¬ 
griff wird genau besprochen. 

Verf. berichtet noch über einen zweiten Fall, einen halbjährigen Knaben be¬ 
treffend, der zweimal trepaniert wurde, nach 2 Jahren relatives Wohlbefinden 


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zeigte, und bei dem ein bei der ersten Operation eingeführtes Glaswolledrain 
anstandslos eingeheilt ist und vertragen wurde. Das Verfahren ist Jaus den 
Fällen nicht genügend zu beurteilen. 

Bei der Unsicherheit des Erfolges ist man vor der Hand nicht berechtigt 
einzugreifen, so lange Aussicht vorhanden ist, dass die Wasseransammlung 
ohne Eingriff zum Stehen kommt Die Indikation zur Operation wird erst 
gegeben durch ein konstantes, längere Zeit beobachtetes Fortschreiten der 
Erkrankung, dann durch gefahrdrohende Symptome des Himdrucks. Aus- 
zuschliessen sind die akut auftretenden Hydrocephalien, welche einen entzünd¬ 
lichen Ursprung auf bakterieller Basis mit Wahrscheinlichkeit voraussetzen 
lassen; das Sekret muss dann direkt nach aussen geleitet werden. Auszu- 
schliessen sind auch die weit vorgeschrittenen Fälle wegen der vorhandenen 
Himatrophie und der Zukunft derartiger Kinder. Infeld (Wien). 

Ueber Punktion der Gehirnseitenventrikel. Von Doc. Dr. Bernhard 
von Beck. Aus der Heidelberger chirurgischen Klinik des Prof. Dr. Czerny. 
Mitteilungen aus den Grenzgebieten der Medizin und Chirurgie, Bd. I, 
Heft 2, 1896. 

Wenn bei Hirndrucksymptomen eine Entfernung der lokalen Ursachen 
unmöglich oder eine diffuse Erkrankung mit oft rascher und starker Exsu¬ 
dation in die Ventrikel und subarachnoidalen Räume einhergeht, so kann man 
Nutzen schaffen, indem man das pathologische Produkt, dass die weiteren 
schweren Erscheinungen bedingt, in Angriff nimmt, den pathologisch ver¬ 
mehrten und angesammelten Liquor cerebrospinalis entfernt und so den ge¬ 
steigerten Himdruck herabsetzt Das geschieht am besten durch die Punktion 
der GehimseitenVentrikel. 3 Fälle: 1. Akuter Hydrocephalus internus nach 
chronischer Otitis media, Meningitis; dreimalige Punktion des rechten Gehim- 
seitenventrikels. Heilung. — Der Fall, der einen 14 jährigen Knaben betrifft, 
wird als Meningitis serosa aufgefasst; auch die ausgeprägte Stauungspapille 
ging zurück. Wohlbefinden 2 Jahre p. operat 2. Traumatischer Stirnhim- 
abscess nach Fractura ossis frontis, Incision; diffuse eitrige Meningitis, akuter 
Hydrocephalus internus, Punktion des rechten Gehimseitenventrikels, Heilung. 
— 7 jähriger Knabe. Die Punktion war gemacht worden, nachdem ein tauben¬ 
eigrosser Gehimabscess entsprechend behandelt und, trotzdem keine Eiter¬ 
retention bestand, Exacerbation aufgetreten war. Auch Stauungspapille, Parese 
der linken Extremitäten und des rechten Abducens geschwunden. 3. Klein¬ 
hirn tumor ; Hydrocephalus internus, dreimalige Punktion des linken Himseiten- 
ventrikels: Besserung. — 13 jähriges Mädchen. Der vermutete Tumor wurde 
bei der Trepanation nicht gefunden. — Die entleerten Mengen betrugen 
28—120, meist 40 ccm. Nach Erwähnung von 4 nach Lumbalpunktion 
secierten Fällen, darunter 3 Kleinhimtumoren, meint Verfasser, es werde stets 
die direkte Ventrikelpunktion eine ausgiebigere und von Erfolg mehr begleitete 
therapeutische Massregel sein als die Lumbalpunktion, und die letztere nur 
als Notbehelf angesehen werden müssen. — Verfasser gibt auch eine occipitale 
Trepanationsstelle zur Punktion des Seitenventrikels an; er verwendet eine 
Aspirationsspritze von 10—20 ccm und einen Hohlnadelansatz von Stroh¬ 
halmdicke in einer Länge von 7—8 cm; er zieht die einfache Punktion 
der Drainage des Ventrikels vor. Die Wiederholungspunktionen sind, asep¬ 
tisch ausgeführt, imgefährlich und bewirken bei Hirntumoren eine erhebliche 
Errichtung der subjektiven Beschwerden, während sie bei entzündlichen Pro¬ 
zessen imstande sind, indirekt dieselben im Forschreiten zu hemmen oder 
gar zur Ausheilung zu bringen. Infeld (Wien). 


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Centrale beiderseitige Amaurose infolge von metastatischen Abscessen 
in beiden Occipitallappen ohne sonstige Herdsymptome. Von Dr. 

H. Heinersdorff. Deutsche med. Wochenschrift 1897, Nr. 15. 

Doppelseitige Amaurosen ohne ophthalmoskopischen Befund, durch iso¬ 
lierte Erkrankungen beider Occipitallappen bedingt, sind sehr selten. Es kann 
hierbei bei schwach erhaltener Pupillenreaktion zuerst Blindheit resp. doppel¬ 
seitige Hemianopsie auftreten und später einseitige Zurückbleiben, oder erst 
kann einseitige homonyme Hemianopsie dasein und später beiderseitige. 

Den bisher bekannten Fällen, welche auf embolischen Prozessen beruhen, 
fügt H. einen neuen hinzu, welcher auf der Pflüger’sehen Klinik in Bern 
beobachtet wurde. 

Ein 52jähriger Mann, der fünf Wochen vorher wegen eines Lungenleidens 
behandelt, dann von einer als Periostitis aufgefassten Schwellung der Ulnarseite 
des linken Vorderarmes befallen worden war, die auf Jodbehandlung zurückging, be¬ 
gann vor 14 Tagen langsam, vor 8 Tagen plötzlich schlechter zu sehen, wobei Fieber 
und Kopfschmerz auftraten. In der Leistengegend bildete sich ein Abscess. In der 
letzten Zeit wieder Apyrexie und keinerlei Klage ausser über den Verlust des Seh¬ 
vermögens. Beide Augen äusserlich normal, keine Motilitätsstörung, Pupillen massig 
und beiderseits gleichweit, deutliche, wenn auch träge und wenig ausgiebige Reaktion. 
Emmetropie. Spiegelbefund bis auf leichte Hyperämie der Papillen normal. Licht¬ 
empfindung vorhanden. Projektion unsicher. Leichte Benommenheit, zögerndes Ant¬ 
worten. Interne und Nervenuntersuchung ohne positives Resultat. Nach sieben 
Tagen starb der Patient nach Eröffnung des Leisteuabscesses im Coma. Die Sektion 
ergab beim Loslösen des an die seitliche Bauch wand adhärenten rechten Leber¬ 
lappens einen ca. taubeneigrossen Abscess mit zähem, weisslich^grünem Eiter. Gehirn¬ 
basis, namentlich am Boden des vierten Ventrikels und am Occipitallappen mit grün¬ 
lichem Eiter bedeckt, die Seiten Ventrikel mit ebensolchem erfüllt. Vom Hinterhorn 
/Uhren beiderseits verschiedene untereinander kommunicierende Oeffnungen in je eine 
Abscesshöhle, die den grössten Teil des Occipitailappens einnimmt. Die Perforation 
nach der Hirnbasis nicht sicher auffindbar. 

Die Frage, von wo die Sepsis ausgegangen ist, lässt sich nicht beantworten. 
Jedenfalls waren die Abscesse in den Occipitallappen metastatische, dafür 
spricht die Doppelseitigkeit. Für die genauere Lokalisation des Sehcentrums 
ist dieser Fall nicht verwertbar wegen der zu ausgedehnten Zerstörungen; 
da die Lichtempfindung noch vorhanden war, handelte es sich vielleicht über¬ 
haupt nur um eine doppelseitige Hemianopsie. 

Richard Hitschmann (Wien). 

Ueber Gehirnerweichung nach isolierter Unterbindung der Vena jugularis 
interna. Von Dr. R. Rohrbach. Aus der Tübinger chirurgischen Klinik 
Prof. Bruns. Beiträge zur klinischen Chirurgie. Bd. XVH. 

Bei Blutungen aus grossen Venen, speziell aus der Vena jugularis 
interna ist die Unterbindung derselben an der Stelle der Verletzung das all¬ 
gemein gütige Verfahren geworden; der isolierten Unterbindung dieser Vene 
sind merkwürdig selten Cirkulationsstörungen gefolgt; wenn aber die Regu¬ 
lierung der Cirkulation ausbleibt und der Collateralkreislauf sich als unge¬ 
nügend erweist, dann büdet eine tödliche Gehirnerweichung den unvermeidlichen 
Ausgang; im vorliegenden Falle war eine intra vitam nicht zu erkennende, 
ganz unvollkommene Entwicklung des rechten Sinus transversus und der 
rechten Vena jugularis interna die Ursache der Cirkulationsstörung im Ge¬ 
hirne. 


57jährige ziemlich abgemagerte Frau, die seit 4 Jahren Plattenepithel-Carcinorae 
hat, ausgehend von der Nase, Kecidiv an der linken Seite des Halses; Chloroform- 
narkoee; feste Verwachsung mit der Unterlage, auch mit der Vena jugularis interna; 


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Unterbindung und Resektion derselben; Patientin erwachte aus der Narkose nicht 
mehr zu vollem Bewusstsein; Reizerscheinungen an dem Extremitäten, am 2.—4. Tage 
rechts, am 5. nur links, nach 6 Tagen Exitus. — Rechts in den mittleren Partien 
des Stirnlappens die Gyri abgeflacht, die Hirnsubstanz in mehr als fünfmarkstück¬ 
grosser Ausdehnung trübe und von Hämorrhagien durchsetzt, Gewebe abnorm weich; 
eine gleiche, zweimarkstückgrosse Stelle in der 2. Stirnwindung links. Der rechte 
Sinus transversus stellt nur ein nahezu Stricknadel weites Rohr dar, der entsprechende 
Sulcus fehlt rechts vollständig, die rechte hintere Schädelgrube ist entsprechend der 
schiefen Stellung der Felsenbeinpyramide etwa um ein Viertel schmäler als die linke, 
die rechte Vena jugularis interna zeigt von der Einmündung der oberflächlichen 
Venen an nach dem Schädel hinauf zunehmende Verdünnung des Lumens, ist unter 
der Schädelbasis nur noch etwa für einen Rabenfederkiel durchgängig; das rechte 
Foramen jugulare abnorm klein und durch eine knöcherne Spange in zwei gleiche 
Fächer geteilt, deren hinteres dem rudimentären Sinus entspricht. An den Arterien 
der Schädelbasis keine Anomalie. Am Herzen ausgesprochene braune Atrophie. 

Anatomische Betrachtungen sollten eine grössere Häufigkeit solcher 
Cirkulationsstörungen vermuten* lassen, nämlich die Variabilität in der Weite 
der Blutleiter, die bis zum Fehlen einzelner geht, und das ungünstige Ver¬ 
hältnis des venösen Abflusses zum arteriellen Zufluss, resp. die Unzuläng¬ 
lichkeit der bei Verschluss beider Sinus tranversi zugebote stehenden Colla- 
teralabflüsse. Infeld (Wien). 


Schuss ins Gehirn, bedeutender Substanzverlust, ohne wesentliche 
Störung geheilt. Von Dr. Matth es. Deutsche medicinische Wochen¬ 

schrift 1897, Nr. 22. 

27jährige Wirtstochter wird am 17. Mai 1896 auf kurze Entfernung mit einem 
Teschin in die Stirngegend geschossen, fällt sofort besinnungslos zu Boden; Ent¬ 
leerung von Blut und Gehimmasse; Puls 44, langsame Pupillenreaktion. Erweiterung 
der 1 cm weiten Wunde, Schädel in der Ausdehnung eines Einmarkstückes zer¬ 
trümmert, Entfernung der Knochensplitter und zertrümmerter Gehirnmasse, von der 
4,1 g schweren Kugel wird nur ein plattgedrücktes Stück von 0,95 g entfernt; das 
GeschosB ist links vom Sinus front, eingedrungen, dieser in der Wunde unverletzt 
zu fühlen. Bewusstsein am selben Tage vor der Operation zeitweise wiedergekehrt, 
keine Lähmungserscheinungen, Puls 66, Patientin spricht nicht, versteht Gesproche¬ 
nes. In der Folge Puls bis 80, Temperatur normal, Entfernung von Knochen¬ 
fragmenten; Besserung des Bewusstseins, Unruhe, Schmerzen in der Hinterhaupt¬ 
gegend, undeutliches Murmeln und Sprechen , Rechnen schwierig; keine Lähmungs¬ 
erscheinungen; zunehmender Gehirn Vorfall, der granuliert, öfters mit Paquölin kau- 
terisiert, am 29. Juni abgetragen wird, dabei geringe Blutung, Entleerung von 7* Ess¬ 
löffel Eiter. 3. Juli gutes Allgemeinbefinden, Entlassung. 31. Juli Kopfschmerz, 
epileptiformer Anfall, ohne Bewusstseinsstörung mit Convulsionen des rechten Armes, 
Gesichtszucken. 1. September gutes Allgemeinbefinden, keine Lähmungserscheinung, 
kein weiterer Krampfanfall, kein Strabismus, keine Sehstörung, jedoch Silbenstolpern, 
Paralexie. 

Infeld (Wien). 

Beitrag zur Einheilung von Kugeln im Gehirn. Von A. Steffen. Jahr¬ 
buch für Kinderheilkunde und physische Erziehung, Bd. XL TTT, 1896. 

Hinweis auf die Seltenheit; aus der Literatur werden ausführlich 8 
einschlägige Fälle berichtet, betreffend Individuen von jugendlichem Alter. Ein 
eigener, bereits publizierter Fall: 

13jähriger Knabe; Schusswunde von 1 cm Durchmesser dicht unter dem rechten 
Tuber parietale, Abgang von kleinen, weichen Hirnpartikelchen und Cerebrospinalfiüssig- 
keit; bleiches Aussehen, Unvermögen zu gehen; Sensorium zunächst frei, wird immer 
mehr benommen, Unruhe, Delirien, Schlaflosigkeit, plötzliches Aufschreien, Schmerzen 
in der rechten Kopfhälfte; Augen noch rechts rotiert bei vorgezogener linker Seitenlage, 
Pupillen dilatiert, schlecht reagierend; zuweilen allgemeine Zuckungen: Facialis, Hypo- 
glossu8 frei; in den ereten zwei Tagen Erbrechen und Würgen; Harnentleerung zunächst 


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spontan, am 3. Tag unfreiwillig, Stühlentleerang zunächst fehlend, dann spontan. Am 
5. Tag ist die Umgebung der Wunde geschwellt, etwas emphysematos, etwas jauchige* 
Wundsekret, was am nächsten Tag bei subjektivem Wohlbefinden schwindet; Tempe¬ 
ratur am 3. Tag 39,2, vom 6. Tag normal, Puls in den ersten 9 Tagen verlangsamt, 02, 
dann normal, Respiration dauernd normal. — In der 2. Woche geringer Collaps; 
Sonde dringt nach hinten oben 10 cm ohne Widerstand ein; geringe Differenz in 
der Stellung der Augenachsen; die Venen des Augenhintergrundes links stärker ge¬ 
füllt als rechts; gelegentlich Gefühl von Knarren im Kopf und in der 3. und 7.—8. 
Woche Kopfschmerz und Ei brechen, anschliessend Unruhe, gesteigerte Erregbarkeit, 
Puls Verlangsamung; von da an bei noch bestehender Pupillendilatation Wohlbefinden. 

Gemeinsame Züge: die nach dem Schuss plötzlich auftretende Bewusst- 
lossigkeit, welche Stunden und Tage andauem kann; in der Folge geistige 
Störungen und Herdsymptome, abhängig von dem Ort der Verletzung und 
dem Weg der Kugel, in der Regel halbseitig; Länge des Weges bis über 
10—12 cm, auch entsprechend dem grössten Teil der Grosshimhemisphäre, 
die Kugel war oft mit der Sonde nicht nachweisbar, wurde einmal durch 
diese noch hineingedrangt; nach längerem Verweilen im Gehirn hat die Kugel 
die Neigung, sich zu senken, damit bringt Verfasser in seinem Falle neuer¬ 
liches Auftreten von Kopfschmerzen, Erbrechen, verlangsamtem Puls 6 Wochen 
nach der Verletzung in wahrscheinlichen Zusammenhang. Meist ist völlige 
Genesung nach längerer Zeit erfolgt, zweimal unbedeutende Residuen; die 
Prognose scheint bei Kindern günstiger als bei Envachsenen, auch wenn die 
Kugel im Gehirn liegen bleibt, weil das kindliche Gehirn noch in der Ent¬ 
wicklung begriffen ist und für die verletzten Partien vielleicht andere stell¬ 
vertretend eingreifen können. 

Infeld (Wien). 

Ueber Schädelbasisbrüche. Von van Nes. Deutsche Zeitschr. f. Chir. 
XLIV, 5—6, p. 593, 1897. 

Verfasser hat 17 Fälle von tödlicher Schädelbasisfraktur, die auf der 
G. Fi scher * sehen Abteilung in Hannover beobachtet wurden, auf die Richtig¬ 
keit der v. Wahl*sehen Theorie untersucht. 

v. Wahl unterscheidet 2 Arten Schädelbrüche: meridionale, mit der 
Druckachse zusammenfallende Berstungsbrüche, und äquatoriale, den Druck¬ 
pol umkreisende, auf der Druckachse senkrecht stehende Biegungsbrüche. 
Die Ursache für das Entstehen der einen oder der anderen Bruchform liegt 
wesentlich begründet in den physikalischen Eigenschaften der den Schädel 
treffenden Gewalt, ob Druck- oder StossWirkung prävaliert, und in dem Ver¬ 
halten des Schädels gegen diese Eigenschaften. Eine allmählich fortschreitende 
Compression des Schädels führt zu einem Berstungsbruch, während eine 
stossende Gewalt einen Biegungsbruch erzeugt Enthält die ein wirkende Kraft 
Druck- und Stosswirkung, so treten beide Bruchformen gleichzeitig auf. 

Verfasser fand an seinem Beobachtungsmateriale diese Wahl*sehen Sätze 
vollkommen bestätigt 

Von im Ganzen 82 Fällen von Schädelbasisbruch, die auf der Fischer*- 
schen Abteilung zur Beobachtung kamen, wiesen 17 = 21 °/ 0 Lähmungen 
von Gehirnnerven auf, und zwar 

3 Lähmungen des N. opticus, 

1 Lähmung des N. oculomotorius, 

3 Lähmungen des N. abducens und N. facialis, 

10 Lähmungen des N. facialis. 

Die Lähmung einzelner Gehimnerven bei Schädelbasisbrüchen entsteht 
durch Zerreissung, Druck oder Quetschung des Nerven durch abgesprengte 


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Knochenstücke infolge Bruches des Knochenkanales, durch welchen der Nerv 
die Schädelhöhle verlässt. Zugleich mit der Verletzung der Nerven ist die 
Funktion desselben aufgehoben. Dasselbe Symptom kann allerdings auch 
ohne Fraktur durch Zerstörung der Nervenkerne oder durch Druck auf den 
Nerven infolge Blutung oder Exsudatbildung innerhalb der Schädelhöhle oder 
während seines Verlaufes im Knochenkanale bedingt sein. Die später, am 
4. bis 8. Tage auftretenden Lähmungen sind auf eine dem Lauf des Nerven 
folgende Entzündung des Nervenstammes zurückzufüliren. 

Wegen der vielen interessanten Einzelheiten muss auf die Arbeit selbst 
verwiesen werden. P. Wagner (Leipzig). 

Ein Fall von Meningitis und epiduralem Abscess mit Nachweis von 
lufluenzabacillen. Von M. Haedke. Münchener med. Wochenschrift 
20. Juli 1897. 

Bei einem Manne, der unter ausgesprochenen Symptomen einer Me¬ 
ningitis zu Grunde gegangen war, fand sich bei der Sektion eine Knochen¬ 
eiterung im linken Felsenbein, zu welcher ein fünf markstückgrosser epiduraler 
Abscess, dem Stirnhirn der linken Seite entsprechend, hinzugetreten war, eine 
Komplikation, welche durch Uebergreifen auf die weiche Hirnhaut zum Tode 
geführt hatte. Ein Zusammenhang der extraduralen Eiterung mit der eitrigen 
Ostitis konnte anatomisch nicht aufgedeckt werden. Trotzdem gelang es, als ge¬ 
meinsame Ursache in beiden Prozessen durch Färbung und Züchtung Influenza¬ 
bacillen nachzuweisen. 

Bemerkenswert waren ferner die Ergebnisse der an den beiden letzten 
Tagen vor dem Exitus ausgeführten Lumbalpunktionen. Während bei der 
ersten der Charakter der Lumbalflüssigkeit die klinische Diagnose nicht be¬ 
stätigte, liess derselbe bei der Wiederholung der Punktion nach 20 Stunden 
die entzündliche Natur des anatomischen Prozesses aufs deutlichste erkennen. 
Verfasser empfiehlt daher in ähnlichen Fällen die Lumbalpunktion häufiger 
zu wiederholen, was ohne Schädigung des Patienten geschehen könne. 

A. Aschoff (Berlin). 

Ein Beitrag zur Aetiologie der circumscripten Meningitis. Von Wolf. 
BerL klin. Woch. 1897, p. 200. 

Wolf berichtet über einen Fall von chronischer umschriebener Meningitis, 
welche im Gefolge einer chronischen Otitis media entstanden war; wegen 
akuter Exacerbation kam es zur Operation, doch war der letale Verlauf nicht 
mehr zu hindern. Die genaue bakteriologische Untersuchung des Eiters er¬ 
gab schwach virulente FränkeTsche Pneumococcen, nicht den Diplo- 
eoccus intracellularis. 

Im Zusammenhalt mit den vielfach in der Literatur vorhandenen An¬ 
gaben über Pneumococcenbefund bei Meningitis erscheint es dem Autor wahr¬ 
scheinlich, dass sowohl der Pneumococcus Fränkel, als auch der Diplococcus 
intracellularis Weichselbaum als Haupterreger der Cerebrosspinalmeningitiden 
anzusehen sind; nicht statthaft erscheint ihm der Gedanke einer einheitlichen, 
nur durch Sekundärinfektion verdeckten, bacillären Aetiologie. Bei der circum¬ 
scripten Entzündung der Hirnhäute ist bisher nur der FränkeFsche Pneumo¬ 
coccus nachgewiesen worden. 

Die Anführung von 29 einschlägiger Arbeiten beschliesst die Mitteilung. 

L. Brauer (Heidelberg). 


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Ueber die chirurgische Behandlung der angeborenen spastischen Glieder¬ 
starre. Von Adolf Lorenz. Wiener klin. Rundschau 1897, Nr. 21 
und ff. 

Die interne Therapie ist der Erkrankung gegenüber vollkommen macht¬ 
los, auch die chirurgische ist eine rein symptomatische, ihr Ziel ist es, den 
Patienten die Lokomotion ohne orthopädischen Apparat, der ihn auf Lebens¬ 
zeit vom Bandagisten abhängig macht, zu ermöglichen. Daher beschrankt 
sich das chirurgische Interesse auf jene Formen der allgemeinen und para- 
plegischen Starre, welche nicht mit höheren Graden psychischer Störung ver¬ 
bunden sind. 

Lorenz gibt eine überaus lebendige und auschauliche Beschreibung 
der bei der spastischen Gliederstarre vorkommenden Bewegungsstörungen. 
Das Haupthindernis geregelter Bewegung ist die stürmische Aktion, mit 
welcher die Muskeln auf die Innervation reagieren. Dagegen kann man vorder¬ 
hand gar nicht therapeutisch Vorgehen. Ein zweites Bewegungshindernis ist 
die Kontraktur der Gelenke, welche durch das Ueberwiegen gewisser Muskel¬ 
gruppen (fast immer der Adduktoren, der Beuger des Kniegelenkes, der 
Wadenmuskeln) über ihre Antagonisten bedingt ist und sekundär zu tro- 
phischer Verkürzung dieser Muskeln und ähnlichen Veränderungen der Ge¬ 
lenkskapsel führt Die Hauptaufgabe der Therapie besteht demnach in dem 
möglichsten Ausgleiche der vorhandenen Gleichgewichtsstörung des Muskel- 
Antagonismus, einerseits durch Schwächung der Muskeln von überwiegender 
Kraft, andererseits durch Hebung der Leistungsfähigkeit ihrer Antagonisten 
(Massage, Gymnastik, Elektricität). 

Lorenz schildert eingehend die Methoden, durch welche das erstere 
erzielt wird, die Tenotomie, Tenectomie, Myotomie, Myorhexis und Neurec- 
tomie des Nervus obturatorius, und wendet sich dabei gegen den Einwurf, 
dass man einen Muskel nicht schwächen dürfe, als einen rein theoretisierenden. 

Besonderes Gewicht legt er auf die Nachbehandlung nach der Operation, 
bestehend in einer mehrwöchentlichen Fixierung der Gelenke in überkorri¬ 
gierter Stellung, weiterhin in willkürlichen, aktiven Gelenksbewegungen im 
Sinne der Ueberkorrektur. Dadurch wird auch eine Erziehung und Gewöh¬ 
nung der Muskulatur unter die Bewegungsimpulse erzielt Die empfohlenen 
Mittel sind allerdings nicht neu; wohl aber darf man den ganzen therapeu¬ 
tischen Plan als etwas Originelles bezeichnen. 

Den Schluss der Arbeit bildet die Mitteilung einer Anzahl von Fällen 
aus der reichen persönlichen Erfahrung des Verfassers. Er hat im Ganzen 
über 50 Fälle beobachtet Eisenmenger (Wien). 


B. Rückenmark. 

Ueber die Erschütterung des Rückenmarkes. Von Dr. A. Wagner. 
Aus der Tübinger chirurgischen Klinik des Prof. Dr. Bruns. Beiträge 
zur klinischen Chirurgie, Bd. XVI, p. 493. 

N., Major a. D. f 48 Jahre alt, fuhr auf einem Bicycle mit ziemlich grosser 
Geschwindigkeit in einen Graben von ca. V 2 m Tiefe, den er zu spät gesehen hatte, 
um ihm aus weichen zu können; er stiess zunächst mit dem Vorderrade, dann mit 
dem Hinterrade an die gegenüberliegende Seite des Grabens und spürte dabei zwei¬ 
mal am ganzen Körper Erschütterungen. Auf der hinter dem Graben gelegenen 
Wiese legte N. noch 5 m zurück, fiel dann vornüber über die Lenkstange und ver¬ 
lor während dieses Falles oder kurz vorher das Bewusstsein auf Sekunden. 


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Bei unbedeutenden äusseren Verletzungen war N. an Armen und Beinen ge¬ 
lähmt und klagte über Schmerzen in beiden Händen. Harnverhaltung. Stuhlentleerung erst 
am 6. Tage. Sensibilitätsstörung an den unteren Extremitäten. Spontane Besserung, 
Am 11. Tage Aufnahme in die Klinik. 

Status: Gehirn nerven frei. 0, E. Kraftlose Bewegungen, Fingerbewegungen 
können nicht gemacht werden. Finger gekrümmt und in die Hohlhand ein geschlagen. 
Schmerz bei passiver Streckung der Finger. Die Haut der Hände und Vorderarme 
ist hyperalgetiseh, rechts mehr als links. — U. E. Kraftlose Bewegungen, keine Sensibilitäts¬ 
störungen, Patellarsehnenreflex vorhanden. Wirbelsäule normal, Kriebeln im Kücken. 
Harnverhaltung, Katheterismus, Cystitis. Stuhl auf Medikamente. 

Verlauf: Nach 5 Tagen spontane Urinentleerung, nach 9 Tagen Fingerbe¬ 
wegungen möglich, nach ca. 2 1 /, Monaten Entlassung bei fast vollkommener Heilung. 
Nach 9 Monaten Restitutio ad integrum. 

W. bezeichnet diesen Fall als reine Rückenmarkserschütterung. 
Er erörtert jene Fälle von Kückenmarkserschütterung, die unmittelbar nach 
der Verletzung oder nach kürzerer oder längerer Zeit tödtlich geendet haben 
und einer pathologisch anatomischen Untersuchung unterworfen worden sind. 
Es sind dies 12 Beobachtungen am Menschen und eine Beobachtung an einem 
Tiere; hieran schliesst er die experimentellen Untersuchungen von Schmaus 
und Watson an Kaninchen und Hunden. Die Ergebnisse der Ausführungen 
über die Frage nach dem Wesen der Rückenmarkserschütterungen fasst W. 
dahin zusammen: Die pathologisch-anatomische Grundlage der Rückenmarks¬ 
erschütterung ist in Veränderungen in dem inneren Bau der Nervenzellen 
zu suchen, deren Erkenntnis uns allerdings durch die zur Zeit zur Verfügung 
stehenden Untersuchungsmethoden vorläufig noch verschlossen ist, deren Be¬ 
stehen jedoch durch die in einer Reihe von Beobachtungen am Menschen, 
sowie durch Experimente konstatierten sekundären Degenerationserscheinungen 
notwendig gefordert werden muss. 

J. A. Hirschl (Wien). 

Ueber Wirbelresektion bei spondylitischer Drucklähmung. Von Hans 

Wachenhusen. Aus der Heidelberger chirurgischen Klinik des Prof. 

Dr. Czerny. Beiträge zur klinischen Chirurgie, Bd. XVH, 1896, p. 75. 

Wachenhusen teilt 5 Fälle von Wirbelresektion bei spondylitischer 
Lähmung mit 

1. Fall. 18 jähriger Mann mit tuberkulöser Spondylitis des 5. bis 7. Brust¬ 
wirbels. Kompressionserscheinungen des Rückenmarks: spastische Parese beider Beine, 
gesteigerte Reflexe. Sensibilität, Blase und Mastdarm normal. Nach Injektion von 
Tuberculinum Koch komplete motorische Lähmung der unteren Extremitäten, sen¬ 
sible Lähmung bis zum 6. Intercostalraum, Harnverhaltung, Incontinentia alvi, De¬ 
cubitus. Operation: Entfernung der cariösen Wirbelbögen vom 5. bis 8. Brust¬ 
wirbel, der 2 linken Querfortsätze des 6. und 7. Wirbels und des Halses der 7. Rippe, 
Freilegung und Entleerung zweier eigrosser subpleuraler käsiger Abscesse, Entfernung 
des eitrig infiltrierten epiduralen Gewebes. Dura intakt, prall gefüllt von dem weiss- 
lich durchschimmernden Mark, das in den unteren Abschnitten nicht pulsiert (Oedem). 
Drainage, Naht, Verband. — Verlauf: Wunde reaktionslos, Nachlass der Inconti¬ 
nentia alvi. Da die fungösen Massen im Wirbelkanal weiterwuchern, Eröffnung der 
Dura 43 Tage später. Nach 9 weiteren Tagen Exitus. Obduktion: Ascendierende 
eitrige Meningitis, Cystitis, Pyelitis. 

2. Fall. 17 jähriges Mädchen. Seit 1 Jahre krank. Im Bereich des 7. bis 
9. Brustwirbels spitzwinkelige Kyphose, deren höchste Prominenz der Processus spi- 
nosus des 8. Brustwirbels ist. Vollständige Paraplegie mit Kontrakturen und un¬ 
willkürlichen Zuckungen in den unteren Extremitäten. Patellarsehnenreflex gesteigert, 
Fussclonus. Vom unteren Rand des Nabels nach abwärts vollständige Anästhesie. 
Hamträufeln nach Retentia urinae bei Anästhesie der Blase. Stulü angehalten. 
Decubitus. Operation: Resektion des 7. bis 9. Dornfortsatzes. Trepanation am 
9. Bogen und Entfernung der Bögen des 7. bis 10. Brustwirbels. Erweiterung des 
Rückgratkanals nach beiden Seiten hin, Freilegung der Hinterüäche der Medulla. 


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Epidurales Gewebe fester mit der Dura verwachsen, diese intakt, Pulsation unterhalb 
der Kniekungssteile fehlend. Stumpfe Ablösung der Dura vom Knochen, Tamponade, 
Naht, Verband. Verlauf ohne Besserung, nach l 1 /, Monaten Exitus. Obduktion: 
Körper des 9. Brustwirbels total verkäst, im Operationsterrain käsig nekrotische Massen; 
Rückenmark daselbst erweicht. Beiderseits Öpitzeutuberkulose der Lungen, diphthe- 
ritische Zerstörung der Blaseuschleimhaut, Decubitus. 

3. Fall. 22 jähriges Mädchen. Ca. 9 Monate krank, der Beginn der Erkrankung 
fallt mit dem Beginne einer Schwangerschaft zusammen. Spitzwinkelige Kyphose 
vom 7. bis 10. Brustwirbel, deren höchste Prominenz dem rrocessus spinoeus des 
9. Brustwirbels entspricht. Paraplegie, schnellschlägiges Zittern in den unteren 
Extremitäten; Patellarklonus, Fussklonus. Sensibilität an unteren Extremitäten 
zeigt nur verlangsamte Leitung. Parese des Sphincter und Detrusor vesicae, mit¬ 
unter Incontinentia alvi. Decubitus. Abendliche Temperatursteigerung bis 38,5, 
geringe Menge von Albumen im Harn. Operation : Abtragung des 7. bis 10. Brust¬ 
wirbeldorn fortsatzcs, Trepanation am 9. Brustwirbel, Entfernung der Bögen des 8. 
und 9. Brustwirbels. Das Rückenmark zeigte sich über den am stärksten nach 
hinten vorspringenden Wirbelkörpern geknickt, erst nach Resektion der Bögen 
des 7. bis 9. Brustwirbels Pulsation im Marke. Ablösung des epiduralen Fettes von 
der Dura. Tamponade, Naht, Verband. Nach VL Monaten Extension nach Volk- 
mann durch mehr als 1 Monat; Rückkehr der axtiven Beweglichkeit der unteren 
Extremitäten. Wachenhusen zeigt an, dass die Kranke demnächst ihre ersten 
Gehversuche machen wird. 

4. Fall. 8jähriger Knabe. V/ 4 Jahre krank. Kyphose den Dornfortsätzen 
des 3. bis 4. Brustwirbels entsprechend. Paraplegie mit leichter Kontraktur, Patellar- 
sehnenreflexe gesteigert. Fussclonus, Bchnellscnlägige klonische Zitterbewegungen. 
Sensibilität der unteren Extremitäten für alle Qualitäten herabgesetzt. Parese der 
Blase und des Mastdarms, kein Decubitus. — Operation: Entfernung der Dom¬ 
fortsätze und der hinteren Bögen des 2. bis 4. Brustwirbels. Nach Entfernung eines 
Bogens drängte sich die Dura nebst dem Mark fest in die entstandene Oefifnung, ein 
Zeichen, dass das Mark von vom nach hinten gedrängt wird. Dura etwas injiziert, 
sonst intakt. Nachdem das Mark in seiner Hülle mit dem stumpfen Haken zur 
Seite geschoben ist, erkennt man einen von den Wirbelkörpern ausgehenden, stark 
gespannten Abscess, der in den Wirbelkanal hineinragt und inn entsprechend verengt. 
Anbohrung des Abscesses mit der Kornzange, Ausräumung seiner etwa nussgroesen 
Höhle mit dem scharfen Löffel, dabei Aushebung von käsigen Massen und kleinen 
Sequestern, Ausätzung des Abscesses mit Chlorzink. Drainage, Tamponade, Verband. 
— Nach dem Aufwachen aus der Narkose Reflexerregbarkeit nicht mehr ge¬ 
steigert, sonst Status idem. 14 Tage post operationem bewegt der Kranke die grosse 
Zehe des linken Fusses, nach weiteren 12 Tagen die des rechten. Nach 8 Wochen 
bewegt er beide Füsse. Nach l / 4 Jahre die ersten Gehversuche, nach 5 Monaten 
kann der Kranke einige Schritte ohne Unterstützung gehen. — Später Verschlechte¬ 
rung, neue Ausschabung der Fistel. — Nach */* Jmir vollständige Heilung. Als 
Wachenhusen den Knaben das letztemal sah, sprang er vier Stufen einer Treppe 
frei herab. 

5. Fall. 47t Jahre altes Mädchen. l*/ 4 Jahre krank. Stark prominente Ky¬ 
phose in der Höhe des 4. bis 6. Brustwirbels. Paraparese der unteren Extremitäten 
mit Reflexsteigerung und Fussphänomen. Sensibilität stark herabgesetzt. Incontinenz 
der Sphincteren. Beginnender Decubitus. — Operation: Abtragung der Processus 
spinosi und der hinteren Bögen des 4. bis 6. Brustwirbels. Rechts neben dem in¬ 
takten Mark tuberkulös-eitrige Infiltration der Querfortsätze, von wo aus man 
in eine grössere Höhle gelangt, die dem 4. und 6. Brustwirbelkörper entspricht. Ver¬ 
fahren wie im 4. FalL Verlauf: 6 Tage p. o. Retentio urinae, 8 Tage p. o. ein¬ 
malige willkürliche Bewegung der linken grossen Zehe. 11 Tage p. o. Exitus. 
Obduktion: Tuberkulöse Zerstörung der Körper des 4. bis 6. Brustwirbels. Disse- 
minierte Miliartuberkulose der linken Lunge, tuberkulöse Bronchopneumonie. 

Wachenhusen bespricht nach Mitteilung dieser 5 Fälle die Pathologie 
der spondylitischen Drucklähmung auf Grund der in der sehr umfangreichen 
Literatur niedergelegten Beobachtungen und Ansichten. Zunächst konstatiert 
er, dass es in erster Linie der extradurale Abscess oder die fungöse 
Wucherung, also ein rein mechanisches Moment ist, welches durch kon¬ 
tinuierlich zunehmende Verengerung des Wirbelkanals schon früh zu einer 
Funktionsstörung des Markes Veranlassung gibt Er fasst ferner die Urteile 


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der Autoren dahin zusammen, dass die Lähmung nur selten Folge einer 
Spondylolisthesis d. h. Verschiebung von Wirbelkörpem sei, dieselbe vielmehr 
auf einer mechanisch erzeugten Cirkulationsstörung — sei es Lymph- 
stauung oder Anämie — beruhe, dass ferner, und dieser Punkt ist von be¬ 
sonderer Wichtigkeit, diese Cirkulationsstörung längere Zeit bestehen 
kann, ohne irreparable Veränderungen im Marke zu hinterlassen. 

Nach Besprechung der Diagnose, stellt er folgende Indikationen auf: 

I. In Fällen von Caries der Wirbelkörper erscheint 

1. die Operation geboten: a) wenn die Sensibilitäts-, Blasen- 
und Mastdarmstörungen zunehmen und zu Decubitus zu 
führen drohen, ferner wenn die Lähmung noch nicht so 
lange besteht, dass irreparable Veränderungen im Marke 
wahrscheinlich sind; b) wenn das Leiden sich auch bei 
wochenlanger orthopädischer Behandlung nicht bessert 
2) Contraindiciert ist die Operation: a) bei ausgebreiteter Tuber¬ 
kulose und schwerem Decubitus; b) bei schlechtem All- 
gemeinzustand. 

IL In allen Fällen von Caries der Wirbelbögen ist die 
Operation geboten. 

Aus der Mitteilung der Operationsstatistik (Tabelle am Schluss der 
Arbeit) ergibt sich, dass bei drei Vierteln aller Fälle (27 von 35) durch die 
Operation eine Einwirkung auf die Lähmung erzielt wurde. Von den 35 
zusammengestellten Fällen sind 15 durch die Operation teils als dauernd 
geheilt zu betrachten, teils ohne weitere Beobachtung mit guter 
Gehfähigkeit entlassen worden, bei 5 Fällen winde eine Besserung der 
Lähmung, bei 7 nur vorübergehendes Schwinden der Symptome erzielt Die 
anderen starben. — Der grösste Teil der als geheilt entlassenen und dauernd 
geheilten Fälle sind Kinder im Alter von 3y 2 bis 13 Jahren, woraus folgt, 
dass bei Kindern die Resultate der Operation weit günstiger sind 
als bei Erwachsenen. 

Bemerkungen über die Operationstechnik beschliessen die Arbeit 

J. A. Hirschl (Wien). 

Beitrag zur Chirurgie des Rückenmarkes. Von Trapp. (Münchener 
med. Wochenschrift 1897, Nr. 27). 

An ein Trauma (Fall aufs Gesäss) hatte sich bei einem jugendlichen 
Patienten eine tuberkulöse Wirbelerkrankung angeschlossen. 

Mit der Extension nahmen die spastischen Erscheinungen ab, die Be¬ 
weglichkeit des Fusses besserte sich. 

Eine nach einiger Zeit rasch auf tretende Verschlimmerung führte auf 
die Vermutung, dass ein tuberkulöser Vorgang sich innerhalb des Wirbel¬ 
kanales abspiele und dort eine allmähliche Zusammendrückung des Rücken¬ 
markes bedinge. 

Da eine Besserung bei weiterer orthopädischer Behandlung ausgeschlossen 
schien, wurde zur Eröffnung des Wirbelkanales gegangen und es konnte 
nach Entfernung der Domfortsätze und der hinteren Wirbelbögen des 7. und 
8. Brustwirbels und nach Eröffnung des Duralsackes ein Theelöffel dicken, 
gelben Eiters, vermischt mit käsigen Bröckeln entleert werden. Rasche Besse¬ 
rung. Nach einigen Monaten geht Patient mit einem einfachen Stützapparat 
sicher, allein und ohne jede Stütze, gewiss ein schöner, bemerkenswerter Erfolg! 

L. R. Müller (Erlangen). 

Oentnüblatt t d. Gr. d. Med. u. Chir. I. Ä 


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Ein Beitrag zur Lehre yon den Frakturen der Lendenwirbels&ule, mit 
besonderer Berücksichtigung der operativen Behandlung. Von Privat- 
docent Dr. Enderlen. Aus der chirurgischen Klinik zu Greifswald (Prof. 
Helferich). Deutsche Zeitschrift für Chirurgie, Bd. 43, 1896. 

Ein 30 jähriger Mann stürzte aus der Höhe von 60 Fuss auf den 
Boden, wobei er beim Falle zuerst mit dem Rücken auf eine Leiter schlug 
und dann mit den Füssen auf den Boden anlangte. Das Bewusstsein soll 
sofort erloschen gewesen sein. 

Bei der Untersuchung stark benommenes Sensorium, Schmerzhaftigkeit 
in der Höhe des 4. Brustwirbels, Druckempfindlichkeit und Prominenz in 
der Gegend des 1. Lendenwirbels; motorische Lähmung fehlte. Dagegen 
fand sich Anästhesie an der hinteren Fläche der Oberschenkel, am Damme, 
Scrotum, Penis und den Nates, Incontinentia urinae et alvi. Im Laufe der 
Zeit stellte sich hochgradige Atrophie der Oberschenkelmuskulatur ein. Der 
Tod erfolgte 1 / i Jahr nach der Verletzung an Lungentuberkulose. Auf die 
mehrfachen Komplikationen des Verlaufes infolge von anderweitigen Ver¬ 
letzungen und Infektionen soll hier nicht eingegangen werden. 

Bei der Obduktion fand sich Fraktur des 6. Brustwirbels, wobei der 
5. Brustwirbel in den 6. eingepresst war und eine Knochenprominenz von 
5 mm Höhe entstand, ohne dass der Wirbelkanal hier verengt gewesen wäre, 
Weiters Fraktur des 1. Lendenwirbels mit starker Prominenz in den Wirbelkanal 
und starker Verengerung desselben. Hier die Dura mit dem Knochen und 
andererseits mit den Nerven der Cauda verwachsen. Bei der mikroskopischen 
Untersuchung fand sich eine nahezu totale Querschnittsläsion des Rückenmarks 
vom 2. bis 5. Sacralnerven mit typisch aufsteigender Degeneration in den 
Hintersträngen. 

In der Epikrise erörtert Enderlen zunächst die Chancen eines chirur¬ 
gischen Eingriffes in diesem Falle und kommt zum Schlüsse, dass derselbe 
aussichtslos gewesen wäre, hauptsächlich deswegen, weil das Rückenmark 
durch das Trauma direkt zerstört wurde, nicht eigentlich komprimiert war. 

Im Folgenden giebt Enderlen eine kritische Sichtung der in der 
Literatur beschriebenen Fälle von Fraktur der Lendenwirbelsäule. Hier 
seien nur die Schlussfolgerungen des Autors gegeben. Ein sofortiger operativer 
Eingriff erscheint ihm nur gerechtfertigt, wenn eine Splitterfraktur oder ein 
komplizierter Bruch eines Bogens vorliegt und die Annahme besteht, dass 
Knochenfragmente in die Medulla oder die Cauda eingedrungen sind. In 
den anderen Fällen bestehen grosse diagnostische Schwierigkeiten, insofern 
als die Erscheinungen Folge einer Erschütterung, allenfalls weiterer an diese 
sich anschliessender Veränderungen sein können, oder das Rückenmark direkt 
geschädigt oder endlich die Symptome bloss Folge einer Kompression des 
Rückenmarks sein können. Nur in letzterem Falle bietet die Operation Aus¬ 
sicht auf Erfolg. Enderlen ist ein Gegner der Frühoperationen, schon 
deswegen, weil spontane Besserungen bis über den dritten Monat nach 
stattgehabtem Trauma durchaus nicht zu den Seltenheiten gehören. Keines¬ 
falls soll vor Ablauf der dritten Woche operiert werden. 

Enderlen erläutert seine Anschauungen auch an den zur Obduktion 
gekommenen Fällen, bei denen er unter Anführung der einzelnen Fälle die 
Chancen eines operativen Eingriffes erörtert. 

Redlich (Wien). 


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Ueber die diagnostische Bedeutung der Lumbalpunktion. Von J. Bent¬ 
heim und P. Moser. Wiener klinische Wochenschrift 1897, Nr. 20 u. 21. 

Eine tabellarische Zusammenstellung von 80 Fällen der Klinik Wider¬ 
hofer, bei denen (zum grössten Teil an der Leiche) Lumbalpunktion vorge¬ 
nommen wurde. Darunter waren 62 Fälle von Meningitis tuberculosa, 4 Fälle 
von Meningitis cerebrospinalis epidemica, 7 Fälle von Lepto- und Pachy- 
meningitis purulenta und 7 Fälle von meningitisähnlichen Symptomenkomplexen. 
Die Operation ist bei Kindern leicht ausführbar, Narkose oder Lokalanästhesie 
ist nicht erforderlich. Aspiration in vivo war nur in einem Fall nötig; die 
Verfasser halten die Aspiration geringer Mengen (1—3 ccm) für unbedenk¬ 
lich. Verletzungen oder Berührungen von Nerven kamen nicht vor, Blut¬ 
beimengungen verhältnismässig häufig bei Punktionen an der Leiche, wahr¬ 
scheinlich, weil dabei häufiger aspiriert werden musste. Differentialdiagnostisch 
wichtig für diese accidenteilen Blutbeimengungen ist, dass dieselben nur während 
eines Teils der Aspiration auftreten, während bei primärem Gehalt der Cere- 
bfrospinalflüssigkeit an Blut die Punktionsflüssigkeit vom Anfang bis zum Ende 
blutig erscheint Im Allgemeinen ist die Punktion eine gefahrlose und leicht 
auszuführende Operation. 

Druck, Eiweissgehalt und specifisches Gewicht wurden nicht bestimmt 
Wichtiger ist das Aussehen der Flüssigkeit Die Verfasser fanden sie bei 
Meningitis tuberculosa fast regelmässig deutlich getrübt, allerdings war die 
Trübung häufig nur im durchfallenden Lichte erkennbar. Vom mikrosko¬ 
pischen Befund ist bemerkenswert, dass die Verfasser in 73°/ 0 der Fälle 
von Meningitis tuberculosa Bacillen nachweisen konnten. In den Fällen, 
in denen der mikroskopische Nachweis versagte, ergab der Tierversuch noch 
in 85°/ 0 positive Resultate. Vom Mikrobenbefund abgesehen ist das Re¬ 
sultat der mikroskopischen Untersuchung nur mit grosser Vorsicht zu ver¬ 
werten, da sehr grosse Verschiedenheiten Vorkommen. Bei 10 Fällen von 
eitriger Meningitis fand sich 3mal Weichselbaum’scher Diplococcus intra- 
cellularis, 2mal Streptococcus, lmal Streptococcus und Staphylococcus, lmal 
Streptococcus und Tuberkelbacillen, 3mal Kapselcoccen. 

Eisenmenger (Wien). 

Ueber die Lumbalpunktion und ihre Bedeutung für die Chirurgie. 

Von H. Braun. Arch. f. klin. Chir. XLIV, 4, p. 885, 1897. 

Braun beginnt mit einigen Bemerkungen über die Technik der Lumbal¬ 
punktion und über die Untersuchung der durch sie erhaltenen Cerebrospinal¬ 
flüssigkeit, er erwähnt hierbei die Ursachen der ergebnislosen Punktionen 
und warnt» nach der Punktion eintretende Todesfälle ohne Weiteres diesem 
Eingriffe zur Last zu legen. 

Nach einer kurzen Besprechung der Ergebnisse der Lumbalpunktion 
bei Cerebrospinalmeningitis, Meningitis serosa, Gehirnabscess, Gehirntumor, 
Sinusthrombose hebt Braun auch die für den Chirurgen wichtige Diagnose auf 
Meningitis tuberculosa hervor. Er konnte bei 8 Kranken 6mal Tuberkel¬ 
bacillen in der durch Punktion erhaltenen Cerebrospinalflüssigkeit nachweisen. 
Von besonderer Wichtigkeit für den Chirurgen ist ferner die sichere Diagnose 
der eitrigen Meningitis; Verf. hat hier bei 8 Kranken die Punktion ge¬ 
macht Die Erkrankung hatte sich an Otitis media mit Cholesteatombildung, 
an Gehirnabscess' und an Schädelverletzungen angeschlossen. 6mal konnten 
vermehrte polynudeäre Leukocyten allein, oder solche mit Bakterien gemischt 

4* 


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nachgewiesen werden; 2mal wurden jedoch trotz ausgedehnter Hirnhautent¬ 
zündung keine corpusculären Elemente gefunden. Es ist also nur der posi¬ 
tive Nachweis von Leukocyten oder Bacterien für die Diagnose einer Me¬ 
ningitis purulenta verwertbar. 

Ein endgiltiges Urteil über den therapeutischen Wert der Lum¬ 
balpunktion scheint bis jetzt noch nicht abgegeben werden zu können. 
Jedenfalls ist bei der Beurteilung des Erfolges grosse Vorsicht nötig, zumal 
es sich nicht selten um Gehirnkranke handelt, die vielfache, oft plötzliche 
Schwankungen im Befinden zeigen. Jedenfalls ist aber die Lumbalpunktion 
ein wichtiges diagnostisches Hilfsmittel zur Erkennung mancher Erkrankungen 
des Gehirns und seiner Häute und verdient desshalb auch häufiger von 
Seiten der Chirurgen in Anwendung gebracht zu werden, als dies bisher ge¬ 
schehen ist. P. Wagner (Leipzig). 


C. Periphere Nerven. 

Du traitement des certaines nöuralgies rebelles par la rösection intra¬ 
durale des racines post<5rieures. Von A. Chipault, Salpötriöre. (Ga¬ 
zette des höpitaux 1897, Nr. 8). 

Der Kranke litt seit 4 Jahren an einer heftigen Neuralgie des rechten 
Armes, die allen, auch mehrfachen chirurgischen Behandlungen trotzte; auch 
Morphin wirkte nur für Minuten; weit vorgeschrittene Kachexie. Genaue 
Untersuchung, auf Experimente an Affen gestützt, ergab, dass es sich nicht 
um einen Nerven, sondern um eine hintere Wurzel, die 8. rechtseitige cer- 
vicale, handelte, genau in ihrem Hautgebiete („radiculalgie“). Mangels jeder 
zur Erklärung heranzuziehenden Läsion des Rückgrats oder der Medulla, führte 
Verf. die Eröffnung der Wirbelsäule und die intradurale Resektion jener 
Wurzel aus, und zwar des ganzen intraduralen Stückes; dem Austritte der 
8. Wurzel aus dem Rückenmarke entspricht nach des Verfassers Operationen 
an der Leiche beinahe der 7. Dornfortsatz. Ausserdem wurde die entsprechende 
vordere Wurzel elektrisch gereizt, und das Ergebnis, intensive Kontraktionen 
der Handmuskeln, der Fingerbeuger, mit zu geringer Intensität der Supinatoren, 
entsprach ganz den Versuchen am Affen. Seither, d. i. seit 2 ! / 2 Jahren, ist 
Patient vollständig geheilt, ohne irgend eine Funktionsstörung, Hypästhesie 
im entsprechenden Gebiet bestand kaum durch 24 Stunden. Die intra¬ 
durale Resektion der hinteren Wurzeln wird als ideale Behandlung der 
hartnäckigen Neuralgien bezeichnet. — Schade, dass Verfasser mit keinem 
Wort anführt, w r as ihn gerade an die 8. Wurzel hat denken lassen. 

Infeld (Wien). 

Ueber wandernde Neuritis nach Verletzungen. Von Prof. L. Krehl, 
Jena. Mitteilungen aus den Grenzgebieten der Medizin und Chirurgie, 
Bd. 1, Heft 3, 1896. 

Sieben nicht abgeschlossene Fälle werden in den im Titel angegebenen 
Sinne aufgefasst. Es sind fast durchwegs Fälle, wo nach einer begrenzten 
Verletzung, die einen Nerven einer oberen Extremität getroffen hatte, mit 
der Zeit auch in anderen Nerven Krankheitserscheinungen auftraten. Die 
Vermutung, es könne sich um traumatische Hysterie handeln, wird kurz ab¬ 
gelehnt. Verfasser weist auf die oft bedeutende zeitliche Differenz der Sym- 


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ptome hin. Das Erste sind in der Regel die Folgen sensibler Reizung, oft 
auch das Vorherrschende, sie beginnen an der Stelle der Verletzung und 
strahlen längs der Nervenstämme aus. Parästhesien, Taubsein, Herabsetzung 
der Druck-, Schmerz- und Temperaturempfindung, fast immer nur Teile des 
vom erkrankten Nerven versorgten Hautgebietes betreffend, (letztere können 
aber auch fehlen), motorische Störungen mit Atrophie und Entartungsreaktion 
in einzelnen Muskeln, nie Coordinationsstörungen. Der Prozess kriecht von 
der Stelle der Verletzung auf- und abwärts. Die grossen Nerven sind oft 
wesentlich verdickt und stark druckempfindlich, was auf Exsudat bezogen 
wird, wie ein solches in einem Falle bei der Operation zu sehen war. Bei 
keinem der Kranken hatte sich der Prozess über das zunächst befallene Glied 
hinaus verbreitet, trotzdem die Krankheitsdauer einmal 7 Jahre betrug. Es 
lässt sich nie sagen, ob die Krankheitserscheinungen sich vollkommen zurück¬ 
bilden, ob sie stationär bleiben oder ob sie fortschreiten und eventuell dann 
noch stehen bleiben werden. Verfasser rät, bei den Unfallskranken die Rente 
immer nur für gewisse Zeiten zu bestimmen. Therapie wie bei der primären 
chronischen Neuritis. Infeld (Wien). 

Ueber einen ungewöhnlichen Fall einer Läsion des Halsteils des Sym- 
pathicus. Von Dr. L. Jacobsohn. Neurologisches Centralblatt Bd. XIV, 
Nr. 5. 

Krankheitsbild: Bei einem jährigen Kinde treten nach Eröffnung 
und Auskratzung eines Drüsenabscesses der linken Halsseite eine Reihe von 
Symptomen an der operierten Seite auf: 1. Verengerung der Pupille, 2. Ver¬ 
engerung der Lidspaite, 3. Blässe und Kühle der Gesichtshälfte, 4. Anidrosis 
dieser Hälfte, 5. Enophthalmus, 6. Eingefallensein der ganzen Gesichtshälfte, 
die in ihrer Gesamtheit es unzweifelhaft machen, dass bei der Operation der 
Halssympathicus erheblich verletzt worden sein muss. Da keine Alterationen 
des Herzens mit eingetreten sind, so ist es höchst wahrscheinlich und ent¬ 
spricht auch der Lage der grösseren Narbe (die ungefähr 3—4 cm lang quer 
über die Portio clavicularis des M. stemo-cleido-mastoideus hinweg bis in das 
hintere Halsdreieck hinein zieht und ungefähr 2—3 Finger breit unterhalb 
des linken Unterkieferwinkels liegt), dass das Ganglion cervicale supremum, 
bezw. die von diesem abgehenden Fasern beschädigt wurden. — Die gleich¬ 
falls bestehende Hypästhesie der linken Gesichtshälfte darf wohl nicht als 
ein direktes, durch Verletzung des Sympathicus entstandenes Symptom be¬ 
trachtet, sondern muss als ein indirektes aufgefasst werden, welches wahr¬ 
scheinlich durch die dauernd bestehende mangelhafte Injektion der Hautge- 
fässe der Gesichtshälfte und die Kühle dieser Partie bewirkt wird. 

Das Eigentümliche des Falles ist das Symptom 3, resp. sein Auftreten 
unmittelbar nach der Verletzung, während gewöhnlich auf Läsion eines Hals¬ 
sympathicus Injektion der Hautgefässe an der gleichen Gesichtshälfte und 
damit verbundene Erhöhung der Temperatur zu beobachten ist, resp. Blässe 
und Kühle bisher nur lange Zeit nach der Läsion beobachtet worden ist. — 
Erklärung entweder durch Kombination von Lähmung mit partieller Reizung 
wegen der bei der Verletzung , erfolgten Zerrung und Durchreissung, nicht 
glatten Durchschneidung von Nervenfasern und später] anhaltender Zerrung 
durch die Narbe — oder durch Lähmung angenommener gefässerweiternder, 
neben den gefässverengernden bestehender Fasern. 

Infeld (Wien). 


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lieber eine sehr seltene Form der alternierenden Skoliose bei Ischias. 

Von Dr. H. Higier. Neurologisches Centralblatt, Bd. XIV, Nr. 22. 

Verfasser hebt hervor, dass zum Entstehen einer Skoliosis ischiadica nicht 
gerade eine Neuralgie im N. ischiadicus notwendig sei, sie kommt vielmehr in 
typischer Weise auch bei anderen lumbosacralen Neuralgien vor. Die Varie¬ 
täten dieser Scoliose, die gekreuzte, die gleichseitige und die alternierende, 
i. e. die Krümmungsrichtung ändernde werden beschrieben. — Im vorliegenden 
Falle handelt es sich um gleichzeitige Affektion des Plexus lumbalis in seinen 
vorderen und hinteren Aesten, u. z. um einen traumatisch bedingten neuritischen 
Prozess, Neuritis lumbosacralis mit gekreuzter Skoliose; nach einer Linderung 
der Schmerzen bekam Patient im Anschluss an eine traurige Nachricht einen 
sehr starken Schmerzanfall, womit eine zwar weniger ausgesprochene, aber 
entgegengesetzte, ungekreuzte Skoliose verbunden war, die durch Druck auf 
Schmerzpunkte zu steigern war; nach 24 Stunden waren die Schmerzen fast 
verschwunden, die Skoliose war wieder gekreuzt, eine Richtungsänderung der¬ 
selben durch mechanische Handgriffe nicht mehr zu erzielen. Wiederholung 
dieser Vorgänge bei Schmerzparoxysmen. Eine willkürliche Aenderung der 
Skoliosenrichtung war nie zu erzielen, passiv war die Krümmung nicht aus¬ 
zugleichen. 

Indem Verfasser den Fall mit einem eigenen und den wenigen sonst 
publizierten ähnlichen Fällen vergleicht, hebt er das plötzliche und vorüber¬ 
gehende, von dem individuellen Moment der Beschäftigung unabhängige Alter¬ 
nieren der Skoliose während eines intensiven Schmerzanfalles hervor. 

Infeld (Wien). 


Ein Fall von Resektion des Gasgerüchen Ganglions. Von Umberto 
Monari. Aus der Bologneser chirurgischen Klinik des Prof. Dr. Novaro. 
Beiträge zur klinischen Chirurgie, Band XVH, 1896, p. 495. 

Der Fall ist folgender: 

R., 55 Jahre alt. Eine Schwester Migräne. Im Verlaufe der letzten 3 Jahre 
eine typische linksseitige Trigeminusneuralgie mit vorwiegender Beteiligung des 3. Astes. 
Alle internen Mittel versagten. Status: linke Gesichtshälfte abgemagert mit geröteter 
blutreicher Conjunctiva, starker Thränensekretion und bald stark geröteter, bald sehr 
blasser Haut. Ausserordentlich erhöht die Schmerzempfindlichkeit der linken Ge¬ 
sichtshaut bei sonst nicht gestörter Sensibilität. Starke Druckschmerzhaftigkeit der 
linken Druckpunkte. Während der Schmerzanfälle, die in kurzen Zwischenpausen 
auf traten und besonders das Gebiet des 3. Astes betrafen, auffallende Stauung in den 
Kopfadern, sowie starke tonische Kontraktion in den Muskeln der linken Gesichts- 
hälfte. Sonst normaler Befund. 

Operation. M. verzichtet auf die intrakranielle Neurektomie, weil in vielen 
Fällen Recidive der Neuralgie eintrat. Er entscheidet sich für die Resektion 
des Ganglion Gasseri. Da die Mortalität bei totaler Resektion eine verhält¬ 
nismässig hohe ist, wählt er die Resektion mit Verschonung der ophthai¬ 
mischen Wurzel, bei welcher Operation überdies das Auge vor tropischen Störungen 
bewahrt bleibt. Unter den drei Operationsmethoden, der transmaxillaren, pterygoidei- 
schen und temporalen, wählt er die letztere. 

Die Neuralgie schwand nach der Operation vollkommen. Der linke M. fron- 
talis war gelähmt (temporaler Weg zum Operationsterrain!); die vom linken Trige¬ 
minus versorgten Muskeln paretisch; Sensibilität dem Gebiete des 2. und 3. linken 
Trigeminusastes entsprechend aufgehoben, in der linken Hälfte der Stirngegend ver¬ 
mindert; die Geschmacksempfindung in den zwei vorderen Dritteln der linken Zungen¬ 
hälfte aufgehoben. Diese Ausfallserscheinungen würden am 20. Tage nach der Ope¬ 
ration konstatiert und zeigton sich auch später nicht verändert. 

Die histologische Untersuchung des excidierten Ganglionstückes ergab voll¬ 
kommen negativen Befund. 

J. A. Hirschl (Wien). 


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D. Niere. 

Ueber den diagnostischen Wert des Ureterenkatheterismus für die Nieren- 
chimrgie. Von E. Holländer. Berliner klinische Wochenschrift 1897, 
Nr. 34. 

Ueber den diagnostischen Wert des Ureterenkatheterismus für die Nieren- 
chirargie. Von L. Kasper. Entgegnung auf den gleichnamigen Auf¬ 
satz des Herrn Dr. Holländer. Berliner klinische Wochenschrift 1897, 
Nr. 38. 

Holländer warnt vor einer kritiklosen Ueberschätzung und Verall¬ 
gemeinerung der Methode und lässt die Möglichkeit eines Nutzens nur für 
vereinzelte Fälle gelten. 

I. Die Gefährlichkeit des Eingriffs ist dadurch erwiesen, dass schon 
bei gesundem Harnleiter in 50 °/ 0 der Fälle eine Blutung hervorgerufen wird. 
Ob nun diese Blutung durch eine Verletzung der Schleimhaut oder durch 
Diapedese (Fremdkörperureteritis) entsteht, auf jeden Fall besteht die Gefahr 
einer Infektion der lädierten Stelle durch den Katheter oder von der Nach¬ 
barschaft her. Wenn Casper keine schädlichen Folgen gesehen hat, so liegt 
das daran, dass das Intervall zwischen Trauma und manifesten Folgen ein 
sehr grosses sein kann. 

H. Der diagnostische Wert der Ureterensondierung ist ein verhältnis¬ 
mässig geringer. Ob die Blase oder die Niere oder beide Sitz der Erkrankungen 
sind, lässt sich fast immer auf andere Weise entscheiden. 

IH. Auch in Bezug auf die Frage, welche Niere die erkrankte ist, und 
in Bezug auf die Frühdiagnose von Tumoren und Tuberkulose hat die Me¬ 
thode geringen Wert und kann sogar zu Irrtümem führen, besonders aus 
dem Grunde, weil ein Eingriff, der selbst Blutungen hervorruft, nicht zum 
Nachweis von geringen Blutbeimengungen benutzt werden kann. 

IV. Die Verwertung des Ureterenkatheterismus zur Untersuchung der 
Leistungsfähigkeit der anderen Niere ist von geringem Nutzen. Ist der Be¬ 
fund negativ, so ist damit der Beweis von der Gesundheit der betreffenden 
Niere noch nicht erbracht, und ist er positiv, so ändert das in den meisten Fällen 
nichts an der Indikationsstellung. 

V. Der Hamleiterkatheterismus zur Diagnose eines Hindernisses im Ureter 
hat wenig Wert Das Steckenbleiben der sehr dünnen und weichen Sonde 
beweist nicht, dass da, wo die Sonde aufgehalten wird, der Stein steckt Auch 
liegen oft mehrere Sternchen im Ureter und nicht immer ist der unterste 
der obturierende. Endlich muss man in den meisten Fällen ohne Rücksicht 
auf die Stelle der Steineinklemmung bei der Operation mit der Freilegung 
der Niere beginnen. 

Casper entgegnet darauf Folgendes: 

Ad. I. Nach 200 maliger Ausführung der Ureterenkatheterisation hat 
er niemals eine Infektion gesehen; auch die anderen Autoren haben davon 
nichts berichtet Er betont, dass sich die Katheter vollkommen sterilisieren 
lassen und dass eine kundige Hand die Infektion zu verhüten imstande ist 

Ad. H. Die Differentialdiagnose zwischen Cystitis und Pyelitis ist viel 
häufiger, als H. annimmt, ohne Katheterismus nicht hinreichend exakt zu 
stellen. Das Verfahren ist auch in therapeutischer Beziehung (Nierenbecken¬ 
ausspülung) nicht ohne Wert 


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Ad. EU. Die Methode kommt nur für jene Minderzahl von Fällen in 
Betracht, bei welchen die anderen im Stich lassen. Ob eine Blutung aus 
der Niere stammt oder durch den Eingriff erzeugt wird, lässt sich auf eine 
von C. anderwärts beschriebene Weise feststellen. 

Ad. IV. Es ist die Diagnose des Zustandes der anderen Niere durch 
die Ureterkatheterisation doch auf viel exaktere Weise möglich, als H. meint, 
und die Diagnose ist auch für die Indikation zur Operation von grosser Be¬ 
deutung, da ja durchaus nicht immer indicatio vitalis vorliegt 

Dass die Methode in einzelnen Fällen im Stich lässt, ist nicht zu 
leugnen; den Fehler teilt sie aber mit allen anderen Untersuchungsmethoden. 
Wenn der Ham der anderen Niere frei von Albumen gefunden wird, so ist 
damit dem Operateur die grösste Beruhigung gegeben, die ihm überhaupt 
gegeben werden kann. 

Ad. V. In Bezug auf den Wert des Verfahrens bei Steineinklemmung 
citiert C. einen Fall von Israel, bei dem die Diagnose auf diese Weise 
sicher und lebensrettend gewesen wäre, sowie einen eigenen Fall und einen 
von Kolischer, bei welchen die Diagnose und die Beseitigung der Einklemmung 
eines Steines ohne Operation durch den Katheterismus gelang. 

Eisenmenger (Wien). 

Zur Cystoscopie bei blutigem Harn nebst einigen Betrachtungen über 
den Katheterismus der Ureteren. Von T. v. Fedoroff. Berliner 
klinische Wochenschrift 1897, Nr. 33. 

Alle klinischen, chemischen und mikroskopischen Methoden, bei blutigem 
Ham den Sitz der Blutung zu bestimmen, können uns im Stich lassen oder 
sogar irreführen. F. verlangt daher, dass man sofort cystoskopieren, eventuell 
auch die Ureteren sondieren muss, sobald die Diagnose auch nur etwas un¬ 
sicher ist In dem ersten der mitgeteilten Fälle sprachen die Symptome für 
eine Blasenblutung, während die Cystoskopie den Sitz der Blutung in der 
Niere nachwies, im zweiten Fall konnte eine Stenose (Stein) im Ureter durch 
die Sondierung gefunden werden. 

F. macht auch noch auf eine ziemlich häufige Quelle von solchen 
Blutungen, bestehend in kleinen Papillomen am Sphinkter und der Blasen¬ 
schleimhaut, aufmerksam und teilt einen einschlägigen Fall mit 

Eisenmenger (Wien). 

Die eitrigen Entzündungen der NierenfettkapseL Von H. Maass. 
(v. Volkmanns Sammlung klin. Vorträge, N. F. 170, 1896). 

Auf Grund von 22 Fällen, die der Spitals- und Privatpraxis von 
J. Israel entstammen, bespricht Maass die eitrigen Entzündungen der Nieren¬ 
fettkapsel, d. h. die abscedierende Paranephritis. Am einfachsten und 
klarsten liegen die ursächlichen Verhältnisse in den Fällen, in denen 
die sekundäre Natur der Erkrankung, d. h. ihre Fortleitung von einem benach¬ 
barten Entzündungsherd mit Sicherheit nachweisbar ist Die überwiegende 
Mehrheit dieser fortgeleiteten paranephritischen Abscesse ist renalen Urs 
sprungs, nach primärer Pyelonephritis, Nephrolithiasis u. s. w. Ein weiterer 
Ausgangspunkt sind die Beckenbindegewebeeiterungen infolge von In¬ 
fektionen von der Harnröhre, den Parametrien u. s. w. her. 

Auch die Erkrankungen der Brustorgane können sich auf das 
periremde Gewebe fortsetzen. Von den Organen des Abdomens kommen 


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in erster Linie begreiflicher Weise die retroperitoneal gelagerten als Aus¬ 
gangspunkt pararenaler Abscesse in Betracht, doch hat man auch in seltenen 
Fällen intraperitoneale Eiterungen in das Gebiet der Capsula adiposa renis 
durchbrechen sehen. 

Die grosse Mehrzahl der scheinbar genuinen paranephritischen 
Abscesse ist wahrscheinlich metastatischer Natur, und die etwas rätselhafte 
Prädisposition der Nierenfettkapsel zu metastatischen Erkrankungen erklärt 
sich aus der Latenz der meist zu Grunde liegenden Nierenmetastase. 

Die klinischen Erscheinungen der abscedierenden Paranephritis 
ähneln im Grossen und Ganzen denen anderer phlegmonöser Prozesse und 
lassen sich wie diese in örtliche (Schmerz, Druck auf Colon u. s. w.) und 
allgemeine (hohes Fieber u. s. w.) unterscheiden. 

Die Diagnose der abscedierenden Paranephritis ist verhältnismässig 
leicht zu stellen, wenn es bereits zur sichtbaren Geschwulstbildung in der 
Lumbalgegend gekommen ist oder gar Oedem der Bauchdecken den be¬ 
ginnenden Durchbruch anzeigt Im Beginne der Erkrankung kann die Er¬ 
kennung ausserordentlich schwierig, ja unmöglich sein. 

Therapeutisch ist die Entleerung des Eiters durch eine möglichst 
ergiebige Incision vorzunehmen. Die beste Schnittführung ist die, welche die 
Nierenfettkapsel am vollständigsten zugänglich macht und am ehesten die 
Freilegung der Niere selbst gestattet: Schrägschnitt im Winkel zwischen Sacro- 
lumbalis und 12. Rippe beginnend, 20 cm schräg nach vom und abwärts. 
In den ersten Tagen nach der Operation Tamponade, dann Drainage der 
Wundhöhle. 

Von 21 operierten Kranken genasen 16. 

P. Wagner (Leipzig). 

lieber eine Zottengeschwust des Nierenbeckens und des Ureters. Von 
Heinrich Kohlhardt. Virchows Archiv, Bd. 148, p. 565. 

69jährige Frau, welche vor zwei Jahren, angeblich im Gefolge von Influenza, 
das erstemal Blut mit dem Harn entleerte. Seither wiederholen sich die Blutungen 
in steigender Freauenz und Intensität; seit drei Monaten kontinuierliche Blutung. 
Im Harne sind neben Blut polymorphe, grösstenteils cylindrische Zellen nachweis¬ 
bar; in der linken Nierengegend eine apfelgrosse Geschwulst. An dem durch Nieren¬ 
exstirpation gewonnenen Präparate findet sich ein von der medialen Nierenbecken¬ 
wand ausgehender zottiger Tumor; ähnliche, aber kleinere sind über das stark dila- 
tierte Nierenbecken und das obere Ureterdrittel verteilt. Die mikroskopische Unter¬ 
suchung ergibt einen aus reich vascidarisierten, bindegewebigen Zotten mit mehr¬ 
schichtigem Epithelbelag bestehenden Tumor, welcher keinerlei Anzeichen von 
maligner Degeneration des Epithelbelages aufweist. Der Tumor ist als gutartig 
aufzufassen, die Prognose des Falles wegen ausreichender Funktion der gesunden 
Niere günstig. 

v. Friedländer (Wien). 

Eigentümlicher Krankheit»verlauf bei Uterus unicomis und Einzel¬ 
niere. Von Ebstein. Virchows Archiv, Band 145, p. 158. 

Ein 21 jähriges, aus gesunder Familie stammendes Mädchen leidet seit 17 ? Jahren 
an Kurzathmigkeit uud schwer stillbarem Durst. Zwei Monate vor der Spitalsauf¬ 
nahme erkrankt Patientin an Scharlach, während welches geringe Albuminurie kon¬ 
statiert wird. Im Gefolge stellt sich Heiserkeit, geringes Blutspucken und Schmerzen 
in den Beinen und auf der Brust ein. Dabei bestehen häufige Nasenblutungen. Bei 
der wegen Hämoptoe zwei Tage ante mortem erfolgten Spitalsaufnahme ist die Tem¬ 
peratur 37,6, Puls 100, Resp. 32, Harnmenge 2000, spez. Gewicht 1010, kein Albumen. 
Am nächsten Tage stellt sich Erbrechen galliger, salzsäurehältiger Massen und heftige, 
in der Nabelgegend lokalisierte Schmerzen ein. Harnmenge 1100, spez. Gewicht 


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1015, kein Eiweiss. Wegen Hämoptoe wird von genauer interner Untersuchung ab¬ 
gestanden. Am dritten Tage lässt Patientin keinen Harn; die Schmerzen im Abdomen 
nehmen progressiv zu, die übrigen Erscheinungen sind gleich geblieben. Um 6 Uhr 
abends, nachdem Patientin einige Tropfen stark leukocytenhaltigen Harnes gelassen 
hat, plötzlich Synkope und Exitus. 

Bei der Obduktion findet sich Fehlen der rechten Niere, des rechten Uterus- 
hornes und eines Teiles der rechten Tube. Verengerung des linken, in der Mitte 
des Trigonums in die Blase einmündenden Ureters durch Druck von Seite des linken 
Uterushomes. An der linken Niere ist chronische Pyelitis, chronische, atrophirende 
Nephritis und in jedem Nierenpole je ein bis nussgrosser Abscess zu finden. Rechter 
Ventrikel etwas dilatiert, keine Herzhypertrophie. 

In der Epikrise führt Autor die seit VL Jahren bestehende Athemnot und 
das Durstgefühl, das in letzter Zeit bestehende Erbrechen und die Nasen blu tun gen 
auf die Nierenerkrankung zurück. Die Hämoptoe ist auf einen geschwürigen Prozess 
im Larynx zu beziehen. Hervorzuheben sind die heftigen Schmerzen im Untefleibe, 
welche nur durch den lokalen Prozess in der Niere zu erklären sind, und das Fehlen 
von Herzhypertrophie trotz des Bestehens der Schrumpfniere. 

v. Friedländer (Wien). 

Steinbildung in beiden Nieren nach Sturz auf den Rücken. Von 

A. Weber. Münchener medizinische Wochenschrift 1897, Nr. 12, 

Nach Sturz auf den Rücken, welcher von Lähmung des linken Beines, 
beider Arme und der Blase gefolgt war, stellen sich bei einem 19jährigen 
Manne Symptome von Nierensteinen ein. Die ersten Steine gingen angeblich 
wenige Monate nach dem Trauma ab. Sechs Jahre nach dem Unfall plötz¬ 
licher Tod. 

Bei der Obduktion findet sich beiderseitige Nephrolithiasis mit Nieren- 
abscessen. 

Autor führt die Nierenerkrankung auf Nierenquetschung durch das 
Trauma und auf Ablagerung von Ham salzen um die Extravasate zurück. 

Die Läsion des Rückenmarkes ist in diesem Falle belanglos; eine 
Untersuchung desselben wurde unterlassen, ebenso wie die Begründung der 
Ansicht über das Entstehen des Leidens. 

v. Friedländer (Wien). 

A caae of renal irritation simulating calculus of the kidney cured by 
Nephrotomy. Von E. F. Neve. The Lancet 1897, March 6. 

Ein 40 jähriger Mann hatte seit drei Jahren schwere Nierenkoliken. Im Ham 
Oxalsäurekrystalle und Eiter, leichte Druckempfindlichkeit der rechten Nierengegend. 

Bei der Operation fand sich trotz der genauesten Untersuchung kein Stein. 

Nach der Heilung der Wunde waren die Beschwerden verschwunden. 

Eisenmenger (Wien). 


Die Albuminurie in der Schwangerschaft Von T. Clifford und All¬ 
butt Lancet, 1897, 27. Februar. 

Die Versuche, die Nierenerkrankungen während der Schwangerschaft 
auf mechanische Störungen zurückzuführen, weist Verfasser zurück mit der Be¬ 
gründung, dass Anschwellung der Beine und die Zeichen des Venen Verschlusses 
viel häufiger bei Mehrgebärenden vorkommt, während Albuminurie und Eklampsie 
vorzugsweise die Primiparen heimsucht. Ferner haben seiner Erfahrung nach 
grosse Beckentumoren niemals zu Nierenerkrankungen geführt, obwohl Ureter- 
compression und Erweiterung derselben vorkam, eine Störung, die der schwangere 
Uterus doch wohl kaum hervorruft. Die Schwangerschaftsniere ist also keines¬ 
wegs ein Folgezustand venöser Stauung, sie gehört auch nicht zu den Nieren- 


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erkrankungen bei Herzleiden, sie hat vielmehr den Charakter einer ganz acuten 
Reizung, ohne für eine bindegewebige Reaktion, die unter der Einwirkung 
länger thätiger Schädlichkeiten aufzutreten pflegt, Zeit zu gewähren. 

Diese Reizungszustände in der Schwangerschaft, die sich als Albuminurie 
sowohl, wie auch als Erbrechen und schliesslich durch Krämpfe (Eklampsie) 
äussem, werden wahrscheinlich durch ein Gift erzeugt, genau so wie beim 
Scharlach gewisse nervöse Erscheinungen, Erbrechen, Albuminurie und Herz¬ 
erweiterung als Symptome einer Intoxikation angesprochen werden. 

Nun ist bereits im gesunden Urin ein Giftstoff nachgewiesen worden, 
dessen Natur noch nicht ergründet ist, dessen Wirkungen auf das Nerven¬ 
system aber bekannt sind. Da nun gerade die Schwangeren schon an und 
für sich auf alle Reize sehr leicht reagieren und für viele Krankheiten em¬ 
pfänglich sind, so ist es doch ganz plausibel, dass bei ihnen ein bereits vor¬ 
handenes Gift sehr leicht wirksam wird. Auch die Erkrankungen des Blutes, 
die Phlebitis, Thrombose, Pyämie u. s. w. legen einen Beweis ab von der 
verhängnisvollen Empfänglichkeit der Schwangeren und Frischentbundenen für 
Toxine. Dementsprechend hat die Albuminurie in der Gravidität nicht die Be¬ 
deutung einer mechanischen Störung, sondern sie ist als Signal der Gefahr 
einer allgemeinen Erkrankung zu betrachten. Da das Gift von den Ein- 
geweiden aufgenommen werden kann, muss die Patientin bei verdächtigen 
Symptomen sehr diät gehalten, jede Magen-Darmreizung muss vermieden 
werden. Am meisten empfiehlt sich für solche Fälle die Milchdiät unter 
gleichzeitiger Reinigung des Darmes durch Darreichipxg von salicylsaurem 
Wismuth, Salol, Benzonaphtol. Nötigenfalls muss sogar die künstlich ein¬ 
geleitete Frühgeburt den Gift erzeugenden Vorgängen ein Ende machen, da 
es erwiesen ist, dass nach der Entbindung der Toxingehalt des Urines be¬ 
deutend heruntergeht Die Frage, warum besonders bei Primiparen Albu¬ 
minurie und Nierenerkrankungen so häufig sind, beantwortet der Verfasser 
dahin, dass [die Multiparen, bei denen die Gifterzeugung ebenfalls vor sich 
geht, durch überstandene Schwangerschaften gegen die Toxine immun werden, 
analog den Vorgängen bei grossen Infektionskrankheiten. 

Ad. Calmann (Breslau). 


Des conditions suivant lesquelles se produisent les hdmaturies vdsi- 
cales et les hdmaturies renales. Von F. Guyon. Annales <Jes maladies 
des Organes gönito-urinaires. 1897. No. 2. 

G. bespricht an der Hand klinischer Bilder den Vorgang der Blasen- 
und Nierenblutungen in physiologisch-pathologischer Beziehung. Wenn man 
von den durch Traumen hervorgerufenen „mechanischen“ Blutungen der Blase 
absieht, so sind auch die durch Steine veranlassten Hämorrhägien als mecha¬ 
nische zu deuten. Die Blasensteine veranlassen solche Blutungen nicht nur, 
wenn sie in Bewegung geraten, sondern auch zuweilen bei ruhigem Verhalten, 
durch ihre blosse Anwesenheit. Weniger abundante, aber dafür häufig lang¬ 
dauerndere Blutungen werden durch Cystitis, besonders die chronische Form 
derselben bedingt Auch Urinretention und plötzliche Entleerung der Blase, 
welche sich dann gewöhnlich mit dem gesamten uropoetischen System im 
Stadium hochgradiger Congestion befindet, können zu lebhaften Blutungen 
die Ursache abgeben. Schliesslich sind es Neoplasmen und zwar besonders 
die nach der Cavität wuchernden im Gegensatz zu den die Wand infiltrierenden, 
welche abundante Blutungen erzeugen, und auch diese sind als kongestive auf- 


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zufassen. Im Gegensätze dazu sind die, welche aus tuberkulösen oder carcino- 
matösen Exulcerationen erfolgen, geringfügiger. 

In gleicher Weise beherrschen bei Nierentumoren die Blutungen das 
klinische Bild: Ihr plötzliches Auftreten, der Wechsel an Intensität machen 
auch hier kongestive Zustände als Ursache wahrscheinlich. Auch weiter¬ 
hin lassen sieh Analogien zwischen Blasen- und Nierenblutungen auffinden. 
Auch in den Nieren veranlassen Entzündungen, Retentionen und Steine 
die Blutungen. Speziell bei Nierensteinen haben die prämonitorischen Hä- 
morrhagien eine wesentliche Bedeutung — sie gehen oft lange Zeit den ty¬ 
pischen Koliken voraus. G. berichtet über einen einschlägigen Fall seiner 
Beobachtung. Er erwähnt dann einen zweiten Fall, in dem durch mannig¬ 
faltige Blutungen, durch Auffinden von Tuberkelbacillen, durch palpable Ver- 
grösserung einer Niere die Diagnose auf „Nierentuberkulose“ gestellt wurde, 
ohne dass bei der Autopsie in vivo tuberkulöse Veränderungen der Niere auf¬ 
findbar waren. Es handelte sich um Genital tuberkulöse. Nach G.’s Ansicht 
sind Blutungen zur Diagnose Nieren tuberkulöse nur mit Vorsicht verwertbar. 
Unter 25 Fällen waren in 14 die Blase, in 9 Blase und Niere erkrankt und 
nur 2 mal lag primäre Nierentuberkulose vor. Nie beherrschte das Symptom 
der Blutung das klinische Bild. 

G. erwähnt dann ferner die Hämophilie als Ursache der renalen Häma¬ 
turien und führt dann eine Reihe von Fällen an, wo in der Schwangerschaft und 
Laktationsperiode hochgradige Blutungen renalen Ursprung beobachtet wurden. 
Nachweisbare Veränderungen an der Niere fehlen hierbei und so sind diese 
Fälle ein treffliches Beispiel echter kongestiver Blutungen. 

Rudolf Meyer (Breslau). 

Ueber Nierentnberkulose. [Frühdiagnose, forme hömaturique, Operabilität]. 
Von Dr. B. Goldberg-Köln. „Centralblatt für die Krankheiten der Harn- 
und Sexualorgane“ Bd. VIH, Heft 9. 

Im Anschlüsse an die Mitteilung von einigen eigenen Wahrnehmungen 
erörtert Goldberg die Symptomatologie und Diagnostik der tuberkulösen Nieren¬ 
läsion. Von Erscheinungen welche im frühen Stadium der Tuberculosis 
renalis diagnostisch von Bedeutung sind, führt Verfasser besonders mit Pyo- 
hämaturie einhergehende Nierenkoliken an. Albarran, Israel u. a. verzeichnen 
auch häufig dieses Symptom. Häufig stellt eine Blutung aus der Niere die 
einzige Früherscheinung der Erkrankung dar. Die sogenannte „renale Hämo¬ 
philie“ scheint meist auch durch Tuberkelbildung in der Niere bedingt zu 
sein. Aus der Literatur sind zahlreiche Exemplare für die initiale Hämaturie 
bei Nierentuberkulose beizubringen (Tuffier, Routier, Trautenroth, Al¬ 
barran, Prusson u. a.). Die cystoskopische Blasenexploration, sowie der 
Ureterenkatheterismus vermögen gelegentlich wertvolle Aufschlüsse zu gewähren. 

Nach Meyer (NewYork. med. Wochenschr. 1896) ist ein ausschliess¬ 
lich der Nierentuberkulose zukommendes Blasenbild: Gefässinjektion am Rand 
der zugehörigen Hamleitennündung mit scharf begrenzten, von ihr bis zum 
Trigonum etappenförmig angeordneten Entzündungsherdchen. Auch der nega¬ 
tive Blasenbefund kann die Feststellung der weiter oben lokalisierten Erkrankung 
unterstützen. Der normale Harnbefund sckliesst keineswegs ein Ergriffensein 
der Nieren aus. Erstens sondern die in der „forme haematurique“ tuberkulös 
erkrankten Nieren in den Zwischenpausen zwischen den Blutungsanfällen 
klaren, normalen Urin ab. Zweitens kommen in der weiteren Entwickelung 
der Tuberkulose zahlreiche Ereignisse, welche die Beimengung der Krankheks- 


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produkte zum Urin schon im Nierenbecken, erst recht aber im Verlaufe des 
Harnleiters verhindern. 

Bei eiter- und bluthaltigem Urin unterliegt es besonderen Schwierigkeiten, 
den renalen Anteil der Albuminurie von dem zu trennen, der dem Eiweiss¬ 
gehalt des abgeschiedenen Eiter- und Blutserums zugeschrieben werden muss. 

Was die Therapie betrifft, so hat namentlich bei frühzeitig erkannter 
Erkrankung nicht sogleich die Nierenexstirpation in Erwägung gezogen zu 
werden. Diätetisch medikamentöse Massnahmen (Creosot, Ichtyol innerlich) 
kommen hierbei in Anbetracht. Betreffs der chirurgischen Behandlung steht 
Verfasser nicht auf dem Standpunkt, dass eine komplizierende Tuberkulose 
an einer anderen Stelle der Harnorgane unter allen Umständen und absolut 
als eine Krontraindikation der Nephrectomie zu gelten hat. Trotz kompli¬ 
zierender Genital tuberkulöse hat die Nierenexstirpation günstige Heilerfolge auf¬ 
zuweisen. Ist die Nephrectomie unmöglich geworden (Infektion, Kräfteverfall), 
so kann immerhin noch von der Nephrotomie eine palliative Einwirkung er- 
erwartet werden. G. No bl (Wien). 

Beitrag zur Casuistik der subphrenischen Abscesse und der Quer¬ 
resektion der Niere. Von K. Cramer. Deutsche Zeitschrift für Chir¬ 
urgie, Bd. 42, p. 597. 

In dem ersten der beiden von C. beschriebenen subphrenischen Ab¬ 
scesse hatte die Eiterung ihren Ausgangspunkt genommen von einem (wahr¬ 
scheinlich posttyphösen) Abscess im oberen Pol der vergrösserten Milz; durch 
Operation, die in der Incision und Entleerung der Abscesse bestand, wurde 
völlige Heilung erzielt In dem zweiten Falle handelte es sich um einen 
rechts zwischen Zwerchfell und Leber in der hintern Axillarlinie entwickelten 
Abscess. 

Bei einer Frau mit beiderseitigen entzündlichen Adnextumoren des Uterus trat 
im Anschluss an die gynäkologische Untersuchung in Narkose diffuse peritonitische 
Entzündung ein. Nach deren Rückgang unter abermaligem Temperaturanstieg Schmerzen 
in der Lebergegend mit Dämpfung an der oben beschriebenen Stelle. Incision des 
Abscesses mit Resektion der 11. Rippe. Heilung. Später wurden bei der Patientin 
der Uterus und die vereiterten Adnexe per laparotomiam entfernt. Heilung. 

Isolierte subphrenische Abscesse nach Genitaleiterungen gehören zu 
grossen Seltenheiten; der vorliegende scheint der erste derartig operierte Fall 
zu sein. 

Der bisher noch kleinen Casuistik von Querresektion der Niere 
führt C. zwei weitere Beobachtungen zu, in denen es sich um Tuberkulose 
der Niere handelt 

I. 32jähriger Mann erhält einen Stoss in die Abdominalgegend, worauf sich unter 
Fieber und Schmerzen in der rechten Lumbalgegend ein retroperitonealer Abscess im 
jauchig-zerfallenen M. psoas entwickelt, der entleert wird. Fortdauer der Eiterung und 
wechselndes Fieber. l / A Jahr später Nierentumor rechts konstatiert. Die Operation 
ergiebt einen käsig-tuberkulösen Tumor im untern Nierenpol, der durch Querresektion 
der Niere entfernt wird. Tod im Collaps post op. Sektion nicht gestattet. Autor 
lässt es offen, ob hier eine primäre Tuberkulose der Niere vorlag, die, durch das 
Trauma angefacht, sekundär zu dem retroperitonealen Abscess führte oder ob es sich 
um zwei verschiedene Prozesse handelt. 

H. Perinephritischer linksseitiger Abscess, ausgehend von einer käsigen Tuber¬ 
kulose des untern Nierenpols bei intaktem Nierenbecken. Freilegen der Niere durch 
Barden heu er’sehen Thürflügelschnitt, Abtragung des erkrankten Gewebes in Form 
V, cm dicker Scheiben, bis schliesslich gesunde Nierensubstanz erreicht wird. Tam- 
ponnade der Wunde. Heilung. Patient nach Jahr vollständig gesund und 
arbeitsfähig. 


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Im Anschluss an diese Fälle bespricht C. die bisher in der Literatur 
beschriebenen 6 Fälle von partieller Resektion der Niere. Letztere hält er 
für berechtigt bei hämatogener isolierter Nierentuberkulose ohne Pyelitis; bei 
der Operation ist es ratsam, stets auch das Nierenbecken probeweise zu er¬ 
öffnen, um sicheren Aufschluss über die Beschaffenheit der Nierenbecken¬ 
schleimhaut zu gewinnen. Marwedel (Heidelberg). 

Kurze Mitteilung einer Beobachtung aus dem Gebiete der Nieren¬ 
pathologie. Von Lewin und Goldschmidt Deutsche medicin. Wochen¬ 
schrift, 1897, No. 38. 

Die Autoren berichten über die höchst merkwürdige Beobachtung des 
Uebertrittes von Luft aus den hamleitenden Wegen in das Blutgefässsystem. 
Treibt man einem Tiere Luft in die Harnblase hinein, so tritt dieselbe in die 
Ureteren, darauf weiter in die Niere. Diese vergrössert sich dadurch und 
dreht sich um ihre Achse. Dann treten unter einem eigentümlichen Geräusche 
Luftblasen in die Vena renalis, verdrängen dort das Blut und gelangen 
schliesslich in die Vena cava. Von dort dringt die Luft bis ins Herz vor, 
wobei unter Schaumigwerden des Blutes der Tod des Tieres erfolgt Eine 
ähnliche Beobachtung existiert bisher nur von Poisier. 

Rudolf Meyer (Breslau). 

Die Grenzen der Nierenexstirpation. Von Doc. Dr. P. Wagner-Leipzig. 
„Centralblatt für die Erkrankungen der Ham- und Sexualorgane“ Bd. VTH, 
Heft 2 und 3. 

Die bisherigen, auf viele Hunderte von Nierenexstirpationen sich er¬ 
streckenden Erfahrungen haben gezeigt, dass in einem nicht unbedeutenden 
Prozentsätze die erhaltene Niere nicht kompensatorisch wächst und die Funktion 
des ausgefallenen Organs nicht mit übernehmen kann; sie ist nicht imstande, 
den an sie herantretenden Anforderungen auf die Dauer zu genügen, und der 
Kranke geht trotz gelungener Operation schliesslich an einer Insufficienz der 
zurückgebliebenen Niere zu Grunde. Häufig tritt diese Insufficienz ganz 
unerwartet ein; in anderen Fällen muss man von vornherein auf dieselbe 
gefasst sein, nämlich dann, wenn die Nephrectomie wegen einer Erkrankung 
vorgenommen wird, die erfahrungsgemäss häufig doppelseitig auftritt, wie bei 
der Hydronephrose, der Pyonephrose, der Pyelitis calculosa und der cystösen 
Nierendegeneration. Die Thatsachen beweisen, dass in den Anfangsstadien 
dieser Affektionen und manchmal auch an vorgeschrittenen Fällen die dia¬ 
gnostischen Hilfsmittel unzuverlässig sein können. 

In anderen Fällen ist die zurückbleibende Niere zunächst gesund und 
leistungsfähig; aber im sofortigen Anschluss an die Entfernung des Schwester¬ 
organs entwickeln sich in ihr eigentümliche degenerative, in das Gebiet der 
Koagulationsnekrose gehörende Veränderungen des secemierenden Epithels, 
die in kurzer Zeit zur Insufficienz und zum Tode führen können. Die Ur¬ 
sachen dieser parenchymatösen Degeneration, die in leichten Fällen nur flüch¬ 
tiger Natur ist und schnell wieder heilen kann, sind in der giftigen Wirkung 
der bei der Nephrectomie gebrauchten Narcotica, namentlich des Chloroforms 
und der antiseptischen Mittel, besonders des Sublimats, Karbols und Jodo¬ 
forms zu suchen. In vereinzelten Fällen kam es nach dem Eingriffe zu 
letaler Anurie, obwohl sich die zurückgebliebene Niere bei der Sektion ma¬ 
kroskopisch und mikroskopisch vollkommen normal erwies. Diese Fälle lassen 


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sich nur durch eine infolge der Nephrectomie hervorgerufene reflektorische 
Sekretionshemmung des zurückgelassenen Organes erklären. 

Desgleichen liegen Beobachtungen vor von letaler Anurie nach Nephrec¬ 
tomie infolge von angeborenem vollkommenem Mangel oder angeborener voll¬ 
ständiger Verkümmerung der anderen Niere. In ähnlichen Fällen, wie auch 
bei Kuchen- und Hufeisenniere vermag selbst die Cystoskopie und der Ham- 
leiterkatheterismus die Verhältnisse häufig nicht klar zu legen. 

Ueber die infolge einer Operation „einnierig Gewordenen" Kranken 
müssen erst noch nach den verschiedensten Richtungen hin eingehende Er¬ 
fahrungen gesammelt werden. Von vornherein kann man wohl annehmen, 
dass sich die „einnierig Gewordenen" gegen Krankheitseinflüsse noch empfind¬ 
licher zeigen werden, als die „einnierig Geborenen". 

Nierenerkrankungen, in denen eine sichere, wenn auch langsamere 
Heilung durch schonendere operative Eingriffe erreicht werden kann, geben 
nur ausnahmsweise eine Indikation zur Nephrectomie. Denn auch der kleinste 
Rest sekretionsfähiger Nierensubstanz kann hier von lebenswichtiger Bedeutung 
sein. Die in Frage kommenden Operationen sind die Nephrorraphie, Nephro¬ 
lithotomie , Nephrotomie, Nierenresektion, TJreterenresektion, Ureterenimplan- 
tation u. &. 

Die primäre Nephrectomie findet ihre Anzeige bei bösartigen Geschwülsten. 
Die Frühdiagnose der malignen Neoplasmen der Niere unterliegt den grössten 
Schwierigkeiten, die verlässlichsten Anhaltspunkte liefert noch nach W. die 
Palpation. 

Eine Durchsicht der schon mehrere hundert Fälle zählenden Casuistik 
über die Nephrectomie bei malignen Nierengeschwülsten ergibt, dass Recidive 
resp. Metastasen in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle schon innerhalb 
der ersten 6 Monate beobachtet wurden, dass sie dann mit zunehmender Zeit 
immer seltener und seltener werden, um mit verschwindenden Ausnahmen 
nach 2 Jahren ganz aufzuhören. Dauerheilungen sind bisher im Ganzen 24 
zu verzeichnen und zwar 17 bei Erwachsenen, 7 bei Kindern. Dass die 
direkten Operationsresultate auch bei malignen Nierengeschwülsten im Laufe 
der Jahre wesentlich besser geworden sind — die Mortalität ist von 61*22% 
(Gross) auf 24*44% (Küster) herabgegangen — wissen wir jetzt; über den 
Prozentsatz der Dauerheilungen ist man bisher nur sehr mangelhaft unter¬ 
richtet 

Ueber die partielle Nierenexstirpation bei malignem Tumor liegen bisher 
nur sehr spärliche Angaben vor und diese sprechen keineswegs zu Gunsten 
dieser Operation. 

Die zweite, immer weniger bestrittene Indikation für die Nephrectomie 
bildet die tuberkulöse Erkrankung einer Niere. Partielle Resektionen sollen 
in den hierher gehörigen Fällen womöglich vermieden werden. Die primäre 
Nephrectomie findet ferner die Indikation bei Niereneiterungen, bei welchen 
auch durch ausgiebige Incisionen der Eiter nicht vollkommen entleert werden 
kann. Es sind dass die Fälle von Eitemiere, in denen das ganze Organ 
von kleineren und grösseren Abscesshöhlen durchsetzt ist, so dass auch der 
ausgiebigste Nephrotomieschnitt eine Anzahl von Eiterherden uneröffnet lässt 
Eine letzte Indikation für die primäre Nephrectomie bilden bestimmte Fälle 
von Nieren Verletzung. Bei Pyo- und Hydronephrose ist stets erst die Nephro¬ 
tomie zu versuchen. G. Nobl (Wien). 


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Inhalt 


Mikulicz u. Naunyn, Einleitung, p. i—2. 

I. Sammel-Referate. 

Körner, O., Die neueren Fortschritte in der 
Lehre vom otitischen Himabscesse, p. 3—8. 

Literatur p. 8—9. 

Fischer, J., Zur Pathologie und Therapie der 
Wanderniere, p. 9—25. 

Literatur p. 25 — 29. 

II. Referate. 

Morat, J.-P., Troubles trophiques cons6cutifs 
ä la scct. d. racines post£r. m6dullaires, p. 30. 

Habel, A., Ueber das Verhalten der Patellar- 
reflexe bei Querschnittsunterbrechung des 
Rückenmarkes, p. 30. 

Flatau, Ueber Veränderungen des mensch¬ 
lichen Rückenmarkes nach Wegfall grösse¬ 
rer Gliedmassen, p. 31. 

Schwalbe, E., Mitteilung über zwei Fälle 
von congenitaler Nierenverlagerung, p. 31. 

’Sacerdotti, Ueber die kompensatorische Hy¬ 
pertrophie der Nieren, p. 32. 

Schultze, Fr., Beitrag zur Diagnostik und 
zur chirurgischen Behandlung der Gehirntu¬ 
moren und der Jackson'schen Epilepsie, p.33. 

Lunn, Beevor u. Mr. Ballance, Case of 
removal of cerebellar tumour, p. 34. 

Regulski, M. v., Biegungsbruch üb. recht. 
Parietale. Himabscess. Hemianopsie. Be- 
merkg. üb. d. Wesen d. Hirn Vorfalles, p. 34. 

Rossolimo, Ueber Resultate der Trepa¬ 
nation bei Hirntumoren, p. 35, 

K r ö n 1 e i n, Zur operativen Chirurgie der Him- 
geschwülste, p. 37. 

Ziehl u. Roth, Ein operativ geheilter Fall 
von Hirntumor, p. 38. 

Henle, A., Beitrag zur Pathologie und The- j 
rapie des Hydrocephalus, p. 39. 

Beck, Bernhard von, Ueber Punktion der 
Gehimseitenventrikel, p. 41. 

Heinersdorf, H., Centrale beiderseitige 
Amaurose infolge von metastatischen Ab- 
scessen in beiden Occipitallappcn etc., p. 42. 

Rohrbach, R. Ueber Gehirnerweichung nach 
isolierter Unterbindung etc., p. 42. 

Matthes, Schuss ins Gehirn, bedeutender 
Substanzverlust, ohne wesentliche Störung 
geheilt, p. 43. 

Steffen, A., Beitrag zur Einheilung von 
Kugeln im Gehirn, p. 43. 

van Nes, Ueber Schädelbasisbrüche, p. 44. 

Haedke, M., Ein Fall von Meningitis und 
epiduralem Abscess mit Nachweis von In- 
fluenzabadllen, p. 45. 

Wolf, Ein Beitrag zur Aetiologie der circum- 
scripten Meningitis, p. 45. 

Lorenz, Adolf, Ueber die chirurgische Be¬ 
handlung etc., p. 46. 


Wagner, A., Ueber die Erschütterung des 
Rückenmarks, p. 46. 

Wachenhusen, Hans, Ueber Wirbelresek¬ 
tion bei spondylitischer Drucklähmung, p. 47. 

Trapp, Bcitr. z. Chir. d. Rückenmarkes, p. 49. 

Enderlein, Ein Beitrag zur Lehre von den 
Frakturen der Lendenwirbelsäule, mit beson¬ 
derer Berücksichtigung der operativen Be¬ 
handlung, p. 50. 

Bernheim, J. u. Moser, P., Ueber die dia¬ 
gnostische Bedeutung etc., p. 51. 

Braun, A., Ueber die Lumbalpunktion und 
ihre Bedeutung für die Chirurgie, p. 51. 

Chipault, Salpetri&re, A., Du traitement des 
certaines n£uralgies rebelles par la r&ection 
intradurale des racines post&ieures, p. 52. 

Krehl, L., Ueber wandernde Neuritis nach 
Verletzungen, p. 52. 

Jacobsohn, L., Ueber einen ungewöhnl. Fall 
e. Läsion d. Halsteils d. Sympathicus, p. 53. 

Hi gier, H., Ueber eine sehr seltene Form 
der alternierender Skoliose bei Ischias, p. 54. 

Monari, Umberto, Ein Fall von Resektion 
des Gasser’sehen Ganglions, p. 54. 

Holländer, E., Ueber den diagnostischen 
Wert des Ureterenkatheterimus f. d. Nieren - 
Chirurgie, p. 55. 

Kasper, L., Ueber den diagnostischen Wert 
des Ureterenkatheterismus für die Nieren- 
chirurgie, p. 55. 

Fedoroff, T. v., Zur Cystoskopie bei blut. 
Harn nebst einigenBetrachtungen über den 
Katheterismus der Ureteren, p. 56. 

Maass, H., Die eitrigen Entzündungen der 
Nieren fettkapsel, p. 56. 

Kohlhardt, H., Ueber eine Zottengeschwulst 
des Nierenbeckens und des Ureters, p. 57. 
j Ebstein, Eigentümlicher Krankheitsverlauf 
I bei Uterus unicomis und Einzelniere, p. 57. 

Weber, A., Steinbildungen in den beiden 
Nieren nach Sturz auf den Rücken, p. 58. 

Neve, E. F., A case of renal irritadon si- 
muladng calculus of the kidney cured by 
Nephrotomy, p. 58. 

Clifford, T. u. Allbutt, Die Albuminurie 
in der Schwangerschaft, p. 58. 

Guyon, F., Des condiüons suivant lesquelles 
se produisent les h6maturies v6sicales et 
les h^maturies renales, p. 59. 

Goldjberg, B., Ueber die Nieren tuberkulöse, 
p. 60. 

Cr am er, K., Beitrag zur Casuisdk der sub¬ 
phrenischen Abscesse und der Querresektion 
der Niere, p. 61. 

Goldschmidt u. Lewin, Kurze Mitteilung 
einer Beobachtung aus dem Gebiete der 
Nierenpathologie, p. 62. 

Wagner, P., Die Grenzen der Nierenexstir¬ 
pation, p. 62. 


Um Einsendung von Separat-Abdrücken, Monographien und Büchern an den 
Redakteur Privat-lH>c. Dr. HERMANN SCHLESINGER, Wien, IX, Allgemeines Krankenhaus 
wird gebeten. 


Druck von Ant. Kämpfe in Jena. 


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CENTRALBLATT 

für die 

Qrenzgebiete der Medizin und Ghirurgie. 

Herausgegeben von 

I>r. Hermann Schlesinger*, 

Privatdocent an der Universität in Wien. 

Verlag von GUSTAV FISCHER in Jena. 


I. Band. 


Jena, Januar 1898. 


Nr. 2. 


Das Centralblatt für die Grenzgebiete der Medizin und Chirurgie erseheint monatlich 
im Umfange von 3—4 Druckbogen. Der Umfang des Jahrgangs wird etwa 40 Druck¬ 
bogen betragen. Das Abonnement für das Centralblatt kostet 16 Mark für den Band in 
12 Nummern. — Die Abnehmer der Mitteilungen aus den Grenzgebieten der 
Medizin und Chirurgie, herausgegeben von J. Mikulicz und B. Naunyn, erhalten 
das Centralblatt zum Vorzugspreise von 12 Mark. 


I. Sammel-Referate. 


Sammelreferat über multiple Myositiden. 

Von Prof. Dr. M. Matthes in Jena. 

I. Myositis ossificans progressiva multiplex. 

Das über diese so auffallende Erkrankung vorliegende Literaturmaterial 
ist in den letzten Jahren durch eine Reihe kasuistischer Beiträge und vor allem 
durch mehrere pathologisch-anatomische Untersuchungen bereichert worden. Diese 
letzteren stimmen nicht durchaus mit den wenigen älteren Beobachtungen über¬ 
ein, so dass der Krankheitsbegriff, der noch vor 5 Jahren, (vergl. die Dissert 
von Maunz 86 ), als ein ziemlich feststehender galt, doch neuerdings einer 
Revision bedürftig erscheint * 

Die ältere Literatur werde ich im Literaturverzeichnis der Vollständig¬ 
keit halber zwar anführen — die erste, grössere Zusammenstellung rührt be¬ 
kanntlich von Münchmeyer 32 ) (12 Fälle) her, der versuchte, diesen Symptomen- 
koinplex aus der grossen Gruppe der Osteome abzugrenzen; eine ausführliche 
und treffliche Beschreibung hat Seidel 49 ) im Gerhard’schen Handbuch für 
Kinderkrankheiten gegeben (24 Fälle) — ich kann aber sonst schon viel¬ 
fach auf die gangbaren Lehrbücher verweisen. 

Was zunächst die Häufigkeit des Vorkommens anlangt, so waren bis 
1892 Maunz 35 ) 33 Fälle bekannt, die letzte Veröffentlichung September 1897 
von Boks 4 ) zählt 38 Fälle. Wenn ich die seit Maunz beschriebenen, mir 
zugänglichen Fälle zu diesen addiere, finde ich im ganzen 42. 

Centralblatt f. d. Gr. d. Med. u. Chir. I. 5 


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Die Krankheit ist also zweifellos eine seltene, namentlich da bei dem 
auffallenden Krankheitsbilde wohl iille irgendwie erheblich entwickelten Fälle 
beschrieben sein dürften. Reisen doch solche unglückliche Menschen zum Teil 
als klinische Kuriositäten hemm, wie beispielsweise der von Yirchow 57 ) be¬ 
schriebene Rumäne, der wohl alle deutschen Universitäten besucht hat 

Symptomatologie. 

Das typische klinische Krankheitsbild mag mit wenigen Worten gekenn¬ 
zeichnet werden. An irgend einer Stelle der Muskulatur, gewöhnlich aber 
zuerst am Nacken oder Rücken, entsteht unter leichten Fieberbewegungen, oft 
mit lokalen und auch ausstrahlenden Schmerzen, eine ziemlich ausgedehnte 
Geschwulst von teigiger Konsistenz. Die Geschwulst und die überliegende 
Haut bieten alle Zeichen einer akuten Entzündung, sie fühlt sich heiss an, 
die Haut ist gerötet, die Stellen sind auf Druck schmerzhaft. Mitunter nimmt 
das entzündliche Oedem, als solches soll es, ohne präjudizieren zu wollen, der 
Kürze halber bezeichnet werden, noch einige Tage hindurch oft bis zu recht 
erheblicher Ausdehnung zu, dann verkleinert es sich allmählich und entweder 
bildet sich die ganze Infiltration vollkommen zurück oder es bleibt in dem befallenen 
Muskel eine zwar harte, aber nicht verknöcherte Stelle zurück, die sich in 
langen Muskeln wie ein Sehnenstrang anfühlen kann, oder aber es kommt 
zu Verknöcherungen, allerdings nie in dem ganzen Umfang des Oedems, son¬ 
dern zuerst an beschränkten Stellen. Die verknöcherten Partien können sich 
dann wie kleine Knötchen oder wie Pergamentblättchen anfühlen. Diese ver- 
grössern sich allmählich, verwachsen miteinander und bilden schliesslich kom¬ 
pakte Knochenmassen oft von sehr bizarrer Form. 

Bisweilen können auch schon ausgebildete Verknöcherungen oder wenigstens 
Gewebsverdichtungen, die dem Gefühl nach als Knochen imponieren, wieder 
resorbiert werden, gewöhnlich bleiben sie konstant. Der Prozess schreitet in 
Schüben, die sich mitunter an bestimmte Jahreszeiten knüpfen, unaufhaltsam 
fort und kann schliesslich jede Bewegungsfähigkeit zerstören. 

Mehrfach sind Fälle beschrieben, in welchen die Kranken, denen die 
Kiefer immobilisiert waren, durch eine künstlich angelegte Zahnlücke sich er¬ 
nähren mussten. 

Frei bleiben gewöhnlich mimische Muskulatur, Schlundmuskul atur, Zunge, 
Zwerchfell, Kehlkopf, Sphincteren und die kleinen Handmuskeln. Dagegen 
ist die Bauchmuskulatur, die Seidel 49 ) noch zu den freibleibenden Muskeln 
zählt, bereits befallen gefunden worden [Brennsohn 5 ), Huth 17 ), Helfe- 
rich 21 ), Kümmel 24 ), Pintör 41 )]. Das gleichfalls in der älteren Literatur 
betonte Freibleiben von Sehnen und Gelenken scheint nach den neueren 
Befunden zum mindesten nicht konstant zu sein. 

Der Krankheitsverlauf ist ein durchaus chronischer und erstreckt sich 
über Jahre und Jahrzehnte. 

Trotz dieses klinisch so scharf bestimmten Krankheitsbildes ist eine ge¬ 
wisse Verwirrung in der Literatur entstanden und zwar dadurch, dass man 
einfache verknöchernde Myositiden, die man besser als Osteome bezeichnet, 
falls sie multipel waren, mit der progressiven Form konfundierte. 

So scheinen, wie sowohl Pint£r 41 ) als Boks 4 ) betont haben, die Fälle 
von Portal und Podratzki wie von Lobstein und Lieutand nicht zu 
der progressiven Form zu zählen. 

Ebensowenig können die von Schwarz 50 ) und Eichhorst 10 ) ver¬ 
öffentlichten Fälle, von denen Eich hörst übrigens selbst zugibt, dass das 


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Krankheitsbild in mancher Beziehung von den typischen Fällen dieser Krank¬ 
heit ab weicht, als unbedingt sichere Fälle gelten. , 

Auch haben Salmann 47 ) und Cahen 6 ) — die Arbeit des letzteren 
ist wegen der mikroskopischen Untersuchung besonders häufig citiert — nur 
einfache, nicht progressive Formen untersucht 

Symptomatologisch bemerkenswert dagegen ist der Brennsohn’sche ö ) Fall 
aus der neueren Literatur, in dem, trotzdem derselbe als progredienter be¬ 
zeichnet werden muss, entzündliche Erscheinungen bei den einzelnen Schüben 
fehlten. Wie wir bei der Besprechung der pathologisch-anatomischen Verhält¬ 
nisse sehen werden, ist ein solcher sicherer Fall für die Auffassung des Pro¬ 
zesses nicht unwichtig. 

In der älteren Literatur liegt in dieser Richtung sonst nur noch eine 
bestimmte Angabe von Bennet, citiert von Mays 33 ), vor, der angibt, dass 
sein Pat niemals in den befallenen Partien Schmerzen gehabt habe. 

Pathologische Anatomie. 

Die Auffassung vom Wesen der Krankheit ist so eng mit dem patho¬ 
logisch-anatomischen Befunde verknüpft, dass derselbe ausführlicher besprochen 
worden soll. 

Es stehen sich zunächst zwei Ansichten über den Ursprung der Ver¬ 
knöcherungen gegenüber. Virchow r57 ), der die eine vertritt, hat nämlich 
gelegentlich der Vorstellung des erwähnten Rumänen in der Berliner medi¬ 
zinischen Gesellschaft scharf betont, dass die Verknöcherungen nicht primär 
in den Muskeln entstanden seien, sondern vielmehr vom Knochen ausgingen: 
„Aber sie greifen alsbald weit hinaus auf die nächste Umgebung, sie kümmmern 
sich nicht mehr um das Periost und nicht mehr um bestimmte vorgezeichnete 
Wege, sondern sie nehmen nachher gewissermassen selbständig ihren Weg 
weiter.“ Es wachsen also demnach die Knochen in die Muskeln hinein, es handelt 
sich gar nicht um eine Muskelerkrankung, sondern vielmehr um eine Exostosis 
luxurians. Dieser Auffassung stehen aber sowohl die Ansichten älterer wie 
neuerer Beobachter gegenüber. Mays 33 ), von dem die erste genaue mi¬ 
kroskopische Analyse eines der Münchmeier’schen Fälle herrührt, sah „neben 
multiplen Exostosen grosse Knochenmassen in das Gebiet der Weichteile 
fallen, er sah auch, dass vielfach die Verknöcherungen in anderen Weich¬ 
teilen wie in den Muskeln, z. B. in dem Bindegewebe zwischen den Muskeln 
erfolgten, kurz, dass der Uebergang von einer Art der Knochenbildung zur 
anderen ein ganz allmählicher ist 

In direktem Widerspruch zu Virchow’s Ansicht steht Zoege von Man- 
teuffel 36 ). Er stellte auf dem Chirurgenkongress 1896 das Skelett eines 
Patienten vor, bei welchem nach der Beschreibung zweifellos die neugebildeten 
Knochen primär in der Muskulatur entwickelt waren. Man konnte beispiels¬ 
weise die einzelnen Lamellen der Verknöcherungen der Rückenmuskulatur 
durch Kartenblätter nicht nur vom Skelett, sondern auch unter sich trennen. 
Aehnliche Beobachtungen geben Lexer 28 ) und neuerdings Boks 4 ). 

Bei weit vorgeschrittenen Fällen, in denen der Muskel und die Sehne 
mit dem Skelett knöchern verbunden sind, kann die Entscheidung über den 
Ausgangspunkt des Prozesses natürlich unmöglich sein, aber jedenfalls be¬ 
weisen die citierten Beobachtungen, denen sich aus der älteren Literatur noch 
eine ganze Reihe anfügen liessen, dass eine direkte Verbindung der Ver¬ 
knöcherungen mit dem Skelett in vielen Fällen nicht besteht. 

Am treffendsten scheinen mir Lexer 28 ) und früher schon Mays 33 ) 
die Verhältnisse zu beurteilen, welche beide betonen, dass bei der offenbar 

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sehr häufigen Kombination zwischen vom Knochen ausgehenden Exostosen 
und primären Verknöcherungen man gewisse Extreme unterscheiden müsse. 
Lex er stellt den von Virchow demonstrierten Fall, bei welchem die Exo¬ 
stosen überwiegen, einerseits, den seinigen, bei welchem sich vorzugsweise pri¬ 
märe Muskelverknöcherungen fanden, andererseits gegenüber und hebt hervor, 
dass es zwischen diesen Extremen Uebergänge der mannigfaltigsten Art gäbe, 
bei welchen der Ursprung der neugebildeten Knochenmassen sich schlechter¬ 
dings nicht entscheiden lasse. 

Dass übrigens ein Urteil in dieser Beziehung in vivo unmöglich und 
nur am skelettierten Präparat mit Sicherheit zu treffen sei, wird man von 
Man teuf fei zugeben müssen. 

Wenn demnach nicht zu bestreiten ist, dass primäre Verknöcherungen in den 
Muskeln ohne oder mit nur sekundärer Verbindung mit den Skelettknochen 
Vorkommen, so ist eine ganz andere Frage, von welchen Gewebselementen 
im Muskel diese ihren Ursprung nehmen. In dieser Beziehung hat nun 
Virchow schon in den krankhaften Geschwülsten hervorgehoben, dass stets 
nicht etwa die Muskelfaser primär erkranke, sondern dass der Prozess immer 
seinen Ausgang vom intermuskulären Bindegewebe nehme und diese Ansicht 
ist von allen späteren Untersuchern bestätigt worden. Nur zwei Autoren 
sind abweichender Meinung: Friedberg 13 ) hat den Fall von Wilkinson 68 ) 
als eine primär parenchymatöse Muskelerkrankung aufgefasst und hält 
die Beteiligung des intermuskulären Bindegewebes für sekundär, dann hat 
Salmann 47 ) in neuerer Zeit dieselbe Ansicht geäussert. Allein abgesehen 
davon, dass es sich in dem letzten Falle um eine einfache Myositis ossifi- 
cans, die dem Krankheitsbilde der progressiven Form nicht angehört, handelt, 
soll nicht verschwiegen werden, dass Lexer 28 ) auf Grund der Untersuchung 
desselben Präparates, welches er noch in der Sammlung der chirurgischen 
Klinik fand, gerade zur entgegengesetzten Auffassung gekommen ist Es 
kann also auf Grund des vorliegenden Untersuchungsmateriales 
kein Zweifel sein, dass der Prozess mit Veränderungen im Binde¬ 
gewebe beginnt und zwar beschränkt sich die Knochenbildung auf das¬ 
jenige Bindegewebe, welches Virchow als Sitz der multiplen Osteome in den 
krankhaften Geschwülsten bezeichnet hat, auf das Bindegewebe des Be¬ 
wegungsapparates, während beispielsweise das subkutane Bindegewebe freibleibt 

Ueber diesen Punkt herrscht also gerade in den neueren Publikationen 
volle Uebereinstimmung, nicht dasselbe kann man dagegen sagen über die für 
die Auffassung der Erkrankung eigentlich entscheidende Frage, was denn der 
Prozess ist, ob er ein entzündlicher ist oder ob es sich um eine echte Ge¬ 
schwulstbildung handelt. 

Münchmeyer 32 ) hat, wie oben erwähnt, namentlich auf Grund des 
klinischen Bildes, in welchem ja jedesmal bei einem frischem Schube der 
Krankheit die evidentesten entzündlichen Erscheinungen Vorlagen, den Pro¬ 
zess als entzündlichen aufgefasst, die Myositis der multiplen Osteombildung 
entgegengestellt und die bekannten drei Stadien für die Entwickelung der 
Krankheit aufgestellt — das der Infiltration des inter- und intramuskulären 
Bindegewebes, das Stadium der bindegewebigen Induration und des Zugrunde¬ 
gehens der Muskelsubstanz und das Stadium der Verknöcherung. 

Aber wenn auch klinisch das Krankheitsbild sich bewährte und auf¬ 
recht erhalten liess, so schienen die pathologisch-anatomischen Untersuchungen 
gegen die Münchmeyerische Auffassung zu sprechen und der alten Vir- 
chow’schen Lehre recht zu geben. 


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Seit den Untersuchungen von Mays 33 ) vornehmlich war man geneigt, 
die entzündlichen Veränderungen, die man ja natürlich auch pathologisch-ana¬ 
tomisch mehrfach nachweisen konnte, als sekundäre aufzufassen, den Prozess 
aber wieder zu den Geschwülsten zu zählen. 

Mays sagt darüber: „Der entzündliche Charakter des Prozesses hindert 
nicht, ihn zu den Tumoren zu rechnen, macht doch Virchow häufig genug 
darauf aufmerksam, dass die Trennung von chronischer Entzündung und 
Tumorenbildung oft nur eine willkürliche sei.“ 

Fasst man nun die Resultate zusammen, so ergibt sich, dass sämtliche 
Fälle multipler Verknöcherungen anatomisch zusammengehören, da zwischen 
den einzelnen allmähliche Uebergänge bestehen, dass ihr klinischer Verlauf 
das eine Mal ein langsamer unmerklicher, das andere Mal ein in typischen 
Anfällen unter entzündlichen Phänomenen sich entwickelnder sein kann und 
dass eine Trennung einer Gruppe derselben von den übrigen unter dem 
Namen Myositis ossificans progressiva weder vom anatomischen, noch vom 
klinischen Standpunkte geboten ist.“ 

Dieser Auffassung haben sich spätere Untersucher angeschlossen, so 
Partsch 39 ), Kümmel 24 ), Helferich 2l ), Schwarz 50 ), Cahen 6 ). Cahen 
untersuchte, wie bereits erwähnt, eine einfache Myositis ossificans nach 
Trauma, der Schwarz* sehe Fall ist gleichfalls kein sicherer. Jedenfalls war 
die von Mays vertretene Ansicht allgemein angenommen, so z. B. bezeichnet 
Maunz 1892 diese Frage als völlig entschieden. Mit besonderer Schärfe 
hat dieselbe in jüngster Zeit Pincus 40 ) ausgesprochen, allerdings nicht auf 
Grund eigener Untersuchungen, sondern auf Grund von Literaturstudien. 
Der erste Schlusssatz seiner Arbeit lautet: 

„Die sogenannte Myositis progressiva ossific. multiplex ist keine Krank¬ 
heit sui generis; der Geschwulstcharakter ist zweifellos; sie gehört unbedingt 
zu den multiplen Osteomen und Exostosen Virchow’s. Rectius: Exostosis 
luxurians et Osteoma intramusculare multiplex.“ 

Erst ganz neuerdings macht sich gegen diese Theorie noch einmal 
Widerspruch rege und wird die Münchmeyer’sche Ansicht auch von patho¬ 
logisch-anatomischer Seite wieder verteidigt 

Lex er 28 ) hält auf Grund seiner mikroskopischen Befunde die entzünd¬ 
lichen Veränderungen doch für die primären und kommt zu folgendem 
Schlusspassus: 

„Der Prozess hat vieles mit wahrer Geschwulstbildung gemein, jedoch 
je näher die Veränderungen dem Anfangsstadium stehen, desto mehr tritt die 
entzündliche Bindegewebsproliferation in den Vordergrund, die dem klinischen 
Bilde ein fast regelmässiges, charakteristisches Gepräge verleiht“ 

Fürstner 14 ) äussert sich über die Frage, ob Geschwulst oder Ent¬ 
zündung, nicht Die kurze Beschreibung des mikroskopischen Befundes in 
seinem Fall sei deswegen citiert, weil sie erwähnt, dass sich in der Mus¬ 
kelsubstanz zwar nicht die geringsten Veränderungen, namentlich keine Kern¬ 
wucherungen fanden, dass dagegen sehr intensive und offenbar ganz frische 
Veränderungen in dem interfibrillären Zwischengewebe, eine akute Wucherung 
des Perimysiums vorhanden war. 

Boks 4 ), der selbst keine frischen entzündlichen Veränderungen fand, 
führt dies nur darauf zurück, dass er bereits weiter vorgeschrittenere Stadien 
zur Untersuchung bekam; auch er glaubt, dass die Umformungen der Mus¬ 
kulatur anatomisch und klinisch mehr die Folge von entzündlichen Vor¬ 
gängen sind. 


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Man sieht also, dass die Untersucher der letzten drei Jahre mit Aus¬ 
nahme von Pincus wieder mehr die Entzündungstheorie vertreten. 

Bei sorgfältigem Studium der veröffentlichten mikroskopischen Befunde 
bemerkt man übrigens bald, dass die einzelnen Beobachter sehr ähnliche Bilder 
gesehen haben und mehr aus theoretischen Gründen zu der einen oder andern 
Auffassung kommen. Im allgemeinen bestehen die gefundenen Veränderungen 
in starker Bindegewebsentwickelung um die Muskelfasern herum, welche 
schliesslich diese zur Atrophie bringt und selber verknöchert. Je nach dem 
Zeitpunkt der Untersuchung wird die Bindegewebsentwickelung in einem 
frischeren — entzündlichen — Stadium getroffen oder nicht. Man muss 
also der Literatur nach beide Auffassungen als gleich gut gestützt anschen. 
Während die Entzündungstheorie nun zweifellos den klinischen Verlauf als 
für sie sprechend anziehen kann, wird die Geschwulsttheorie ein anderes 
Moment ins Feld führen können. 

Es handelt sich nämlich keineswegs um Verkalkungen, sondern um 
wirkliche echte Knochenneubildung. Man sieht Havers’sche Kanälchen, kon¬ 
zentrisch angeordnete Knochenlamellen, Knochenkörperchen. Auch darin 
herrscht Uebereinstimmung, dass sich die Verknöcherung sowohl nach periostalem 
Typus, wie nach enchondralem vollziehen kann. 

Wir wollen damit diese unentschiedene und wohl auch sehr schwer ent¬ 
scheidbare Kontroverse verlassen und zur Besprechung der Pathogenese übergehen. 

Pathogenese. 

Zunächst sind alle Beobachter darin einig, dass bei einmal entwickelter 
Krankheit die einzelnen, schubweise erfolgenden Verschlimmerungen sich häufig 
an Traumen knüpfen und zwar teilweise an Traumen sehr leichter Art, wie z. B. 
zu häufiges Palpieren eines Muskels zwecks Untersuchung und Beobachtung 
(Boks 4 ). Andererseits sind einige Fälle bekannt, in denen Traumen aus¬ 
drücklich ausgeschlossen werden [Gerber 15 )-Florschütz u ), Krause citiert. 
nach Pintör 41 )]. Ja Pintör erzählt sogar, dass sein von ausgedehnten Ossi¬ 
fikationen befallener Patient sich eine Vordemnnfraktur zuzog. Dieselbe 
heilte aber normal, ohne dass vom Callus krankhafte Verknöcherungen aus¬ 
gingen. 

Pincus 40 ) und Boks 4 ) glaubten für die öfter bereits kurz nach der 
Geburt beobachteten Knötchen am Kopf und in der Nackenmuskulatur die 
traumatischen Einflüsse der Geburt verantwortlich machen zu sollen. Nament¬ 
lich Pincus hat auf Grund einer sorgfältigen Berücksichtigung der gesamten 
vorliegenden Literatur zwar eine besondere Krankheitsanlage angenommen, 
aber scharf betont, dass diese zur Entwickelung eines äusseren Anlasses be¬ 
dürfe, den er in erster Linie im Trauma sieht: „Die scheinbar spontan ent¬ 
standenen Fälle im ersten Kindesalter, resp. gleich nach der Geburt, sind 
traumatischen Ursprungs und zwar sind dieselben auf Schädigungen zurück¬ 
zuführen, die der kindliche Körper intra partum erfährt. 4 * 

Im allgemeinen wird man aber sagen müssen, dass traumatischen Ein¬ 
flüssen nur die Rolle einer Gelegenheitsursache zukommt im Gegensatz zu 
den Fällen von einfacher traumatischer Osteombildung. 

Für eine Reihe von Fällen hat man versucht, in ungünstigen Lebensbe¬ 
dingungen, ähnlich wie für die Rachitis, ein wesentliches ätiologisches Moment 
zu finden; dem stehen aber einmal Beobachtungen entgegen, wo die Patienten 
in günstigen Verhältnissen lebten (Uhde, Krause, bei Pintör, Boks 4 ) 
und ferner darf bei einer so seltenen Erkrankung ein so häufig vorhandenes 
Moment doch nicht als Grundursache angenommen werden. 


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Einige Fälle waren mit Tuberkulose kompliziert [Helferich 21 ), Müneh¬ 
me y er 32 )], ein ätiologisch gleichfalls nicht zu verwertender Faktor. 

Das Geschlecht der Patienten scheint keinen bestimmenden Einfluss 
zu haben. Es sind bei Männern und bei Frauen wohlausgebildete Er¬ 
krankungsformen beschrieben. Zahlenmässig überwiegen die Erkrankungen 
bei Männern um ein geringes, das Verhältnis ist annähernd 3:2, aber das 
will natürlich bei dem kleinen Materiale nichts besagen. 

Hereditäre Einflüsse lassen sich in allen beobachteten Fällen mit 
Sicherheit ausschliessen. 

Eine Thatsache dagegen geht aus der Kasuistik mit Bestimmtheit her¬ 
vor, nämlich dass die Krankheit meist im Kindesalter oder doch in den 
ersten zwei Jahrzehnten des Lebens beginnt In einigen Fällen [Rabek 4ti ), 
Pollard 43 ), Kümmel 24 ), Boks 4 )] winden die ersten Erscheinungen bereits 
in den ersten Lebensmonaten beobachtet. Eine sichere Ausnahme in der 
neueren Literatur macht Lexer’s Fall, der im Alter von 34 Jahren die 
erste Attaque durchmachte. Von verschiedenen Seiten, zuletzt von Boks, ist 
die Erkrankung als eine angeborene Entwickelungsanomalie aufgefasst worden 
(ebenso von Mays, Pinter, Pincus und Ziegler), und zwar stützen 
sich die diese Ansicht vertretenden Autoren auf den sehr häufigen Befund ander¬ 
weitiger Entwickelungsanomalien bei an Myositis ossificans progressiva Lei¬ 
denden; so hat Boks z. B. herausgerechnet, dass in 43% aller bekannten 
und in 63% der in den Jahren (seit 1885) beobachteten Fälle angeborene 
Mikrodactylie vorhanden war. Boks glaubt, dass in der älteren Literatur 
wohl die Mikrodactylie öfter übersehen sei und geht so weit, dieselbe gerade¬ 
zu als ein Symptom der Myositis ossificans zu erklären. 

Zur gleichen Auffassung ist auch Pincus 40 ) gelangt, nach welchem 
diese Missbildungen zum anatomischen Bilde der Krankheit gehören; Pincus 
fasst sie als teratologische Anomalie auf und nicht als Schädigungen durch 
amniotische Verwachsungen. 

An anderweitigen Missbildungen ist einmal (Florschütz U )-Gerber l5 ) 
eine Verkümmerung des Scrotums und der Testes beschrieben, ferner von 
Partsch 39 ) ein bei sichtlicher Abflachung des Thenar vorhandener Defekt 
des Flexor profundus an beiden Händen. Erwähnenswert ist auch die That¬ 
sache, dass bei allen weiblichen Patienten die Menstruation zu spät oder gar 
nicht eingetreten ist. 

Es ist also w T ohl sicher, dass Missbildungen und Entwickelungsanomalien 
auffallend häufig sich der Myositis ossificans progressiva zugesellen. Es hat 
deswegen und, weil die Erkrankung meist eine des kindlichen Lebensalters 
ist, eine gewisse Berechtigung, eine congenitale Disposition gnzunehmen. 

Als eine solche Constitutionsanomalie, als Diathese, hatte sie bereits 
Münchmeyer aufgefasst Pincus definiert dieselbe als eine gesteigerte 
Vulnerabilität des Periostes und des Bindegewebssystems des Lokomotions¬ 
apparates. 

Gerade bei dieser verbreiteten Auffassung als Constitutionskrankheit 
muss es merkwürdig erscheinen, dass Stoffwechseluntersuchungen bis heute in 
brauchbarer Form nicht vorliegen. Es hat zwar schon Sir H. Davy in 
einem Falle von Albernethy 1 ) eine Verminderung des phosphorsauren Kalkes 
im Harn gefunden und diese Angabe ist von verschiedenen Seiten bestätigt worden 
[Dittmeyer 9 ), Partsch 39 ), Helferich 21 )], aber die letzte sorgfältige Unter¬ 
suchung stammt aus dem Jahre 1883. Sie ist von Friedrich Müller aus¬ 
geführt und in der Dissertation von Pintör beschrieben. Dieselbe bestätigt 
gleichfalls Davy’s Angabe, es wurden die Erdphosphate auf l j U) des Normal- 


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wertes erniedrigt gefunden, doeh enthält sie keine Kotanalysen und kann 
nach unseren heutigen Anschauungen nicht mehr als ausreichend für irgend¬ 
welche Schlüsse erachtet werden. 

Es muss deswegen eine möglichst vollständige Stoffwechseluntersuchung 
nach der jetzt gütigen Methodik als ein Desiderat bezeichnet werden. 

Während im allgemeinen auch die neueren Autoren (Pincus, Boks) 
der Annahme einer Constitutionsanomalie zuneigen, ist zu einer anderen und 
sehr bemerkenswerten Auffassung Nicoladoni 37 ) gekommen, der die Krank¬ 
heit für eine Trophoneurose hält 

Man muss sich dabei erinnern, dass bereits Dusch, unter dessen Leitung 
Münchmeyer arbeite, auf die Analogie der Erkrankung mit der pro¬ 
gressiven Muskelatrophie aufmerksam gemacht hatte. 

Diese letztere Analogie ist vorläufig deswegen zurückzuweisen, weil die 
Untersuchungen des Rückenmarks und der peripheren Nerven derartiger 
Kranker negativ ausgefallen sind (diese Untersuchungen sind von Friedrich 
Schultze 52 ) in zwei Fällen und von Lendon 29 ) in einem Falle ausgeführt). 

Dagegen ergaben Prüfungen der elektrischen Erregbarkeit, dass bei 
faradischer Reizung die Reaktion zwar eine prompte war, bei galvanischer 
aber insofern eine abnorme Zuckungsformel bestand, als die ASZ früher 
als die KSZ eintrat. Dieser Befund ist übereinstimmend von Ziemssen 
(Helferich's Fall) und Friedrich Müller (Pinteris Fall) erhoben worden. 

Pincus fand dagegen, dass die Prüfung mit dem faradisehen Strom 
an mässig degenerierten Muskeln nur kaum erkennbare Zuckungen auslöste. 
Die weniger betroffenen und anscheinend gesunden Muskeln reagierten auch 
träger als normal, besonders wenn sie in der Nähe von ausgesprochenen 
Ossificationen lagen. Galvanisch scheint der Fall leider nicht untersucht 
zu sein. 

Eine weitere, sehr auffallende Angabe befindet sich bei Pincus, nämlich 
der Befund von fibrillären Muskelzuckungen (spontane und bei Betastung). 
Dieselben scheinen sonst in keinem anderen Falle beobachtet zu sein. 

Diese wenigen Beobachtungen, die das Bestehen einer degenerativen 
Atrophie vermuten lassen, sind freilich nicht durch die pathologisch-anato¬ 
mischen Befunde gestützt. Diese sprechen vielmehr sämtlich für das Bestehen 
einer einfachen Muskelatrophie. 

Man kann also nicht zugeben, dass eine Analogie der Krankheit mit 
den spinalen Amyotrophien besteht. Wohl aber lässt sich das für die 
Dystrophien bis zu einem gewissen Grade behaupten. Beide Erkrankungen 
haben z. B. den Beginn in früher Jugend gemeinsam, bei beiden wird vor¬ 
zugsweise die Rückenmuskulatur befallen, bei beiden kann es zu lipomatösen 
Degenerationen (confer Mays) kommen. Andererseits ist hervorzuheben, 
dass der schubweise Verlauf der Myositis ossificans progressiva multiplex 
nicht gerade für eine derartige Annahme spricht. 

Für eine dritte Hypothese schliesslich, die von Eich hörst 10 ) auf 
Grund zweier Fälle mit aller Vorsicht aufgestellt ist (ein Fall war mit Tabes, 
der andere mit Meningocele spinalis kompliziert), dass nämlich sich zu Spinal¬ 
leiden eine Verknöcherung der Muskeln zugeselle, lässt sich ein weiterer 
Beleg in der neueren Literatur nicht finden. 

Klemm 28 ) gibt zwar irrtümlicherweise an, dass unter Pintör’s 22 Fällen 
drei Tabiker gewesen seien; aber wie Boks bereits betont hat, findet sich 
in Pintör’s Abhandlung eine derartige Angabe nicht. Auch Eichhorst 
selbst betont ausdrücklich, dass er einen weiteren Belegfall in der Literatur 
nicht gefunden hätte. 


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Therapie. 

Alle Beobachter stimmen darin überein, dass eine Therapie bei der 
progressiven Form der ossifizierenden Myositis, im Gegensatz zu den operativen 
Erfolgen bei einfachen Osteomen, völlig aussichtslos sei. 

Schlussresumö. 

Wenn wir nun das ganze Material noch einmal überblicken, so scheinen 
sich mir folgende Sätze aufstellen zu lassen: 

1. Die Myositis ossificans progressiva ist ein klinisch wohl abgegrenztes 
Krankheitsbild, das sich durch seinen Verlauf von der multiplen 
Osteombildung unterscheidet und dessen Aufstellung deswegen be¬ 
rechtigt ist. 

Allerdings soll zugegeben werden, dass auch im klinischen 
Verlaufe sich Uebergangsformen zu dem der multiplen Exostosen¬ 
bildung finden. Hier wären die oben citierten Fälle von Ben net 
und Brennsohn einerseits, die ohne entzündliche Erscheinungen 
verliefen, und andererseits ein bereits von Virchow (Geschwülste) 
citierter Fall von Ebert, bei welchem es sich um reine Exostosen 
handelte, zu nennen, denn dieser verlief, entgegen dem gewöhnlichen 
Bilde, in Schüben mit jedesmaligem entzündlichen Charakter. 

2. Pathologisch-anatomisch betrachtet kann die Myositis ossificans pro¬ 
gressiva schwer bestimmt eingereiht werden. Sie kann mit ziemlich 
gleich guten Gründen zu den Geschwülsten wie zur chronischen 
rekurrierenden Entzündung gerechnet werden. 

3. Aetiologisch steht nur die häufige Kombination mit Missbildungen 
sicher. 

Literatur. 

1) Abernethy, 1850, Lectures on surgery 1869. 

2) Byers, W. M., New-Orl. Journ. of med. 1870. 

3) Brechet, Archiv. g6n£ral. 1860. 

4) Boks, Berliner klinische Wochenschrift 1897, Nr. 41—43. 

5) Brennsohn, Berliner klinische Wochenschrift 1892. 

6) Cahen, Fritz, Myositis ossificans, Deutsche Zeitschrift für Chirurgie, Bd. 31, p. 372. 

7) Carter, W., A case of myosit. ossific., Lancet 1894, Februar 10. 

8) Coppiny, Philosophical Transact. 1741, Nr. 474. 

9) Ditlmeyer, Mitteilung aus der Privatpraxis, citiert von Gerber, p. 18. 

10) Eichhorst, Ueber Beziehungen zwischen Myositis ossificans und Rückenmarks¬ 
krankheiten, Virchow’s Archiv Bd. 139, Heft I. 

11) Florschütz, Allgemeine medizin. Centralzeitung, Berlin, Dez. 1873. 

12) Freke, John, Philosoph. Transact. 1740, Nr. 456. 

13) Friedberg, Pathologie und Therapie der Muskellähmung, Leipzig 1862. 

14) Fürstner, Ueber einige seltenere Veränderungen im Muskelapparat, Archiv für 
Psychiatrie 1895, Bd. 27, p. 611. 

15) Gerber, Dissert., Würzburg 1875. 

16) Gilney, New-York. med. Record 1875, X. 

17) Huth, Allgemeine med. Centralzeitung 1876, Nr. 41, p. 493. 

18) Hamilton, Dublin. Journal of Science 1872, p. 508, Bd. 54. 

19) Henry, Philosophie. Transact. 1759, Vol. 51, pari. I, p. 89. 

20) Hawkins, The London medic. Gaz. 1844, Mai 31, p. 273. 

21) Helferich, Ein Fall von sogenannter Myositis ossificans progressiva, Aerztliches 
Intelligenzblatt, München 1879, Nr. 45. 

22) Haltenhoff, De l’ossific. progr. des muscles, Arch. g6n£ral. de m6dic. 1869. 

23) Klemm, Ueber Arthritis deformans bei Tabes und Syringomyelie, Deutsche 
Zeitschrift für Chirurgie, 39, 1894, P- 3 OI< 


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24) Kümmel, Verhandlungen des Chirurg. Congresses 1883, s. auch Centralblatt für 
Chirurgie 1883, Nr. 23, Beilage p. 20. 

25) Kohts, Archiv für Psychiatrie 1884, XV, p. 263. 

26) Kissel, Wratsch 1893, ^ r * 3 2 » Referat: Jahrbuch für Kinderheilkunde 1895, 

P- 303 - 

27) Kelburne, 1854, citiert nach Goldberg, Dissert., Berlin 1877. 

28) Lex er, Das Studium der bindegewebigen Induration bei Myositis ossif icans 
progressiva, Archiv für klinische Chirurgie 1895, Bd. 50, p. 1. 

29) Lendon, Transact. of the Intercolon. Med. Congr., Adelaide 1887. 

30) Linsmayer, Ein Fall von Myositis ossific. progress., Wiener klinische Wochen¬ 
schrift 1894. 

31) Minkewitsch, Ivan, Virchow’s Archiv 1867, Bd. 41, p. 413 und ebenda 
1874, Bd. 61, p. 524. 

32) Münchmeyer, Zeitschrift für rationelle Medicin 1869, Bd. 34. 

33) Mays, Virchow’s Archiv 1875, Bd. 79, p. 145. 

34) Macdonald, A case of myosit. ossif., British medic. Journal 1891, Vol. II. 

35) Maunz, Dissert., München 1892. 

36) Zoege von Manteuffel, Verhandlungen des Chirurg. Congresses 1896. 

37) Nicoladoni, Wiener medicin. Blätter 1878, Nr. 20—24. 

38) Payet, St., A case of mvositis ossific., Lancet I895, Februar 9. 

39) Partsch, Breslauer ärztliche Zeitschrift 1882, Nr. 6. 

40) Pincus, Ludwig, Deutsche Zeitschrift fürj Chirurgie,' Bd. 44, 1896, p. 179. 
Die sogenannte Myositis progr. ossif. multipi., eine Folge von Geburtsläsion. 

41) Pint6r, Giula, Dissert, Würzburg 1883. 

42) Portal, Cours d’Anatomie 1864. 

43) Pollard, A case of myosit. ossific. The Lancet 1892, Dezember 31., p. 1490. 

44) Rogers, David L., Americ. Journal of med. sc. 1835. 

45) Rogers, Americ. Journal of med. 1832. 

46) Rabek, Virchows Archiv 1892, Bd. 128, p. 537—541 und neurol. Centralblatt 
1892, Nr. 22. 

47) Salmann, Wolfgang, Myosit. ossif., Dissert., Berlin 1893. 

48) Skinner, Med. Times and Gaz., London 1861, Vol. 1, p. 143. 

49) Seidel, Gerhardts Handbuch der Kinderkrankheiten, Erkrankung der Muskeln. 

50) Schwarz, Em bemerkenswerter Fall von Myos. ossif., Deutsche medic. Wochen¬ 
schrift 1884, Nr. 50. 

51) Stonham, Ch., Myosit. ossif. The Lancet 1892, II, Dezemb. p. 1485 f. 

52) Schultze, conf. Mays, p. 167 und zusammen mit W. Erb, Archiv für 
Psychiatrie. 

53) Svensson, J., Fall von Myosit. oss. progr. multipi., Arsberrätelse fran Sahbats- 
bergsynkhus in Stokholm, Stokholm 1891. 

54) Sym'pson, T., British med. Journ. 1886, p. 1026 und E. M. Sympson, The 
Lancet 1892, II, p. 1485. 

55) Testelin et Dombressi, Rhumatisme terminfc par l’ossif., Gaz. m6dic. de 
Paris 1839, Nr. 11. 

56) Volkmann, Krankheit der Bewegungsorgane in Billroth-Pitha’s Handbuch. 

57) Virchow, Ueber Myositis progressiv, ossif., Berliner klinische Wochenschrift 
1894, Nr - 3 2 - 

58) Wilkinson, The London med. Gaz. 1846, Dec. 4., p. 993. 

59) Zollinger, Dissert., Zürich 1867. 

60) Zodler, Transact. of the clin. Soc. of London 1886, p. 333 und The Lancet 
1886, II, p. 1177. 


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Zur Pathologie und Therapie der Wanderniere. 


Sammelbericht über die seit dem Jahre 1892 erschienene Literatur. 

(Abgeschlossen i. Sept. 1897.) 

Von Dr. J. Fischer, Wien. 

(Fortsetzung.) 

IV. Begriffsbestimmung und Einteilung der beweglichen 

Niere. 

Die Begriffsbestimmung der beweglichen Niere ist ausserordentlich er¬ 
schwert durch die bereits oben erwähnten schwankenden Angaben bezüglich 
physiologischer und pathologischer Nieren Verschieblichkeit, sie wird ausserdem 
erschwert durch das Vorkommen angeborener Lageveränderungen, die keines¬ 
wegs immer fixiert sind und klinisch daher mit der erworbenen beweglichen 
Niere übereinstimmen. Dazu kommt, dass man nicht nur die angeborenen, 
meist fixierten Ektopien der Niere, sondern auch Formen der echten Wander¬ 
niere (derjenigen, die ein Mesonephron haben sollen) als foetale Bildungen 
erklärt hat. 

Im allgemeinen betrachtet man aber die bewegliche Niere als einen 
niederen, die Wanderniere im engeren Sinne als einen höheren Grad derselben 
krankhaften Veränderung, welche erst nach der Geburt unter gewissen Be¬ 
dingungen zu stände kommt (Küster), einer krankhaften Veränderung, welchen 
in einer erhöhten Beweglichkeit der Niere besteht, weshalb Curschmann sie 
als „überbewegliche“, als „hypermobile“ Niere bezeichnet. Dass viele Fälle, 
welche die einen Schriftsteller als pathologisch bewegliche, also als über¬ 
bewegliche Nieren betrachten und definieren, von anderen noch als physio¬ 
logische angesehen werden, geht aus den oben angeführten Betrachtungen über 
die normale Verschieblichkeit der Niere zur Genüge hervor. Aber es be¬ 
ziehen sich die Verschiedenheiten der Ansichten nicht nur auf die physio¬ 
logische oder pathologische Beweglichkeit, sondern auch auf Lage und Fühl¬ 
barkeit der Niere. So stellt Kitten fest, dass man bei Frauen oft selbst in 
der Ruhe den unteren Abschnitt der Niere fühlen kann, es sich dann aber 
auch nicht etwa um eine sogenannte Wanderniere, sondern nur um eine 
Steigerung physiologischer Verhältnisse handle. 

Senator unterscheidet die angeborene und erworbene Verlagerung der Niere, 
welche in beiden Fällen an der falschen Stelle befestigt oder mehr weniger 
verschieblich sein kann. Die Wanderniere im engeren Sinne ist nur als ein 
abnorm hoher Grad von Beweglichkeit einer oder beider Nieren zu bezeichnen, 
wobei das ganze Organ durch die Bauchdecken tastbar wird. 

Hilbert wendet sich gegen die ältere Litten’sche Einteilung in dis- 
locierte Nieren mit und ohne Beweglichkeit und in bewegliche Nieren mit und 
ohne Dislocation, welche uns zum Teil auch in der Einteilung von Senator 
entgegen tritt; nach Hilbert ist der Grad der Dislocation wesentlich abhängig 
von dem Grade der Beweglichkeit, weshalb er letztere als Einteilungsprinzip 
annimmt. Es unterscheidet dementsprechend folgende Grade: 

1. Grad. Man fühlt den unteren Pol bis höchstens zur Hälfte des 
Oigans — Ren »palpabilis. 


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2. Grad. Man kann die ganze Niere ab tasten — Ren mobilis im 
engeren Sinne. 

3. Grad. Man kann die ganze Niere fühlen und dieselbe nach abwärts 
und nach innen frei verschieben — Ren migrans. 

Dieselbe Einteilung finden wir bei Brewer, der von einer palpable, 
movable und floating kidney spricht. Penzoldt unterscheidet 1. die Wander¬ 
niere, 2. die umgreifbar bewegliche Niere, 3. die respiratorisch bewegliche Niere, 

4. die respiratorisch empfindliche Niere, 5. die dislocierte, fixierte Niere. Als 
respiratorisch empfindliche Nieren bezeichnet er solche, bei denen man infolge 
gleichzeitiger Empfindlichkeit die respiratorische Verschiebung nicht nach weisen 
kann. Morris verwirft alle die Unterscheidungen in floating und movable, 
subserous und interserous, dislocated und displaced kidney und hält die Be¬ 
zeichnungen displaced und movable für vollkommen genügend. 

Auf anatomische Befunde wendet Brown folgende Einteilung an: 

1. Verlagerung mit Fixation, wobei die Beweglichkeit einen Zoll in keiner 
Richtung überschreitet. 

2. Bewegliche Niere, wenn die Verschieblichkeit einen Zoll überschreitet 
und das Organ innerhalb seiner Fettkapsel oder zwischen Muskulatur 
und Peritoneum beweglich ist. 

3. Flottierende Niere mit Mesonephron und Beweglichkeit innerhalb der 
Peritonealhöhle. 

Guyon unterscheidet 3 Grade beweglicher Nieren; die ersten 2 zeigen 
blos vertikale Beweglichkeit; die Niere erscheint blos unter dem Rippenbogen 
oder sie passiert ihn vollständig. Im 3. Grade hat sie auch transversale 
Beweglichkeit. 

Knapp teilt die erworbenen Formen der beweglichen Niere in 

1. Descensus renis, Tiefertreten der Niere. 

2. Ren mobilis, tiefer getretene Niere. 

3. Dislocatio renis ante mobilis fixata. 

Als descendiert bezeichnet er jene Nieren, deren Dislocation lediglich 
in der durch ihre Längsaxe gelegten, der Medianlinie parallelen Geraden er¬ 
folgt ist; sobald zu dieser Lageveränderung noch eine andere in dem Sinne 
tritt, dass sich der untere Nierenpol der Medianlinie nähert, spricht er von 
einem Ren mobilis. 

GlSnard, der den Namen Nephroptose eingeführt hat, weil nicht die 
Ektopie und nicht die Beweglichkeit, sondern nur die Ptose das Wesentliche sei, 
unterscheidet im Anschlüsse an die früher erwähnten Grade ihrer respiratorischen 
Verschieblichkeit und mit Berücksichtigung des von ihm supponierten pathologisch¬ 
anatomischen Entstehungsmodus folgende Formen der beweglichen Niere: 

I. Grad. (Diastasis r6no-surrönale — Lockerung der Verbindung zwischen 
Niere und Nebenniere.) Am Ende der Inspiration tritt die Niere in 
der Geraden 1—2 cm tiefer. Blos der unterste Pol ist tastbar, kann 
aber nicht erfasst werden. 

II. Grad. (Ligament r6no-surrönal adventue -— Elongation desselben.) 
Die Spannung an den Gefässen hat den Erfolg, dass der obere Pol 
sich etwas nach aussen, der untere nach innen wendet. Der Körper 
der Niere ist tastbar; die Niere kann durch die Finger zurückgehalten 
werden, aber man erreicht nicht den Hilus. 

III. Grad. (Rupture des connexions r6no-surr6nales.) Der Stiel ist jetzt 
das einzige Befestigungsmittel; der obere Pol geht nach aussen unten, 
der untere in entgegengesetztem Sinne. Man tastet die ganze Niere. 


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CORNELL UNIVERSUM 



77 


IV. Grad. (Rupture des connexions rEno-surrEnales et Elongation du p£- 
dicule vasculaire.) Bisher lag die Niere im Hypochondrium, jetzt in 
der Flanke oder in der Fossa iliaca. Sie wird durch die Respirations¬ 
bewegungen nicht mehr beeinflusst 

V. Statistik der Wanderniere. 

Vielfach (so z. B. von Herczel, Küster) wird behauptet, dass die 
Häufigkeit der Wanderniere in den letzen Dezennien in stetiger Zunahme be¬ 
griffen sei. Dass hierfür einen strikten Beweis zu erbringen ausserordentlich 
schwierig sei, weil einerseits Angaben über die Häufigkeit des Leidens aus 
sehr viel früherer Zeit fehlen, andererseits auch die neueren Autoren über diesen 
Gegenstand in ihren Prozentsätzen bedeutend divergieren (0,4—60°/ 0 ), betont 
Räude, der sich der eingangs erwähnten Ansicht nicht anschliessen kann. 
Nach ihm liegt die Ursache des heutigen anscheinend häufigeren Vorkommens 
in der jetzt besser ausgebildeten physikalischen Exploration des Organes, ferner 
in dem „Ansporn, den die erfolgreiche Therapie dazu gegeben hat, die wahre 
Natur eines Zustandes zu erforschen, der bislang sehr häufig unter der Flagge 
Hysterie, Unterleibsneuralgie, inneres Sexualleiden u. s. w. ging“. 

Auch Sänger glaubt, dass die Häufigkeit der Wanderniere nicht zu¬ 
genommen hat und dass nur die Diagnose viel zu oft gestellt werde. Nach 
Zweifel ist die Diagnose Mode geworden, nicht aber die Erkrankung. Currier 
meint, dass, wenn die bewegliche Niere wirklich so häufig wäre, er sie öfter 
bei seinen zahlreichen Laparotomien entdeckt haben würde. Ja, man hat sogar 
behauptet, die Angaben über die Häufigkeit der Wanderniere beruhten auf 
trügerischen klinischen Eindrücken, die Fälle von beweglicher Niere wären in 
Wirklichkeit Tumoren anderer Organe, z. B. der Gallenblase, des Ovariums u. s.w. 

Nicht zu vergessen ist, worauf Senator hin weist, dass auch verschiedenes 
Material verschiedene Häufigkeitsziffem ergeben wird; doch hält er die That- 
sache nicht für sicher gestellt, dass die Wanderniere bei Frauen der niederen, 
arbeitenden Stände häufiger sei als bei Wohlhabenden. Nur infolge äusserer 


Autor 

Unter¬ 

suchte 

Beweg¬ 

liche 

Nieren 

0 / 

Io 

Männer 

Beweg¬ 

liche 

Nieren 

% 

Frauen 

Beweg¬ 

liche 

Nieren 

%. 

Brewer 

198 

11 *) 


142 

2 

M 

56 

9 

17,3 

Edelbohls 




j 



500 

90 


GlEnard 

4215 

537 

13 

; 






Knapp 







206 

11 


Küster 

1733 D 

44 

2,53 

828 

4 

0,2 

905 

40 

4,41 

Mathieu 







306”) 

85”) 



1) 9 palpable, I bewegliche, i flottierende; alle rechtsseitig. 

2) Sprechstundenpraxis. 

3) 260 Frauen waren irgend einer Erkrankung halber, 46 wegen dyspeptischer Be¬ 
schwerden gekommen. Bei ersteren fand sich die Wanderniere in dem Verhältnis I : 4, bei 
letzteren in dem Verhältnis 2:3. Bei 104 Frauen, die niemals geboren hatten, war in 
n°/ 0 , bei 130 Primiparae und Multiparae in 33,8 °/ 0 e * ne Wanderniere vorhanden. 

4) Die Hälfte 1. Grades; die andere Hälfte 2. u. 3. Grades. 


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78 


Umstände sei bei Frauen der unteren Bevölkerungsklassen viel günstigere 
Gelegenheit zur Untersuchung und Erkennung des Leidens gegeben. 

Die meisten Autoren beziehen sich auf die Angaben, die Fischer- 
Ben zon, Kuttner, Landau, Lind ne r, Senator früher gemacht haben. 
Die aus der neuesten Litteratur mir vorliegenden Zahlen lassen sich nur schwer 
zu einer tabellarischen Uebersicht vereinigen, da sie wenig einheitlichen Prin¬ 
zipien entsprechen. 

(Siehe Tabelle Seite 77.) 

Bruhl giebt nach einer Zusammenstellung der Zahlen verschiedener 
Autoren das Vorkommen der Wanderniere bei Frauen mit 87°/ 0 , Wylie mit 
15—20°/ 0 an. Engström hat während eines Jahres 200 Fälle beobachtet, 
Stone sah nie bei Negerinnen eine bewegliche Niere, einmal eine solche bei 
einem Mulatten. Schmidt gibt an, dass unter 10 gynäkologischen Kranken 

1 mit Wanderniere behaftet sei. 

Ueber die Häufigkeit der Wanderniere bei Kindern im Alter von 7 
bis 14 Jahren liegen Angaben von Rosenthal vor: Unter 32 Knaben 
(4 weitere konnten wegen Spannung der Bauchdecken nicht untersucht werden) 
3 bewegliche Nieren (= lO°/ 0 ); alle waren rechtsseitig, in einem Falle war 
die Hälfte, in zweien 2 /a der Niere tastbar. Unter 51 Mädchen (1 weitere nicht 
untersuchbar) fanden sich 26 bewegliche Nieren (= 50°/ 0 ); alle rechtsseitig, 

2 komplete Wandernieren. 


Autor , 5* 2 

1 

& 

3 

(5 

n 

Frauen 

„o 

7 . 

Ui- 

ders. 

! rechts 

links 

Huf- 

cisen- 

niere. 

Anmerkung 

Giönard 

148 

17 


131 


19 

120 

3 


1 u. 2 Gr. 62-47 Fr. 15 Mflnn. 
3 „ 81—79 „ 2 „ 

^ t» ^ 5 »» *• 

recht» 110 ,, 16 „ 

links 3 ff — ,, 

1 »eiderseits 18 ,, 1 Mann 

Hilbert 

100 





35 *) 

65*) 



1) 8 Fälle l. Gr., 9 Fülle 
2. Gr., in 17 rechts die ganze 
Niere, links nur der untere 
Pol tastbar. 

2) 40 Fülle 1. Gr., 25 Fülle 
2. Gr. 

Huber 

64 





2 

00 

1 



Knapp 




100 



9G 

4 


89 Fülle I. Grades 

6 „ 2 . ft 

6 l# 3. „ 

Küster 

101 

6 

5,95 

95 

94,05 

6 

81 

0 

1 

Bel 7 fehlt die Angabe des 
Sitzes 

Rötch 

1332 

107 


702 


93 

08G 

100*) 


Nach einer Zusammenstellung 
der Angal»en verschiedener 
Autoren 

Sch werdt 

95 





5 

80 

4 



Stifler 

100 






75 

15 




*) Bei den Männern, bei denen der Sitz der Wanderniere speziell erwähnt ist, war 
sie 6mal rechtsseitig, 8nial linksseitig; bei den Frauen Somal rechtsseitig, I5mal beiderseitig, 
iomal linksseitig. Das Ueberwiegen der rechtsseitigen Wanderniere scheint also nur für 
das weibliche Geschlecht zu gelten. 


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79 


Hilbert sah die bewegliche Niere am häufigsten bei Frauen, die nicht 
geboren hatten; unter den 95 Fällen beweglicher Niere bei den Frauen, die 
Küster beobachtet hat, waren nur 8, die mehr als 2 Geburten auf wiesen. 

Bezüglich des Alters ist zunächst zu erwähnen, dass nach Küster und 
Rammrath aus dem ersten Lebensdezennium 8 ziemlich gesicherte Fälle be¬ 
kannt sind. Comby giebt an, innerhalb einiger Monate 6 Fälle bei Mädchen 
in einem Alter von einem Monat bis zu 14 Jahren beobachtet zu haben. Von 
den 100 Fällen Stifler’s entfallen 10 auf das Jugendalter, x / 5 auf das 
Alter von 20—30 Jahren, % auf das Alter von 31—40 Jahren; die übrigen 
verteilen sich auf die späteren Jahre. Von den Kranken Mathieu’s standen 
8°/ 0 im Alter unter 15 Jahren, 12,7% im Alter von 15—20, 12,5% im 
Alter von 20—25, 40% im Alter von 25—50 und 25% im Alter von 
50—70 Jahren. Nach Hilbert ist der Zeitraum von 30—40 Jahren der¬ 
jenige, in dem wir am häufigsten Wandernieren beobachten, dann folgt der 
Altersabschnitt von 20—30 Jahren. Im folgenden gebe ich die Zahlen von 
Küster und Herzberg: 



Bewegliche 

Nieren 

11-20 

21-30 

i 

31-40 

41-50 

51—60 

61-70 

Küster 

101 

4 

! 

25 

36 

25 1 

10 

1 

Herzberg 

11 

2 

2 

4 

2 

1 

— 


Das Vorkommen der echten Wanderniere wird unter 150Fällen Schüssler’s 
2mal, unter den 100 Hilbert’s und den 50 von Edelbohl’s mitgeteilten je 
lmal erwähnt 


VI. Aetiologie der Wanderniere. 

Aus den statistischen Angaben geht hervor: 1. dass die Wanderniere 
überwiegend häufig bei Frauen gefunden wird, 2. dass in der grösseren Zahl 
der Fälle die rechte Niere die bewegliche ist. 

Insoweit anatomische Verhältnisse zur Erklärung der ersten Thatsache heran¬ 
gezogen werden können, verweise ich auf die im I. Abschnitte enthaltenen 
Angaben, welche einen tieferen Stand der Niere bei den Frauen konstatieren, 
verweise ich ferner auf die grössere Enge des unteren Abschnittes des weib¬ 
lichen Thorax (Küster). Bezüglich der Verschiedenheiten der beiden Nieren 
ist bereits der Tiefstand und die geringere Fixation der rechten Niere der 
linken gegenüber ausgeführt worden. Man hat ferner auf die geringere Lange 
der A. renalis links (4 cm gegen 4,5 cm rechts) hingewiesen, sowie auf den 
Umstand, dass die linke Niere an der Fortbewegung nach unten durch die 
Lage ihrer Gefässe über der Pars horizontalis inferior duodeni gehindert werde, 
dass ferner die linken Nierengefässe durch Zellgewebe mit dem Pancreaskopfe 
verbunden seien. Man war sehr findig in der Aufstellung solcher die linke 
Niere betreffender Umstände. So nahm man auch an, dass die linke Niere 
energischer wie die rechte befestigt sei dadurch, dass links die V. suprarenalis 
in die V. renalis einmündet, so dass dadurch die Niere links gewissermassen 
an die linke unbewegliche Nebenniere fixiert ist, während die rechte Neben¬ 
niere ihr Blut durch die V. suprarenalis in die V. cava inferior ergiesst, wo¬ 
durch also eine innige Verbindung mit der stabilen Nebenniere nicht existiert. 

Auch die Anatomie imd die Lage des Colons wurden zur Erklärung 
herangezogen. Das Mesocolon der linken Flexur ist kürzer als das der rechten. 


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80 


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Das Colon ascendens bildet nicht, wie das Colon descendens einen rechten 
Winkel mit dem Colon transversum, sondern biegt von dem Uebergange in 
das Colon transversum in eine Schlinge ab. Dadurch erhält die rechte Niere 
mehr Platz zum Herabgleiten. Von der höheren Lage der linken Niere be¬ 
hauptet dagegen Kofmann, dass sie gerade nur ein begünstigendes Moment 
für die Entstehung einer mobilen Niere sei. Bezüglich der Befestigung ihrer 
Gefässe ist es ihm unverständlich, wie die Niere durch Verbindung mit be¬ 
weglichen, beziehungsweise verschiebbaren Organen, wie das Duodenum und 
das Pancreas, in ihrer Locomotion gehindert werden soll. Die Kürze der Ge¬ 
fässe kann ferner nur den Grad der Senkung bedingen. Küster weist in 
Betreff des häufigeren Vorkommens der rechtsseitigen Wanderniere auf die 
Ausfüllung des rechten Hypochondriums durch die mächtige Drüsenmasse der 
Leber hin, während dagegen auf der linken Seite die Milz ganz in den 
Hintergrund tritt, das Unke Hypochondrium im Wesendichen gashaltige Organe 
enthält Demgegenüber bemerkt Gerota, dass die Leber ein selir sicher in 
ihrer Lage befestigtes Organ ist, das, falls es selbst normal ist und normal 
liegt, keinen mechanisch lockernden Einfluss auf die Nieren ausüben kann. 
Bruhl führt das stärkere Beteiligtsein der rechten Niere auf ihr grösseres Gre- 
wicht zurück — was nicht mit den Angilben Baduel’s stimmt —, ferner auf 
den Umstand, dass der gravide Uterus sich auf die rechte Seite legt. Dieses 
letztere Moment führt Knapp, der die Wanderniere durch einen an dem 
Ureter ausgeübten Zug (insbesondere in den ersten Monaten der Schwanger¬ 
schaft) entstanden wissen will, des Näheren aus. Er stützt sich darauf, dass 
nach wiederholten Schwangerschaften besonders der rechte Ureter es ist, welcher 
Form- und Lageveränderungen aufweist und meist auch stärker hyperämisch 
erscheint (Ebenso hat Bonneau diesem Umstand das häufigere Auftreten 
rechtsseitiger Nierenaffektionen während der Gravidität beigemessen.) 

Des weiteren folgen jene Momente, welche man als Ursachen der Wander¬ 
niere angeführt hat die zum grössten Teil schon in früherer Zeit eingehend 
gewürdigt worden waren, wobei man aber, wie Küster betont, viel zu wenig 
scharf zwischen begünstigenden Ursachen und eigentlichen Krankheitsursachen 
unterschieden bat. Der letztgenannte Autor meint auch, dass durch die über¬ 
wiegende Beschäftigung mit der Wanderniere der Frauen eine gewisse Ein¬ 
seitigkeit der Anschauung grossgezogen wurde. 

a) Schwund des Körperfettes. 

Edelbohls und ebenso Schourp stellen denselben als Hauptursache 
der beweglichen Niere hin, wobei letzterer betont, dass hiebei auch das Fett 
in den peritonealen Anhängen und in den Bauchdecken resorbiert werde, also 
auch die indirekten Befestigungsmittel der Niere ihre Stärke verlieren (siehe 
auch Senator). Es muss das Fett rasch schwinden, denn geschieht dies nur 
langsam und allmählig, so werden die bindegewebigen Züge Zeit haben, ent¬ 
sprechend den neuen Verhältnissen sich zu retrahieren und zu schrumpfen 
und so die Niere noch immer fest an ihrem Platze zu fixieren (Banner). 
Penzoldt hat seine Kranken in Hinsicht auf den Zustand des Körperfettes 
geprüft Unter seinen 40 Fällen, die er in den letzten 2 Jahren beobachtet 
hat, waren 18 ausgesprochen magere, 15 mittelstarke und nur 4 fette Personen. 
Bei 3 fehlt eine diesbezügliche Angabe. Senator sagt, es bleibe unverständ¬ 
lich, warum bei Kindern, deren Nierenkapsel kein Fett enthält, Wanderniere 
so selten vorkommt noch mehr unverständlich, warum der Fettschwomd bei 
Weibern diese Wirkung hat, bei Männern aber so ausserordentlich selten. 
Den ersteren Einwurf hält Küster für ungerechtfertigt weil sich zwischen dem 


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festen Bindegewebe des kindlichen Körpers und einem Gewebe, welches durch 
Schwund des eingelagerten Fettes locker und widerstandsunfähig geworden ist, 
eine Parallele nicht ziehen lässt (vergleiche übrigens die eingangs erwähnten 
Befunde Gerota’s über das kindliche Nierenfett); der zweite Einwurf ist ihm 
aber eben ein Grund, im Schwunde des Körperfettes keine diiekte Krankheits¬ 
ursache, sondern nur einen prädisponierenden Faktor zu sehen. Einen solchen 
stellt die rasche Abmagerung aber entschieden dar, da es leich , plausibel ist, 
dass die zwischen Nierenfascie und Tunica fibrosa renis befindlichen Stränge 
und Lamellen, durch reichliches Fett besser angespannt, die Nieren ruch besser 
in ihrer Lage erhalten werden (Gerota). 

Nicht zu vergessen ist, dass eine stärkere Abmagerung die Untersuchung 
und somit das Auffinden einer Wanderniere erleichtert, was insbesondere Gl 6- 
nard betont, der auch darauf hinweist, dass man nicht schlechtweg von Heilung 
sprechen darf, wenn man bei einer fettgewordenen Patientin die Wanderniere 
nicht mehr tastet. Glönard leugnet gänzlich die Entstehung einer beweg¬ 
lichen Niere infolge von Abmagerung. Man finde sie nicht häufiger bei 
Personen, welche erschöpfende Krankheit durchgemacht haben, auch nicht 
häufiger bei Abgemagerten. Dass sie sich oft mit Magerkeit kombiniert findet, 
sei durch die begleitende Enteroptose bedingt. 

b) Erschlaffungszustände der Bauchwand. 

Dieselben kommen am häufigsten nach zahlreichen und schnell auf¬ 
einanderfolgenden Geburten zustande, weshalb Stewart diese letzteren allen 
anderen Ursachen der Wanderniere voranstellt. Knapp hat unter 100 Fällen 
8mal ausgesprochene Erschlaffungserscheinungen mit Hängebauch, in 33 
Fällen Erschlaffung der Bauchdecken ohne Hängebauch, in 3 Fällen ausser¬ 
dem Diastase der Recti, in einem Verdünnung und Ausdehnung der Bauch¬ 
narbe nach Laparotomie gesehen. Küster und Chamney lassen die Er¬ 
schlaffungszustände nur als begünstigende Momente gelten, Küster vor 
allem schon darum, weil sie ein wichtiges Postulat, die Erklärung des über¬ 
wiegenden Vorkommens der rechtsseitigen Wanderniere, nicht erfüllen. Er 
weist auch darauf hin, dass Bauchbrüche und Wanderniere keineswegs häufige 
Begleitzustände seien, ja er leugnet ganz die Möglichkeit eines Herabzerrens 
der Niere von Seite des Colons, welche Annahme wir sehr häufig wieder¬ 
kehren finden. Banner führt dies in der Weise aus, dass er ein Prola- 
bieren der Intestina annimmt, die dann direkt am Peritoneum und der mit 
ihm fest verbundenen Nierenkapsel zerren; es tritt infolge der Lagever¬ 
änderung der Eingeweide Sistierung der Peristaltik und Obstipation hinzu, 
welch letztere wiederum für sich fördernd auf die Dislokation der Niere wirkt. 

Anders erörtert Franks den hier in Betracht kommenden Mechanismus. 
Nach ihm ist der Druck der umgebenden Eingeweide ein wesentlicher Faktor 
für die normale Nierenlage. Rechts wirken zwei Kräfte auf die Niere ein, 
die eine von oben, welche die Niere nach abwärts und rückwärts presst, die 
andere von unten, welche das Organ aufwärts und rückwärts drängt Die 
Niere wird also hauptsächlich nach rückwärts gedrückt Der Druck von 
oben ist konstant; er wechselt nur etwas entsprechend der Lage des Körpers 
und auch etwas während der Atmung. Der Druck von unten wechselt in 
grösserem Grade nach der Füllung des Darmes. Nach der Geburt wird der 
Druck ein negativer. Wenn während dieser Periode der Kranke aufrechte 
Lage annimmt, bleibt der Druck von oben nach unten und hinten ohne 
Widerstand und wenn die Verbindungen um die Niere nicht fest genug sind, 
muss die Niere aUmählig von ihrem Platze rücken. Es ist dann schwer 
Centralblatt f. d. Gr. d. Med. u. Chir. I. Q 


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denkbar, wie die Niere, welche einmal der Kontrolle des Colons entrückt ist, 
wieder ihre gegenseitigen Beziehungen zwischen Colon und Leber erhalt. 
Noch anders ist die Erklärung, die Schatz für das Heraustreten der Organe 
aus der Zwerch feil kuppel giebt. Dies geschieht dann, wenn diese Kuppel 
unter bestimmten Umständen stark verkleinert wird und damit einen Teil 
ihres Inhaltes aus sich herausdrängt. Die Verkleinerung kommt zustande 
durch Verkleinerung des Bauchinhaltes bei Bauchbrüchen, Hängebauch, bei 
Fettmangel oder Enteroptose. Es wird dies um so eher der Fall sein, wenn 
das Zwerchfell auch durch Erhöhung des intrathorakalen Druckes (Knapp) 
herabgedrängt wird. In dieser Beziehung ist auch angestrengte Arbeit, bei 
welcher der intrathorakale Druck durch längere Zeit erhöht ist, als wichtiges 
ätiologisches Moment für die Entstehung von Nieren Verlagerungen anzusehen, 
ferner pleuritische Exsudate, Emphysem (Knapp fand unter 100 Fällen 
Emphysem 4mal, Infiltration der Lungen 6mal), Hustenanfälle, Brechbe¬ 
wegungen, welche letztere zwei Ursachen erst bei den chronischen Traumen eine 
eingehendere Besprechung erfahren sollen. Bei dem Emphysem — es sei 
dies an dieser Stelle eingefügt — kommen die Gewichts- und Volumsver- 
mehrung der Niere infolge venöser Stauung, der durch die begleitende Bron¬ 
chitis bedingte Husten und die sich bald einstellende Kachexie dann als 
weitere begünstigende Momente in Betracht. 

Bei Franks und Schatz wird also nicht von einem Herabzerren 
durch eien Dickdarm gesprochen. Auch Treub hält ein solches für unwahr¬ 
scheinlich 1) weil die Niere kein Mesonephron hat, 2) weil er sich bei einer 
Laparotomie überzeugen konnte, dass ein Ziehen des Colons die normale 
Lage der Niere gar nicht beeinflusst; dass ein solches aber bei abnormen 
Verbindungen der Niere mit dem Darme Vorkommen kann, dafür sprechen 
Beobachtungen von Curschmann, der zweimal Dislokationen der linken 
Niere dadurch bedingt sah, dass das Organ mit dem einen Schenkel einer 
Schlinge der linken Flexur fest verwachsen und durch diese heruntergezogen 
war. Die rechte Niere sah er unter gleichen Verhältnissen einmal bis nach 
der Nabelgegend durch den rechten Schenkel einer grossen Quercolonschlinge 
heruntergezogen. Küster hat, wie oben erwähnt, unter 95 Frauen nur 
S erhoben, die mehr als zwei Wochenbetten durchgemacht hatten undSchüssler 
hat nie so hochgradige Dislokationen als gerade bei Virgines gesehen (Ectopien?) 

Bezüglich der Wirkung der Bauchwand als solcher verweise ich auf 
die Ausführungen Kelling’s, nach welchem die Bauchwand für gewöhnlich 
keinen Druck auf die Unterleibsorgane ausübt, wenn sie nicht durch An¬ 
wendung der Bauchpresse kontrahiert wird. Aber sie übt einen Widerstand 
gegen den statischen Druck der Eingeweide; wird das Volumen der Bauch¬ 
höhle vermehrt, so gibt die Bauchwand nach, was aber eine Grenze hat 
Bei Ueberfüllung der Bauchhöhle erst erhalten wir dann einen Druck durch 
Widerstand der Bauch wand, den Kelling den Druck bei abnormer passiver 
Bauchwandspannung nennt. Auch aus diesen Ausführungen geht hervor, 
(lass von einem Tiefertreten der Nieren in direkter Folge der Erschlaffung 
der Bauchwand gewiss keine Rede sein kann. 

Eine hochgradige Erschlaffung der Bauchwand kann auch durch Fett¬ 
schwund derselben hervorgerufen werden. Prior beschreibt einen solchen 
Fall von Fettschwund der Bauchwand, welchen er für die Entstehung einer 
Wanderniere verantwortlich macht. Es handelte sich um eine Nullipara, 
deren Bauch durch kolossale Fettmassen aufgetrieben war und deren Bauch¬ 
deeken fast handhoch mit Fett versehen waren. Sie machte auf eigene Faust 
eine strenge Entfettungskur nach der Banting*sehen Methode durch und 



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CORNELL UNIVERSITY 



83 


verlor fast 70 Pfund Körpergewicht. Ihre Bauchdecken wurden schlaff wie 
nach mehrfacher Schwangerschaft, die Fettklumpen in der Bauchhöhle schwanden. 
Nach etwa 20tägiger Beobachtung fand Prior bei der Untersuchung eine 
rechtsseitige Wanderniere, welche innerhalb 4 Monaten bis in das Becken 
herunterstieg, so dass sie vom Rectum aus deutlich palpiert werden konnte. 
Die Patientin erholte sich von der Entfettungskur nicht mehr; die Section 
bestätigte die Diagnose der rechtsseitigen Wanderniere; die rechte Niere hatte 
wie die linke eine sehr reichliche Fettkapsel. 

Zu ähnlichen Erscheinungen wird es nach beseitigtem Ascites und nach 
Entfernung von Unterleibstumoren kommen. So bespricht Treub auch die 
Laparotomie unter den ätiologischen Momenten, während Siredey einen Fall 
von beweglicher Niere und Leber nach Exstirpation eines Ovarialtumors 
beschreibt 

Bekanntlich hat Glönard die bewegliche Niere oder Nephroptose als 
Teilerscheinung der Enteroptose hingestellt. Hierbei macht er insbesondere 
auf die Beziehungen der Colostönose transverse, welche nach ihm den 
dritten Grad der Enteroptose bedeutet, und der Nephroptose aufmerksam. 
Auf 100 Nephroptosen kommen 30 Colostenosen und umgekehrt auf 100 Fälle 
von Colostenose 60 Nephroptosen. Der Anschauung Glönard’s schliessen 
sich auch Landau und Krez an, welcher letztere im Gegensatz zu den oben 
erwähnten Befunden von Treub in der That an Leichen feststellen konnte, 
dass sich beim Herabziehen der rechten Flexur die äussere Nierenkapsel an¬ 
spannt. Nach Kumpf ist in den meisten Fällen von Ren mobilis, jedoch 
nicht ausnahmslos, auch eine Ptose des Dickdarms vorhanden. Albarran 
und Legry wenden sich ebenfalls gegen die Verallgemeinerung der Glönard’- 
schen Lehre, wonach die Nephroptose stets nur ein Teil der Enteroptose 
sein soll; sie gestehen nur zu, dass der Zug des primär gesenkten Colons 
die Entstehung einer Wanderniere begünstige. Meinert betont ebenfalls 
die häufige Komplikation der Gastro- und Coloptose mit Tiefstand und Beweg¬ 
lichkeit der Niere. Die Gastroptose, die er als Ursache von Chlorosen des 
Entwickelungsalters ansieht, kompliziert sich in diesen Fällen nach ihm in 
mindestens 15 °/ 0 mit Ren mobilis, thatsächlich sei aber die Beweglichkeit 
der rechtsseitigen Niere bei chlorotisehen Mädchen noch weit häufiger, es 
wird nur ihr Nachweis durch die Straffheit der jungfräulichen Bauchdecken 
erschwert. 

c) Menstruation und Klimakterium. 

Ziemlich alt ist die Annahme, dass die mit der Menstruation einher¬ 
gehende periodische Blutfülle der Nieren diese in ihren Befestigungen zu 
lockern vermöge. Diesbezügliche Angaben finden wir auch in den vorstehen¬ 
den Arbeiten vielfach wiederkehren. Knapp führt als Ursachen der Wander¬ 
niere auch präklimakterische und klimakterische Erschlaffungszustände an, da 
in und nach dem Klimax die Elastizitäts- und Spannungsverhältnisse sämt¬ 
licher Organe und Gewebe eine bedeutende Herabsetzung erfahren. Umge¬ 
kehrt soll die Menopause durch den mit ihr eingehenden Fettansatz die Heilung 
beweglicher Nieren begünstigen (Bruhl). 

d) Genitalerkrankungen. 

Schon seit langem wird auf Genitalerkrankungen, insbesondere Vorfälle 
des Uterus, der Scheide und der Blase, sowie auf die Retroflexio uteri als 
Ursachen der Wanderniere hingewiesen und dabei ein Zug auf den Ureter 
als ätiologischer Faktor angenommen, zu dem ein eventueller Ureterverschluss 

0 " 


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uiul konsekutive Hydro neph rose infolge der Gewichtsvermehrung der Niere als 
begünstigende Momente hinzukomnien sollen. Boxall, Pozzi, Senator und 
mehrere andere nehmen einen solchen ursächlichen Zusammenhang an. Ins¬ 
besondere tritt Knapp, der unter 100 Fällen von Wanderniere von Genital¬ 
affektionen verzeichnet: 4Gmal Descensus und Prolaps, 2mal Gravidität, 8mal 
parametrane Prozesse, 5mal Carcinoma uteri, für diese Aetiologie ein. Nament¬ 
lich eine über den physiologischen Grad hinausgehende Anteflexion des Uterus 
stellt er als ätiologisches Moment für die bewegliche Niere hin; diese Ante- 
flexio könnte weit ungezwungener mit einer Nierendislocation in Zusammen¬ 
hang gebracht werden, als die früher immer wieder angeführte Retroflexio uteri. 
Schon der normale anteflektierte Uterus übt nach Knapp stets einen Druck 
auf den Scheitel der gefüllten Blase aus. Weicht die Blase dem auf sie ein- 
wirkenden Druck aus, so findet eine Zerrung der Ureteren und des mit den¬ 
selben in Verbindung stehenden Peritoneums statt Ist nun gar der Uterus 
vergrössert und schwer (die ersten Monate der Gravidität, Metritis, Myome 
und im Wochenbett), so ist der auf der Blase lastende Druck und somit der 
auf die Ureteren und durch diese auf die Nieren ausgeübte Zug ein stärkerer, 
woraus sich eine Lockerung des Suspen sions- und Fixationsapparates der Nieren 
„ohne weiteres“ ergibt. Unter 100 Fällen von Knapp waren 85, darunter 
9mal hochgradige Anteflexionen, wobei der Uterus 2mal durch Gravidität in 
den ersten Monaten, 3mal durch Myome und 13mal durch Metritis vergrössert 
war. Ein Zug an den Ureteren kann nach Knapp auch dadurch zustande 
kommen, dass post partum der Credö’sche Handgriff ungeschickt oder zur 
Unzeit (bei voller Blase) ausgeführt wird. Delore bringt zur Erwägung, ob 
nicht durch spasmodische Kontraktionen des Ureters, insbesondere bei Hy¬ 
sterischen, die Niere verlagert werden könne. Disloeationen der Blase können 
auch durch Ausdehnung des Mastdarmes und Erschlaffung des Beckenbodens 
hervorgerufen werden (Knapp). Wie Perityphlitis (Stifler) so wurden auch 
perimetritische Adhäsionen und parametritische Schwielenbildungen in Be¬ 
ziehung zur beweglichen Niere gebracht. Die letztgenannten zwei Faktoren 
werden ebenso eine Zug Wirkung auf den Ureter ausüben wie Carcinommassen, 
die ihn ein betten. 

Nach Küster hatten neben der Wanderniere gleichzeitig Genitalerkran- 
kungen 12 von 40 Fällen, davon Endometritis 3, Metritis chronica 4, Ante- 
flexio uteri 2, Retroflexio uteri 2, Kystoina ovarii 1. Schon mit Rücksicht 
auf diese Zahlen hält er einen direkten Zusammenhang für unwahrscheinlich. 
Er führt aber auch aus, dass die Verbindung der Harnleiter mit den Seiten¬ 
teilen der Gebärmutter keineswegs eine so feste ist, dass letztere bei ihrem 
Vorfall jene nach sich zu ziehen vermöchte, dass ferner das Trigonum Lieu- 
taudii, welches die Harnleitermündungen enthält, [bei Blasen Vorfällen gerade 
am wenigsten verschoben zu sein pflegt, dass schliesslich die Ureteren keines¬ 
wegs stmff gespannte Stränge, sondern im kleinen Becken bogenförmig ver¬ 
laufende, leicht geschlängelte und mit einer gewissen Verschieblichkeit nach 
allen Seiten hin ausgestattete Kanäle darstellen. Wenn also wirklich Wander¬ 
niere häufiger neben Vorfall der Beckenorgane beobachtet wurde, so sei 
beides nur der Ausdruck einer allgemeinen Erschlaffung der Bauchwände, ein 
Teil allgemeiner Enteroptose, diese aber nur ein begünstigendes Moment, nicht 
die letzte Ursache der Wanderniere. 

(Fortsetzung folgt.) 


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(Fortsetzung folgt.) 


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83 


II. Referate. 


A. Physiologie, Pathologie, pathologische Anatomie. 

Die Jodreaktion im Blute und ihre klinische Verwertung in der Chirurgie. 

Von M. Goldberger und S. Weiss. Wiener klinische Wochenschrift 
1897, Nr. 25. 

Eine zwischen zwei Deckgläsern feingestrichene Blutprobe wird sofort, 
nachdem sie lufttrocken geworden ist, auf den mit einem Tropfen der Ehr- 
lich’schen Jodgummilösung (Jodi sublim. 1,0, Kal. jod. 3,0, Aqu. dest 100, 
Gummi ar. q. s. ad consistentiam syruposam) beschickten Objektträger ge¬ 
stülpt und das Präparat ist zur Ansicht fertig. Die Reaktion besteht in 
einer mehr oder minder gleichmässigen Bräunung des Zellleibes der poly- 
nucleären, neutrophilen, sehr selten der mononucleären Leukocyten. Diese 
Reaktion tritt nach Ad. Czerny konstant im Blute von Hunden auf, an 
denen subkutane Eiterungsprozesse erzeugt worden waren. 

Die Verfasser stellen sich die Aufgabe, die Verwertbarkeit dieser Re¬ 
aktion zur Aufdeckung occulter Eiterungsprozesse zu untersuchen. Die Unter¬ 
suchungen bei einer Anzahl von Fällen mit phlegmonösen Prozessen ergaben 
folgende Resultate: 

1. Die intracelluläre Jodreaktion ist an das Bestehen eines noch fort¬ 
schreitenden Eiterungsprozesses gebunden und ist um so intensiver, 
je rascher der Prozess fortschreitet 

2. Ein mit Hinterlassung eines stationären Abscesses zum Stillstand 
gekommener Eiterungsprozess entbehrt der typischen Reaktion, inso- 
lange es nicht zu einem akut entzündlichen Nachschub kommt 

Ausser bei Eiterungen kann nach Czerny auch bei langdauernder 
Temperaturherabsetzung, bei Respirationsstörung und bei Anämie die Reaktion 
auftreten. Die Verfasser konnten sie bei Anämie niemals finden und sind 
daher geneigt, die diesbezüglichen Befunde Czerny’s aus den agonalen Re¬ 
spirationsstörungen der nahezu verbluteten Tiere zu erklären. Diese Zustände 
kommen übrigens in praktischer Hinsicht kaum je in Betracht, und man kann 
daher aus einer deutlichen intracellulären Jodreaktion den Schluss auf das 
Bestehen eines fortschreitenden Eiterungsprozesses ziehen. 

Nur bei Gegenwart pneumonischer Prozesse ist ein solcher Schluss un¬ 
zulässig. Dagegen ist bei fehlender Jodreaktion das Bestehen einer Eiter- 
ansammlung, herrührend von einem zum Stillstand gekommenen Eiterungs¬ 
prozess, nicht auszuschliessen. 

Die Frage nach der Provenienz der die Jodreaktion tragenden Zellen 
glauben die Verfasser dahin entscheiden zu dürfen, dass eine direkte Ein¬ 
wanderung derselben aus dem Eiterherd in das Blut stattfindet. Diesbezüg¬ 
liche Versuche ergaben nämlich, dass in dem venösen, von einer Abscess- 
stelle stammenden Blut bedeutend mehr weisse Blutkörperchen sich fanden 
als im arteriellen. Doch sind die Versuche nicht ganz einwandfrei, da das 
Blut nicht zu gleicher Zeit entnommen wurde. 

Eine besondere Besprechung wird der „extracellulären“ Jodreaktion 
gewidmet In ganz normalem Blut finden sich nämlich stets einige kleinste 
sich braun färbende Körnchen. Diese rühren nach der Ansicht der Verfasser 


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vom Zerfall weisser Blutkörperchen her, indem sich dabei die in der Zelle 
früher diffus verteilte jodempfindliche Substanz (Glykogen) zu einem Körn¬ 
chen sammelt und dadurch so konzentriert wird, dass sie die Jodreaktion gibt 

Bei pathologischen Prozessen, bei denen ein vermehrter Zerfall von 
weissen Blutkörperchen stattfindet, z. B. bei mit Blutaustritten einhergehenden 
Frakturen und Kontusionen, finden sich daher massenhaft solche Gebilde im 
Blut. Bei einem Patienten mit Kompressionsfraktur der Wirbelsäule und bei 
Versuchen mit Hunden konnte das beobachtet werden. Ein analoger Ver¬ 
such an einem Kaninchen fiel negativ aus, wahrscheinlich wegen der zu 
geringen Menge von Glykogen in den Leukocyten der Pflanzenfresser. 

Bei subkutaner Gewebszertrümmerung kann aber auch intracelluläre 
Jodreaktion auftreten. Diese fällt mit dem Zeitpunkte des Auftretens des 
aseptischen Fiebers zusammen und hängt von der Vermehrung des Gesamt¬ 
gehaltes des Blutes an jodempfindlicher Substanz ab. 

Eisenmenger (Wien). 

Experimentelle Untersuchungen über die Abtragung des Magens und 
des Dünndarmes beim Hunde. Von U. Monari. Beitr. zur klin. 
Chirurgie Bd. XVI. 

Monari resezierte bei mehreren Hunden so grosse Anteile des Heums 
und Jejunums, dass nur x /s bis l f i0 des ganzen Dünndarmes — und weniger 

— erhalten blieb. Bei allen erfolgte anfangs beträchtliche Gewichtsabnahme; 
2 Hunde, bei denen weniger als i / l0 des ganzen Dünndarmes übrig ge¬ 
lassen worden war, gingen nach einigen Monaten an Inanition zu Grunde. 
Die übrigen erholten sich und erreichten wieder ‘ 2 / 8 ihres Ausgangsgewichtes 

— freilich mit dazwischen liegenden, durch vorübergehende Diarrhöen bedingten 
neuerlichen Abmagerungsperioden. Sie wurden 18 Monate später zum Zwecke 
der anatomischen Untersuchung getötet. Zu ihrer Ernährung waren grössere 
Fütterungen nötig als bei normalen Hunden infolge mangelhafter Fettresorp¬ 
tion, wie dahin gerichtete Stoffwechselversuche ergaben. Die Schleimhaut 
der vom Dünndarm übrig gelassenen Reste wurde bei der mikroskopischen 
Untersuchung im Zustande echter Hypertrophie und Hyperplasie angetroffen, 
während sie bei den an Inanition verstorbenen Hunden vollständig atro¬ 
phisch war. 

Monari meint, dass man demnach beim Menschen ruhig die Hälfte des 
ganzen Dünndarmes exstirpieren könne, ohne Inanition fürchten zu müssen. 

Ein Hund, dem der ganze Magen abgetragen worden war, vertrug fein 
zerkleinerte Nahrung gut, während von ganzen Fleischstücken der grösste 
Teil unverdaut den Darm passierte. Bei der Autopsie fanden sich Cardia 
und Duodenum erweitert, die Ringfaserschicht hypertrophiert 

Wilhelm Schlesinger (Wien). 

Einfaches Verfahren zur Bestimmung der Grosse des flüssigen 
Mageninhaltes. Von E. Goldschmidt (Univ. - Poliklinik, München). 
Münch, med. Wochenschrift 1897, Nr. 13. 

Zu dem angegebenen Zwecke gibt es bisher ein Verfahren von Strauss 
(Ther. Monatschr. 1895): Nach Expression des Mageninhaltes wird eine be¬ 
stimmte Menge Wasser (100 ccm) in den Magen eingegossen und wieder 
exprimiert; durch Vergleich der verschiedenen spezifischen Gewichte beider 
Proben lässt sich die Menge des im Magen vorhandenen Inhalts berechnen. 


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Gold Schmidt schließt sich eng an diese Methode an. Er giesst 
nämlich nur 50 ccm Aq. dest. nach Expression der ersten Probe ein. Dann 
bestimmt er das spezifische Gewicht der exprimierten 2. Probe und giesst in 
einen anderen Cylinder mit 50 ccm Wasser soviel von der 1. Probe ein, 
bis das spezifische Gewicht der zweiten erreicht ist. Diese Zahl entspricht 
direkt der im Magen vorhandenen Zahl vom ccm. Inhalt Die Aiehungsfehler 
des Aräometers kommen nicht in Betracht, da ja in beiden Versuchen auf 
die gleiche Marke eingestellt- wird. 

G u m p r e c h t (Jena). 

Kann Darininhalt in der menschlichen Bauchhöhle einheilen? Von 

Dr. M. Askanazv. (Aus dem path. Institut zu Königsberg i. Pr.) Vir- 
chow’s Archiv, Bd. CXLVI. 

An der Hand zweier Fälle, in welchen erst längere Zeit nach einge¬ 
tretener Darmperforation der Tod erfolgte, bespricht Verfasser den Vorgang 
der Einheilung von in die Bauchhöhle ausgetretenem Darminhalt, sowie die 
Umstände, unter welchen Einheilung stattfinden kann. 

Im ersten Falle handelte es sich um Austritt von Meconium bei einem 
neugeborenen Kinde. Die Meconiumpartikel erregten wie irgend ein anderer 
Fremdkörper am Peritoneum proliferierende Entzündung und wurden von 
gefässhaltigern Bindegewebe eingekapselt; die organische Materie selbst ver¬ 
kalkte in ihrer Kapsel. 

Ln zweiten Falle war nach vorausgegangener traumatischer Darmper¬ 
foration bei einein Erwachsenen Darminhalt in das Periton ealcavum ausgetreten, 
es kam zu chronischer Peritonitis und intraperitonealer Abscessbildung; die 
Abscedicrung griff nach Einschmelzung des Zwerchfells auf die Lungen über, 
es entwickelte sich ein Empyem, und Pat. starb schliesslich an einer Broncho¬ 
pneumonie und eitriger Meningoencephalitis. 

Sowohl in den entzündlichen Auflagerungen des Peritoneum parietale 
als auch in den peritonitischen Adhäsionsmembranen finden sich stecknadel- 
kopf- bis linsengrosse, teils weisslich graue, teils schiefrig pigmentierte Knötchen, 
die, nachdem keinerlei Anhaltspunkt für einen tuberkulösen Ursprung sich 
ergibt, als Fremdkörpergranulome auzuspreehen sind, und zwar finden 
sich als die Knötchenbildung veranlassende Fremdkörper Pflanzenzellen, 
Muskelpartikelchen, Fetttropfen in den Knötchen eingeschlossen. Bei ge¬ 
nauerer mikroskopischer Untersuchung lassen sich diese Knoten je nach dem 
erreichten Stadium der Einheilung des Darminhaltes in drei Gruppen sondern. 
Die Knötchen der ersten Gruppe besitzen eine bindegewebige Kapsel, auf 
die nach innen zu Riesenzellen folgen, die Pflanzenzellgruppen umschliessen, 
während im Centrum polynuclcäre Leukocyten, Reste von Pflanzenzellen, 
kleinste Abscesse mit Mikroorganismen sich finden; in der zweiten Gruppe 
sehen wir die Zellmembranen der Pflanzen zellen aufgelöst oder der Auflösung 
nahe, central keine Abscesse, sondern junges Bindegewebe mit spärlichen meist 
kollabierten Gefässen; fast völlig aus lockerem, frischem Bindegewebe zu¬ 
sammengesetzt und gut vaskulasiert, erscheinen die Knötchen im dritten Sta¬ 
dium, die pflanzlichen Einlagerungen sind eliminiert, die Riesenzellen vermindert, 
kurz, das ursprüngliche riesenzellenreiche Granulationsgewebe hat sich fast 
völlig in fibröses Gewebe umgewandelt. 

Eine Einheilung des Darminhaltes, ein Vorgang, der stets eine gewisse 
Zeit erfordert, wird natürlich nur dann möglich sein, wenn es nicht zur 
rasch tödlichen, diffusen septischen Peritonitis kommt. 


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Massgebend für das Zustandekommen der Einheilung ist einmal die 
Quantität des ausgetretenen Darminhaltes, die wieder durch den Füllungsgrad 
der Eingeweide bedingt wird; weiter die Qualität des Darminhaltes, einmal 
bezüglich seiner Konsistenz, indem flüssiger, rasch über das Peritoneum ver¬ 
breiteter Darminhalt ungünstiger einwirken wird als einzelne feste Partikel, 
zweitens bezüglich seiner Infektiosität, der Virulenz seiner Mikroorganismen. 
Von diesen kommen in Betracht die Colonbakterien und die pyogenen Coccen, 
sowie das Bacterium coli; da dessen Virulenz bei Stagnation in abgeschnürten 
Darmschlingen u. s. w. gesteigert ist, so war in dem Falle des Verfassers 
gerade der Umstand, dass es sich um Austritt aus einem bis auf die durch 
ein plötzliches Trauma hervorgerufene Perforation völlig gesunden Darm ge¬ 
handelt hatte, wohl als die Einheilung begünstigend anzusehen. 

Hlawaczek (Wien). 

Ueberdie Permeabilität der Darm wand für Mikroben bei Darm Verschluss. 

Von J. J. Makletzow. Wratsch 1897, Nr. 10. 

Verfasser machte an Kaninchen unter antiseptischen und aseptischen 
Cautelen folgende Versuche: 1. wurde eine 8—10 cm lange Schlinge des 
unteren Drittels des Dünndarms samt Mesenterium in ein Gummicondom gebracht 
und mit diesem durch einen Gummiring konstringiert; 2. ein 6—7 cm langes 
Stück Dünndarm in der Nähe der Coecalklappe wurde an beiden Enden ohne 
Mitbeteiligung des Gekröses und ohne Verletzung der Mesenterialgefässe so 
ligiert, dass nur die Kotcirkulation unterbrochen, nicht aber die Darmwand 
geschädigt wurde; 3. die Analöffnung wurde vernäht, um jedes Peritoneal¬ 
trauma zu vermeiden; 4. bei offen bleibendem Darmlumen wurden die einen 
bestimmten Darmanteil versorgenden Mesenterialgefässe durch schmale Gummi¬ 
bändchen derart ligiert, dass der Abschluss durch die Venen gehemmt, der 
Zufluss durch die Arterien nur wenig beeinträchtigt war. 

Bei allen diesen Versuchsanordnungen wurde in manchen Fällen ent¬ 
weder Opium oder Ricinusöl gereicht 

Nach einiger Zeit wurde nach neuerlicher Laparotomie unter aseptischen 
Cautelen die Peritonealflüssigkeit von der Darmschlinge, dem Peritoneum 
und dem unteren Teile des Peritonealcavums mit sterilisierten Wattebäuschchen 
aufgpsaugt; diese und ausserdem der Inhalt der Condome wurden in Eprou¬ 
vetten mit Bouillon und Gelatine eingetragen. 

Nach Tötung der Tiere durch Chloroform wurde auch das Herzblut 
bakteriologisch untersucht 

Es ergab sich: 1. Bei Undurchgängigkeit des Darmlumens ist die 
Wand für Mikroben permeabel, wenn makroskopisch nur venöse Hyperämie 
der Darm wand zu finden ist 2. Es genügt im Mittel eine 22-stündige Unter¬ 
brechung der Kotpassage zum Durchtritt der (Mikroben. 3. Opium verlang¬ 
samt den Durchtritt um 2—3mal, Ricinusöl beschleunigt ihn um 2mal und 
mehr. 4. Schon die Ernährungsstörung der Darmwand durch Gefässunter- 
bindung genügt, um sie für Mikroben passierbar zu machen, nur tritt die 
Permeabilität hier etwas später auf. Opium und Ricinusöl wrirken in dem¬ 
selben Sinne, wie oben erwähnt 

Die Ergebnisse dieser Versuche sind mithin im allgemeinen identisch 
mit denen anderer Autoren. 

B. Bernstein (Wien). 


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Di© Perimetrie des Handgelenkes. Von Dr. Hübscher. Deutsche Zeit¬ 
schrift f. Chir. Bd. XLV, p. 24. 

Verfasser hat bereits in einer 1892 erschienenen Arbeit „Heber Be¬ 
wegungsfelder am menschlichen Körper“ (Beitr. z. klin. Chir. Bd. VIII, 
p. 547) vorgeschlagen, sich zur Aufzeichnung von Gelenksexkursionen des 
sogenannten Gcsichtsfeldsehemas der Ophthidmologen zu bedienen. Auf diesem 
in Meiidian- und Parallel kreisen eingeteilten Schema kann man die in be¬ 
liebig vielen Ebenen gemessenen Exkursionen der Gelenke bequem einzeichnen 
und die Aussenwcrte der Winkelausschläge durch eine Linie verbinden. Die 
Umgrenzungslinie, das Bewegungsfeld, gibt uns auf den ersten Blick Aus¬ 
kunft über die Bewegungsfähigkeit des Gelenkes. Verfasser beschäftigte sich 
vorläufig mit den Exkursionen der gesunden und kranken Hand, wobei er 
sich des gewöhnlichen, bei den Augenärzten üblichen Perimeters bediente. 
Dabei muss die Hand genau vor dem Apparat auf einem Bänkchen befestigt, 
ebenso auch alle Fingergelenke auf einem Brettchen fixiert werden, da durch 
das Freilassen derselben die Aufnahme der Handgedenksexkursionen gestört 
würde; zur Verhütung jeder Drehbewegung im Sinne der Pro- oder Supination, 
da auch die leiseste Supinationsbewegung das reine Bewegungsfeld der Hand 
in fehlerhafter Weise erweitern würde, hält Verfasser nach anderen Fixations¬ 
versuchen noch immer am sichersten die Fixierung mit der eigenen Hand 
am Bänkchen vorzunehmen. 

Derjenige Winkelgrad des Perimeterbogens, welchem die Kuppe des 
Mittelfingers am Schlüsse der Exkursion gerade gegenübersteht, wird abgelesen 
und sofort in das Schema eingetragen. Die gleiche Messung wird unter 
Einstellung des Perimeterbogens in den jeweiligen Meridian wiederholt, bis 
man eine genügende Anzahl von Aussenpunkten besitzt, deren Verbindungs¬ 
linie das gewünschte Bewegungsfeld liefert Zur raschen Aufnahme genügt 
eine viermalige Drehung des Bogens und Einstellung desselben in die beiden 
Hauptmeridiane, den vertikalen und den horizontalen, sowie in die beiden 
schrägen dazwischen liegenden. Durch acht Bewegungsfelder normaler und 
pathologischer Handgelenke wird der Wert der Methode erläutert, die beson¬ 
dere Berücksichtigung der Aerzte verdient, welche sich mit der Nachbehand¬ 
lung der der Unfallversicherung angehörenden Verletzten zu beschäftigen 
haben. Ziegler (München). 


B. Wirbelsäule, Wirbelkanal, Knochenkrankheiten. 

Die Verletzungen der Wirbelsäule, zugleich als Beitrag zur Physiologie 
des menschlichen Rückenmarks. Von Prof. Dr. Th. Kocher, Bern. 
Mitteilungen aus den Grenzgebieten der Medizin und Chirurgie. I. Band, 
IV. Heft, 1896, S. 416. 

Die vorliegende Arbeit Kochcr’s über die Verletzungen der Wirbelsäule und 
ihre Folgen für das Rückenmark, von der bisher nur eine Hälfte erschienen ist, muss 
als ein in jeder Weise hervorragendes Werk bezeichnet- werden. Sie stützt sich zu¬ 
nächst auf ein enormes eigenes Material, im ganzen auf 70 Beobachtungen, von denen 
sehr viele nicht nur klinische, sondern auch pathologisch-anatomische sind. Dazu 
kommt, dass der Verfasser nicht nur der chirurgischen Heile dieser Krankheitsformen 
— seinem eigensten Gebiete — sondern auch der neurologischen und physiologischen 
die allcrgrösste Aufmerksamkeit zuwendet und beide Gebiet« mit so grosser Sach¬ 
kenntnis beherrscht, dass dem Werke in dieser Beziehung in der deutschen Literatur 
überhaupt kein gleicht«, im übrigen, soweit Ref. sehen kann, nur Thorburn's vortreff¬ 
liche „Surgery of the spinal cord“ zur Seite zu stellen ist. Will man nicht übertreiben, 


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so muss man allerdings zugeben, dass, wie wohl selbstverständlich, der chirurgische 
Teil noch mehr auf der Höhe steht als der neurologische; in Bezug auf chirurgische 
Dinge ist die Beschreibung der klinischen Symptome und damit auch die Diagnose 
oft von subtilster Feinheit und Schärfe; auch die anatomischen Untersuchungen sind 
hier mit der grössten Sorgfalt angestellt; im neurologischen und physiologischen Teil, 
der sich meist in oft ausgedehnten Epikrisen zu den einzelnen Fällen und in grösseren 
zusammen fassenden Kapiteln findet, stösst man doch manchmal auf nicht ganz Kor¬ 
rektes, schief Aufgefasstes, wohl auch auf nicht ganz Verständliches. Ref. wird auf 
die einzelnen Ausstellungen weiter unten in den einzelnen Abschnitten eingehen, 
möchte aber doch hier schon erwähnen, dass der Grund zu einzelnen dieser Jrrtümer 
offenbar in allzusicheren physiologischen Schlössen aus rein klinisch oder nicht genügend 
anatomisch untersuchten Fällen von Rftekenmarksverlctzungen beruht — mikrosko¬ 
pische Untersuchungen des Markes werden nicht erwähnt, — einer Sicherheit in 
in Schlüssen, zu der uns unsere Kenntnisse über Anatomie und Physiologie bisher 
noch nicht überall berechtigen. Jedenfalls verdient die Arbeit Kocher’s ein sehr 
eingehendes Referat und das Referat muss sogar sehr eingehend sein, wenn es ver¬ 
ständlich sein soll. 

Der erste Teil der Arbeit befasst sich mit der Symptomatologie, Aetiologie, 
Diagnose und Therapie der einzelnen Verletzungen der Wirbelsäule, im ganzen ohne 
Rücksicht auf die Rückenmarksverletzungen. Gerade dieser Teil war dem Referenten 
von äusserstem Interesse; man sieht aus ihm so recht, wie viel Schematismus doch 
auch in diesen Dingen in den Lehrbüchern herrscht und wie viel klarer und 
auch einfacher diese Dinge sich gestalten und beurteilen lassen, wenn ein einzelner er¬ 
fahrener Kliniker dieselben nach einem eigenen Material darstellt, das so gross ist, 
wie es nur wenigen beschieden sein dürfte, und so gut verwertet, wie es immerhin 
auch eine Seltenheit ist. Auch für den Neurologen ist eine genaue Kenntnis dieser 
Dinge von der grössten Wichtigkeit. Denn wir werden sehen, dass aus den Mit¬ 
teilungen Kocher’s hervorgeht, dass die einzelnen partiellen und totalen Verletzungen 
der Wirbel gewisse Prädilektionstellen an der Wirbelsäule haben, dass man also aus 
dem Ort der Verletzung schon Schlüsse auf ihre Art machen kann; dass man ferner, 
w T cnn man die Art der Verletzung der Wirbelsäule kennt, auch gewisse Anhaltspunkte 
für die grössere oder geringere Bedeutung und Schwere der Markläsion hat, und dass 
schliesslich die partiellen Läsionen zwar im Anfang oft keine oder geringe, aber 
später, besonders wenn sie nicht erkannt und richtig behandelt werden, doch noch 
schwere Markläsionen hervorrufen könuen; dass also alles darauf ankommt, sie zu 
erkennen und früh in richtige Behandlung zu bringen. 

Kocher gibt folgende Einteilung für die Verletzungen der Wirbelsäule: 

A. Partielle Wirbelverletzungen. 

1 . Kontusionen und Distorsionen der Wirbel — dahin rechnet 
er auch die isolierten Läsionen der Bandscheiben. 

2. Isolierte Frakturen der Wirbelbögen und -dorne. 

3. Isolierte Luxationen der SeitengeTenke. 

4. Isolierte Frakturen der Wirbelkörper, spez. in Form der 
Kompression sfrakturen. 

B. Totalluxationsfrakturen der Wirbel 

5. Luxationskompressionsfrakturen mit Verschiebung bloss in 
einem oder in beiden Seitengelenken bei reiner Kompressions¬ 
fraktur der Wir beikörper. (Diese Verletzungsart müsste eigent¬ 
lich zwischen A und B stehen, da hier in reinen Fällen eine 
Totalluxation nicht besteht. Ref.) 

6 . Totalluxationen der Wirbel mit Luxation in den Seitengelenken 
und Verschiebung im Bereiche der Zwischenwrirbelscheibe 
oder deren Analogon, dem Gelenke zwischen dem Zahn des 
Epistropheus und vorderem Atlasbogen (in reinen Fällen also 
ohne jede Fraktur. Ref.) 

7. Totalluxationsfrakturen mit Verschiebung sowohl in den Seiten- 
geleuken als in der Frakturstelle des Wirbelkörpers; diese 
zeigt meist die Schrägfraktur, selten reine Kompressionsfraktur, 
manchmal beides zusammen. (Das sind die Fälle, welche die 
Engländer Frakturdislokation nennen; unter den schweren 
Verletzungen die häufigsten. Ref.) 

Die Kontusionen der Wirbelkörper fallen mit den einfachen Korapressions- 
frakturen dieser Wirbel zusammen; wichtiger sind die isolierten Zerstörungen 
einer Bandscheibe. Im ganzen sind diese Fälle selten; meist wird eine oder 
mehrere Bandscheiben bei Totalluxationen oder Totalluxationsfrakturen zerrissen; 


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manchmal bleibt sie wohl isoliert zurück, während die Luxation sich wieder ausgleicht. 
Die Symptome können im Liegen gering sein — im Stehen treten heftigere Schmerzen 
ein. Der Dorn des Wirbels über der verletzten Bandseheilie kann nach hinten vor¬ 
treten, so dass der Rücken ein ähnliches Bild zeigen kann, wie bei den isolierten 
Frakturen der Wirbel; aber die Gibbusbildung ist im letzteren Falle stärker. Die 
verletzte Wirbelsäulengcgend ist auf Druck schmerzhaft. Manchmal treten heftigere 
Wurzelschmerzen erst mit der Heilung ein, wenn sich Verwachsungen und Knochen¬ 
wucherungen ausbilden. 

Die Distorsinnen der Wirbelsäule treten in denselben Gelenken ein, wo sich 
auch die reinen Luxationen finden, in den Sei ton gelenken; sie sind eine Art Vor¬ 
stadium der Luxationen. Sie finden sich am häufigsten an der Halswirbelsäule, wo 
auch die Luxationen am häufigsten sind, aber bemerkenswerter Weise am meisten an 
der mittleren Halswirbelsäule, während reine Luxationen hauptsächlich an den 
obersten, Totalluxationsfrakturen an den untersten Halswirbeln Vorkommen. Sie 
kommen zustande durch eine Ueberstreckung der Halswirbelsäule — besonders beim 
Fall auf das Gesicht. Die Symptome können der Luxation sehr ähnlich sein — eben¬ 
so wie dort ist der Kopf nach der Seite der Verletzung geneigt und das Gesicht 
davon weggedreht — der Kopf wird steif gehalten. Die Schmerzen sind oft stärker 
als wie bei Luxationen, da die betreffenden Kapseln und Bänder nur gezerrt, nicht 
zerrissen sind. Die differentielle Diagnose gegen Luxation soll bei den Luxationen 
gegeben werden. 

Gerade an die Distorsionen sehliesst sich nach Kocher recht häufig später 
Caries an, es gilt deshalb die Diagnose sofort zu stellen, da man sonst später meinen 
kann, man habe schwere Läsionen übersehen. Therapie: Ruhigsteilung und Extension 
am Kopf. Möglichst lange Ruhe. 

Die isolierten Frakturen der Bogen und Dornfortsätze sind selten und, wenn 
sic vorhanden, meist leicht zu erkennen. Machen sie Markläsionen, so muss natürlich 
sofort chirurgische operative Hilfe eintreten und die Splitter müssen entfernt werden. 

Bei den reinen Luxationen der Wirbel hat man bisher Rotation*», Abduktions¬ 
und Fiexionsluxationen unterschieden. Bei den einseitigen Luxationen der Wirbel 
wirken gewöhnlich Rotation, Abduktion und Flexion gleichzeitig — immer aber 
kommt schliesslich eine Rotationsstellung heraus — mau braucht deshalb nach 
Kocher einfach nur von Rotationsluxationen zu reden. Immer ist bei reiucn 
Luxationen der obere Wirbel dcrluxierte und zw ar ist er nach vorn luxiert; der untere 
Gelenkfortsatz des oberen Wirbels stellt sich vor den oberen des unteren. 

Nach hinten kommt nur die Luxation des Kopfes auf dem Atlas vor, meist 
einseitig — bei Luxationen des Atlas auf dem Epistropheus nach hinten, die auch noch 
Vorkommen, ist immer der Zahnfortsatz gebrochen — das sind also Luxationsfrakturen. 
Beiderseitige reine Luxationen der Seitengolenke hält Kocher für möglich, aber nicht 
durch Autopsie bewiesen. Bei reinen Luxationen braucht das Mark nicht verletzt zu sein. 
Die reinen Luxationen betreffen vor allem die oberen Halswirbel: Atlas auf Epistro¬ 
pheus und Epistropheus auf dem 8. Wirbel; weiter unten sind sie seltener. Sie treten 
fast immer durch indirekte Gewalt ein — durch Fall auf den Kopf, der zur starken 
Beugung (im Gegensätze zu den Distorsionen, die bei Streckung auftreten) der Wirbel¬ 
säule führt gleichzeitig wirkt dabei die Abduktion von der luxierten Seite weg 
und der direkte Stoss auf den Kopf. Auch die Luxation des Kopfes nach hinten 
auf dem Atlas ist die Folge einer zu starken Beugung. Manchmal soll auch ein 
starker Muskclzug — z. B. des Sternocleidomastoideus die Ursache gewesen sein. 
Die Stellung des Kopfes ist bei reinen einseitigen Luxationen auch der oberen Hals¬ 
wirbel, wie schon gesagt, dieselbe, wie sie es bei den Distorsionen sein kann — sie 
wird durch Abbildungen hübsch illustriert, — nur ist sie wohl noch mehr fixiert, aktive 
Drehbewegungen sind unmöglich. Während aber bei den Distorsiouen eine passive 
Bewegung nach allen Seiten ausgiebig, wenn auch unter Schmerzen möglich ist, 
kann man bei Luxation den Kopf nur von der luxierten Seite wegdrehen, also die 
pathologische Stellung vermehren, nicht dahin. Ferner fühlt man bei Luxation der 
oberen Halswirbel im Rachen die Verschiebung — man fühlt an der luxierten Seite 
die Seitenteile des Wirbels von vorn, was natürlich bei Distorsionen fehlt. Hierbei 
ist der Dorn des luxierten Wirbels nach der luxierten Seite gedreht. Druck auf ihn 
ist schmerzhaft, Wurzelschmerzen finden sich manchmal besonders stark auf der 
nicht luxierten Seite. Bei den reinen Luxationen der unteren Haiwirbel müssen die 
Symptome natürlich etwas andere sein — Drehbewegungen und Nickbewegungen 
des Kopfes sind hier frei. 

Ist die Diagnose gestellt, so muss sofort zur Reposition geschritten werden — 
Unterlassungssünden, die oft Vorkommen, da die Läsionen des Markes und die 
Schmerzen oft gering sind, rächen sich oft schwer. Die Methoden der Einrenkung 


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sind bekannt. Doppelseitige Luxationen soll man nacheinander einrenken. Nachher 
lange Zeit Ruhe und Fixation. 

Die reinen Frakturen der Wirbelkörper werden durch schöne Ab¬ 
bildungen illustriert. Es handelt sich immer um Kompressionsfrakturen, die den 
Körper treffen, da er weniger widerstandsfähig ist als die Bogen. Die Gewalt muss 
in der Axe der Wirbelsäule ein wirken — bei Fall auf den Kopf brechen am ersten 
die oberen Dorsalwirbel, bei Fall auf die Füsse oder das Gesäss — meist aus 
grosser Höhe — brechen die untersten Dorsal- und der oberste Lendenwirbel. Die 
Körperfrakturen sind also am häufigsten da, w ? o die Beugemöglichkeit der Wirbel¬ 
säule ein geringe ist — an der oberen und unteren Dorsal Wirbelsäule und in der 
Lendengegend. Es findet sich an der Wirbelsäule an der Stelle des Bruches eine 
Kyphose — der Dorn über dem gebrochenen Wirbel springt vor — zwischen ihm 
und dem nächsten besteht eine Diastase. Beim Liegen besteht oft wenig Schmerz 
— mehr beim Stehen oder bei Druck auf den Kopf — häufig auch Gürtelschmerz. 
Sehr häufig findet sieh zugleich Fractura stemi. Es ist nötig, diese Fälle zu erkenneu 
und lange und sorgfältig zu behandeln — gerade sie führen oft zu rareficirender Ostitis 
und zu zunehmender Kyphose (Schede, Kümmel, König) und werden oft fälschlich 
als traumatische Neurosen angesehen. Die Behandlung besteht in sorgfältiger, lange 
fortgesetzter Lagerung und später in Anlegung eines Gypskorsettes. Die isolierten 
Körperfrakturen schädigen das Mark öfter als die isolierten Luxationen. 

Die Totalluxationen und Luxationsfrakturen, deren verschiedene Arten 
schon oben angegeben sind, unterscheiden sich von den bisherigen partiellen Läsionen 
dadurch, dass bei ihnen das Mark fast immer zerstört ist, da hier eine starke 
Verschiebung der einzelnen Teile der Wirbelsäule gegeneinander stattgefunden hat. 
Im ganzen ist hier also der Arzt hilflos, während er bei den partiellen Läsionen sehr 
viel helfen kann — deshalb ist es nötig, beide Dinge scharf voneinander zu 
trennen, was bisher nicht geschehen. 

Kocher illustriert zunächst die einzelnen Möglichkeiten durch schöne Abbil¬ 
dungen. Bei der Luxationskompressionsfraktur ist der obere Wirbel meist doppel¬ 
seitig in den Seitengelenken iuxiert, der darunterliegende ist frakturiert. und zusammen- 
g;epresst. Hier kann die Verschiebung immer noch eine massige sein. Am stärksten ist 
sie bei den Totalluxationen, wo eine Lösung sowohl in den Seitengelenken , wie 
zwischen den Wirbelkörpern stattgefunden hat — hier kann der iuxierte obere 
Wirbel ganz vor dem nächst unteren liegen. Die Totalluxationsfrakturen — eine 
Verbindung der Totalluxationen mit Brüchen der Wirbelkörper — zeigen Schräg¬ 
oder Kompressionsfrakturen dieser Körper oder beide vereint. Bei den Schrägfrak¬ 
turen kann die Fraktur nur einen Körper betreffen — dann ist meist der darüber¬ 
liegende Wirbel in den Seitengelenken Iuxiert, nach vorn gesunken und hat das obere 
Stück des unteren, gebrochenen Wirbels mit nach vorn gezogen. Die Schrägfraktur 
geht fast immer von oben hinten nach unten vorn, sehr selten von einer Seite zur 
anderen. In anderen Fällen von Schrägfrakturen geht der Bruch durch zwei Wirbel — 
ebenfalls von hinten oben nach vorn unten, so dass er das hintere untere Stück des 
oberen und das vordere obere Stück des unteren Wirbels abschneidet und durch die 
Bandscheibe hindurchgeht. Bei Verschiebung bleibt dann das erstere Stück auf dem 
unteren Wirbel sitzen, das zweite rutscht mit dem oberen Wirbel nach vorn. In 
einer letzten Gruppe kann sich diese Schrägfraktur mit Kompressionsfraktur ver¬ 
binden; zwischen zwei verschobenen und gebrochenen Wirbeln kann ein dritter 
ganz zerquetscht sein, so dass der verschobene Wirbel nicht auf dem nächst unteren, 
sondern auf dem zweitnächsten steht. Bei den Luxationsfrakturen des Atlas auf 
dem Epistropheus ist sowohl bei den hier vorhandenen Luxationen nach hinten wie 
nach vorn immer der Zahnfortsatz abgebrochen, daneben auch oft noch der 
vordere Bogen des Atlas. Ausnahmsweise kann der Zahn auch aus dem ihn hal¬ 
tenden Ligamente herausschlüpfen — das i t noch gefährlicher. Auch isolierte 
Frakturen des Zahnfortsatzes kommen vor; das entspricht den isolierten Körper¬ 
frakturen. 

Die Verschiebung bei den Luxationsfrakturen geschieht wie bei der einfachen 
Luxation fast immer so, dass der obere Teil der Wirbelsäule nach vorn rutscht. Das 
hängt damit zusammen, dass die Körper am leichtesten brechen, und dann die 
Wirbelsäule nach vom zusammensinkt. Wie w'eit das geschieht, hängt natürlich 
sehr davon ab, w T ie vollständig und unvollständig die Bandzerreissungen zwischen deu 
taxierten Wirbeln sind; da herrschen grosse Verschiedenheiten. Sehr selten zerreisst 
das Ligamentum longitudinale anticuni und posticum. Manchmal kommen auch Frak¬ 
turen der Querfortsätze dabei vor. In ganz vereinzelten Fällen von Verschiebung 
und vollständiger Zertrümmerung eines mittleren Wirbels ist auch eine Totalluxation 
des olieren Teiles nach hrnten beobachtet; sonst kommt das, wie gesagt, nur beim 


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Kopf und Atlas vor. Die Wirbelsäule zeigt an der verletzten Steile eine mehr 
weniger ausgiebige Gibbusbildung — der Dorn des unteren Wirbels steht vor — 
bei Totalluxationsfrakturen ist der Körper des vorstehenden Domes gebrochen, der 
darüber]]'egende luxuriert. Das Mark ist fast immer total zerquetscht, selten zer¬ 
rissen. Die Quetschung findet bei Totalluxationen zwischen dein Bogen des oberen 
laxierten und dem Körper des unteren Wirbels statt, am oberen Rande desselben 
Körpers bei Luxationskompressionsfrakturen. Bei Schrägfrakturen eines oder mehrerer 
Wirbel mit Totalluxation kommt die Quetschung in verschiedener Weise zwischen Wirbel¬ 
bogen und Frakturstücken zustande, bei Kompressionsfrakturen auch manchmal an 
Splittern, die in den Wirbelkanal hineinged rückt sind. Von den einzelnen möglichen 
Gewalten führen starke Beugung zur Totalluxation und Schrägfraktur, Gewalten 
in der Axe zu Kompressionsfrakturen; schliesslich können natürlich auch Gewalten 
von hinten einwirken, wie beim Ueberfahrenwerden z. B. 

Die Totalluxationsfrakturen zwischen Atlas und Epistropheus haben meist, 
aber nicht immer, zum sofortigen Tode geführt. Was die Diagnose anbetrifft;, so 
ist es in den seltensten Fällen möglich und überhaupt gar nicht ratsam, die Wirbel¬ 
säule zu untersuchen. Man erkennt die schwere Verletzung aus den Zeichen der 
totalen Querläsion des Markes, davon weiter unten; ihren Höhensitz aus der Aus¬ 
breitung der Funktionsstörungen. Die Prognose ist um so schlechter, je höher die 
Läsion. Gute Lagerung, Sorge für Harnentleerung etc.ist alles, was man machen kann. 

Aus Kocher’s Statistik ge htschliesslich noch Folgendes über das Vorkommen 
der einzelnen Läsionen an den einzelnen Abschnitten der Wirl>clsäule hervor: 

1. An den obersten Halswirbeln kommen besonders reine einseitige Luxationen 
vor, aber auch Totalluxationsfrakturen; schliesslich Distorsionen. Ajn 
häufigsten zwischen Atlas und Epistropheus. An den mittleren Halswirbeln 
ist die Vorliebestelle für einfache Distorsionen. 

2. An den unteren Halswirbeln finden sich mit Vorliebe Totalluxationen und 
Totalluxationsschrägfrakturen. 

3. An den oberen Brustwirbeln kommen isolierte Kompressionsfrakturen der 
Wirbel vor — dazu Totalluxationsschräg- und -kompressionsfrakturen. 

4. An der unteren Dorsal Wirbelsäule finden sich reine Kompressionsfrakturen 
der Körper dann Luxationskompressionsfrakturen ohne totale Verschiebung 
und Totalluxationskompressionsfrakturen. 

5. An den Lendenwirbeln hauptsächlich reine Kompressionsfrakturen der Körper 

und Totalluxationskompressionsfrakturen. 

Wo, wie am Hals, die Beugung normaiiter am stärksten möglich ist, finden 
sich also reine Luxationen und Totalluxationen, event. mit Schrägfrakturen; wo sie 
am wenigsten möglich ist (Lendenmark) reine Kompressionsfrakturen der Körper 
oder diese mit Totalluxation oder einfacher Luxation der Seitengelenke. 


Der zweite Teil der grossen Koch ersehen Arbeit beschäftigt sich mit den 
durch die Wirbelverletzungen entstehenden Läsionen des Rückenmarkes und seiner 
Wurzeln. Kocher hebt zunächst nochmals hervor, dass die partiellen Verletzungen 
der Wirbel leichte oder gar keine Verletzungen des Markes, wenigstens im Beginne, zu 
machen brauchen, während die schweren fast immer komplete Zerstörungen des Markes 
bedingen. Da sich aber besonders an nicht richtig behandelte partielle Läsionen 
häufig sekundäre Erkrankungen des Rückenmarkes anschliessen, und andererseits die 
partiellen Wirbelalfektionen ihre typischen Symptome haben und an sich auch ohne 
Markläsionen zu erkennen sind, so hat er gerade diese Symptome besonders eingehend 
geschildert. 

Kocher geht dann zunächst auf diejenigen Läsionen des Markes ein, die bei 
Verletzungen ohne eigentliche Aflektion der Wirbelsäule oder bei nur momentaner 
Verschiebung der letzteren Vorkommen sollen: die sogenannte Rückenmarkser- 
schütterung (commotio spinalis) und die Contusio, die mit. der Häma¬ 
tom yelie zusammenfällt. Der Commotio spinalis geht er scharf zu Leibe. Er 
bestreitet nicht, dass sie vorkommt, wenn auch viel seltener, wie die Hirnerschütterung, 
aber er bestreitet, dass sic Dauersymptome macht. Vieles, was man z. B. von den 
Fällen von Railway spiue auf eine Rückenmarkserschüttcrung bezogen habe, seien 
Leiden psychischer Natur, womit Kocher freilich nichts Neues sagt. In anderen 
Fällen, auch in solchen mit langsamer Ausheilung, habe es sich um Blutungen, Kom¬ 
pressionen oder Zerrungen des Rückenmarkes gehandelt. Starke oder überhaupt 
Veränderungen an der Wirbelsäule könnten in solchen Fällen fehlen. Auch handele 
es sich manchmal nur um Symptome von Seiten der Wurzeln des Rückenmarkes. 
Sch mau ss habe das grosse Verdienst, auf das Vorkommen primärer Nekrosen in Fällen 


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von Rücken markstrauma hin ge wiesen zu haben — aber auch in seinen Fällen von 
„Commotio“ seien später resorbierte Blutungen und Verletzungen der Wirbelsäule 
nicht auszuschliessen. 

Im Kapitel Hämatomyelie fasst Kocher die eigentlichen Blutungen ins Mark 
und die in die Häute (Hämatorhachis) zusammen. Die Hämatomyelie ist be¬ 
sonders häufig in der Gegend der unteren Halswirbel, wo auch die Totalluxationen 
und die Totalluxationsfrakturen am häufigsten sind. Ursache: Fall auf den Kopf 
mit extremer Beugung. Das Rückenmark kann einfach gezerrt sein oder es hat 
doch eine momentane Verschiebung der Säule bestanden. Die Symptome können 
die der transversalen totalen Läsion sein, wie in einem Falle des Referenten oder 
dio einer mehr oder weniger unvollständigen Querschnittszerstörung. Häufig ist 
vor allem die graue Substanz betroffen. Dabei kommt nach Kocher dann ein 
Krankheitsbild zustande, das sich dadurch auszeichnet, dass die tiefsten Körperteile, 
also die Beine, mehr gelähmt sind als die Arme, dass die Anästhesie manchmal eine 
partielle ist — Tastgefühl erhalten — (s. spez. die Fälle von Minor. Ref.) und oft 
rasch ganz wieder gut wird, während die Lähmung fortbesteht. Ferner sollen mo¬ 
torische und sensible Reizerscheinungen unter der Läsion von Anfang an fehlen, wie es 
nach Ansicht Kocher's stets bei totalen Querläsionen der Fall ist. Meist besteht auch 
Retentio urinae. Diese Angaben über das klinische Bild mehr centraler Hämatomyelien 
sind ja im allgemeinen richtig — nicht ganz richtig ist aber ihre Erklärung. Die Art und 
Ausdehnung der Symptome wird hier wie überall von dem Höhensitze der Läsion 
und ihrer Ausdehnung auf den Querschnitt abhängen. Die Arme sind nur partiell 
gelähmt, weil ein Teil ihrer Muskelkerne über der Läsion liegt, die Beine total 

— aber ohne Atrophie, weil die Pyramiden bahn für sie im ganzen lädiert ist. 
Uebrigens pflegen bei jeder partiellen, sowohl sensiblen wie motorischen Rückenmarks¬ 
affektion, die peripherischen Teile am stärksten zu leiden. Dass die Beine am meisten 
gelähmt und gefühllos sind, weil die betreffenden Nervenbahnen mehr im Centrum, 
dicht an der Hämatomyelie verliefen, ist nicht richtig — die längsten Bahnen 
verlaufen gerade am meisten excentrisch (Flatau). Damit fallen teilweise 
die Erklärungsversuche zu eiuer Anzahl von Krankengeschichten, z. B. zu Fall 24. 

Im ganzen sind in diesen Fällen von centraler Hämatomyelie die Blutungen 
in die Häute nicht sehr reichlich. Im Falle 16 von Kocher (Diplegia brachialis) 
ist dagegen auf jeden Fall die Hämatorhachis die Hauptsache; diese kann sich 
in der Längsaxe sehr ausdehnen, und warum soll eine solche Blutung nicht einmal 
einzelne Wurzeln mehr treffen als andere in der Nähe liegende? 

Es folgt nun die Kasuistik der partiellen Läsionen des Markes 
bei leichteren par Mellen Traumen der Wirbelsäule. Zunächst die 
Distorsionen, die sich im unteren Teil der Halswirbelsäule finden. Die Symp¬ 
tome sind zunächst die Folgen der Läsionen der Wurzeln des Plexus brachialis — meist 
nur Schmerzen, manchmal rasch vorübergehende Lähmungen und Schmerzen (das wären 
Fälle von Diplegia brachialis). Daneben bestanden in den schwereren Fällen deutliche 
Anzeichen der Markläsion, so z. B. auch einseitige Paresen der Beine mit er¬ 
höhten Reflexen und Blasen- und Mastdannstörungen im Anfang manchmal schwerer 
Art Später können in Bezug auf die Blase alle möglichen Varietäten bestehen, z. B. 
auch Entleerung im Strahl ohne Wissen und Willen des Patienten (was Kocher 
Enuresis nennt). Kocher nimmt an, dass es sich meist um Blutungen in die Häute 
des Halsmarkes handelt, die zugleich das Mark komprimieren. Uebrigens muss 
gesagt werden, dass eine einfache, auch hochgradige Steigerung der Sehnenreflexe an 
den Beinen in diesen Fällen nicht immer für eine Läsion des Markes spricht. 

Die partiellen Läsionen des Markes bei einfacher Luxation der Wirbel 

— 2 Fälle an der Halswirbelsäule — bieten keine besonderen Abweichungen in der 
Qualität der Symptome, doch sind die Erscheinungen im ganzen schwerer, an den 
unteren Extremitäten bestehen nicht nur Lähmungen, sondern auch Gefühlsstörungen. 
Interessant ist ein Fall, bei dem zuerst Symptome von Seiten des Markes nicht be¬ 
standen, später unter den Augen des Arztes in schwerer Weise eintraten. Genau 
wird die Symptomatologie der Wirbelverletzung selbst beschrieben. In beiden Fällen 
bestanden lebhafte Spasmen und vorübergehende Kontrakturen der Beine; lebhafte 
excentrisch projizierte Schmerzen, einmal infolgedessen das Bild der Analgesia dolorosa; 
ferner Retentio urinae bei oft lebhaftem Harndrang und Stuhldrang. 

Die partiellen Verletzungen des Markee bei einfachen Frakturen der Wirbel 

— untere Dorsal- und Lendenwirbel — unterscheiden sich in ihren Symptomen nur 
dadurch, dass diese bei dem tiefen Sitze der Läsion anders gruppiert, weniger aus¬ 
gedehnt sind. Auch hier fand Kocher meist Retentio urinae mit Harn¬ 
drang. Dass die Sehnenreflexe in solchen Fällen bei der Lage ihres Reflexbogens 

Centralblatt f. d. Gr. d. Med. u. Chir. T. 7 


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in den lädierten Stellen des Markes, auch bei partiellen Läsiouen, fehlen, ist doch 
nichts Bemerkenswertes (S. 306). 

Am Schlüsse dieses Abschnittes findet sich dann eine Zusammenstellung der 
für die partiellen Markläsionen wichtigsten Symptome mit kritischen Erwägungen. 
Die Motilitätsstörungen unterhalb der Läsion sind meist stärker wie die Sensibili- 
tätsstörungen. Aber auch sie können gering sein, nur nach und nach eintreten oder 
nur eine Seite betreffen. Die Sensibilitätsstörungen können ganz fehlen oder rasch 
wieder verschwinden, sie können auch nur das Schmerz- und Temperaturgefühl betreffen. 
Häufig reichen sowohl Motilitüts- wie Sensibilitätsstörungen bei partiellen Läsionen 
nach oben nicht bis in die verletzten Segmente — die Anästhesie meist 
noch weniger hoch als die Lähmung. Häufig sind sowohl motorische, wie 
sensible Reizerscheinungen unterhalb der Läsionsstelle; letztere in Form sogenannter 
cxcentrisch projizierter Schmerzen. Sicher sind diese Reizsymptome unterhalb der 
Läsionsstelle bei partiellen Läsionen häufiger als die totalen — Ref. wird weiter 
unten noch auf die Frage kommen, ob sie bei totalen Läsionen ganz fehlen, wie 
Kocher annimmt. Die Sehnenreflexe sind bei partiellen Läsionen vor¬ 
handen und meist gesteigert — abgesehen von denen, deren Reflex- 
bogen durch die Läsionsstelle geht (Ref.). Blasenstörungen können fehlen, 
ebenso solche des Mastdarmes. Nicht selten besteht aber Retentio urinae auch 
hier für einige Zeit, manchmal sogar Inkontinenz. Sonst können alle möglichen 
Varietäten Vorkommen. Wichtig ist, dass trotz vollkommener Retentio Harndrang, 
auch Stuhldrang gefühlt werden kann — manchmal sogar anfallsw’eise sehr 
intensiv (analog den excentrischen Schmerzen). Bei jungen Leuten und bei hoch¬ 
sitzenden Läsionen besteht meist auch Priapismus. Alle diese Umstände machen 
es leicht, eine partielle Läsion des Markes von einer totalen zu unterscheiden (s. u.). 
Dass auch bei vollständiger Paraplegie der Beine Blasenstörungen fehlen können, ist 
sicher, wenn auch noch Öfter bei langsam vorschreitender Paraplegie die Blasenstörung 
eher da ist als die Lähmung (Ref.); ob die Schlüsse, die Kocher daraus für die 
Lage der motorischen Blasen nerven zieht, berechtigt sind, lässt Ref. dahingestellt. 

Auch einfache Wurzelläsionen kommen bei diesen partiellen Wirbel Verletzungen 
vor. Auch sie können zu partieller Anästhesie führen. 

Es folgen dann einige sehr instruktive Beispiele von Halbseitenläsion 
des Markes bei Wirbelverletzungen, so z. B. bei einseitigen Luxationen im 
Cervicalmarke, bei Bruch des Körpers im Dorsalmarke. Ganz besonders interessant 
ist eine halbseitige Messerstichläsion im Halsmarke mit typischen Symptomen; auf der 
Seite der Läsion fehlten zuerst die Patcilarreflexe; auen bestand gekreuzt nur eine 
Analgesie und Thermoanästhesie, was nicht selten vorzukommen scheint. (Ref.) 

In den epikritischen Bemerkungen zur Halbseitenläsion vermag Kocher nicht 
viel Neues zu bringen. Es vergisst auf S. 539 zu erwähnen, dass in der Höhe der 
Läsion auf der lädierten Seite immer atrophische Muskellähmungen bestehen 
müssen, obgleich er selber das beschreibt; im oberen Hals- und Dorsalmark ist das 
nur nicht immer nachzuweisen. Dass bei wirklich totaler Quertrennung einer Seite 
so erhebliche, bis fast zur Heilung gehende Besserungen durch Funktionsübernahme 
anderer Bahnen Vorkommen, wie Kocher annimmt, glaubt Ref. nicht. Vielleicht hat 
es sich doch in diesen Fällen nur um Kompressionen gehandelt. Die Lähmung der 
Beine beschränkt sich bei halbseitigen Rückenrnarksläsionen, wie Mann gezeigt hat, 
immer auf gewisse Muskeln, ebenso wie bei der cerebralen Hemiplegie — die Funk¬ 
tion der unteren Extremitäten kann dabei eine sehr gute sein. Diese Muskeln bleiben 
aber bei totalen Hemiläsionen gelähmt; auch tritt Kontraktur des betreffenden 
Beines mit erhöhten Reflexen ein. Die gekreuzten Gefühlsstörungen bleiben bei voll¬ 
ständiger Halbseiten läsion ebenfalls dauernd bestehen; die Tastanästhesie scheint, wie 
gesagt, öftere zu fehlen. Dauernde Blasenstörungen fehlen. Verengerung der gleichseitigen 
Pupille und Lidspalte hat Kocher auch bei sehr hochsitzenden halbseitigen 
Verletzungen des Halsmarkes gesehen — er nimmt Centren dafür in der Medulla 
oblongata an; von da verlaufen die Fasern durchs Halsmark und treten vor allem 
mit der ersten Dorsalwurzel aus (Klumpke), aber auch mit unteren Cervical- 
wurzeln, wie Ref. bewiesen hat. 

Eingehend bespricht Kocher die Gefühlsstörungen bei den Halbseitenläsionen 
und ihre Bedeutung für die Lehre von der Lage der einzelnen Gefühlsbahnen im Rückeu- 
marke. Sicher ist, dass die Bahnen für den Muskelsinn bis zu den Hinterstrangs¬ 
kernen auf der Wurzeleintrittsseite verbleiben, dass die Schmerz- und Temperatur¬ 
bahnen sich im Rückenmarke bald auf die gekreuzte Seite begeben. Schwierigkeiten 
machen die Tastbahnen, wenn man für sie getrennte Bahnen verlangt. Nach der 
Casuistik der Brown-Sequard’schen Lähmungen, bei denen meist gekreuzt auch 
das Tastgefühl fehlte, muss man annehmen, dass auch sie sich früh kreuzen; aber 


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da nicht selten nur gekreuzte Analgesie besteht, werden sie nach der Kreuzung nicht an 
gleicher Stelle liegen, wie die gekreuzten Schmerzbahnen. Möglich ist auch, dass sie sich 
nur teilweise kreuzen — wo aber die gekreuzten und ungekreuzten Tastfasern im Rücken¬ 
mark verlaufen, ist noch nicht sicher; ob in der Grenzschicht der grauen Substanz, 
wie Kocher an nimmt? Interessant ist Kocher’s Erklärung für die gleichseitige 
Hyperästhesie (S. 537). 

Zum Schlüsse dieses Kapitels kommt Kocher auch schon auf das Fehlen der 
Sehnenreflexe bet totalen Querläsionen zu sprechen. Er meint, dass dafür die 
Unterbrechung der Muskelsinnsbahnen massgebend sei (ähnliche Annahmen macht 
neuerdings van Gehuchten). Im übrigen steht er der Theorie Bastian's über 
diese Dinge nahe. Er begeht hier den Irrtum zu behaupten, dass im Gebiete der 
Kleinhimseitenstrangsbahnen nur aufsteigende Fasern vorhanden seien; es sind 
auch absteigend degenerierende mehrfach nachgewiesen und nur an diese könnte 
Bastian bei seiner Theorie denken, wenn er nicht die von ihm postulierten ab¬ 
steigenden Kleinhirn bahnen in der grauen Substanz verlaufen liesse. Die Annahme 
eines Wegfalls der Hemmung zur Erklärung der Erhöhung der Sehnenreflexe bei 
Läsion der Pyramidenbahnen ist trotz Kocher immer noch die befriedigendste. 

Die partiellen Läsionen des Rückenmarkes geben eine relativ günstige Prognose, 
weil eben die Läsion nur eine partielle ist und weil (Ref.) am Anfang Nachbarschafts- 
symptome, die später zurückgehen, das Gesamtbild schwerer erscheinen lassen, als es 
ist. Dass erhebliche Besserungen durch Funktionsübernahme nicht zerstörter 
Bahnen zu Stande kommen, glaubt Ref., wie gesagt, nicht; die von den wirklich 
zerstörten Teilen abhängigen Funktionen bleiben dauernd gestört und die Prognose 
ist also abhängig vom Umfang dieser Zerstörung. 

Decubitus und Cystitis können die Prognose sehr verschlechtern; gegen letztere 
empfiehlt Kocher die Anwendung eines dauernd liegen zu lassenden Nälaton- 
Katheters. Ob das eine ganz harmlose Methode ist? (Ref.) 


Für die Therapie kommt vor allen Dingen die Behandlung der Wirbelsäulen¬ 
verletzung in Betracht. Man muss also eine etwaige Luxation einrichten, dazu muss 
man sie aber erkennen. Im übrigen genügt meist gute Lagerung und Fixierung, 
auch durch Extension, aber durch lange Zeit. Tritt bei dieser Behandlung Besserung 
der Marksymptome nicht ein, so ist sie entweder nach der Art der Markverletzung 
nicht möglich (Ref.) — oder, was selten ist, Knochensplitter komprimieren das 
Mark und hindern eine Ausgleichung. Dann — also erst lange nach der Läsion — 

— ist, abgesehen von den Fällen, wo Wirbelbogenbrüche gleich zu erkennen sind 

— eine Trepanation erlaubt, im Anfang hat die Operation gar keinen Sinn, spez. 
nicht zur Entfernung etwaiger Blutergüsse, wie man oft gemeint hat Verschlimme¬ 
rungen in den ersten Tagen nach der Verletzung sind meist Folgen einer fort¬ 
schreitenden Myelitis oder eines Oedemes und müssen nicht unbedingt zur 
Trepanation auffordern, wie Kocher will. 

Die totalen Querläsionen des Markes — sie kommen selten bei par¬ 
tiellen Wirbel Verletzungen, immer bei den Totalluxationen und Totalluxationsfrakturen 
vor — bieten ein wesentliches therapeutisches Interesse nicht, da eine Wiederkehr 
der Funktion des zerstörten Markes nicht eintritt; dagegen geben gut beobachtete 
Fälle sehr erhebliche Aufschlüsse in physiologischer Beziehung über die 
Funktion der einzelnen Segmente des Rückenmarkes. Dazu hat auch Kocher sein 
reiches Material verwendet. Er hat die Ergebnisse dieser Untersuchungen und Beob¬ 
achtungen in 3 Tafeln zusammen^estellt. Auf Einzelnes in diesen Tafeln habe ich 
weiter unten noch einzugehen. Hier nur so viel, dass die erste Tafel die Verteilung 
der einzelnen hinteren Wurzeln in der Haut darstellt — jeder Abschnitt, z. B. 
Cervicalanschwellung, Dorsalmark, Lumbal- und Sacralmark hat eine besondere Farbe, 
jede Wurzel ihre Nuance. Die beiden anderen Tafeln lassen in farbiger Darstellung 
die einzelnen motorischen Wurzeln für Arm und Bein durch die Plexus in die 
Muskeln verfolgen. 

Auf die Angaben Sherrington’s vom gegenseitigen Ueberlagem der einzelnen 
sensiblen Gebiete in der Haut und auf gleiche Verhältnisse bei den motorischen 
Wurzeln nehmen die Tabellen, sowie auch spätere Ausführungen Kocher’s keine 
Rücksicht — er bespricht diese Dinge aber eingehend. 

Allen Totalquerläsionen sind gemeinsam gewisse Symptome in den 
Teilen, die vom Marke unter der Läsion abkängen. Nach Kocher sind es folgende: 
Es besteht immer totale schlaffe Lähmung und totale Anästhesie bis zur Höhe des 
lädierten Segments. Dass die Querläsion an ihrem obersten Ende eine totale ist, 
ist natürlich (Ref.) leicht zu sagen, wenn man die Läsiousstelle der Wirbelsäule 


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kennt, schwieriger, wenn das nicht der Fall ist; sonst spricht für totale Läsion 
bis zu dieser Stelle, wenn Motilitäts- und Sensibilitätssörungen segmentär sich 
decken. Die Lähmung ist eine nicht atrophische, ohne elektrische Störungen 
bis auf die vom zerstörten Segmente selbst abhängigen Muskeln. Lähmung und 
Anästhesie brauchen auf beiden Seiten nicht ganz bis in gleiche Höhen zu gehen. 
Ueber der totalen Anästhesie kann erst Dysästhesie oder partielle Anästhesie be¬ 
stehen, dann eine Hyperästhesiezone. Im gelähmten Gebiete fehlen alle motorischen 
und sensiblen Reizerscheinungen — also alle Schmerzen und Spasmen. Meist be¬ 
steht Retentio urinae und Incontinentia alvi mit Obstipation. Letztere führt 
zum Meteorismus. Die Blase ist oft, aber nicht immer ausdrückbar. Im gelähmten 
Gebiete besteht Vasomotorenlähmung. Priapismus fehlt selten, z. B. wenn das 
Sacralmark zerstört ist, oder bei älteren Leuten. Die Sehnenreflexe fehlen 
vollständig und (Kocher) jedenfalls für lange Zeit. Die Hautreflexe sind er¬ 
halten, aber sie sind meist herabgesetzt, wenigstens im Anfang, manche, z. B. 
Reflexe vom Hoden und von anderen Teilen der Geschlechtsteile, können gesteigert 
sein. (Mehrfach sah Ref. Eintreten von Erektion beim Katheterisieren.) Auch der 
Sphincterenreflex von Seite des Mastdarmes und der Blase ist trotz der Totalquer¬ 
läsion nicht aufgehoben. 


Diese Angaben stimmen im ganzen mit den Erfahrungen des Ref. und anderer 
Beobachter überein. Nur in einzelnen Dingen möchte Ref. widersprechen. Eis ist ihm zu¬ 
nächst fraglich, ob bei totalen Querläsionen Reizerscheinungen unterhalb der Läsion 
immer fehlen. Dass sie seltener sind als bei partiellen, erscheint auch ihm sicher. Aber 
was zunächst die Spasmen in den Beinen an betrifft, so hat Ref. schon lange den 
Eindruck, dass es sich hier zum Teil um Reflexe von Seiten der Haut der geliäunten 
Teile handelt. Diese Hautreflexe sind ja aber nach Kocher erhalten und sogar 
zum Teil gesteigert bei totalen Querläsionen. Andererseits wäre es sehr wohl mög¬ 
lich, dass bei einer totalen Querläsion zwar, s. v. v. der Wille nicht mehr durdi 
dieselbe hindurch zu Bewegungen Anlass geben könnte, wohl aber eine Reizung der 
Pyramidenbahn durch die Läsion selbst an ihrem unteren Ende Zuckungen bedingen 
könnte, jedenfalls ehe sekundäre Degeneration eintritt und vielleicht auch noch 


nachher. 

Aehnlich könnte die Läsion zur Auslösung excentrisch projizierter Schmerzen 
durch Reizung der sensiblen Bahnen führen; auch hier vielleicht noch nach dem 
Auftreten sekundärer Degeneration, doch ist Anaesthesia dolorosa bei Totalquerläsionen 
jedenfalls selten. Zuckungen hat Ref. selber aber häufig an Fällen gesehen, bei 
denen alle übrigen Symptome für eine Totalquerläsion stimmten, und auch Kocher 
selbst führt eine Anzahl solcher Fälle an (z. B. Fall 50, 53, 56). 

ln den Fällen totaler Querläsion, die Ref. gesehen hat, bestand meist Retentio 
urinae nur kürzere Zeit — bald trat Inkontinenz ein. Solche Fälle führt auch 
Kocher an. Nur in allerletzter Zeit sah Ref. einen Fall, wo die Retentio 
durch Wochen bestand. Jedenfalls beweisen auch die Beobachtungen Kocher's 
wieder, dass die Blasenstörungen bei Rückenraarksläsion in sehr vielen Varietäten Vor¬ 
kommen, dass hier die Lehrbücher viel zu sehr schematisieren — dass es nötig 
ist hier noch viele Einzelfälle, unbeeinflusst durch Theorien, zu 

beobachten. , . t _ , . , _ 

Dass Hautreflexe — spez. der Plantarstichreflex — auch bei totalen Quer¬ 
läsionen erhalten sein können — hat auch Ref. beschrieben. Aber es gibt Fälle — 
so der erste, den Ref. sah — wo sie alle dauernd fehlen — ebenso wie die Blasen- 
und Mastdarmreflexe. Wodurch diese Fälle sich so besonders verhalten, steht noch 
nicht fest; Ref. glaubt, dass die Blasen- und Mastdarmreflexe sogar inder Regel fehlen. 

Dem Ref. ist es immer aufgefallen, dass im gelähmten Gebiete Nadelstiche 
keinen roten Hof bekommen; das erwähnt auch Kocher. Wichtig ist, ivas Kocher 
nicht erwähnt, dass in diesem Gebiete auch nicht geschwitzt wird. 

Es folgt zunächst die Kasuistik der totalen Läsionen des Halsmarkes. 
Sie bietet auch im einzelnen viel des Interessanten. Auffallend häufig findet sich 
zugleich Fractura sterni. An der Wirbelsäule ist oft klinisch nichts zu sehen. 
Manchmal kommen, sub finem vitae speziell, sehr hohe Temperaturen vor, über 43°, 
manchmal niedrige, eine Gesetzmässigkeit in dieser Beziehung je nach dem Höhen¬ 
sitze der Läsion, wie Thorburn behauptet, besteht aber nicht. Im Fall 46 zeigt 
sich sehr schön die allmähliche Ausbreitung der Läsion, klinisch natürlich nur 

nach °j^ n *^ ngc j 1 j tlgg an ge j ne Kasuistik gibt Kocher dann eine Uebereicht über die 
klinischen Symptome der totalen Halsmarkläsionen und zum Schluss eine Zusammen- 


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Stellung der Funktionen der einzelnen Segmente. In Betracht kommen nur die 
Läsion des 5. Cervical- bis 1. Dorealsegmentes inclusive. Totale Läsionen vom 4. und 
darüber führen durch vollständige Lähmung der Atemmuskeln zum sofortigen Tode. 
Je weiter nach unten, desto besser ist die Prognose; wenn auch meist der Tod un¬ 
ausbleiblich ist, so erfolgt er doch um so rascher, je höher die Verletzung liegt. 
Weiter oben kann schon am Tage nach dem Unfälle der Tod eintreten, weiter unten 
erst nach Tagen oder Wochen, bei hoher Temperatur schneller. Immer findet sich 
ein- oder doppelseitige Verengerung der Lidspalte, wenn die Läsion über dem 
1. Dorealsegmcnte sitzt; (s. übrigens oben die Bemerkung, dass noch weitere Cervical- 
wurzeln Pupillen fasern führen; bei Läsionen im 1. Dorsalsegment kann sich die 
anfängliche Miosis deshalb später verlieren). 

Die motorische und sensible Funktion der einzelnen Segmente wird dann in 
besonderen Kapiteln besprochen und die Resultate auf Tafel VI u. VII zusammengestellt. 
Die Resultate zunächst für die motorische Funktion dieser Segmente stimmen im 
ganzen mit den Angaben Thorburn's überein und muss auf die Tafel VII verwiesen 
werden. Wenn die Läsion im 5. Segmente sitzt, so ist der ganze Arm gelähmt — 
nur der Levator scapulae und der obere Teil der Cucullares frei, die also aus dem 
4. Segmente stammen. Bleibt das 5. Segment frei, so tritt durch die alleinige 
Wirkung der Muskeln dieses Segmentes (Deltoideus, biceps, brachialis internus und 
die Supinatoren) die bekannte Thorburn’sche Stellung des Armes ein, die auch 
Kocher mehrfach beobachtete — Abduktion des Oberarmes, Flexion und Supination 
des Unterarmes. Ist das 6. Segment erhalten — also Läsion im 7., so bleiben, das 
stimmt ganz mit Thorburn überein, besondere die Adduktoren des Oberarmes und 
die Pronatoren frei — der Arm hat dann eine natürliche Stellung. Am wichtigsten 
sind die Abweichungen Kocher’s von Thorburn im 7. und 8. Segmente. Thorburn 
verlegt ins 7. die Extensoren der Hand, ins 8. die Flexoren, für die langen Finger¬ 
strecker und -beuger gibt er überhaupt besondere Segmente nicht an. Kocher 
verlegt die Extensoren und Flexoren der Hand in das 7. Segment, die der Finger 
in das 8. Diese Angaben sind nach Ansicht des Referenten, dessen im XXV. Bd. 
des Archivs für Psych. beschriebener Fall ihnen ganz entspricht, richtig. In der 
Tabelle über die Funktionen der einzelnen Rückenmarkssegmente, die Edinger nach 
Allen Starr gibt und die Ref. in einigen Punkten modifiziert, in seine Arbeit über 
die Geschwülste des Nervensystemes (Berlin 1897) aufgenommen hat — sind auch 
Flexoren und Extensoren der Hand richtig in das 7. Segment verlegt. Nur nimmt 
diese Tabelle auch schon auf die Lehre der Ausdehnung der einzelnen Muskelkerne 
durch verschiedene Segmente Rücksicht, was Kocher nicht thut, und sie führt 
deshalb wenigstens die Extensoren der Hand auch schon im 6. Segmente an, die 
der Finger, die hauptsächlich, wie Kocher angibt, im 8. Segmente vertreten sind, 
auch schon im 7., wofür gerade wieder der Fall des Referenten spricht. Im 1. Dor¬ 
salsegment sind hauptsächlich, worüber wieder Uebereinstimmung herrscht, die 
kleinen Muskeln der Hand (Interossei, Daumen-, Kleinfingerballen vertreten). 

Auch die Angaben Kocher’s über die Sensibilitätsbezirke der einzelnen Cer- 
vicalwurzelu unterscheiden sich nicht wesentlich von den Angaben Thorburn ’s. 
Immer ist der Rumpf sensibel bis zur 3. Rippe abwärts, hinten in gleicher Höhe 
wie vorn, da dieses Gebiet wie der Hals und Nacken von oberen Cervical wurzeln 
sensibel versorgt wird, während die 1. und vielleicht 2. Dorsalwurzel auch am Ge¬ 
fühle des Armes sich beteiligen. Im übrigen kann man im allgemeinen 2 Typen 
für die Gefühlsstörungen am Arme aufstellen: ist der ganze Arm gefühllos, so ist 
die 5. ulnare Wurzel mitbeteiligt, ist nur die cervicale Seite gefühllos, so ist jedenfalls die 
1. dorsale noch mitbeteiligt. Die 6. und 7. cervicale Wurzel beteiligen sich nur 
mässig an der Sensibilität des Armes. Für die 6. Wurzel kommt nach Kocher 
ein Streifen in der Mitte der Beugeseite des Armes und radiale Partien von Unterarm, 
Hand und Finger, dorsal und volar, in Betracht. Die 7. Wurzel versorgt die Finger 
im Gebiete des Medianus und Ulnaris und am Handgelenke die Gegend des Nervus 
palmaris. Die 8. cervicale, die 1. und 2. dorsale Wurzel versorgen die ulnare Seite 
des Unter- und Oberarmes dorsal und volar; betrifft die Läsion die 1. dorsale Wurzel, 
so ist der gefühllose Streifen an der Ulnarseite des Armes schmaler als wenn die 
8. cervicale mit verletzt ist. Im übrigen scheint Kocher, was er auch mehrfach 
andeutet, doch der Ansicht zu sein, dass auch die 6. und 7. Wurzel schmale Längs¬ 
streifen am ganzen Arme innervieren — das ist auch die Ansicht Allen Starr’s — und 
er bildet diese Streifen, allerdings nur au der Beugeseite auch in seinem Schema 
ab. Für die 8. Wurzel hat er im Schema nichts über. Er erwähnt auch, dass et¬ 
waige Hyperästhesiezonen sich in diesen schmalen Längsstreifen zeigen müssten. 
Jedenfalls ist es am Halsraarke möglich, von jedem Falle totaler Q,uer- 
läsion den Sitz der Läsion genau zu erkennen; wir können hier nicht nur 


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einen Typus superior und inferior unterscheiden, wie bei Plexuslähmungen, sondern 
5 Typen , je nachdem die Läsion in dem 5., (3., 7., 8. Ccrvical- oder dem 1. Dorsal¬ 
segmente sitzt. 


Es folgt die Kasuistik der Totalläsionen des Dorsalmarkes. Kocher hat 
solche erst vom 4. Dorsalsegmente nach abwärts beobachtet Diese Fälle können 
am Leben erhalten werden. Hier, wie erwähnt, bringt Kocher mehrere Fälle mit 
Spasmen an den Beinen, obgleich die Querläsion nach den übrigen Symptomen eine 
totale war. Was die Segmentfunktionen und ihre Verwertung für die Segment¬ 
diagnose an betrifft, so kommt hier nur die Sensibilität in Betracht. Die motorischen 
Funktionen der einzelnen Segmente sind ziemlich selbstverständlich — die unteren 
— vom 7. bis 12. — innervieren auch die Bauchmuskeln — der Rectus abdominis 
kahn segmentäre Lähmung zeigen — nur der obere Teil funktionierte 
in einem Falle Kocher’s, wo die Läsion bis zum 11. Dorsalsegment 
reicht An den Sensibilitätsgrenzen am Rumpfe — sie verlaufen, was zu¬ 
nächst sehr wichtig zu wissen ist, horizontal und nicht wie man a priori annehmen 
würde, wie die Intcrcostalräume, schräg nach vom abwärts — kann man auch im 
Dorsaimarke die Höhe der Läsion im Marke bestimmen; auch hier hat jedes 
Segment sein bestimmtes Haupthautgebiet. Nur muss man wissen, dass die Läsion 
der Wirbelsäule und die Anästhesiegrenze am Rumpfe nicht in der gleichen Horizon¬ 
talebene liegen. Die Anästhesiegrenze liegt immer viel tiefer wie die Läsion. Zu¬ 
nächst kommt hier in Betracht, dass der intravertebrale Verlauf einer dorsalen Wurzel 
vom Austritte aus dem Marke bis zum Austritt aus der Wirbelsäule unter dem 
gleichgezählten Wirbelkörper im oberen Dorsalmark eine Länge von einem, im 
unteren von zwei Wirbelkörpern hat. So liegt das 6. Dorsalsegment hinter dem 
5. Wirbelkörper, das 10. hinter dem 8. Um diese Strecke müsste sich also zunächst 
einmal die Anästhesiegrenze am Rumpfe nach unten von der Wirbclläsion verschieben. 
Aber die Differenz ist eine noch weit grössere. Kocher macht hiezu eine vor allem 
praktisch sehr wichtige Bemerkung. Er meint, dass bei Dorsalmark Verletzungen 
immer diejenige Wurzel lädiert sei, deren Intercostalraum an seinem tiefsten Punate 
direkt an der Medianlinie von der Anästhesiegrenze geschnitten werde. Bei den¬ 
jenigen Wurzeln, deren Intercostalräume nicht bis an die Mittellinie gehen, müsste 
man diese sich zu dem Zweck dieser Berechnung bis dahin verlängert denken. Schneidet 
also die Anästhesiegrenze den 5. Intercostalraum direkt an der Medianlinie, so ist 
das 5. Dorsalsegment, schneidet sie hier den 7. Intercostalraum, so ist das 7. Seg¬ 
ment lädiert. 

Da nun die Rippen von hinten nach vorn sehr stark nach abwärts laufen, 
so ist daraus zu ersehen, dass der Ausbreitungsbezirk einer dorsalen Wurzel noch 
viel weiter nach unten liegt, als die Differenz zwischen Mark- und Wirbelsäulen¬ 
austritt der einzelnen Wurzeln ausmachen würde. Aus diesem Verlauf der Rippen 
stark nach vorn und abwärts bei horizontalem Verlauf der Anästhesiegreuzen er¬ 
klärt es sich auch, dass vorn die Anästhesiegrenze einen an Zahl viel höheren Inter¬ 
costalraum als hinten Wirbeldorn trifft — so zum Beispiel vorn den 4. Intercostal¬ 
raum und hinten den 7. Dorn oder vorn das dem 11. Intercostalraum entsprechende 
Gebiet, hinten den 4. Lendenwirbel — so dass z. B. — wenn man dieser Differenz 
noch die Differenz zwischen Segmenthöhe und Wirbelsäulenaustritt einer Wurzel 
hinzurechnet — die Sensibilitätsgrenze am Rücken je nach der Höhe der verletzten 
Wurzel 4—5 Dornen tiefer sitzen kann, als die Läsion an der Wirbelsäule. Jeden¬ 
falls laufen die Gefühlszonen der sensiblen Dorsalwurzeln über mehrere Intercostal¬ 
räume weg und sie müssen vorn den höchsten, hinten einen ticfern treffen. Sie 
werden nach unten immer breiter, so dass sie nicht nur das Gebiet der Rippen, 
sondern auch das ganze Hautgebiet vom Rippenbogen bis zum Darmbeinkamme 
hinten und vorn versorgen. Unter allen Umständen ist, w f ie schon gesagt, die citierte 
Angabe von Kocher von grosser praktischer Bedeutung, wenn sie richtig ist, denn 
man braucht dann nur nachzusehen, welchen Intercostalraum die Anästhesiegrenze 
in seinem tiefsten Punkte schneidet und kann dann die Läsion in das gleichnamige 
Segment verlegen , das dann wieder um 1—2 Wirbclkörper höher liegt als seiner 
Nummer entspricht. Fraglich ist nur, ob das immer so stimmt. So lässt z. B. 
He ad schon den 5. Intercostalraum vorn von der 6. oder 7. Wurzel innerviert sein, 
nicht von der an Zahl gleichen. Auch nimmt Kocher keine Rücksicht auf die 
Ueberlegung der Hautgebiete der einzelnen Rückenmarks wurzeln — und um diese 
handelt es sich hier — nicht um die Intercos talnerven. Nach Sherrington tritt 
zum Beispiel im Hautgebiete des 7. Dorsalsegmentes erst Anästhesie ein, wenn auch 
das 6. zerstört ist. Dennoch könnten praktisch die Angaben von Kocher über die 


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Beziehungen der Anästhesiegrenze zur Läsion derjenigen Wurzel, deren Intercostal- 
raum sie im tiefsten Punkte trifft, doch stimmen — man müsste dann nur annehmen, 
dass deshalb z. B. beim Schneiden der Anästhesiegrenze durch den tiefsten Punkt 
des 7. Intercostalraumes die 7. Wurzel zerstört sei, weil das oberste gefühllose 
Hautgebiet in diesem Falle nicht der 7., sondern der 8. Wurzel in der Hauptsache 
angehört; wenn aber im 8. Hautgebiete totale Anästhesie besteht, muss nach 
Sh errington die 7. Wurzel resp. ihr Segment mitzerstört sein. Ebenso müssten 
sich dann andere Segmentgebiete verschieben und würde diese Annahme mit den 
Angaben von Head stimmen, dass die mittleren Intercostalräume vorn von tieferen 
Wurzeln innerviert werden als ihrer Zahl entspricht — nach hinten muss das natür¬ 
lich umgekehrt werden. 

Den Beschluss des bisher vorliegenden 1. Teiles der Kocher’schen Arbeit 
bilden zunächst die Krankengeschichten von 13 Fällen von totalen Verletzungen 
des Lenden- und Sacralmarkes. Darunter sind auch einzelne Fälle von Zerstörungen 
des Conus terminalis mit dem bekannten scharf umschriebenen Symptomen komplex. 
Priapismus bei Lumbalmarksläsionen ist seltener als bei höher sitzenden — sitzt die 
Läsion unterhalb des 2. SacralSegmentes, so fehlt er, Erektion kann aber zustande 
kommen (Reflexcentrum im 2. Socralsegmente). Auch bei Lumbosacralmarksläsionen 
soll oft noch lange Zeit Retentio urinae bestehen, erst wenn das 4. Sacralsegment 
zerstört ist, besteht Lähmung auch des Sphincterreflexes — dabei kann das Gefühl 
des Harndranges erhalten sein, so dass die sensiblen Blasen- und Mastdarm nerven 
weiter oben ins Mark eintreten müssen, als die motorischen aus ihm austreten. 

Die physiologischen Schlüsse, die man aus den Verletzungen des Lumbo- 
sacralmarkes für die Funktion der einzelnen Segmente desselben ziehen kann, sind 
weniger sicher als am Halsmarke. Das ganze Lumbosacralmark liegt dem 11. und 
12. Dorsal- und dem 1. und vielleicht noch etwas dem 2. Lendenwirbelkörper gegen¬ 
über. Isolierte Läsion einzelner Segmente ist hier selten. Bei Läsionen in der 
Gegend des 11., auch wohl schon des 10. Lumbalwirbels ist der ganze Lumbosacral- 
plexus gelähmt, die Anästhesie geht vorn bis zum Darmbeinkamm. Bei Läsion in 
der Gegend des 12. Lumbalwirbels kann das 1. und 2. lumbale Segment erhalten 
sein — die Anästhesie geht vorn und aussen am Beine nicht ganz nach oben. Bei 
Luxation oder Fraktur am 1. Lumbalwirbel ist vom 5. Lumbalsegment alles ge¬ 
lähmt und besteht dann die charakteristische Beschränkung der Lähmung und 
Anästhesie anf den ganzen Sacralplexus (der 5. und [Ref.] ein Teil des 4. Lumbal - 
nerven geht ja zum Sacralplexus). Tiefer unten kommen dann die charakteristischen 
Läsionen des Conus medullaris zustande, deren Symptome vielfach beschrieben sind 
Im ganzen stimmen die Angaben Kocher’s über die Funktionen der einzelnen 
Segmente in motorischer und sensibler Beziehung, die er auch durch Tafel VI und 
VIII illustriert, auf die in Bezug auf Genaueres verwiesen werden muss, ziemlich 
mit denen Thorburn's überein, vor allem in motorischer Beziehung. Nur verlegt 
Kocher die Wadenmuskulatur ins 2. Sacralsegment unter die Kerne für die Pero- 
neusmuskulatur, was auch sicher richtig ist. Auf der Tafel VI, die in Bezug auf das 
Bein doch etwas anders aussieht als die Schemata Thorburn’s, ist dem 5. Lenden¬ 
segment kein Hautgebiet zugewiesen ; in Fall 66, S. 627 wird aber ausdrücklich ein 
Hautgebiet der 5. Wurzel erwähnt, das dann wohl den unteren Teil des Gebietes 
ausmachen würde, das auf der Tafel dem 4. Segmente zugeschrieben ist. Bei 
Kocher und Thorburn ist wahrscheinlich falsch die Beziehung der PeroneusmiivS- 
kulatur (Tibialis anticus, Extens. dig. communis und Muse, peronei) auf das 1. Sa¬ 
cralsegment, ihre Kerne liegen wol schon im 5. Lumbalsegmente. 

Es würde leichter sein, sich in den Schematen zurecht zu finden, wenn bei 
ihnen auch stets die Nummer der zugehörigen Krankengeschichte erwähnt wäre. 
Fig. 21 sucht man lange vergeblich — weil im Texte nicht steht, dass sie auf 
Tafel V sich befindet. Tafel IX enthält nicht das, was der Text verspricht. 

L. Bruns (Hannover). 

Zur Beurteilung der Wirbelkorperbrfiche am unteren Abschnitt der 
Wirbelsäule. Von B. Berkhoff, Würzburg. Monatsschrift für Unfall¬ 
heilkunde 1897, Nr. 1. 

Es ist eine von vielen Autoren klinisch und experimentell festgestellte 
Thatsache, dass die Prädilektionsstellen für Wirbelbrüche die Uebergiinge des 
beweglicheren in den minder beweglichen Teil der Wirbelsäule sind, also meist 
zwischen dem HL und VH. Halswirbel, dem X. Brust- und II. Lenden- 


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wirbel, sowie zwischen dem IV. Lendenwirbel und dem Os sacrum. Die 
Frakturen sind meist indirekte und „kommen nur durch grosse Gewalt, durch 
Verschiebungen über das Mass der möglichen Beweglichkeit hinaus und bei 
gleichzeitiger muskulärer Feststellung der Wirbelsäule als Ganzes zustande“. 
Verf. zeigt an pathologisch-anatom. Präparaten, dass die indirekten Brüche 
weitaus überwiegen gegenüber den direkten. Die letzteren geben auch eine 
ungünstigere Prognose, weil durch den direkten Bruch das Rückenmark und 
die grossen Nervenstämme gefährdeter sind als bei indirekten Brüchen. Man 
unterscheidetlnfraktäonen, Kompressionsfrakturen, Komminutiyfrakturen, Schräg-, 
Quer-, Längsbrüche. Die leichtesten Verletzungen sind die unvollständigen 
Frakturen. Die Längsbrüche sind selten und betreffen meist mehrere Wirbel 
zugleich; ihr Ort ist die Hals- und Brustwirbelsäule. Quer- und Schräg¬ 
brüche betreffen alle Wirbel und liegen meist am oberen Rande des Körpers. 
Die Schrägbrüche verlaufen von hinten oben nach vorn unten (Malgaigne) 
oder von vorn oben nach hinten unten (hintere obere Keilfraktur). Letztere 
wurden nur an den unteren Brustwirbeln oder an Lendenwirbeln gesehen. 
Beide Arten führen zu Knickungen der Columna vertebr. und gefährden das 
Rückenmark durch event. Eindringen eines Splitters in dasselbe. Die Art der 
Fractur kann in vivo kaum diagnostiziert werden. B. sucht an der Hand 
eines Falles mit Fraktur des XH. Brust- oder I. Lendenwirbels die Differen¬ 
tialdiagnose zu präcisieren. Nur bei Persistieren der Rückenmarksstörungen 
lässt sich an gröbere Läsionen denken, die unter dem Bilde einer spastischen 
Spinalparalyse erscheinen. Treten solche Störungen später ein, so haben sich 
sekundäre Prozesse auf traumatischer Basis etabliert Die Art des Bruches 
betreffend, muss bei Malgaigne’scher Schrägfraktur eine starke Diastase und 
Dislokation des oberen Wirbelsäulenabschnittes entstehen, was auch durch die 
Bauchdecken hindurch fühlbar wäre. Eine Kompression des Wirbelkörpers 
mit bedeutender Diastase der Proc. spinosi hat eine starke Drehung des 
oberen Wirbelkörpers um den hinteren oberen Rand des unteren Wirbel¬ 
körpers zur Folge. Dies geschieht bei wenig resistenter Spongiosa und der 
Ligamente, namentlich bei älteren Leuten. Im Gegensätze zu Tschammer 
glaubt B., dass eine hintere obere Keilfraktur keine gänzlich infauste Prognose 
hat, was einige geheilte Fälle beweisen, wobei es zu der vorübergehenden 
Kompression und nicht zur Zertrümmerung der Medulla kam (Guolt). Diese 
Ansicht wurde ferner durch einen Leichenversuch bekräftigt, wobei es bei 
der hinteren oberen Keilfraktur nicht zur Zerstörung der Medulla kam. Ueber 
den Mechanismus bei diesem Bruchtypus bringt B. auch neue Ansichten, in¬ 
dem er glaubt, dass beim Einwirken der beugenden Kraft, die in eine vorn 
komprimierende und hinten extendierende zerlegt werden kann, zu gleicher Zeit 
eine Kompression und im Lig. interspinale Zerreissung einiger fibröser Fasern 
erfolgt Es zerreissen zunächst die hinteren Bänder völlig, dann pflanzt sich 
der Riss nach vorne auf den Wirbelkörper fort und das Resultat ist die 
hintere obere Keilfractur; das Rückenmark bleibt intakt. In vivo könnte 
allerdings die Muskelaktion eine Aenderung dieses Mechanismus bewirken, 
was wohl selten geschieht. 

Hugo Weiss (Wien). 

Ueber Blutergüsse in den Wirbelkanal bei Neugeborenen und deren 
Ursachen. Von O. Schäffer. Archiv f. Gynäkologie, Bd. LHI, p. 278. 

Knapp hatte bei einem Kinde, an welchem wegen Asphyxie 600 
Schultze’sche Schwingungen ausgeführt worden waren, bei der Sektion unter 


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anderen Blutergüssen auch solche in den Wirbelkanal gefunden; es entstand 
die Frage, ob solche Blutungen in den Wirbelkanal den Schultze’schen Schwin¬ 
gungen zur Last fallen oder nicht. Aus diesem Anlasse hat Schaffer die 
Sektionsergebnisse einer Reihe von Kindern, an welchen keine Schwingungen 
ausgeführt worden waren, durchmustert und in 10% aller Autopsien an Neu¬ 
geborenen (in 16 Fällen) Blutergüsse in den Wirbelkanal notiert gefunden. 
Mit Knapp’s Falle verfügt Verf. daher über ein Material von 17 Fällen; von 
diesen waren 6 nicht ausgetragene, 11 reife Kinder. Als Ursache der Wirbel¬ 
kanalblutung liess sich auf Grund der Sektionsprotokolle in 7 Fällen ein 
operativer Eingriff (Forceps, Extraktion) ziemlich sicher ermitteln; diese Kinder 
gingen auch an den Folgen der Operation zu Grunde. In 4 weiteren Fällen 
war der Tod der Kinder infolge von Läsionen beim Geburtsakte erfolgt; 
diese dürften auch als Ursache der Wirbelkanalblutungen aufzufassen sein. 
In einem Falle liess sich als Todesursache eine intrauterine Infektionskrankheit 
ermitteln, welche auch die Aetiologie der Wirbelkanalblutung ergeben kann. 
In den restlichen 5 Fällen trat der Tod an post partum acquirierten Krank¬ 
heiten ein (septische Erkrankungen, Cirkulationsstörungen). In diesen Fällen 
verzeichnet Verf. auch die Todesursache als ätiologisches Moment der Blutungen. 

Auf Grund seiner Untersuchungen glaubt nun Verf., dass Schultze’sche 
Schwingungen zwar nicht direkt, aber unter gewissen Vorbedingungen (bei 
unreifen, asphyktischen, cerebral lädierten oder intrauterin erkrankten Kindern) 
zu Apoplexien führen können, und bespricht dann auch noch die Prognose 
der Blutungen und die Mittel zu ihrer Hintanhaltung. 

Wilh. Knoepfelmacher (Wien). 

Von der Verwachsung oder Steifigkeit der Wirbelsäule. Von Wl. v. 

Bechterew. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheilkunde, Bd. XI, H. 3 u. 4. 

v. Bechterew hat schon vor mehreren Jahren eine besondere Erkran¬ 
kungsform als „Steifigkeit der Wirbelsäule“ beschrieben, deren Symptome im 
wesentlichen sind: 1. Eine grössere oder geringere Unbeweglichkeit der ganzen 
Wirbelsäule oder eines Teiles derselben bei zumeist fehlender Druckempfind¬ 
lichkeit der Dornfortsätze (vgl. den mitgeteilten Fall!) und fehlenden Schmerzen 
bei Biegungen. 2. Bogenförmige Kyphose der oberen Brustwirbelsäule. 3. 
Parese der Muskeln des Rumpfes, des Halses und der Extremitäten mit ge¬ 
ringer Atrophie der Rücken-Schulterblattmuskeln. 4. Sensibilitätsabnahme im 
Verzweigungsgebiete der Hauptzweige der Rücken- und der unteren Cervical- 
nerven. 5. Sensible Reizungserscheinungen derselben Nerven; mitunter moto¬ 
rische Reizerscheinungen. Heredität und Trauma spielten eine wichtige Rolle 
in der Aetiologie der Erkrankung, welche einen langsam progressiven Ver¬ 
lauf nimmt. 

Verf. fügt nun' auf Grund weiterer Beobachtungen einige Bemerkungen 
hinzu: Eine kompensatorische Lordose der Lenden- und Halsgegend fehlt 
gewöhnlich; die unteren Extremitäten sind beim Gehen und Stehen im 
Kniegelenk leicht gebeugt. Wegen der Unbeweglichkeit der Wirbelsäule 
wenden die Patienten Kopf und Rumpf gleichzeitig. Die Atmung ist infolge 
der Parese der Atemmuskulatur ausschliesslich abdominal. Eine Streckung 
der Wirbelsäule ist unmöglich. Wenn perkutorische Empfindlichkeit der Wirbel¬ 
säule besteht, so ist dieselbe nicht bedeutend. Die atrophische Muskulatur 
zeigt zumeist nur herabgesetzte elektrische Erregbarkeit, selten Entartungs¬ 
reaktion. Es besteht mitunter partielle Empfindungslähmung. Hyperästhesien 
am Rumpfe und den oberen Extremitäten sind mehrmals beobachtet worden. 
Die Sehnenreflexe sind zumeist erhöht, der Bauchdeckenreflex erloschen. 


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— IOC — 

Anatomische Befunde fehlen noch derzeit v. Bechterew nimmt einen 
chronischen Entzündungsprozess als Ursache der Verwachsung der Wirbel¬ 
säule an, welcher sich auch auf die äusseren Schichten der harten Rücken- 
markshaut erstreckt und die Nerven wurzeln komprimiert. 

Die Prognose ist quoad valetudinem ungünstig. Warme Bäder, Dehnung 
der Wirbelsäule, Derivantien auf dieselbe, Massage und Jodgebrauch werden 
empfohlen. 

Verf. teilt die Krankengeschichte eines schwereren Falles mit: 52jähriger 
Feldscherer, hereditär nicht belastet. Lues vor 15, heftiges Trauma (Kontusion) 
vor 6 Jahren. Seit 4 Jahren brennende Schmerzen in der linken Brusthälfte, später 
Gürtelgcfühl. In Händen und Füssen seit mehreren Jahren Vcrtaubungsgefiihl. 

Abdominales Atmen. Wirbelsäule im Brustteile nach hinten convex (arcuaere 
Kyphose); Brustteil vollkommen unbeweglich. Der Kopf erscheint nach vorne gerückt, 
die Brust abgeflacht. Hautreflexe mit Ausnahme des (fehlenden) Bauehdeckenreflexcs 
erhöht, ebenso die Sehnenreflexe. Patient geht mit breit ausgespreizten Beinen, hat 
im Sitzen und Stehen heftigere, beim Gehen oder Liegen geringere Schmerzen. Es 
besteht eine gürtelförmige hyperästhetische Zone für Tast- und Schuierzempöndung 
in der ganzen Brustgegend bei gleichzeitiger Herabsetzung der Wärmeempfindung. 
Atrophie der Schultergürtelmuskulatur. 

Der Krankheitszustand blieb während der Beobachtungsdauer (1 Jahr) gleich. 

(Die Differentialdiagnosc gegenüber der in diesem Falle doch möglichen Syringo¬ 
myelie u. zw. humero-scapularen Typus ist nicht erörtert!) 

Hermann Schlesinger (Wien). 


Bemerkung über die chronisch ankylosierende Entzündung der Wirbel¬ 
säule und der Hüftgelenke. Von Prof. A. StrümpelL Deutsche 
Zeitschr. f. Nervenheilkde., Bd. XI, H. 3 u. 4. 

Strümpell teilt mit, dass er die von Bechterew beschriebene Steifigkeit 
der Wirbelsäule schon seit langer Zeit kenne, schon vor Jahren zwei Fälle 
von völliger Ankylose der Wirbelsäule und der Hüftgelenke beobachtet 
und vor kurzem einen dritten Fall gesehen habe. 

Der 39-jährige Kranke hatte seit 3 ,/ i Jahren Schmerzen uud zunehmende 
Steifigkeit des Kreuzes. Gehen und Bücken wird immer beschwerlicher und lang¬ 
samer. Zuweilen strahlen die Schmerzen nach vorne und in den rechten Ober¬ 
schenkel aus. 

Die Wirbelsäule ist ganz gerade und steif; die Rückenmuskeln sind auffallend 
fest und derb, dabei atrophisch. Die Muskulatur der Beine ist gespannt; im rechten 
Hüftgelenke besteht mässige Beugekontraktur. 

Auch in Narkose blieb die Steifigkeit in der Wirbelsäule bestehen, in dem 
rechten Hüftgelenk war Krepitation nachzuweisen. 

Nach warmen Bädern Besserung. 

Strümpell lässt unentschieden, ob die Krankheit mit den anderen Formen 
chronischer Arthritis ätiologisch verwandt ist, hebt aber hervor, dass bei dieser 
Form der chronischen Arthritis vorzugsweise Wirbelsäule und Hüftgelenke 
bei Freibleiben der anderen Gelenke affixiert sind. Verf. betont, dass seine 
Beobachtungen nicht völlig mit denen von Bechterew und Oppenheim 
übereinstimmen, bei denen eine Kyphose, resp. Erkrankung auch anderer 
Gelenke bestand. 

Die Kranken Strümpell’s standen alle im mittleren Lebensalter. 

Hermann Schlesinger (Wien). 


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Häiuatoinyelie, kombiniert mit traumatischer Spondylitis. Ein Beitrag 
zur Aetiologie der traumatischen Spondylitis. Von Dr. A. Henle. (Aus 
der königl. chirurgischen Klinik in Breslau). Mitteilungen aus den Grenz¬ 
gebieten der Medizin und Chirurgie, Bd. I, H. 3, 1896. 

Verf. weist auf eine Reihe von Thatsachen hin, welche eine Abhängig¬ 
keit der Wirbelknochen von krankhaften Prozessen im Rückenmark beweisen; 
eine solche wird auch bei manchen traumatischen Erkrankungen der Wirbel¬ 
säule angenommen, bedingt durch eine mit der Knochenverletzung gleichzeitig 
eintretende Schädigung des nervösen Inhaltes der Wirbelsäule. So hat 
Kümmel folgendes Krankheitsbild beschrieben: Ein Trauma trifft entweder 
die Wirbelsäule direkt oder veranlasst sonst ein Zusammenknicken des Ober¬ 
körpers mit Quetschung von Wirbelkörpern. Die oft heftigen Schmerzen ver¬ 
schwinden nach 7—8 Tagen, die Patienten befinden sich Wochen, Monate 
ganz wohl, bis in der betroffenen Wirbelpartie wieder Schmerzen auftreten, 
oft kombiniert mit Intercostalneuralgien, Motilitätsstörungen in den Beinen, 
Unsicherheit des Ganges, neben einer Kyphose ist ein mehr oder weniger 
empfindlicher Gibbus nachweisbar; Suspension bringt die Kyphose zum Ver¬ 
schwinden, den Gibbus nicht. Verf. beschreibt ähnliche Fälle; drei davon 
unterscheiden sich aber durch die Schwere des primären Traumas, durch die 
lange Dauer der immittelbaren Folgen. Charakteristisch ist das dem eben 
genannten 1. Stadium und dem 2. Stadium des freien Intervalls folgende 3. 
Stadium mit der eigentümlichen progredienten Erweichung und Schmerzhaftig¬ 
keit der Wirbelknochen; mit zunehmender Schwere des Traumas dehnt sich 
im allgemeinen das 1. Stadium auf Kosten des 2. aus, das sogar wegfallen 
kann; anstatt des Gibbus kann sich auch eine Skoliose entwickeln; neben den 
Wirbclsymptomen finden sich regelmässig Störungen im Gebiete des Rücken¬ 
markes oder der peripheren Nerven. — Die primären traumatischen Knochen¬ 
veränderungen sind, selbst wenn sie schwer sind, nicht immer nachweisbar, 
wie ein anderer, 48 Stunden nach einem tiefen Sturz zum Exitus gelangter 
Fall beweist, in welchem motorische und sensible Lähmung der Beine, Blasen- 
und Mastdarmlähmung und Deus bestanden hatte, ohne dass sich eine Wirbel¬ 
verletzung klinisch nach weisen liess, während die Sektion neben spinalen 
Blutungen mehrfache Brüche des 3. Halswirbels ergab. Das geschilderte 
Krankheitsbild könnte aber durch Wirbelfraktur nicht vollständig erklärt 
werden, indem die Erscheinungen oft nach langem Wohlbefinden auftreten; 
es ist hingegen wahrscheinlich, dass neben motorischen und sensiblen Centren 
oder Fasern auch vasomotorische, vielleicht trophische betroffen sind, und zwar 
durch Hämatome: vasomotorische Störungen führen — analog der Auffassung 
der Osteomalacie seitens v. Recklinghausen’s —zu dauernder aktiver Hyperä¬ 
mie der Knochen; dadurch wird der Knochenabbau begünstigt, während die die 
Knochenapposition bedingende venöse Stauung fehlt, es tritt Schwund der 
Knochensubstanz, Erweichung der betreffenden Wirbel ein; es handelt sich 
dann also um eine wirkliche Spondylitis traumatica. — Sektionen fehlen; 
Verf. sucht durch Analyse und Vergleich einiger Fälle seine Ansicht wahr¬ 
scheinlich zu machen. Er warnt vor der Annahme von Simulation oder 
Hysterie, weist differentialdiagnostisch auf die primären metastatischen Tu¬ 
moren der Wirbelsäule, auf die sehr seltenen gummösen Prozesse und besonders 
auf die tuberkulöse Spondylitis hin: fehlende oder sehr kurze Inkubationszeit 
würde gegen Tuberkulose sprechen; ein Trauma wird leichter mehrere benach¬ 
barte Wirbel gleichzeitig affizieren als eine hämatogene Infektion; die Ver¬ 
biegung ist demgemäss weniger spitzwinkelig und oft mit anderweitigen, z. T. 


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durch Extension auszugleichenden Deformitäten verbunden; die lokale Schmerz¬ 
haftigkeit scheint bei der traumatischen Spondylitis entschieden hochgradiger 
zu sein als bei der tuberkulösen. Die Prognose ist zweifelhaft Therapeu¬ 
tisch hat sich Ruhigstellung der Wirbelsäule durch Extensionsbehandlung oder 
Stützapparate bewährt, prophylaktisch wird bei Verdacht einer Wirbelsaule¬ 
verletzung auch ohne Beschwerden Rückenlage im Bett durch 4—6 Wochen 
empfohlen. 

Infeld (Wien). 

Erfahrungen über traumatische Wirbelentzündungen. Von L. Heiden¬ 
hain, Greifswalde. Monatsschrift für Unfallheilkunde 1897, Nr. 3. 

Von dieser relativ seltenen und dabei so wichtigen Erkrankung bringt 
Heidenhain 11 Fälle. 

1. Maschinenputzer, 45 Jahre alt, fiel ca. 10 Fugs hoch herab und konnte 
nicht mehr gehen. Seither Schmerzen in der Brust Wirbelsäule bei jeder Körper¬ 
stellung, besonders beim Liegen, rasch eintretende Ermüdung, das Bestreben, sich 
immer aufzustutzen. Wird lange als Simulant betrachtet, endlich arbeitsunfähig er¬ 
klärt. Schlaf unruhig, Appetit schlecht, keine Blasen- und Darmstörungen. Innere 
Organe normal. Beim Freistehen ist der Oberkörper vorgeneigt, die rechte Seite nach 
vorne gedreht, die rechte Schulter steht tiefer. Der 7. und 8. Brustwirbeldorn leicht 
prominent, darüber rechtskonvexe Krümmung, untere Brust Wirbelsäule zeigt links- 
feonvexe Skoliose. Lendenlordose abgeflacht. Das Bücken ist schmerzhaft; beim 
Aufrichten klettert der Kranke an sich empor. Die Wirbelsäule druckschmerzhaft, 
besonders am 7., 11. und 12. Brustwirbel. Patellarsehnenreflexe gesteigert, rechts 
mehr als links. Durch Bettruhe, Glisson’schen Schwebe- und Stützapparat bessert 
sich der Zustand. Der Kranke kann mit dem Apparat gehen (bis zu l 1 /. Stunden). 
Heilung ist nach anderthalb Jahren nicht eingetreten, die Umkehrung der normalen 
Brustkyphose in Lordose spricht für Fortschreitung des Erweichungsprozesses. 

2. Arbeiter, 26 Jahre alt, stürzte nach hinten. Seither Schmerzen im Rücken 
unter den Schulterblättern bei jeder Bewegung. Wirbelsäule beim Beklopfen schmerz¬ 
haft, besonders vom 9. bis 12. Brustwirbel. Der 10. Brustwirbeldorn prominiert. 
Keine sonstigen Störungen. Mit Gypskorsett gebessert. Dieses wurde, trotzdem es 
zerbrach, weitergetragen und hatte starke Verkrümmung der Wirbelsäule zur Folge. 
Ein stählerner Supporter ermöglicht es dem Patienten, zu gehen. 

3. Maurer, 45 Jahre alt, verletzte sich beim Heben einer Last. Die gleichen 
Beschwerden wie bei 1) Sitz der Schmerzen vom 6. bis 11. Brustwirbel. Der 7. 
springt vor. Darüber leichte Skoliose nach rechts. 7. bis 9. Wirbel besonders 
schmerzhaft. Diagnose: Chronische Entzündung der Brustwirbelsäule mit Erweichung 
der Wirbelkörper, die zur Verbiegung der Wirbelsäule geführt haben. Daneben Platt- 
füssc und nervöse Schmerzen im rechten Fusse von einer Verstauchung her. Mit 
Stützapparat Besserung. Patient ist allgemein erwerbsunfähig. 

4. Arbeiter, 44 Jahre, fiel 7 m hoch vom Baume herab auf die Füsse, ward 
bewusstlos, hatte dann Schmerzen im Rücken. 4 Wochen zu Bett. Wirbelsäule de¬ 
formiert. 12. Brust- und 1. Lendenwirbel prominent. Lendeulordose aufgehoben, ebenso 
die Rückenkyphose. Vom 10. Brust- bis zum letzten Lendenwirbel rechtskonvexe, 
leichte Skoliose. Schmerzen gering. 

5. Bei einem 17 jährigen Müllerlehrling fand sich eine doppelte rechtskonvexe 
Skoliose ohne Gegenkrümmung; eine höhere rein dorsale, wohl die ältere, vom letzten 
Hals- bis 8. Brustwirbel, wahrscheinlich rhachitischen Ursprunges aus der Kindheit, 
und eine tiefere vom 9. Brust- bis letzten Lendenwirbel, traumatisch entstanden. 
Sehr geringe Beschwerden. 

Die folgenden Fälle geben ganz ähnliche, wenig variierte Bilder mit leichten 
Difforniitäten der Wirbelsäule und geringen subjektiven Beschwerden. Der Fall 9 
ähnelt einer traumatischen Neurose, unterscheidet sich aber von ihr durch das Per- 
sistieren der Schmerzpunkte an der Wirbelsäule und das Fehlen objektiver Zeichen 
einer Neurose. Eine Diflormität der Wirbelsäule fehlt, weshalb entzündliche Er¬ 
weichung ausgeschlossen, dagegen chronische Wirbelentzündung anzunehmen ist, viel¬ 
leicht post traumatische Arthritis deformans. 

Fall 10 ist analog den ersten Fällen. Fall 11 stellt eine tuberkulöse Spondy¬ 
litis nach Trauma dar. Spitzwinkeliger Gibbus und langsam entwickelte Paraplegie. 
Bei der Laminektomie wurde ein käsiger Abscess aus dem Durasacke entleert. 


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Zum Schlüsse gibt Heidenhain einige Winke betreffs der Unter¬ 
suchung solcher Unfallkranker und bespricht die Differentialdiagnose der 
Wirbelleiden. Bemerkenswert ist, dass man den Kranken einen nach einem 
Gypsabgusse hergestellten stählernen Stützapparat, nicht ein Gyps- oder Holz¬ 
mieder geben solle, da letztere bald unbrauchbar werden. 

Die Patienten sind als total erwerbsunfähig zu bezeichnen. 

Hugo Weiss (Wien). 

Traumatische Spondylitis und hysterische Kontraktur. Von E. Kirsch, 
Stuttgart Monatsschrift f. Unfallheilkunde 1897, Nr. 5. 

Zur Differentialdiagnose zwischen anatomischer Erkrankung der Wirbel¬ 
säule und einer funktionellen Storung bringt Kirsch zwei instruktive Fälle. 

Der erste betrifft einen Nachtaufseher in einer Papierfabrik, der in einen 
Rührbottich fiel, sich vielfache äussere und innere Verletzungen zuzog, die allmählich 
heilten, und 13 Monate nach dem Unfall eine Rechtsschief- und Vornüberhaltung 
des Körpers zeigte. Man fand eine Abknickung der Wirbelsäule nach rechts in 
der Lendenwirbelsäule (1. Wirbel) mit schwach kompensierender rechtskonvexer Dor¬ 
salskoliose. Empfindlichkeit der Dome mit scharfer Lokalisation. Mit Stützapparat 
Besserung. 

Das Gegenstück war ein Bäcker, der eine Abknickung der Lendenwirbelsäule 
nach links und schwache kompensierende linkskonvexe Dorsalskoliose zeigte. Kein 
vorheriges Trauma. Neuralgien, Spondylitis ausgeschlossen; dagegen Stigmata hyste- 
riae. Interne und galvanische Behandlung erfolglos; Versuch mit Streckverband; einen 
Tag später geht Patient herum, weil er indes Arbeit gefunden hatte. Haltung 
jetzt normal. 

Kirsch verweist darauf, dass zur Entscheidung solcher Fälle, ob ana¬ 
tomisch oder funktionell, das Anlegen' eines Gypskorsettes ein trefflicher 
Behelf sei, weil ein Kranker mit Defekt oder entzündlicher Veränderung der 
Wirbelsäule gleich Erleichterung fühlt, der andere seine Schmerzen wohl be¬ 
halten kann, aber dann sicher keine Spondylitis hat 

Hugo Weiss (Wien). 


Ein Fall von traumatischer Spondylitis. Von F. Staffel, Wiesbaden. 
Monatsschrift f. Unfallheilkde. 1897, Nr. 7. 

Ein 2t5jähriger Landwirt fiel 2 bis 27* m hoch auf die Füsse, dann hintenüber 
auf den Rücken, erhob sich mühsam und ging zu Bette. Seither hatte er Schmerzen 
im Rücken und im rechten Bein und war zu schwererer Arbeit untauglich. Auch 
merkte er ein Zusammensinken des Körpers und kränkliche Gesichtsfarbe. Der Be¬ 
fund ergibt einen Gibbus ira Kreuz; der 5. Lendenwirbel ist die Spitze desselben. 
Dies deutet auf einen entzündlichen Erweichungsprozess in den Körpern mehrerer 
Lendenwirbel. Dem Kreuz-Lendenwirbelgibbus entspricht eine kompensierende starke 
Rttckenlordose mit dem Scheitel am 10. Brustwirbel und flügelförmiges Abstehen 
der Scapulae. Der Thorax ist gegen das Becken gesunken. Es besteht Schmerz 
bei Bewegungen und bei Druck. Das rechte Bein und der rechte Arm sind schwächer 
als links. Reflexe links lebhafter als rechts. Wirbelcaries ist auszuschliessen, weil 
keine sonstigen Anzeichen für Phthise bestehen und weil die Schmerzhaftigkeit der 
Wirbel noch nach 8 Jahren fortbesteht 

Hugo Weiss (Wien). 

Zur Behandlung der traumatischen Wirbelentzündung. Von O. Vul- 
pius, Heidelberg. Monatsschrift f. Unfallheilk. 1897, Nr. 7. 

Vulpius macht darauf aufmerksam, dass die Gyps- und Stahlkorsette 
nicht den Prinzipien der modernen Hülsenapparate entsprechen, weil sie nicht 
gleichmässig dem Körper anliegen und zu unbequem sind. Vollkommen ent- 


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sprechend sind nur Cellulosemieder, die sehr leicht, starr, billig und dauerhaft 
sind. Die Atmung ist nicht beengt, weil Gumminesteln zur Schnürung verwendet 
werden. Die Apparate können jahrelang ohne Nachteil getragen werden. 
Dem einzigen Nachteile derselben, der Widerstandslosigkeit gegen Durchnäs- 
sung, begegnet man durch Anstreichen der Innenfläche mit Oelfarbe oder 
Auskleiden mit gummiertem Stoff. Gegenwärtig sind Versuche mit „Horn¬ 
haut“ im Gange. 

Hugo Weiss (Wien;. 


Ein Fall von traumatischer Spondylitis. Von Schneller. Münchner 
medizin. Wochenschr. 1897, Nr. 2. 

Ein 48 jähriger Mann verspürte im Juni 1892 beim Heben eines Holz¬ 
stammes nach einem plötzlichen Ruck heftige Schmerzen im Rücken. Zuerst 
nahezu Unmöglichkeit sich zu bewegen, später wechselnder Zustand. Schliess¬ 
lich kann Patient nur mit krummem Rücken am Stocke laufen. Es finden 
sich später (Nov. 92) Motilitätsstörungen der unteren Extremitäten, unsicherer 
Gang, Intercostalneuralgien. Im Oktober 93 findet sich Kyphose der Bmst- 
wirbelsäule und ausgeprägter Gibbus: Lues und Tuberkulose nicht nachweis¬ 
bar. Patient bezieht eine entsprechende Unfallsrente. 

Der Fall schliesst sich den von Kümmel und He nie beschriebenen an. 

Rudolf Meyer (Breslau). 

Ueber die anatomische Grundlage einer anscheinend falschen Segment¬ 
diagnose bei tuberkulöser Kompressionsmyelitis. Von M. Dink- 
ler. Aus der Klinik von Prof. Erb. Deutsche Zeitschr. f. Nervenheil¬ 
kunde, Bd. XI, H. 3 u. 4. 

Interessante Mitteilung eines Falles, bei dein auf Grund der klinischen Er¬ 
scheinungen eine intrainedulläre Affektion im unteren Dorsalmarke (Querschnitts- 
läsion) angenommen wurde, die Obduktion aber das Vorhandensein einer Pachy- 
meningitis fungosa externa mit Kompression des Rückenmarkes in der Hohe des 
2. und 3. Dorsalwirbels ergab. Die histologische Untersuchung gab die Erklärung 
für die anscheinende Fehldiagnose: Neben der recenteren Affektion des oberen 
Dorsalmarkes infolge der Kompression fand sich eine ältere in der Höhe des unteren 
Dorsalmarkes vor. Letztere war chronisch entzündlicher Natur, hatte den ganzen 
Querschnitt betroffen und die Erscheinungen der Trans Versal-Affektion bedingt. 

Hermann Schlesinger (Wien). 

Ueber das gewaltsame Redressement der Buckels. Von O. Vulpius. 
Münchner medizin. Wochenschr. 1897, Nr. 36. 

Bei dem allseitigen Aufsehen, welches das forcierte Redressement 
Calot’s erregt hat, ist die Mitteilung auch weniger Fälle, selbst bei noch 
fehlender Dauerbeobachtung von wesentlichem Interesse. Vulpius gibt zu¬ 
nächst die Schilderung eines Streckapparates, welcher die extendierenden 
Assistenten zu ersetzen bestimmt ist und die Streckung dosierbar macht, sowie 
der bei dem Redressement und Verbandwechsel zu beobachtenden Technik. 
Die Gefahren scheinen im allgemeinen überschätzt zu werden. Zwei Abbil¬ 
dungen stellen Kinder vor und nach dem Redressement dar, bei denen in der 
That die vorher hochgradige Kyphose einmal der Lenden-, das anderemal der 
Brustwirbelsäule völlig verschwunden erscheint Doch sind natürlich die blei¬ 
benden Erfolge abzuwarten. Rhachitische Kyphosen scheinen nach Vulpius 


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für das Verfahren günstiger zu liegen, als die auf spondylitischer Basis ent¬ 
standenen, bei denen die Gefahr eines Wiederaufflackems der Entzündung zu 
berücksichtigen ist. 

Rudolf Meyer (Breslau). 


Enchondrom der Halswirbelsäule. Von Dr. O. Föderl. Deutsche Zeit¬ 
schrift f. Chirurgie, Bd. XLV, p. 154. 

Wegen grosser Atemnot gelangt eine 35 jährige Frau auf der Gussenbauer- 
schen Klinik zur Aufnahme. Vor 3 Jahren soll an der rechten Seite der Luftröhre 
eine kleine Geschwulst aufgetreten sein, mit deren Entwickelung allmählich der 
Halsumfang zunahm und der Kehlkopf, sowie die Luftröhre verdrängt wurde; gleich¬ 
zeitig stellten sich Atembeklemmungen ein, seit kurzem ist die Patientin nicht mehr 
im Stande, feste Speisen zu schlingen. Infolge eines akut aufgetretenen Bronchial¬ 
katarrhs steigerte sich die Atemnot bis zu Erstickungsanfällen. 

Bei der Untersuchung liess sich eine Verbreiterung des Halses sowohl in sagittaler 
als frontaler Richtung konstatieren. Kehlkopf nach links dislociert, rechts von der 
Schilddrüse ein hühnereigrosser, weicher, auf der Kuppe fluktuierender Tumor, in 
der Tiefe der Fossa supraclavicular. sin. eine undeutlich begrenzte, derbe Geschwulst. 
Der rechtsseitige Tumor ohne Mitbewegung beim Schlingakt, ist auf der Unterlage 
unverschieblich. Die Ursache der Atembeschwerden musste auf eine Kompressions¬ 
stenose infolge einer retrotrachealen Neubildung zurückgeführt werden, da ein endo- 
laryngealer Prozess durch den normalen laryngoskopischen Befund ausgeschlossen 
werden konnte, ebenso wie eine Struma retrosternalis durch den Befund der seit¬ 
lichen Verschiebung bereits oberhalb des Jugulums. Ob die Geschwulst retrotracheal 
aus dem Gewebe zwischen der Luftröhre und der Speiseröhre oder primär von diesen 
selbst oder prävertebral ausging, liess sich bei dem Fehlen jeglicher Difformität der 
Wirbelsäule und dem Freibleiben der Bewegungen derselben, bei dem Fehlen jeder 
Symptome von Seiten des Rückenmarks und der Nerven, bei der leichten Passier- 
barkeit der Speiseröhre selbst für dicke Sonden, bei der Unmöglichkeit einer endo- 
ösophagealen Untersuchung infolge der auftretenden Erstickungsanfälle nicht sicher 
feststellen , auch nicht bei der Vornahme der wegen eines Erstickungsanfalles indi¬ 
zierten tiefen Tracheotomie. Trotz Einführung einer Salzer’schen Kanüle ging 
schliesslich die Frau an Atemnot zu Grunde. Bei der Sektion fand sich neben 
Lungenemphysem und parenchymatöser Degeneration des Herzens ein prävertebraler 
Tumor, der vom oberen Rande des 5. Halswirbels bis zur Mitte des 4. Brustwirbels 
reichte, von 12 cm Länge, 9 cm Breite und 9 1 / 2 cm Höhe. Derselbe hatte die 
Trachea und den Kehlkopf völlig umwuchert und nach rechts verdrängt, noch mehr 
nach rechts disloziert ist die Speiseröhre. Der Tumor ist zum Teil knorpelhart, 
z. T. besonders in den oberen Partien weich, selbst fluktuierend. Auf einem durch 
die Mitte des Tumors und die Wirbelsäule gelegten Schnitt sieht man den Tumor 
aus dem Körper des 7. Halswirbels hervorwachsen und seine unmittelbar an¬ 
gelagerten centralen Partien sind verknöchert, was schon auf Grund einer Röntgen¬ 
aufnahme anzunehraen war, da eine Partie dunkel kontouriert war und mit dem 
erwähnten Wirbelkörper in Kontinuität zu sein schien. Mikroskopisch besteht die 
Geschwulst aus hyalinem Knorpel mit den für das Chondrom typischen, regressiven 
Me tarn orphosen. 

An (1er Wirbelsäule sind Knorpelgeschwülste grosse Seltenheiten mit 
Ausnahme der Chondrome am Kreuzbein. Weber führt unter 237 En- 
chondromen der Knochen nur einen Fall an der Wirbelsäule an und zwar 
im Lfcndenteil. In ätiologischer Beziehung sind keine Anhaltspunkte zu eru¬ 
ieren , keine überstandene Rachitis oder Lues. Bei der Annahme eines 
traumatischen Ursprunges der Enchondrome würde sich die Seltenheit der¬ 
selben an der Wirbelsäule leicht erklären. Der Autor konnte keinen ana¬ 
logen Fall in der Literatur auffinden. 

Ziegler (München). 


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Ueber Lumbalpunktion. Von Dr. S. Rieten. Aus der medizinischen 
Klinik zu Kiel. Deutsches Archiv für klin. Medizin, LVL Bd. 

Die Arbeit enthält einen eingehenden Bericht über die sämtlichen 
Lumbalpunktionen, die seit dem Jahre 1891 in der Kieler mediz. Klinik ge¬ 
macht worden sind. Eine orientierende Tabelle veranschaulicht sehr deutlich 
die nötigen Personalien, die Art der Erkrankung, und die einzelnen bei der 
Punktion in Betracht kommenden Punkte: als Druck der Flüssigkeit, ihre 
nähere Beschaffenheit, die Menge der entleerten Flüssigkeit u. 8. w. 

Es sind im Ganzen zunächst 7 Fälle von einfacher Meningitis, 6 von 
tuberkulöser Meningitis, 9 Fälle von chronischem Hydrocephalus und Menin¬ 
gitis serosa, 6 Hirntumoren und G andere Erkrankungen verschiedener Art 

Von sämtlichen Erkrankten wird dann kurz die Krankengeschichte mit 
allen einzelnen bemerkenswerten Details mitgeteilt und im Anschluss daran 
werden dann nach den Erfahrungen an der Kieler Klinik die Hauptpunkte 
der neuen von Quinke gefundenen Methode ausführlich erörtert 

Voran die Resultate der Druckmessung, auf die Quinke gleich zu 
Anfang stets hohen Wert gelegt hat, als das beste Mittel um, über Intensität 
und Dauer des Krankeitsprozesses einige Auskunft zu erhalten. 

Den normalen Druck findet Rieken zwischen 40 und 60 mm H 2 0, 
der höchste pathologische Druck findet sich bei ganz akuten Erkrankungen, 
auffallend niedriger bei chronischen, trotz relativ grosser Ansammlung von 
cerebrospinaler Flüssigkeit. 

Die Menge der entleerten Flüssigkeit schwankte zwischen 3 u. 65 ebem. 
Das Aussehen derselben war meist klar, wohl aus dem Grunde, weil eitrige 
Meningitiden nur selten Vorkommen. 

Der Eiweissgehalt war am stärksten bei den akuten tuberkulösen Menin¬ 
gitiden, bei den chronischen in der Regel gering. 

Die Untersuchung auf Tuberkelbacillen war, wenn ausgeführt, was nicht 
immer der Fall war, in der Regel negativ. 

Besondere Symptome während der Punktion waren selten, zuweilen 
Kopfschmerzen, einmal auch Reizerscheinung in einem Bein. 

Bei der Würdigung des diagnostischen Wertes der Punktion legt 
Rieken den meisten Nachdruck auf die Druckbestimmung; unter anderem 
kommt er zu dem Resultate: „Mässige Drucksteigerung mit schweren Druck¬ 
erscheinungen deutet auf eine akute, stark erhöhter Druck mit geringen 
Druck Symptomen auf eine chronische Erkrankung.“ 

Der therapeutische Wert scheint Rieken über jeden Zw T eifel erhaben 
und er beweist dies schlagend durch einige Krankengeschichten von Menin¬ 
gitis serosa, während ein ähnlicher Effekt bei anderen Erkrankungen aller¬ 
dings zu Tage tritt 

Die Technik wird in der Weise besprochen, wie sie von Quinke schon 
früher beschrieben worden, also Eingehen mit der von ihm angegebenen 
Kanüle 1 / 2 cm seitwärts von der Mediane im 3. oder 4. Interarcualraum 
gerade aus und die Spitze ein wenig nach oben gewendet 

Hochhaus (Kiel). 

Die Bedeutung der Lumbalpunktion für die Diagnose intrakranieller 
Komplikationen der Otitis. Von E. Leutert Münchner med. Wochen¬ 
schrift 1897, Nr. 8 und 9. 

Die Lumbalpunktion hat in der Ohrenheilkunde aus zwei Gründen be¬ 
sondere Bedeutung: Erstens kann man bei diagnostizierter Sinusthrombose 


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durch die Punktion eine eiterige Meningitis ausschliessen und gleich operieren 
und zweitens kann durch sie die Diagnose auf Sinusthrombose gestellt werden 
in jenen Fällen, die unter dem Symptomen bilde der Meningitis verlaufen. 
Dass dies in der That vorkommt, zeigt Verf. an zwei Krankengeschichten. 
Verf. weist darauf hin, dass auf Grund seiner anderweitig- veröffentlichten 
Untersuchungen über einige Tage andauerndes hohes Fieber, wenn es im Verlaufe 
chronischer Ohreiterungen auftritt, auf Sinusthrombose oder Meningitis zu beziehen 
sei. Hier kann durch die Punktion die Differentialdiagnose gestellt werden. 
Auf Grund seiner Erfahrungen meint Verf., dass die Sinusthrombose stets 
mit Vermehrung der Cerebrospinalflüssigkeit einhergehe. Wenn nun bei der 
Lumbalpunktion grosse Mengen eines klaren Liquors entleert werden, in 
welchem die zelligen Elemente, namentlich die polynucleären Leukocyten, 
nicht vermehrt sind, so kann man eine entzündliche Affektion der Meningen 
ausschliessen. Doch gilt dies nur dann, wenn man grosse Mengen Liquor 
erhalt. Kleine Mengen beweisen nichts, da solche von normaler Beschaffen¬ 
heit auch bei Entzündungsprozessen der Meningen gewonnen werden können, 
wenn das Schädelinnere vom Rückenmarkskanal abgeschlossen ist 

Auch bei einer Komplikation von Sinusthrombose mit Gehimabscess 
kann die Punktion nützen. Man kann durch sie die Sinusthrombose er- 
schliessen, dieselbe operieren und dann werden die bisher durch die Pyaemie 
verdeckten Himdrucksymptome manifest Weniger Bedeutung hat die 
Punktion in jenen Fällen, in welchen Himabscess die einzige Komplikation 
der Otitis ist. 

Etwas eingeschränkt wird die der Lumbalpunktion zugeschriebene Be¬ 
deutung dadurch, dass nach Angabe der Autoren auch bei Meningitis tuber- 
kulosa reichliche Mengen einer klaren Cerebrospinalflüssigkeit entleert werden. 
Da macht Verf. darauf aufmerksam, dass man doch selten Gelegenheit hat, 
bei den in Frage stehenden akuten Prozessen die Meningitis tuberculosa in 
diagnostische Erwägung zu ziehen und macht auch die Mitteilung, dass er in 
einem Fall von Meningitis tuberculosa den Liquor doch opak gefunden hat 

Alle diese Beobachtungen werden durch Krankengeschichten illustriert 
Verf. bespricht auch seine bakteriologischen Befunde. In acht Fällen, in 
welchen Formbestandteile im Liquor gefunden wurden, war auch nach Mikro¬ 
organismen gesucht worden. Viermal waren sie vorhanden; die Züchtung 
war aber nicht immer gelungen, so dass Verf. daraus schliesst, dass der 
negative Ausfall der Züchtung nicht gegen die Anwesenheit von Mikro¬ 
organismen im Liquor spricht 

Wilh. Knoepfelmacher (Wien). 

Die Ergebnisse der Lumbalpunktion. Von Fleischmann. Deutsche 
Zeitschrift für Nervenheilkunde, Bd. X, Heft 5 u. 6. 

Zur Zusammenfassung der Resultate der von Quincke ersonnenen 
Behandlungsmethode benützt der Verfasser neben dem reichlichen Material der 
Königsberger Klinik die in der Literatur niedergelegten Erfahrungen. Sein 
Urteil ist also wohl begründet und hat entschiedenes Anrecht auf Berück¬ 
sichtigung. Darnach hat sich die Methode der Lumbalpunktion in thera¬ 
peutischer Beziehung nicht so, wie erhofft, bewährt, von dauernder Besserung 
wird nur selten berichtet, unglückliche Zufälle sind nicht ganz ausgeschlossen. 
Fleischmann sieht in der Punktion der Cerebrospinalflüssigkeit aber ein 
wertvolles diagnostisches Hilfsmittel und in der That können wir, wie aus 
der Zusammenstellung hervorgeht, durch die bakteriologische Untersuchung 

Centralblatt f. d. Gr. d. Med. u. Chir. I. 8 


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des Exsudates eine epidemische, durch Diplocoecen hervorgerufene Spinal¬ 
meningitis schon frühzeitig von einer tuberkulösen unterscheiden. Trotz der 
therapeutischen Misserfolge kann man mit dem Autor in der Lumbalpunktion 
ein wertvolles Mittel zur Bereicherung unseres Wissens und Könnens erkennen. 

• L. R. Müller (Erlangen). 

Diagnostischer und therapeutischer Wert der Lumbalpunktion. Druck¬ 
bestimmung mit Quecksilbermanometer. Von Dr. M. Wilms. Aus 
dem Augusta-Hospital in Cöln, Prof. Leichtenstern. Münchner Me- 
dicinischc Wochenschrift 1897, No. 3. 

Ausführung der Lumbalpunktion mit gewöhnlichen Troicarts mit Man¬ 
drin, später mit dem Quincke’sehen Instrumentarium, stets in Seitenlage, 
Kopf des Patienten möglichst in Mittellage, bei Vermeidung jeder Unruhe 
des Kranken, mit Schleich'scher Anästhesierung, incutaner Injektion von 
0,1 Cocain, 0,025 Morphin, 0,2 Na CI, 100 H 2 0, Acid. carbol. gtt 2, wobei 
meist in der Richtung des Einstiches noch eine zweite Pravaz’sche Spritze 
derselben Lösung in die Tiefe injiciert wurde und Verfasser vorzügliche 
Resultate erzielte. — 23 Fälle mit 30 Punktionen: 4 Fälle von Meningitis 
cerebrospinalis epidemica mit 6 Punktionen; in drei davon Nach¬ 
weis We i ch selb au m’ scher intracellulärer Diplocoecen und Exitus, im 2. 
war die Diagnose mit Sicherheit erst durch das Resultat der Punktion zu 
stellen; Flüssigkeit in diesen drei Fällen trüb, nur bei einer Punktion fast 
klar; im 4. Fall Bakterienbefund negativ und bloss das erstemal serös-eitriges 
Punktat, überraschender therapeutischer Effekt, Heilung, abgeflossene Menge 
30, 35, 60, einmal 100 ccm. — Fünf Fälle von Meningitis tuber- 
culosa mit sechs Punktionen, in allen Exitus, die Sektion wies in zwei 
Fällen ausser der Men in gealtuberkulöse Solitärtuberkel im Kleinhirn, in einem 
Miliartuberkulose nach. Nur einmal Tuberkelbacillen; Flüssigkeit meist klar, 
zweimal ganz leicht getrübt; Eiweissgehalt und Druck wie in den vorher¬ 
genannten Fällen nicht genau angegeben; abgeflossene Menge 20—50 ccm. 
Verfasser betont den therapeutischen Effekt, mehrmals wurde für einige Zeit 
das ganz benommene Sensorium fast vollständig frei, oder es trat Nachlassen 
des Erbrechens und eine gewisse Euphorie ein. — Drei Fälle mit „Pseudo¬ 
meningitis“ bei Infektionskrankheiten, Sepsis (Heilung), crou- 
pöser Pneumonie (Heilung), Typhus abdomialis (Sektion), viermal 
punktiert; 5—20 ccm klarer Flüssigkeit mit sehr geringen Mengen resp. 
Spuren von Ehveiss, kein Zucker, Baktorienbefunde negativ. — Fall von 
Nephritis chronica, Urämie (Sektion); Punktat: 5 ccm, Druck am 
Anfang 13, am Ende 10 mm Quecksilber, kein Zucker, Spuren von Eiweiss, 
nicht über 1 °/ 00 , Urämie muss also nicht mit erhöhtem Gehiradruck kom¬ 
biniert sein. — Fälle von Lues; Meningitis serosa luetica (Heilung). 
25 ccm klarer steriler Flüssigkeit mit Spuren von Eiweiss; Gummata ce- 
rebri, Meningitis luetica (bedeutende Besserung), 30 ccm klarer, ste¬ 
riler Flüssigkeit mit Spuren von Eiweiss, Druck 250 mm Wasser, Festigung 
der ganz unsicheren Diagnose durch die Punktion wird vomVerf. angegeben; 
Lues? cerebellarer Schwindel, 3 ccm klarer Flüssigkeit mit Spuren 
von Eiweiss, Druck 7 mm. — Fall von Delirium tremens, 7 ccm klarer 
Flüssigkeit, Spuren von Eiweiss, kein Zucker, Druck 12 mm. — Fall von 
Chlorose mit starken Kopfschmerzen, Spuren von Eiweiss, kein 
Zucker, Druck 10 1 / 2 —1*4 mm sinkend. — Fall von enormem Hydro- 
cephalus chronicus ohne Himdrucksymptome, Druck 12 mm. — Fälle von 


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Embolia cerebri (Sektion), 15 ccm, Druck 15 mm; Apoplexia oder 
Embolia cerebri, löccm klarer Flüssigkeit, Druck 9mm, in beiden Fällen 
Spuren von Eiweiss, kein Zucker, im zweiten könnte der geringe Druck eher 
für Embolie sprechen. — Zwei Fälle von Tumor cerebri: a) Tumor cere- 
belli (Sektion), trotz der klinisch ausgesprochenen Erhöhung des intracraniellen 
Druckes nur 16 mm Druck wegen Verhinderung der Kommunikation der 
intracraniellen und der spinalen Flüssigkeit durch den Tumor im Kleinhirn; 
Verwertbarkeit für die Lokalisation; b) Sarkommetastase in cerebro (corpus 
striatum; Sektion: sehr gefässreiches Angiosarkom), bis 2 °/ 00 Eiweiss, Druck 
bis 66 mm, Pulsationsschwankungen äusserst stark, bis 12 mm Hg. 

Der Satz, dass trübes Punktat für cerebrospinale, klares für tuberkulöse 
und seröse Meningitis spricht, gilt nach W.’s Beobachtungen also nicht aus¬ 
nahmslos. — Grosse diagnostische Wichtigkeit des bakteriologischen Ver¬ 
haltens. — Eiweiss: Bei den Fällen mit entzündlicher Affektion der Meningen 
ergab die Kochprobe immer starken Niederschlag, bei Tumoren, Embolien, 
Hydrocephalus, Infektionskrankheiten mit meningitischen Symptomen, Lues, 
Delirium tremens, Chlorose 0,3—0,8 °/ 00 , also etwa normale Mengen Eiweiss, 
wichtig für Kombinationen mit Pseudomeningitis. Geringe Fibrinausscheidung 
tritt, wenn die Flüssigkeit sofort ruhig hingestellt wird, stets ein. Verfasser 
empfiehlt Vorsicht bei der diagnostischen Verwertung der Ei weissmengen, da 
Andere bei Geschwülsten 3,25—7 °/ 00 gefunden haben. Zucker fehlte stets 
bis auf einen Fall von Hydrocephalus chronicus mit geringer Menge, Ver¬ 
fasser erklärt die diagnostische Bedeutung des Zuckernachweises für nicht 
gross. — Für die Druckbestimmung empfiehlt W. aus mehreren Gründen 
sein einfaches (offenbar offenes) Quecksilbermanometer; den niedrigsten Druck, 
6 mm Hg, ergab ein Typhus mit starken cerebralen Symptomen und Herz¬ 
schwäche. Der normale Druck liegt nach demVerf. etwa bei 10 mm (nach 
Quincke 3—5 mm). Bei Nephritis, Embolia cerebri und besonders Tu¬ 
moren stieg der Druck über die Norm (s. oben Tumor a); Lage oder Stellung 
des Kranken, Haltung des Kopfes, Schreien, Athmung etc. können den cere¬ 
brospinalen Druck beeinflussen, speziell Steigerung bis um 7 mm bei starker 
Beugung nach vorne oder hinten. Die Athmungsschwankungen, übrigens mit 
Wassermanometer deutlicher, betragen bei ruhiger Athmung 2—6 mm Hg. 
Die Pulsationsschwankungen, nur mit Hg-Manometer exakt zu beobachten, 
betrugen im Durchschnitt 1—2 mm, bei Nephritis chronica mit Arteriosklerose 
3 mm, bei einem ungemein gefässreichen Sarkom in unmittelbarer Nähe des 
Ventrikels 7—12 mm, also bei besonders günstigen Umständen für die Ent¬ 
stehung und Fortpflanzung hoher Pulsationsschwankungen; theoretische An¬ 
wendung auf die ähnlichen Verhältnisse bei Aneurysmen, besonders der Ba- 
silararterie. — Die Menge des Ausgeflossenen ist variabel und dem Druck 
durchaus nicht proportional, bei Meningitis tuberculosa und epidemica reich¬ 
lich. Die Ausflussgeschwindigkeit ist von unbekannten Faktoren abhängig, 
diagnostisch nicht von Bedeutung. 

Verfasser glaubt der Lumbalpunktion einen unzweifelhaften diagnostischen 
Wert zuerkennen zu müssen, aber meist nur für eine besondere Seite des 
Falles, hält den therapeutischen Erfolg bei Meningitiden und Geschwülsten für 
unbestreitbar, allerdings vorübergehend; unangenehme Zufälle bei denselben 
fallen nicht stets der Punktion zur Last. 

Infeld (Wien). 


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Lnmbar pnnktnre. Von H. Weutworth. Boston medical and surgical 
Journal, Bd. LXXXVI, Nr. 5, vom 4. Febr. 1897. 

Autor teilt einige Erfahrungen in Bezug auf Technik und bakteriolo¬ 
gische Untersuchung bei der Lumbalpunktion mit. Er macht auf einige 
Schwierigkeiten der Operation aufmerksam, wodurch man keine Flüssigkeit 
erhält Solche können darin bestehen, dass ein Gerinnsel das Lumen der 
Nadel verstopft, dass sich ein Nerv der Cauda equina wie eine Klappe vor 
die Nadelöffnung legt dass man schliesslich mit der Nadelspitze gar nicht 
in den Subarachnoidalraum, sondern blos zwischen Dura und Knochen gelangt 
ist Das letztere kommt vor, wenn man die Richtung und die Tiefe der zu 
durchstechenden Schichte nicht kennt Man muss daher immer gegen die 
Mittellinie stechen. Gerinnsel entfernt man durch einen in die Nadel ein¬ 
geführten, möglichst dicken Draht und die Schwierigkeit des an die Nadel¬ 
öffnung angelagerten Nerven beseitigt man durch teilweises Herausziehen und 
und wieder Einführen der Nadel. Der Patient soll auf der Seite, mit gesenk¬ 
ten Schultern, angezogenen Beinen, möglichst gekrümmtem Rücken liegen, damit 
die Dorn fortsät ze auseinander weichen. Die bakteriologische Untersuchung der 
Flüssigkeit soll sorgfältig vorgenommen werden. Fibringerinnsel der Flüssig¬ 
keit müssen zerteilt werden, da sie meist die Tuberkelbacillen eingeschlosseu 
enthalten. Autor führt einen Fall an, wo in der Flüssigkeit 2—3 zweifel¬ 
hafte Tuberkelbacillen gefunden werden. Eine geimpfte und nach 39 Tagen 
getödtete Taube wies keine Zeichen von Tuberkulose auf. 

Die Unzulänglichkeit der alleinigen makroskopischen Untersuchung der 
Flüssigkeit zur Diagnose Meningitis ergibt ein Fall, wo in der intra vitam 
entnommenen Flüssigkeit eine grosse Menge polynucleärer Leukocyten sich 
fand, die mikroskopische Prüfung des Hirnes und Rückenmarkes ausgedehnte 
Encephalitis, Myelitis und nur beginnende Meningitis zeigte. 

Siegfried Weiss (Wien). 

Feber multiples Myelom und Stoffwechseluntersuchungen bei demselben. 

Von Seegelken. Deutsch. Arch. f. klin. Med., Bd. V, S. 276. 

Verfasser beobachtete in der Klinik von Stintzing einen Fall von mul¬ 
tiplem Myelom. 

Die Krankheit begann im 61. Lebensjahre des Patienten mit Schmerzen in der 
Brust und im Nacken, dabei sank im Laufe von 4 Monaten der Brustkorb muldenförmig 
ein. Bei der Aufnahme bestand Anämie und Abmagerung, cervicodorsale Kyphose, 
Bronchitis catarrhalis. Die Schmerzen wechselten stark in ihrer Intensität, so dass 
Patient zeitweilig spazieren gehen konnte, allerdings unrichtig, in steifer Haltung 
und mit kleinen Schritten, zeitweilig regungslos im Bette lag, vor Schmerz wimmernd, 
sogar die Nahrungsaufnahme verweigernd, weil das OefTnen des Mundes und das 
Kauen unerträgliche Schmerzen verursachte, zeitweise Temperatursteigerungen. An 
den Rippen traten zahlreiche Spontanfrakturen ein, ohne dass sich die Stellen nachher 
durch lokalisierten Druckschmerz oder durch Auftreibung angekündigt hätten. Im 
Harne wurde von Matthes (schon auf dem 14. Kongress f. int. Medizin mitgeteilt) 
eine eigenartige Albumose nachgewiesen. Tod nach 14 monatlicher Krankheitsdauer, 
nachdem 2 Wochen vorher eine Lähmung des linken Armes und der Beine einge¬ 
treten war. 

Die Obduktion zeigte die Körper der Halswirbel von Neubildungsmasse 
durchsetzt, den dritten Halswirbel eingeknickt, in deren Bereiche das Rückenmark 
komprimiert. Die Knochensubstanz der Rippen an vielen Stellen zu einer papier¬ 
dünnen Hülle zusainmengeschmolzen, die ein dunkelblauviolettes weiches Gewebe eiu- 
schliesst. Die Markhöhle des Brustbeines erweitert, mit dem gleichen Gewebe wie 
die der Rippen gefüllt. Die übrigen Knochen wurden nicht untersucht. Sonst 
nichts Bemerkenswertes. Die mikroskopische Diagnose der Neubildung im Knochen 
lautete Chondrosarkom. 


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Der Autor hat hei den Kranken exakte Stoff wechseluntersuchungen 
angestellt, welche aber nichts Wesentliches für die Erkenntnis der Krankheit 
enthalten. 

Der Verfasser erklärt es für nicht festgestellt, ob die oben genannte 
Albumose im Harne („Bence Jone sicher Eiweisskörper“) dem multiplen 
Myelome eigentümlich sei, wie schon Kahler vermutete. Er zweifelt allerdings 
den von Raschkes im vorigen Jahre beschriebenen Fall von seniler Oste- 
omalacie, in welchem dieselbe Substanz gefunden wurde, an, da keine mik¬ 
roskopische Untersuchung vorgenommen wurde. 

M. Sternberg (Wien). 


lieber die Kahler’sche Krankheit. Von Prof. C. Bozzolo, Turin. (Mit¬ 
theilung a. d. VHI. nationalen Kongress für innere Medizin in Neapel, 
Oktober 1897). Gazetta degli Ospedali e delle Cliniche, 1897, Nr. 129, 
p. 1375. 


Redner beansprucht die Aufmerksamkeit der Aerzte für eine Erkran¬ 
kung, welche zu schweren Fehlern in der Diagnose Veranlassung geben kann 
und folgende Symptome aufweist: sie betrifft Männer im reifen Alter und 
ältere Leute: sie tritt mit heftigen Schmerzen an den Schultern, am Stamme, 
besonders an den Hüften, irradiirenden Schmerzen an den Rippen oder an den 
Extremitäten auf: fast immer zeigen sich gleichzeitig Deviationen der Wirbelsäule 
und Spontanfrakturen der Rippen und mehr oder minder markante Zeichen 
der spinalen Kompression. 

Im Harne immer reichliches Vorkommen einer Substanz, welche die 
Charaktere der Albumose hat. Die Dauer schwankt von Monaten bis zu 
acht Jahren; während dieser Periode treten Tumoren auf, welche spontan und 
auf Druck schmerzhaft sind und auch wieder verschwinden können. 

Die Tumoren sind Myelome, welche manchmal diffus, manchmal cir- 
cumscript auftreten. Nicht selten ist ein Trauma als ätiologisches Moment zu 
betrachten, und der Tod erfolgt infolge von Asphyxie oder Cachexie. 

Redner beschreibt einen von ihm beobachteten Fall, welcher von 
1893—1896 dauerte, und bisher der einzige intra vitam diagnosticierte ist. 
Da Kahler in Wien der erste war, der das Symptom der Albumosurie mit 
der Anwesenheit der Myelome der Stammesknochen in Verbindung brachte, 
schlägt Bozzolo vor, diesen Symptomenkomplex Kahler’sche Krankheit 
zu benennen. 

Diskussion: Prof. De Giovanni (Padua) bedauert, in manchen Details 
dem Vorredner nicht zustimmen zu können, besonders nicht in der Benennung der 
Krankheit nach Kahler, da es sich nach seiner Meinung nicht um einen genauer 
bestimmten Symptomenkomplex handelt. 

Prof. Marchiafava (Rom) citiert zwei ihm bekannte Fälle, die ebenfalls den 
Symptomenkomplex der Kahler'sehen Fälle, jedoch eine kürzere Krankheitsdauer 
zeigten. Marchiafava glaubt, die Kahler’sche Krankheit unter jene im 
Knochenmarke lokalisierten Erkrankungen einreihen zu können, bei welchen die 
lymphomatöse Neubildung a) im Perioste, b) im Marke (wahres Myelom), c) im 
Knochengewebe (Bignami) stattfinden kann. 

Prof. Bozzolo erwidert kurz auf die Ausführungen von De Giovanni und 
behauptet, dass die von Kahler beschriebene Symptomatologie, besonders das gleich¬ 
zeitige Vorkommen der Albumosurie und der Myelome, ein ziemlich genau bestimmtes 
und abgeschlossenes Ganze bildet. 

Castiglioni (Wien). 


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G Muskeln. 

Die sogenannte Myositis progressiva ossificans multiplex, eine Folge 
von Geburtstraumen. Von Ludwig Pincus. Deutsche Zeitschrift für 
Chirurgie, Bd. IVL, Heft 1 u. 2. 

Verfasser giebt zunächst eine eingehende Krankengeschichte eines dies¬ 
bezüglichen, von ihm untersuchten und beobachteten Falles der genannten 
Affektion und schliesst daran unter genauester Würdigung der einschlägigen 
Literatur Erörterungen über die Entstehung und Entstehungsursachen des 
Leidens. Es handle sich dabei eigentlich um keine Entzündung, um keine 
„Myositis“, sondern vielmehr um eine dein Perioste und dem intramuskulären 
Bindegewebe eigentümliche Neigung zu knöcherner Geschwulstbildung. An 
Stelle des alten Namens müsse man daher diesen Prozess besser „Exostosis 
luxurians et Osteoma intermusculare multiplex“ benennen. Aus zwei Fak¬ 
toren entstehe die Erkrankung; einmal aus einer congenitalen Prädisposition 
und zweitens aus den Gelegenheitsursachen, welche auf Grund dieser Dispo¬ 
sition die Krankheit hervorrufen. Beweise für das Vorhandensein einer con¬ 
genitalen Konstitutionsanomalie sind das Auftreten der Erkrankung im frühen 
Kindesalter und das Zusammentreffen dieses seltenen Leidens mit einer eben 
so seltenen Missbildung, der „Mikrodaktylie“, einer auffallenden Verkürzung 
des Daumens und der grossen Zehen. Als ätiologische Momente seien Lues, 
Rachitis und Trophoneurose sicher auszuschliessen, dagegen spielen als solche 
Traumen und Rheumatismen eine wichtige Rolle, erstere in höherem Grade 
als letztere. Ganz speziell den Geburtstraumen misst Verfasser dabei einen 
wesentlichen Einfluss zu und berichtet über Untersuchungen, die sich mit 
dem Sitze der intra partum entstehenden Läsionen beschäftigen. Diese be¬ 
fallen z. B. häufig die Nacken- und Rückenmuskulatur und so erkläre sich 
damit auch die Thatsache, dass gerade dort der Anfang des Verknöchemngs- 
prozesses sich finde. Es wird darauf hingewiesen, dass man bei kindlichen 
Individuen, welche die vorher erwähnte Mikrodaktylie besitzen, daraus auf 
eine Disposition zur pathologischen Knochenbildung schliessen und durch 
Verhinderung der Gelegenheitsursachen eventuell prophylaktische Massnahmen 
gegen das Entstehen der Erkrankung treffen könne. 

Rudolf Meyer (Breslau). 


Ueber angeborene Muskeldefekte. Von Dr. S. Kali scher. Neurolo¬ 
gisches Centralblatt, 1896, Nr. 15. u. 16. 

Eingehende Berücksichtigung der Literatur. Drei eigene Fälle mit 
Pectorali sdefekt 

Zur Vergleichung mit den Fällen von angeborenem Defekt dient Fall 1, ein 
Beispiel eines beiderseitigen, erworbenen Pectoralisdefektes, den Ver¬ 
fasser zur Er buchen juvenilen Form der progressiven Muskelatrophie rechnet: 

12jähriges Mädchen aus gesunder Familie, gut entwickelt; im 6.—7. Lebens¬ 
jahre Schwäche der Rückenrauskulatur; Schwäche und Abmagerung am linken Arm 
und rechten Bein seit einem Jahr. Charakteristisch für die juvenile Lokalisation 
sind das Einsetzen am Rumpf, Schultergürtel und den angrenzenden Teilen bei 
fehlender oder geringer Atrophie der Extremitäten enden, das Verschontbleiben oder 
spätere Befallen werden der kleinen Hand- und Fussmuskeln, die Kombination der 
Atrophie mit wahrer oder falscher Hypertrophie, das Fehlen der Entartungs-Reaktion 
und fibrillärer Zuckungen u. s. w. Auffallend sind: Mangel familiärer Anlage, der 
frühe Beginn, die relativ gute Funktionsfähigkeit bei ausgedehnter Atrophie, die 
starke Beteiligung der Hand- und Fussmuskeln, die oft frei zu bleiben oder erst 


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sehr spät befallen zu werden pflegen, die asymmetrische Verteilung, endlich sah man 
den Pectoralis major et minor rechts fast völlig, links mit Ausnahme der Pars clavi- 
cularis des major fehlen; die Haut, die Warze, der Haarwuchs, der Panniculus adi- 
porus zeigten an der vorderen Brustwand keine besondere Störung. Kein Funktions¬ 
ausfall, jedoch Schwäche bei den für den Pectoralis charakteristischen Bewegungen. 

Fall II, angeborener Defekt des linken M. pectoralis major et minor: 

8 Monate alter Knabe aus gesunder Familie, unter normalen Umständen ge¬ 
boren ; schon 8 Tage nach der Geburt erschien die linke Brusthälfte flacher und 
weniger entwickelt als die rechte Seite. Die Haut ist hier weniger behaart, liegt 
locker auf den Rippen, entbehrt des Fettpolsters völlig und ist vielleicht etwas dünner 
wie rechts; die Warze steht links dem Schlüsselbein näher, liegt nicht wie rechts 
auf der hervorgewölbten Brust, sondern bildet nur einen kleinen Kreis in der flachen 
Ebene mit rotem, linsenkerngrossem Grunde ohne einen besonderen Pigmenthof u. 
dergl. Die Achselhöhle wird durch ein flughautartiges Gebilde überdeckt: 2 cm 
über der Warze erhebt sich links eine Hautfalte oder Duplikatur, die quer bis zur 
Mitte des Oberarms geht, sich zum Teil oben erst dicht über dem Condylus internus 
ansetzt und einen flachen, derben Strang enthält, der fadenförmig am Condylus 
internus endet. An der vorderen Brustwand fehlt links nicht nur das Fettpolster, 
sondern auch die Muskulatur des M. pectoralis major und minor; von dem ersteren 
sowohl der claviculare, als der sterno-costale und der inconstante abdominale Anteil. 
Der Brustumfang in der Höhe der Brustwarze rechts 20, links 19 cm. Beim Sitzen 
steht die linke Schulter meist etwas höher als die rechte, der obere Teil der Dorsalwirbel 
weist eine geringe Abweichung nach links von der Mittellinie auf. Die Armhebung 
erreicht infolge der Anspannung der Flughaut nicht die Vertikale. Im Gebiete des linken 
Brustmuskels keine elektrische Reaktion. Sonst bis auf r. Strabismus internus in 
jeder Beziehung normale Verhältnisse. Das beschriebene Verhalten ist konstant. 

Fall III, noch ausgesprochener als II: 11 jähriges Mädchen aus gesunder 
Familie, welches die folgenden Anomalien gleich nach der normal verlaufenen Geburt 
hatte. Die linke Brusthälfte steht, stark gewölbt und schräg, weit vor, die rechte 
erscheint eingesunken und verschmälert; Brustbein erheblich verkürzt, erscheint ver¬ 
breitert und nach links verschoben; unterhalb desselben bewirken die Rippen eine 
lange, tiefe Einsenkung der Thorax wand; rechts fehlt die Brustdrüse völlig, die 
Brustwarze ist wenig entwickelt, der Panniculus adiposus mangelhaft, die Haut dünn, 
atrophisch, Haarwuchs nicht erheblich beeinträchtigt; von den Brustmuskeln fehlt 
rechts der sternocostale (und abdominale) Teil des Pect, major und der Pect, minor 
der claviculare Anteil ist gut und kräftig entwickelt; rechts fehlen die meisten 
Zacken des Serratus ant. major, der linke vielleicht defekt; Schulter rechts höher 
als links, die oberen Dorsal- und unteren Halswirbel kyphotisch, linke Scapula steht 
im unteren medialen Anteile ein wenig von der Brustwand ab; die Muskulatur des 
rechten Armes erscheint im allgemeinen etwas weniger voluminös als links, die 
rechte Hand verkürzt und verschmälert; totale cutane Syndaktylie des 4. und 5. 
Fingers, deren Beugung und Streckung schwach ist, Schwimmhautbildung, enthaltend 
Reste der verkümmerten 2. und 3. Metaphalange, Daumen gut entwickelt und 
brauchbar; Interossei mit Ausnahme des ersten scheinen zu fehlen; Keine Funk¬ 
tionsstörung durch den Ausfall des unteren Teiles des Pectoralis major. 

Verfasser findet 61 analoge Fälle in der Literatur, niemals nahm der 
Delfcoides in seinem Clavicularanteile an dem angeborenen Defekte Teil, 
obwohl er wie der Pectoralis vom N. thoracicus anterior versorgt wird. Auf¬ 
fallend war meist der Mangel der Beweglichkeitsbeschränkung und der Funk¬ 
tionsstörung, erklärt durch Ersatz Wirkung anderer Muskeln. — Es erscheint 
zweifelhaft, ob diese Muskeldefekte auf eine einfache, von den Centralorganen 
des Nervensystems unabhängige, periphere fehlerhafte Anlage und Aplasie 
des Muskels zurückzuführen sind, oder ob hier eine neurogene Entstehung, 
eine Aplasie oder Atrophie der trophischen spinalen Centren, ein Kernschwund 
in den Vorderhömem als primäre Ursache vorliegt, endlich ob der Muskel¬ 
defekt immer kongenital, nicht vielmehr durch einen pathologischen Prozess 
früh erworben, gewissermassen eine rudimentäre Form einer frühzeitig stationär 
gewordenen Dystrophia musculorum (progressiva) darstellt Momente, die für 
kongenitalen Defekt sprechen: Begleiterscheinungen der Muskeldefekte wie 
Bildungsanomalien; die fast konstante Einseitigkeit des Defekts, selten sind 


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Teile des Serratus oder des Latissimus dorsi mit betroffen, nie geht der Prozess 
später auf die andern Muskeln über, es handelt sich um einen stationären 
Zustand; nie ist Hypertrophie des Infraspinatus, der Waden, des Triceps, 
Sartorius, der Glutaei beobachtet worden. Fehlen von Lähmungszuständen 
und wesentlichen Funktionsstörungen. Bei der spinalen Kinderlähmung 
dürften nur selten einzelne Muskeln atrophisch bleiben, mit dem Pectoralis 
stets andere Muskeln des gleichseitigen Schultergürtels, Oberarmes etc. be¬ 
teiligt sein; bei der spinalen Muskelatrophie, selbst beim humero-scapularen 
Typus bezw. Beginn werden der Pect major, Serratus, Latissimus dorsi wohl 
meist erst im späteren Verlaufe betroffen und nach dem Trapezius, Rhom- 
boideus, den Rückenstreckem u. s. w., ferner Funktionsstörungen, fibrilläre 
Zuckungen u. dgl. — Eingehende Vergleichung der kongenitalen Muskel¬ 
defekte des Thorax mit den teils angeborenen, teils früh erworbenen Defekten 
der Gesichts- und Augenmuskeln. 

Infeld (Wien). 

Ueber Myositis scarlatinosa. Von M. Brück. Archiv f. Kinderheilkunde 
Bd. XXI. 

Autor hat in kurzer Zeit dreimal im Anschluss an vScharlach rheuma¬ 
toide Muskelerkrankungen beobachtet, welche immer unmittelbar nach Ablauf 
der akuten Scharlachsymptome, in der 2. oder 3. Woche, auftraten und von 
mässiger Temperaturerhebung eingeleitet waren. Die Affektion dokumentierte 
sich durch spontane Schmerzhaftigkeit, hochgradige Druckempfindlichkeit, 
Funktionsstörung, in einem Falle auch mensurable Volumszunahme. Betroffen 
war in einem Falle Rücken- und linke Oberschenkelmuskulatur, in einem 
anderen Falle die Intercostales und der rechte Pectoralis maj., in einem 
dritten Bauch- und Lendenmuskulatur. Die Myositis, die nach Brück’s An¬ 
sicht den Symptomen zugrunde lag, hielt nur wenige Tage an und wurde 
durch die übliche antirheumatische Medikation günstig beeinflusst. 

Neurath (Wien). 

Polymyositis und akuter Gelenksrheumatismus. Von Dr. H. Risse. 

Deutsche medicin. Wochenschrift, No. 15, 1897. 

Kasuistische Mitteilung. Bei einem 35jährigen Mann entwickelte sich im un 
mittelbaren Anschluss an einen echten Gelenkrheumatismus eine schwere, beide Seiten 
nach einander befallende Myositis der Beinmuskulatur, die auf der rechten Seite auch 
auf die Bauch- und Lendenmuskeln Übergriff. 

Kompliziert war die Erkrankung mit akuter Nephritis und einseitiger Orchitis. 

Der Verlauf war ausgesprochen schubweise. Eis bestand nur geringes Fieber. 

Der Prozess über sprang nicht auf entfernte Gelenke, sondern die Ausbreitung 
erfolgte nach der Kontiguität. 

Bemerkenswert ist, dass die im Beginn der Entzündung heftigen Schmerzen 
aufhörten, sobald einmal der höchste Grad der Spannung in dem ergriffenen Teil 
erreicht war, was stets in verhältnismässig kurzer Zeit geschah. Ausserdem begleiteten 
die Erkrankung Hautaffektionen, Petechien und grössere Suggillationen. 

M. Matthes (Jena). 

Ueber eine besondere Form von schwieliger Muskelentartung. Von 

H. Curschmann-Leipzig. Münch, med. Wochenschr. 1897, Nr. 47. 

Der Begriff der „rheumatischen Muskelschwiele“ ist bis heute noch 
nicht geklärt Eine nicht zur Verknöcherung führende Muskelentartung ist 
wohl zu unterscheiden von der Myositis progressiva ossificans, die nach 


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Virchow nicht im Muskel, sondern am Skelet ihren Anfang nimmt. Statt 
des vagen Begriffes Rheumatismus müssen oft greifbare Zustande gesetzt 
werden, wie die folgenden Fälle zeigen. 

Ein 64 jähriger Mann aus gesunder Familie, leidet seit 13 Jahren an rheuma¬ 
tischen Schmerzen. Im 25. Lebensjahre überstand er eine fieberhafte Erkrankung, 
die erst nach 3 /i Jahren ausheilte. 

Der Status praesens zeigte bezüglich der Muskulatur keine Anomalien an den 
Beinen, dagegen ist das Volumen, die Form und Bewegungsfähigkeit des Schulter¬ 
gürtels und Oberarmes wesentlich gestört. Der rechte Biceps fehlt und ist durch 
eine dünne, derbe, schwielige Masse ersetzt, nur das mittlere Muskelstück ist er¬ 
halten, und tritt beim Beugen des Armes als derber Wulst vor. 

Desgleichen hat der rechte Deltoideus und Triceps gelitten. Die Schwielen 
sind nicht schmerzhaft. Das elektrische Verhalten der erhaltenen Partien ist normal. 
Geringer ist die Veränderung am linken Oberarme, die Vorderarme sind nur schwach, 
ohne Muskelveränderungen zu zeigen. Die Annahme einer „rheumatischen Muskel- 
schwiele“ wurde durch eine Probeexcision widerlegt. Es zeigte sich der Muskel 
schon für das blosse Auge von Trichinen durchsetzt; in der Umgebung jeder Tri¬ 
chine fand sich eine Entartung der Muskelbündel in Form von Verdünnung, Un¬ 
deutlichkeit der Querstreifung und Vermehrung des interstitiellen Bindegewebes und 
in weiterem Kreise noch erhebliche Kern Wucherung. 

Man muss hier eine chronische Reizwirkung mit dem Ausgange in Atrophie 
und fibröse Myositis annehmen. 

Die vorübergehende akute Infektionskrankheit dürfte die akute Trichinose 
gewesen sein. Die Annahme der chronischen Trichinose wird gestützt durch die 
Thatsache, dass die Trichinen 7, 8 bis 10 Jahre Lebensdauer haben, dass die Lieb¬ 
lingsstellen der Trichineninvasion betroffen erscheinen, nämlich die beiden Endpartien 
der langen Muskeln. Das ungleichmässige Ergriffensein der beteiligten Muskeln 
ist eine Erfahrungstatsache. 

Der zweite Fall betraf eine 25 jährige anämische Frau mit jahrelang bestehen¬ 
den Schmerzen im Kreuz und den Unterextremitäten. Es fand sich eine auffallende, 
beiderseits fast gleiche Abmagerung beider Oberarme, besonders des Biceps, Triceps, 
der Deltoidei. Sie waren alle von Trichinen dicht durchsetzt. 

Im dritten Fall ist wiederum der Biceps am stärksten befallen; daneben 
Deltamuskel, M. supra- und infraspinatus und Pectoralis major. 

Auch hier erwies die Probeexcision die Anwesenheit von Trichinen. 


Zweifellos ist also ein Teil der Fälle von schwieliger Muskelentzündung 
auf Trichinose zu beziehen. 


Hugo Weiss (Wien). 


D. Verdauungskanal. 

a) Rachen, Speiseröhre. 

Di© Pharynxtuberculose im Kindesalter. Von F. Siegert. Jahrbuch 
für Kinderheilkunde, Bd. XLV, H. 1. 

Nach Zusammenstellung der einschlägigen Literatur beschreibt Verfasser 
zwei in der Universitätskinderklinik zu Strassburg beobachtete Fälle von Pha¬ 
rynxtuberkulose bei Kindern. Bei einem elfjährigen Knaben fanden sich bei 
sehr vorgeschrittener Miliartuberkulose multiple Geschwüre am weichen Gaumen, 
die durch zahlreiche typische Tuberkel und den Nachweis massenhafter Tuberkel¬ 
bazillen ohne weiteres die Diagnose auf Tuberkulose gestatteten. Im zweiten 
Falle, bei einem vierjährigen Mädchen, machte dagegen die Veränderung der 
Rachenschleimhaut wiederholt den Eindruck chronischer Diphtherie und liess 
Tuberkulose bei stets negativem Bazillenbefund nur vermuten. Erst die Ver¬ 
käsung der Halsdrüsen, später die Komplikation mit Darmtuberkulose und 
schliesslich miliare Tuberkulose sicherten die Diagnose. 


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Bezüglich der Aetiologie meint der Verfasser in Rücksicht auf die in 
allen Mitteilungen Vorgefundene Verkäsung der Halsdrüsen, sowie auf die 
fast stets vorhandene Tuberkulose des Digestionstraktus, ferner auf die für 
das Kindesalter so typische Skrophulose, bei andrerseits relativ seltenem gleich¬ 
zeitigem Vorkommen von Larynxtuberkulose, dass eine Infektion der Schleim¬ 
haut des Rachens vermittelst der in ihr so zahlreich vorhandenen Lymph- 
bahnen zustande kommt Er weist auf die Möglichkeit hin, dass es sich in 
den Fällen von Rachentuberkulose um eine gewisse Resistenzschwäche des 
ganzen Digestionstraktus handele. In zweiter Reihe kommen für die Aetio¬ 
logie die Blutbahnen in Betracht, d. h. in denjenigen Fällen, wo die Affektion 
als eine lokale Teilerscheinung allgemeiner auf dem Wege der Blutbahn er¬ 
folgter Miliartuberkulose aufzufassen ist Dagegen sieht Verfasser den Be¬ 
weis einer Infektion der Rachen Schleimhaut durch bazillenhaltige Sputa nicht 
für erbracht an. 

Differentialdiagnostisch lassen sich die wiederholt beobachteten weissen 
Pseudomembranen von echter Diphtherie durch das Fehlen der Löffler’schen 
Bazillen, geringe Blutung bei ihrer Entfernung, häufiges Recidivieren etc. 
unterscheiden. Im Gegensatz zu lupösen Erkrankungen fehlt jede Andeutung 
spontaner Vernarbung, die Ulcerationen sind flacher, die Knötchen spärlicher 
und kleiner. 

Die Prognose ist stets schleicht Meist tritt wenige Wochen nach dem 
Auftreten der Erkrankung der Exitus ein. 

A. Asehoff (Berlin). 

Die klinische Diagnose der spindelförmigen Speiseröhrenerweiternng. 

Von Th. Rumpel. Münch, med. Wochenschr. 1897, Nr. 15. u. 16. 

Von zwei durch Sektion aufgedeckten Fällen totaler spindelförmiger 
Oesophaguserweiterung war der eine klinisch unter dem Bild einer tiefsitzen¬ 
den impermeablen Stenose verlaufen, der andere unter jahrelang anhaltenden 
Schluckbeschwerden und wechselnder Sonderbarkeit des untersten Speiseröhren¬ 
abschnittes. 

Bei einem 25-jährigen Mann, der seit zwei Jahren oft Druck im Magen, 
bis zum Hals hinaufstrahlend, während des Essens bekam und einige Zeit nach der 
Mahlzeit reichlich brach, zuletzt fast nichts mehr bei sich behielt, fand 
Rumpel nun, dass beim Einführen der Sonde kurze Zeit nach Nahrungs¬ 
aufnahme, kurz nach dem Passieren des obersten Abschnittes die Sondenspitze 
ganz widerstandslos vorwärts dringt und dass sich jetzt reichliche flüssige 
Speisemassen im Strahl entleeren; ca. 49 cm unter der Zahnreihe kommt die 
Sonde dann auf ein Hindernis, das sie nur schwer übenrindet, danach ent¬ 
leert sie typisehen Mageninhalt, kenntlich an der freien HCl> während die 
zuerst herausgeförderten Massen alkalisch oder schwach sauer (Milchsäure) waren. 

Wird die Sonde nur bis zu mittlerer Tiefe eingeführt, so läuft einge¬ 
gossenes Wasser quantitativ beim Senken des Trichters wieder heraus und 
reagiert neutral oder alkalisch. 

Wird eine dicke Sonde durch das Hindernis in den Magen geführt und 
neben derselben eine zweite in den Oesophagus bis zu mittlerer Tiefe ge¬ 
schoben und durch sie 300 cm Wasser eingegossen, so laufen die 300 cm 
Wasser beim Senken des Trichters vollständig wieder heraus; die Oesophagus- 
wand legt sich also wasserdicht um die Magensonde. Dass die zweite Sonde 
nicht etwa in ein Divertikel mündet, ist leicht zu zeigen, wenn die erste 


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Sonde in der Gregend der Mündung der zweiten einige seitliche Oeffnungen 
hat; dann kann man durch die zweite Sonde kein Wasser zurückheben. 

Verf. glaubt, dass diese „idiopathischen“ spindelförmigen totalen Oeso- 
phagusdilatationen auf spastische Kontraktur des untersten Teiles zurück¬ 
zuführen seien. Da nach seinen Messimgen an Leichen Weite und Inhalt 
der Speiseröhre individuell äusserst schwanken, mag es sich bei jenen Dila¬ 
tionen um schon von Haus aus besonders weite Organe handeln. Therapeu¬ 
tisch kommt bis jetzt wohl nur Schlundsondenfütterung in Frage; Rumpel 
bespricht aber die Möglichkeit chirurgischen Eingreifens und meint, dass die 
betreffende Speiseröhrenpartie wohl — über oder unter dem Zwerchfellmuskel — 
erreichbar und dass die, wenn auch recht schwere Operation durch die schlechte 
Prognose des Zustandes wohl gerechtfertigt sei. 

Schliesslich demonstriert Rumpel Röntgenbilder von seinen Patienten, 
das eine zeigt die Lage der mit Schrot gefüllten beiden Sonden, das andere 
die des mit Wismutaufschwemmung vollgegossenen Oesophagus. 

Gerhardt (Strassburg). 

Ueber idiopathische Oesopha^userweiterungen. Von K. Jaffö. Münch, 
med. Wochenschr. 1897, 15. 

Im Anschluss an RumpeTs Vortrag berichtet Jaffö über einen ein¬ 
schlägigen Fall, der mehrere Jahre lang an Schluckbeschwerden und Drücken 
in der Brust litt, oft erbrechen musste. Die Sektion zeigte cylindrische Erwei¬ 
terung der Speiseröhre. Die Cardia lag zwischen dem stark einwärts prominenten 
Schwertfortsatz und einem ebenfalls prominenten Brustwirbel (Pak war stark 
kyphotisch). Jaff6 glaubt, dass diese mechanische Beengung der Cardia 
jedenfalls das Eindringen von Speisen erschwert habe und so zur Ursache 
der Oesophagusdilatation geworden sei, bei dem neurasthenischen Charakter 
des Pak gibt er zu, dass auch ein Krampf der unteren Oesophagusmusku- 
latur mitgewirkt haben könne. 

Jaff6 meint, dass von Resektion des Oesophagus wenig zu hoffen sei 
und empfiehlt Behandlung mit Dauersonden, und falls die Sondierung vom 
Mund aus unmöglich, Anlegung einer Magenfistel und retrograde Sondierung 
der Cardia. 

Gerhardt (Strassburg). 

Therapie der krebsigen Strikturen des Oesophagus, des Pylorus und 
des Rectums. Von Czerny. Berliner klinische Wochenschrift 1897, 
Nr. 34, 35, 36. 

Obwohl Czerny die Entstehung maligner Tumoren durch Infektionser¬ 
reger für wahrscheinlich hält, seien doch vor der Hand alle Versuche einer 
darauf gegründeten spezifischen Therapie erfolglos geblieben. Es ist als ein¬ 
ziges Heilmittel nur der chirurgische Eingriff angezeigt, mit dessen Bedeutung 
bei den strikturierenden Tumoren des Intestinaltraktus die vorliegende Arbeit 
sich beschäftigk 

I. Bei den krebsigen Strikturen des Oesophagus gibt die Radikal¬ 
operation, die Resektion des Oesophagus, schlechte Resultate. Es kommen 
daher nur palliative Eingriffe in Frage, die Oesophagotomie, die Gastrotomie 
und die Jejunotomie. Die Dauerbehandlung mittelst Schlundsonde gibt nur 
bei skirrhösen Strikturen einigen Erfolg; bei weichen Tumoren befördert sie 
eher den Zerfall des Gewebes. Die Oesophagotomie ist nur bei hochsitzenden 
Strikturen anwendbar, ev. in Kombination mit der Dauersonde. Wesentr 


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lieh bessere Erfolge für die palliative Behandlung bietet die Gastrotomie, 
welche nach vielfachen Methoden geübt, jetzt fast stets schlussfähige, gut funktio¬ 
nierende Fisteln gibt Von 14 Patienten sind nur 3 im Anschluss an den 
Eingriff gestorben, während 11 Patienten glatt durchkamen und an Gewicht 
und Körperkraft Zunahmen. Von diesen war einer noch ein Jahr nachher 
arbeitsfähig. Die Duodenostomie und Jejunotomie gibt keine so guten Erfolge 
wie die Anlegung einer Magenfistel. 

II. Bei der Behandlung der strikturierenden Pyloruscarcinome hat die 
Gastroenterostomie immer mehr und mehr die Pylorusresektion verdrängt. 
Wenn auch die letztere mehr Hoffnung auf Radikalheilung (ein Fall von 
Czerny lebt noch nach 6 l / 2 Jahre) gibt t so sind doch die hiefür geeigneten 
Fälle nur sehr gering an Zahl. Dagegen verschafft die Gastroenteroanastomose, 
der gefahrlosere Eingriff, den Patienten für zuweilen ziemlich beträchtliche 
Zeit das Gefühl völliger Genesung und lässt sie von neuem wieder aufblühen. 
Die Pyloroplastik eignet sich nur für gutartige adhäsionsfreie Stenosen. In 
jedem Falle, wo bei chemischer und motorischer Insufficienz eine exakte 
medikamentöse Behandlung nach einiger Zeit erfolglos bleibt, ist die Probe- 
laparatomie indiciert Von 1881 bis Febr. 1893 hat Czerny 19 Resektionen 
und 20 Gastroenterostomieen, von da bis Ostern 1897 nur 10 Resektionen, 
aber dafür 70 Gastroenterostomieen gemacht Die durchschnittliche Lebens¬ 
dauer der Gastroenterostomierten betrug nach Abzug der im ersten Monat 
Gestorbenen allerdings 8,8 Monate, die der mit Resektion behandelten Patien¬ 
ten bei gleicher Berechnung 20,4 Monate. 

III. Bei den krebsigen Strikturen des Mastdarmes gibt im Gegensatz 
zu den vorher besprochenen die Radikaloperation sehr gute Resultate. Von 
109 Radikaloperierten konnten 99 geheilt entlassen werden. Davon leben 
und lebten ohne Recidiv nur 12 weniger als 2 Jahre. Es ist daher Pflicht 
des Arztes, durch zeitige Lokaluntersuchung die Frühdiagnose zu ermöglichen, 
die Pflicht der Chirurgen durch Vervollkommnung der Technik das Operations¬ 
gebiet für die Radikaloperation möglichst zu erweitern. Erst wenn die völlige 
Entfernung des Krebses sich als unausführbar erweist, erscheinen hier pallia¬ 
tive Eingriffe erlaubt und zwar vor allem die Colostomie. Während die gleich¬ 
falls empfohlene Ausschabung wegen der Gefahr einer Perforationsperitonitis, 
die Czerny zweimal erlebt hat, zu verwerfen ist und die Rectotomie lineaire 
höchstens bei Skirrhen am Platze ist, gibt die Colostomie, die in letzter Zeit 
bei Czerny häufiger ausgeführt wurde, gute Erfolge. Die Unbequemlichkeit 
des Anus praeternaturalis wird von vielen Patienten willig ertragen. 

Rudolf Meyer (Breslau). 

Ueber das Vorkommen und die Bedeutung einer Pupillendifferenz 
beim Oesophaguscarcinom. Von Dr. Th. Hitzig, Sekundärarzt Aus 
der medizinischen Universitätsklinik (Prof. Dr. Eichhorst) in Zürich. 
Deutsche medizinische Wochenschrift 1897, Nr. 36, p. 577. 

Während das Vorkommen von Pupillendifferenz bei Mediastinaltumoren 
nicht selten vorkommt (entweder durch Läsion des Syinpathicusstammes oder 
der ersten Dorsalwurzel, welche die oculopupillären Fasern des Ramus com- 
municans des Sympathicus enthält) konnte Hitzig in der Literatur keine 
Beobachtung von Pupillendifferenz bei dem häufigsten Mediastinaltumor, dem 
Carcinoma oesophagi, finden. Auf Eichhorst’s Klinik wurde im Verlaufe 
eines Jahres in 9 Fällen von Oesophaguscarcinom 4mal Pupillendifferenz 
beobachtet, in 27 früher vorgekommenen Fällen nur lmal, wohl weil damals 


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125 


diesem Symptom weniger Achtung geschenkt wurde. In allen diesen Fällen 
war die linke Pupille enger, ohne weitere oculopupilläre Symptome und 
ohne vasomotorische Störungen. 

In einem sechsten Falle waren beide Pupillen eng, die rechte enger 
als die linke, die rechte Lidspalte kleiner, der rechte Bulbus etwas zurück¬ 
gesunken. Hier waren die Erscheinungen durch ein Ca. oesophagi und eine 
in gleicher Höhe befindliche carcinomatose Lymphdrüse, welche Gefässe und 
Nerven umwachsen hatte, entstanden. Da die vordere Dorsalwurzel ca. 20 cm 
hinter den Zahnreihen liegt, Miosis aber auch beobachtet wurde, wenn das 
Oesophaguscarcinom tiefer sass (30, 31, 37, 26 cm hinter den Zähnen), so 
muss man vielleicht an nehmen, dass der Sympathicusstamm schon tiefer unten 
pupilläre Fasern enthält. Auch erscheint es merkwürdig, dass der dem 
Oesophagus viel nähere Recurrens in den 5 Fällen von Sympathicusaffektion 
nur 2mal gelähmt war. 

Dass in allen 5 Fällen die linke Pupille verengt war, ist wohl auf 
den mehr nach links gelogenen Verlauf der Oesophagus zurückzuführen. 

Rieh. Hitschmann (Wien). 

Zur Behandlung des Divertikels der Speiseröhre. Von Berkhan. 
Mitteilungen aus den Grenzgebieten der Medicin und Chirurgie, Bd. 1, 
H. 3. 

Unter Anführung dreier geheilter bezw. gebesserter Fälle von Divertikel 
der Speiseröhre empfiehlt Verfasser das zur Behandlung gebrauchte Instrument, 
eine dicke, allmählich sich nach der Spitze zu verjüngende und an der Spitze 
gebogene Bougie aus Guttapercha, deren Form und Anwendungsweise durch 
eine vom Referenten angefertigte Zeichnung veranschaulicht wird. Referent 
hat den ersten der drei Kranken in seiner letzten Krankheit behandelt und 
durch die Sektion den Erfolg der 19 Jahre zuvor stattgehabten Behandlung 
des Divertikels feststellen können. 

Felix Franke (Braunschweig). 

Endoskopie für Speiseröhre und Magen. 1 . Gegliedertes Oeso- 
phageoskop, welches durch Zug und Drehung streckbar ist 
Von Dr. med. G. K e 1 \i n g - Dresden. Münch, med. Wochenschr. 1897, 

Nr. 34, p. 934. 

Während die früheren Versuche, in die Speiseröhre hineinzusehen, wie 
sie von Stork, Treitel, Bevau, Waldenburg, Makenzie und Löwe 
unternommen wurden, auf dem falschen Prinzip beruhten, mit dem Larynx- 
spiegel in die Speiseröhre hineinzusehen, mit welchen Instrumenten man aber 
weder die Speiseröhre absuchen noch Instrumente zum Abwischen von Schleim, 
Extraktion von Fremdkörpern, von Gewebspartikeln zur mikroskopischen Unter¬ 
suchung, zur Sondierung und Erweiterung von Strikturen u. s. w. einführen 
konnte, ist es das Verdienst von Mikulicz, als erster erkannt zu haben, 
dass es notwendig ist, dass man in die Speiseröhre gerade hineinsehen könne. 
Mit Hilfe des Oesophageoskops von Mikulicz haben dann Hacker und 
Ros enheim ausgedehnte Untersuchungen angestellt Einen wesentlichen 
Fortschritt brachte dann das neue Instrument von Störk, der an das starre 
Rohr unten eine Reihe von Gliedern anbrachte mit seitlichen Nieten, vorne 
tragen die Glieder Ausschnitte, während sie hinten in gestreckter Stellung 
aneinander schlagen; nach der Einführung wird das Instrument durch Drehung 


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um 180° und Druck gegen die Wirbelsäule gestreckt. Damit ist das Un¬ 
natürliche und Gefährliche beseitigt, dass man in die von Natur aus ge¬ 
krümmte Speiseröhre einen starren, geraden Tubus einführen will. Auf dem¬ 
selben Prinzip beruht das Oesophageoskop des Verfassers, das er in zwei Zeich¬ 
nungen, das eine bei gebogener, das andere bei gestreckter Stellung, demon¬ 
striert Im wesentlichen besteht das Oesophageoskop aus einer Reihe von ein¬ 
zelnen Gliedern, die alle von einem dünnen Gummischlauch überzogen sind 
und von denen jedes mit einer Oese versehen ist durch die vom untersten 
bis zum obersten Glied ein Docht hindurchgeht. Die Glieder sind am Mund¬ 
stück an einer Hülse befestigt welche auf der Rückenfläche in der Längs¬ 
richtung eingeschnitten ist. Ueber diese Hülse schiebt sich eine zweite kür¬ 
zere, welche innen einen Vorsprung hat, der in den Einschnitt hineinpasst 
und sich in ihm schlitten artig verschiebt. An diesem Vorsprung ist der Draht 
befestigt. Wird die kurze Hülse nach vorne geschoben, so wird der Draht 
angezogen und somit die Röhre gestreckt. Dieses Vorschieben der Hübe ge¬ 
schieht durch eine Hebel Vorrichtung; werden die äusseren Schenkel des He¬ 
bels zusammengedrückt, so wird die Röhre gestreckt Zwischen den beiden 
Griffen ist eine selbstthätige Arretiervorrichtung angebracht. Für die Ein¬ 
führung dient als Mandrin ein gewöhnliches Stahlstäbchen mit unten ange¬ 
bundenem Schwamm, der bei jeder Untersuchung zu erneuern ist Die Be¬ 
leuchtung kann mit dem Leite rischen Panelektroskop oder mit der K asperi¬ 
schen Handlampe oder mit einer Platinschlinge mit Kühlvorrichtung stattfinden. 
Für die Praxis ist das Instrument in vier Grössen angefertigt Verfasser 
erörtert dann die verschiedenen Kontraindikationen für die Oesophagoskopie, 
sowie die Vornahme derselben und deren Nutzen, ohne dabei Neues zu bringen. 

Ziegler, München. 


b. Magen. 

Three cases of ruptured gastric ulcer treated by laparotomy, sutnry, 
and washing ont of the peritoneuni. Von Thomas H. Morse. Bri¬ 
tish med. Journ., 13. Februar 1897. 

Autor berichtet über drei Fälle von perforiertem Magengeschwüre mit 
rasch darauf vorgenommener Laparotomie, Verschluss des Geschwüres durch 
die Naht und Auswaschen der Peritonealhöhle. Zwei Fälle gingen in Heilung 
aus, einer starb. 

Die beiden ersten betrafen zwei ca. 20 Jahre alte, an vorausgegangenen Dys¬ 
pepsien leidende Mädchen. Es wurde vier, bezw. fünf Stunden nach constatiertem 
Durchbruche des Magengeschwüres durch die mediane Laparotomiewunde der Magen 
vorgezogen; das Geschwür befand sich jedesmal an der vorderen Wand. Durch eine 
Reihe Lembert’scher und eine zweite Reihe Serosanähte wurde das Geschwür ver¬ 
schlossen, die Bauchhöhle mit sterilem Wasser solange ausgespült, bis dasselbe rein 
herauskam. Die Bauchwunde geschlossen. In einem Falle war die Heilung durch 
Bildung eines pleuritischen Exsudates verzögert; beide Patientinnen genasen aber 
vollständig. 

Im dritten Falle mit ähnlicher Anamnese und Befunde wurde erst 24 Stunden 
nach erfolgtem Durchbruche operiert. Jedoch ist die Patientin 24 Stunden nach 
der Operation dem physischen Shok erlegen. 

Es ist daher die frühzeitige, exakte Diagnose sehr wichtig, da der 
Shok, welcher der Perforation folgt, sehr stark ist, und die Chancen der 
Operation in geradem Verhältnisse mit der Zeitdauer zwischen Eintritt des 
Ereignisses uud seiner Behandlung abnehmen. Die Heftigkeit des Shoks bei 
Schädigungen der oberen Teile des Abdomens wird erklärt aus der Nachbar- 


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schaft des Plexus solaris und seiner grossen Semilunarganglien. Eine häufige 
Todesursache in den Fällen, welche den ersten Anstoss überleben, ist Lungen¬ 
oder Rippenfellentzündung, wahrscheinlich entstanden durch Hindurchdringen 
von septischen Massen durch das Zwerchfell. Dagegen schützt gründliche 
Reinigung des Peritoneums. 

Siegfried Weiss (Wien). 

Ein seltener Fall von Fremdkörpern iin Magen. Gastrotomie. Heilung. 

Von Fricker, Oberarzt am evang. Hosp. in Odessa. Deutsche medi¬ 
zinische Wochenschrift 1897, Nr. 4. 

Der Fall ist so einzig dastehend, dass er in der politischen Tagespresse 
die Runde gemacht hat, bevor noch die hier gegebene Mitteilung erschien. 

Eine 32jährige Geisteskranke hatte seit 3 Monaten verschiedene Gegenstände 
verschluckt. Jetzt bestanden Schmerzen in der Magengegend, Anschwellung dort, 
Vollsein und Schmerz des Leibes, Erbrechen, Temp. 37,8, Puls 86, Abmagerung. 
Es wurde nun die Gastrotomie vorgenommen und aus dem Magen entfernt: 


1 Schlüssel 

7,5 cm 

lang 

21,38 g 

schwer 

1 Theelöffel (Silber) 

15,5 „ 

ff 

25,15 „ 

V 

1 „ (Christofle) 

14,7 „ 

ff 

36,50 „ 

ft 

1 Gabel ( „ ) 

20,5 „ 

ff 

84,75 „ 

ft 

2 Drahtstifte 

6,5 (8,5) 

ft 

zus. 8,34 „ 

ft 

2 Haarnadeln 


ft 

1,48 „ 

ft 

12 Glasstücke 

ft 

ff 

2,55 „ 

ft 

1 Fensterhaken 

9,8 „ 

ff 

74,72 „ 

ft 

1 Stahlfeder 

ff 

ft 

0,35 ,, 

ft 

9 Nähnadeln 

ff 

ft 

zus. 0,78 „ 

ff 

1 Stück Graphit 

ff 

ff 

2,18 „ 

ft 

1 Schuhknöpfchen 

ff 

ft 

0,30 „ 

ft 

1 Traubenkern 

ft 

ft 

0,03 „ 

ft 

2 Staniolkügelchen 

ft 

ft 

0,45 „ 

ft 


An diesen mit glatter Heilung verlaufenden Fall werden die in der 
Literatur bekannten in tabellarischer Uebersicht angeschlossen, im Ganzen 27, 
wozu die 26 weiteren von Cr6d6 1886 in Langenbeck’s Archiv Bd. XXXIH 
zusammengestellten kommen. Mit dem eigenen Fall überblickt Fricker 
also 54 Fälle. 

Im Ganzen können die Resultate dieser Fälle als günstig bezeichnet 
werden: 81,4°/ 0 Heilungen, 18,6 °/ 0 tödliche Ausgänge. Die vorantisep¬ 
tische Zeit hat dabei fast ebenso gute Erfolge gehabt, wie die antiseptische 
(78,9 °/ 0 : 82,0 °/ 0 Heilungen). Dagegen hat die Antisepsis die Resultate 
der Operation bei fehlenden Verlötungen wesentlich verbessert, nämlich: 

Frühoperationen 10, geheilt 8, gestorben 2. 


oi m , . • . _ f bei Verlotungen geheilt 

l ohne „ „ 


3, gestorben 1 
12 , „ 1 

1, gestorben — 

2 , „ — 

3, „ 2 


~ . , | mit Verlötungen geheilt 

Operationszeit unbe- I , ° ° 

kanntS i °^ e ” ” 

Die beste Therapie ist natürlich die Frühoperation; von den hier ge¬ 
storbenen 2 Fällen ging einer durch bereits vorher bestehende Peritonitis, der 
zweite durch Erschöpfung am 5. Tage nach der Operation zu Grunde. 

Gumprecht (Jena). 


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In 


I. Sammel-Referate. 

Matth es, M., Sammelreferat über multiple 
Myositiden, p. 65—73. 

Literatur p. 73—74. 

Fischer, J., Zur Pathologie und Therapie der 
Wanderniere (Fortsetzung), p. 75—84. 

Literatur (Fortsetzung), p. 85—87. 

II. Referate. 

Goldberger, M. und Weiss, S., Die Jod¬ 
reaktion im Blute und ihre klinische Ver¬ 
wertung in der Chirurgie, p. 88. 

Monari, U., Experimentelle Untersuchungen 
über die Abtragung des Magens und des 
Dünndarmes beim Hunde, p. 89. 

Goldschmidt, E., Einfaches Verfahren zur 
Bestimmung der Grösse des flüssigen Magen¬ 
inhaltes, p. 89. 

Askanazy, M., Kann Darminhalt in der 
menschlichen Bauchhöhle einheilen? p. 90. 

Makletzow, J. J., Ueber die Permeabilität 
der Darmwand für Mikroben bei Darmver¬ 
schluss, p. 91. 

Hübscher, Die Perimetrie des Handgelenkes, 

p. 92. 

Kocher, Th., Die Verletzungen der Wirbel¬ 
säule, zugleich als Beitrag zur Physiologie 
des menschlichen Rückenmarks, p. 92. 

Berkhoff, B., Zur Beurteilung der Wirbel- 
körperbrüche am unteren Abschnitt der 
Wirbelsäule, p. 103. 

Schäffer, O., Ueber Blutergüsse in den 
Wirbelkanal bei Neugeborenen und deren 
Ursachen, p. 104. 

Bechterew, W. v., Von der Verwachsung 
oder Steifigkeit der Wirbelsäule, p. 105. 

Strümpell, A., Bemerkung über die chronisch 
ankylosierende Entzündung der Wirbelsäule 
und der Hüftgelenke, p. 106. 

Henle, A., Hämatomyelie, kombiniert mit 
traumatischer Spondylitis, p. 107. 

Heidenhain, L., Erfahrungen über trauma¬ 
tische Wirbelentzündungen, p. 108. 

Kirsch, E., Traumatische Spondylitis und 
hysterische Kontraktur, p. 109. 

Staffel, F., Ein Fall von traumatischer Spon¬ 
dylitis, p. 108. 

Vulpius, O., Zur Behandlung der trauma¬ 
tischen Wirbelentzündung, p. 109. 

Schneller, Ein Fall von traumatischer Spon¬ 
dylitis, p. 110. 


alt 

Dinkler, M., Ueber die anatomische Grund¬ 
lage einer anscheinend falschen Segment¬ 
diagnose bei tuberkulöser Kompressions¬ 
myelitis, p. 110. 

Vulpius, O., Ueber das gewaltsame Re¬ 
dressement des Buckels, p. 110. 

Föderl, O., Enchondrom der Halswirbel¬ 
säule, p. iii. 

Rieken, St., Ueber Lumbalpunktion, p. 112. 

Leutert, E., Die Bedeutung der Lumbal¬ 
punktion für die Diagnose intracranieller 
Komplikationen der Otitis, p. 112. 

Fleisch mann. Die Ergebnisse der Lumbal¬ 
punktion, p. 113. 

Wilms, M., Diagnostischer und therapeu¬ 
tischer Wert der Lumbalpunktion. Druckbe¬ 
stimmung mit Quecksilbermanometer, p. 114. 

Weutworth, H., Lumbar punkture, p. 116. 

Seegelken, Ueber multiples Myelom und 
Stoffwechseluntersuchungen bei demselben, 
p. 116. 

Bozzolo, C., Ueber die Kahlerische Krank¬ 
heit, p. 117. 

Pincus, L., Die sogenannte Myositis pro¬ 
gressiva ossificans multiplex, eine Folge 
von Geburtsträumen, p. 118. 

Kali sch er, S., Ueber angeborene Muskel¬ 
defekte, p. 118. 

Brück, M., Ueber Myositis scarlatinosa, p. 120. 

Risse, H., Polymyositis und akuter Gelenk¬ 
rheumatismus, p. 120. 

C ursch mann, H., Ueber eine besondere 
Form von schwieliger Muskelentartung, p. 120. 

Siegert, F., Die Pharynxtuberkulose im 
Kindesalter, p. 121. 

R u m p e 1 , Th., Die klinische Diagnose der spin¬ 
delförmigen Speiseröhrenerweiterung, p. 122. 

Jaffe, M„ Ueber idiopathische Oesophagus- 
erweiterungen, p. 123. 

Czerny, Therapie der krebsigen Striktuien 
des Oesophagus, des Pylorus und des Rec- 
tums, p. 123. 

Hitzig, Th., Ueber das Vorkommen und 
die Bedeutung einer Pupillendifferenz beim 
Oesophaguscarcinom, p. 124. 

Berkhan. Zur Behandlung des Divertikels 
der Speiseröhre, p. 125. 

Ke Hing, G., Endoskopie für Speiseröhre und 
Magen, p. 125. 

Morse, Th. H., Tree Cases of ruptured 
gastric ulcer treated by laparotomy, sutury, 
and washing out of the peritoneum, p. 126. 

F r i c k e r, Ein seltener Fall von Fremdkörpern 
im Magen. Gastrotomie. Heilung, p. 127. 


Um Einsendung von Separat-Abdrücken, Monographien nnd Büchern an den 
Redaktenr Privat-Doe. Dr. HERMANN SCHLESINGER, Wien, IX, Allgemeines Krankenhaus 
wird gebeten. 


Druck von Ant. Kämpfe in Jena. 


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CORNELL UNIVERSITY _ 




CENTRALBLATT 

für die 

Qrenzgebiete der Medizin und Chirurgie. 

Herausgegeben von 

I)r. Hermann Schlesinger, 

Privatdocent an der Universität in Wien. 

Verlag von GUSTAV FISCHER in Jena. 


I. Band. 


Jena, Februar 1898. 


Nr. 3. 


Das Centralblatt für die Grenzgebiete der Medizin und Chirurgie erscheint monatlich 
im Umfange von 3—4 Druckbogen. Der Umfang des Jahrgangs wird etwa 40 Druck¬ 
bogen betragen. Das Abonnement für das Centralblatt kostet 16 Mark für den Band in 
12 Nummern. — Die Abnehmer der Mitteilungen aus den Grenzgebieten der 
Medizin und Chirurgie, herausgegeben von J. Mikulicz und B. Naunyn, erhalten 
das Centralblatt zum Vorzugspreise von 12 Mark. 


I. Sammel-Referate. 


Die Castration beim Weibe und ihre Beziehungen 
zum Gesamtorganismus. 

Von Dr. Arthur Foges in Wien. 

Die folgende Zusammenstellung soll ein Bild jener Literatur geben, 
welche in den letzten drei Jahren über die Beziehungen der Castration zum 
Gesamtorganismus erschienen ist; der Einfluss der Castration auf die Genital¬ 
organe, sowie ihr Zusammenhang mit Psychosen wurden, als dem Zwecke 
dieses Blattes nicht entsprechend, unberücksichtigt gelassen. Es wurde aber 
die Organotherapie, soweit sie bei der Castration in Betracht kommt, heran¬ 
gezogen. 


Castration und nervöse Erscheinungen. 

i a) Liesau, Der Einfluss der Castration auf den weiblichen Organismus. Mit be¬ 
sonderer Berücksichtigung des sexuellen und psychischen Lebens. Freiburg i. B. 1896. 

I b) Kalabin, Zur Frage der Ablaüon der Adnexe des Uterus. Centralblatt für 
Gynäkologie 1896, Nr. 49. 

2) Debove, Lyon m6dic. 3, I, 1893, nach Referat. 

3) Routh, Ueber die Castration der Frauen, ihre häufige Unangemessenheit und die 
offenbaren Vorteile einer konservativen Chirurgie in diesen Fällen. Prov. m6d. journ. 
Leicester, Juni 1894, nach Referat. 

4) Orloff, Kurzer Bericht über 200 Laparotomien. Centralblatt für Gynäkologie 
1894, Heft Nr. 5. 

CentralbUtt f. d. Qr. d. Med. u. Chir. I. 9 


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CORNELL UNfVERSSTV 




130 


5) Marion Sims jun., 7 P'älle von Hysteroepilepsie geheilt durch operative Be¬ 
handlung. Med. record. 27. Mai 1893, nach Referat. 

6) Grandin, Verhandlungen der Gesellschaft für Geburtshilfe zu New-York. 15. De¬ 
zember 1895. 

7) K. v. Braun. Geburtshilflich-gynäk. Gesellschaft in Wien. 21. April 1896. 
Centralblatt für Gynäkologie Nr. 46. 

8) Krömcr, Beitrag zur Castrationsfrage. Zeitschrift für Psychologie LII, I, nach 
Referat. 

9) Edcs, Ovariotoiny for nervous disease. Boston. Journal, nach Referat. 

10) F ischlein, lieber die Beziehungen der Hysterie zu den gynäk. Operationen. 
Inaug.-Diss. Berlin, nach Referat. 

11) de la Tourette, Du traitement chirurgical de l’hysterie. Arch. de tocolog. et 
de gynecolog. Vol. 21, nach Referat. 

12) Möbius, Ueber die gegenwärtige Auffassung der Hysterie. Monatschrift für 
Geburtshilfe und Gynäkologie 1895, Heft l. 

13) Wind scheid, Die Beziehungen zwischen Gynäkologie und Neurologie. Central¬ 
blatt für Gynäkologie 1896, Nr. 22. 

14) F. Mathaei, Ueber Ovarialrcsektion. Zeitschrift für Geburtshilfe u. Gynäkologie. 
Bd. XXXI, 1895. 

15) H. Eisenhart, Die Wechselbeziehungen zwischen internen und gynäkologischen 
Erkrankungen. Stuttgart (Verlag Enke) 1895. 

16) Goodell, Die Wirkung der Castration an der Frau neb$t anderen Problemen 
der Gynäkologie. Med. news 1893. 

17) Don net, R., On the late Results obstained from conservativc Operation on 
the ovarics with a Report of 22 Cases. Ann. of Gyn. and Paed. Vol. 9, nach Referat. 

18) F. Jagle, Die physiologischen Wirkungen der Castration bei der Frau. Rev. 
de Gynec. et de Chir. abdom. Heft 1, 1897, nach Referat. 

19) Hegar-Kaltenbach, Operative Gynäkologie. Stuttgart 1897. 

In einer grösseren Arbeit Liesau’s 1 “), dem das bedeutende Material 
Hegar’s zur Verfügung stand, wird der Einfluss der Castration auf das 
Weib nach den verschiedensten Richtungen hin übersichtlich mit Verwertung 
der umfangreichen Literatur dargestellt. Als wichtigste nervöse Erscheinungen 
beim anticipierten Klimax charakterisiert Li es au (auf Grund von 50 exakt 
beobachteten Fällen) „Wallungen, die sich in einem blitzschnell von unten 
zum Kopf aufsteigenden Hitzegefühl kundgeben, wobei es gleichzeitig zum 
Erröten der Haut an den betreffenden Körperteilen, besonders im Gesicht 
kommt (nur 6mal wurden Wallungen vollkommen vermisst)“. 

Die Häufigkeit und Dauer dieser Wallungen sind sehr verschieden; 
sie wiederholten sich in der ersten Zeit nach der Operation öfter (manchmal 
nur der Periode entsprechend). Die Wallungen traten nach Li es au 19mal 
in Form von Uebergiessungen auf, denen Schweissausbruch folgte; als 
Begleiterscheinungen nennt er noch: Schwindel (lGmal), Flimmern vor 
den Augen (14), Ohrensausen (12), Kopfweh (7), Erbrechen (3), Frösteln (2), 
Herzklopfen (2), Trockenheit im Munde (1). 

Bei einer castrierten Frau, über welche Kalabin lb ) berichtet, waren 
neben lokalen Beschwerden (Blutungen, Schmerzen im Unterleib) Herzklopfen, 
Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Angstgefühle aufgetreten; 6 Jahre post ope- 
rationem zeigten sich Nervenanfälle mit Konvulsionen in Händen und Füssen ; 
während dieser Anfälle verliert die Kranke auch teilweise die Besinnung, ist 
die ganze Zeit über apathisch, energielos und schwach an Willenskraft; das 
Gedächtnis ist abgeschwächt Jede psychische Anstrengung ermüdet die 
Kranke; auch bestehen Ermüdungserscheinungen der Augen und zeitweise 
Schwäche des Gehörs. Kalabin meint mit Beziehung auf diesen Fall, dass 
eine Ablation der Adnexe für Pat nicht gefahrlos ist, indem eine Reihe 
ernster Störungen im Nervensystem eintreten. 


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Debove 2 ) teilt einen Fall mit, in welchem bei einer Frau ein halbes 
Jahr nach der Entfernung der beiden Tuben und der degenerierten Ovarien 
ein exquisit hysterischer Anfall auftrat; an der Patientin war früher nie 
etw T as von Hysterie zu bemerken gewesen; es bestand nur eine gewisse Er¬ 
regbarkeit In wechselnden Intervallen wiederholten sich die hysterischen An¬ 
fälle; die Kranke zeigte eine rechtsseitige Hemianästhesie mit ausgeprägtem 
Ovarialschmerz. 

Aus einem Referate über Routh's 3 ) Arbeit sei nur erwähnt, dass der¬ 
selbe ein von den Eierstocken secemiertes Produkt „Spermin“ annimmt, 
welches wieder in den Kreislauf zurückgelangt und vor allem anderen durch 
seine kräftigenden Eigenschaften dazu dient das Wohlbefinden des Weibes 
zu erzeugen; sein Fehlen, wie nach der Castration, führt zu körperlichen und 
geistigen Schwächungen; unvollständige * Castration hat ähnliche Wirkung, 
aber in geringerem Grade. 

Orloff 4 ) berichtet über einen Fall von Hysteroepilepsie mit chronischer 
Oophoritis duplex, wo sich Patientin noch ein Jahr nach der Castration voll¬ 
kommen wohl fühlte; in einem 2. Falle (Hysterie und Perioophoritis duplex) 
brachte die beiderseitige Entfernung der Ovarien gar keine Erleichterung. 

Sieben durch operative Behandlung geheilte Fälle von Hysteroepilepsie 
wurden von Marion Sims jun. 5 ) mitgeteilt; fünfmal wurde die Heilung 
durch abdominelle Entfernung der Adnexe herbeigeführt, nachdem die ge¬ 
wöhnlichen Behandlungsmittel sich als nicht ausreichend erwiesen hatten (in 
2 Fällen führte die intrauterine Therapie zum Ziele). Die seit Beendigung 
der Behandlung verflossene Zeit genügt — im ältesten Fall sind schon 
7 Jahre verflossen — um die Heilung als dauernd ansehen zu können. 

Grandin 6 ), welcher sich wegen seiner schlechten Erfahrungen vorge¬ 
nommen hatte,. bei Neurosen nicht mehr zu operieren, berichtet über ein 
19 jähriges geistig entwickeltes, körperlich zurückgebliebenes Mädchen, welches 
zur Zeit der Menses die schrecklichsten Schmerzen, verbunden mit heftigen 
epileptiformen Anfällen, hatte. Grand in entschloss sich auf das Drängen 
der Kranken und deren Eltern zur Castration (Ovarien und Uterus infantil), 
welche vollen Erfolg hatte, indem Patientin bis jetzt — 9 Monate p. op. 
— von ihren Anfällen völlig frei ist. 

R. v. Braun 7 ) berichtet über einen Fall, bei dem wegen hochgradiger 
Magenneurose die Entfernung des rechten Eierstockes vorgenommen wurde; 
die 26jährige Frau, welche frühzeitig an Magen- und Bauchschmerzen ge¬ 
litten hatte, während einer Schwangerschaft im 20. Jahre sehr häufig erbrach, 
ist seit ihrem 22. Jahre fast unaufhörlich leidend (Schmerzen in der rechten 
Bauchseite, täglich wiederholtes Erbrechen unabhängig von der Mahlzeit). 
Es wurde das rechte vergrösserte, druckempfindliche Ovarium vaginal entfernt; 
zur Zeit des Vortrages — 3 Wochen p. op. — bestehen keine Schmerzen 
und kein Erbrechen. 

Krömer 8 ) berichtet über den günstigen Einfluss der Castration in 
vier Fällen, bei denen es sich dreimal um hysteroepileptische Anfälle und 
einmal um maniakalische Erregungszustände handelte. Die Ovarien waren 
meist kleincystisch degeneriert; der Erfolg der Operation stellte sich erst 
ziemlich spät ein. 

Edes 9 ), der in 20 Fällen wegen nervöser Erkrankungen operierte, hat 
keine günstigen Resultate, ebenso wie Fischlein 10 ), der die Castration wegen 
Hysterie verwirft; de la Tourette ll ) weist als Neurologe die Castration bei 
der Hysterie zurück. 

9 * 


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Möbius 12 ) sagt in einem Aufsatz über „Hysterie", dass der schänd¬ 
liche Missbrauch, der mit der Castration und anderen eingreifenden Verfahren 
ohne örtliche Indikation getrieben worden ist, wohl von allen besonne¬ 
nen Gynäkologen verurteilt werde. 

Windscheid 18 ), der im allgemeinen die Beziehungen zwischen Gynä¬ 
kologie und Neurologie bespricht, wendet sich entschieden gegen die Ent¬ 
fernung gesunder Ovarien zur Heilung von Neurosen. Zur Erklärung von 
Castrationsneurosen zieht er die Cachexia strumipriva herbei; er begrüsst es 
mit Freude, dass neuerdings bei Operationen an den Ovarien wenigstens 
ein Teil derselben stehen gelassen wird. 

F. Mathaei 14 ) berichtet über 6 Fälle von Ovarialtumoren, in welchen 
gesunde Ovarialreste zurückgelassen wurden. Die Patientinnen, welche in 
jugendlichem Alter standen, sind von allen unangenehmen Zuständen, die 
der Castnition folgen, befreit geblieben; alle haben ihre Menstruation behalten, 
5 haben concipiert. 

Mathaei hält die Ovarialresektion für indiziert in Fällen, in denen zahl¬ 
reiche Retentionscysten vorhanden sind, bei Dermoidcysten und mit äusserster 
Vorsicht bei glandulären proliferierenden Kystomen gutartigen Charakters. 

In ähnlicher Weise spricht sich Donnet 17 ) aus; ebenso Jagle 18 ), 
der die totale Entfernung beider Ovarien nur als ein letztes Mittel aus¬ 
geführt wissen will. 

Die Entfernung der normalen weiblichen Geschlechtsdrüsen zur Heilung 
nervöser Krankheiten, vor allem der Hysterie, wird von den Neurologen ver¬ 
dammt und von den Gynäkologen kaum mehr ausgeführt; die Erkenntnis, 
dass die anticipierte Klimax nervöse Erscheinungen mit sich bringe, hat ein¬ 
zelne Gynäkologen konservativer gemacht, wie die früher erwähnte Arbeit 
Mathaei’s über Ovarialresektion beweist. 

Andererseits finden wir in der neuen Auflage von Hegar-Kalten- 
bach’s 19 ) „Operative Gynäkologie" eine entschiedene Stellungnahme gegen die 
übertriebene Furcht vor Ausfallserscheinungen (Sympathicusneurosen, Wert) 
nach der Castration. Nach den grossen Erfahrungen der Verfasser (167 Fälle 
von doppelter Castration Ovariotomie und Salpingotomie, von denen spätere 
Nachrichten vorhanden sind), war das Allgemeinbefinden der Operierten nie¬ 
mals besonders gestört. Verschlechterungen und Wiederausbruch alter Be¬ 
schwerden traten aber auf, wenn sich nach der Operation die Periode mehr 
oder weniger regelmässig einstellte (Menopause trat ein in 80,8°/ 0 , und zwar 
in 55,7°/ 0 sofort, in 25,l°/ 0 nach ein- oder mehrmaligem Blutabgang, in 
19,2 °/ 0 war sie zur Zeit noch ausgeblieben). 

Die Verfasser sind daher für eine möglichst vollständige Entfernung 
der Ovarien und wenden sich gegen jene Anschauungen, welche auf einer 
Analogie mit der Schilddrüsenfunktion beruhen. „Die Schilddrüse hat keinen 
Ausführungsgang und gibt ihr Sekret, wenn man es so nennen darf, nicht 
nach aussen, sondern in die Säftemasse vollständig ab. Der Eierstock jedoch 
lässt sein Sekret in den Sexualschlauch eintreten.“ Erwähnt wird in dem 
Buche, dass manche Frauen nach der Operation Gedächtsnisschwache und 
Vergesslichkeit zeigen; gegenüber der allgemeinen Behauptung, dass dem Ge¬ 
mütszustände der Frau durch die Castration Gefahren drohen, heben die Ver¬ 
fasser hervor, dass sie häufig eine heitere, frohe Stimmung bei den Operierten 
wahrgenommen haben und eine gedrückte Stimmung nur dann vorhanden war, 
wenn sie schon vor der Operation bestand oder auf einem ungenügenden 
Erfolg beruhte. 


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Castration und Osteomalacie. 

1) Löh lein, Erfahrungen über den Wert der Castration bei Osteomalacie. Zeit¬ 
schrift für Gynäkologie und Geburtshilfe, Bd. XXIX, 1894. 

2) Orth mann, Beitrag zur Bedeutung der Castration bei Osteomalade. Zeitschrift 
für Geburtshilfe und Gynäk. Bd. XXX, 1894. 

3) Donat, Die Castration bei Osteomalade. Monatsschrift für Gynäk. und Geburts¬ 
hilfe 1895, Heft 2. 

4) Kleinwächter, Zur Frage der Castration als heilender Faktor der Osteomalacie. 
Zeitschrift für Geburtshilfe und Gynäkologie Bd. XXXI, 1895. 

5) Fehling, Weitere Beiträge zur Lehre von der Osteomalade. Archiv für Gynä¬ 
kologie, Bd. XLVIII, 1895. 

6) Weil, Osteomalacie und Castration. Prager med. Wochenschrift 1895. 

7) Poppe, Ueber die Castration bei Osteomalacie. Inaug.-Diss., Freiburg 1895, 
nach Referat. 

8) Polgar, Die Heilung der Osteomalade mittels Castration. Archiv für Gynä¬ 
kologie Bd. XLIX. 

9) Truzzi, Castration wegen Osteomalade. Atti della soc. di Ost. e Gin. 1895, 
nach Referat. 

10) Chiarleoni, Zwei Porro’sche Kaiserschnitte wegen Osteomalade. Rassegna di 
Ost. e Gin. 1895, Nr. 8. 

11) Thorn, Zur Casuistik der Castration bei Osteomalacie. Centralblatt für Gynä¬ 
kologie 1896, nach Referat. 

12) Eckstein, Ueber den Einfluss der Castration auf die Osteomalade. Prager 
medic. Wochenschrift 1896. 

13) Illeger, Ueber die Castration als Heilmittel der Osteomalade. Inaug.-Diss., 
Würzburg 1895. 

14) Fertig, Ueber Osteomalade und deren Heilung durch Castration. Inaug.-Diss., 
Hddelberg 1895. 

15) v. dem Bussche-Haddenhausen, Die in den Jahren 1890—1894 in der 
Frauenklinik zu Göttingen operierten Fälle von Osteomalade. Archiv für Gynäkologie 
Bd. XLIX. 

16) Neumann, Weitere Beiträge zur Lehre der Osteomalacie. Archiv für Gynä¬ 
kologie Bd. L. 

17) Breithardt, B., Zwei Fälle von Castration bei Osteomalacie. Inaug.-Diss., 

Kiel. 

18) Heyse, G., Ein Beitrag zur mikroskopischen Anatomie der Ovarien Osteomala- 
dscher. Archiv für Gynäkologie Bd. LIII, 1897. 

19) Gelpke, Einige Bemerkungen über die Knochenerweichung der Erwachsenen 
(Osteomalacie). Monatsschrift für Geburtshilfe und Gynäkologie Bd. V, Ergänzungsheft, 1897. 

20) Bossi, Sulla castrazione nell, osteömalacia a proposito dei cosi operati con esito 
felice. Atti della R. Acad. Medic. di Genova 1895. 

21) Latzko, Beiträge zur Diagnose und Therapie der Osteomalacie. Monatschrift 
für Geburtshilfe und Gynäkologie, Bd. VI, 1897. 

22) Ferroni, Histologische Struktur der Ovarien bei Osteomalacie. Annale de Oste- 
tricia 1897, nach Referat. 

Löhlein 1 ) berichtet ausser über 3 nach Porro mit Erfolg operierte Fälle 
von Osteomalacie über 8 Fälle, bei denen die Castration vorgenommen wurde. 
Ein Fall endete wenige Tage nach der Operation letal (Darmparalyse, Fett¬ 
herz), 7 Fälle können als definitiv geheilt betrachtet werden. Unter defi¬ 
nitiver Heilung versteht Löh lein, der Meinung Winckel’s folgend, eine 
Heilung, die man an einer Patientin konstatiert, die wenigstens ein Jahr in 
Beobachtung stand. Die heilende Wirkung der Castration sieht der Verfasser 
in der Aufhebung des menstrualen Vorgangs (Beseitigung der prämenstrualen 
und menstrualen Congestion zu den Blutgefässen des Beckens und des Thorax); 
er steht also nur teilweise auf dem Standpunkte Fehling’s, der die Osteo¬ 
malacie als eine Trophoneurose der Knochen ansieht, die vom Ovarium ab¬ 
hängt (krankhafte Thätigkeit der Ovarien führt durch reflektorische Wirkung 
auf die Sympathicusbahnen zu einer krankhaften Reizung der Vasodilatatoren; 


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unter dem Einflugs der venösen Hyperämie des Knochens erfolge zuerst Auf¬ 
lösung der Kalksalze, dann die Einschmelzung des Knochengewebes). Löh- 
lein, der seine divergierenden Befunde an den exstirpierten Ovarien als un¬ 
verwendbar betrachtet, hebt als Stütze seiner Theorie (Beseitigung des men- 
strualen Vorgangs) die Thatsache hervor, dass in 2 seiner Fälle mit der nach 
6—7 monatlicher Cessation (post castrat) wiedergekehrten Menstrualblutung 
Exacerbationen des Knochenleidens ein traten. 

Zum Schlüsse hebt Verfasser hervor, dass die Castration ein wichtiger 
Heilfaktor sei, der zunächst fast ausnahmslos den Kranken wesentliche Er¬ 
leichterung bringe; die weiteren Fortschritte in der Genesung seien öfters 
nur zögernd und Rückfälle nicht ausgeschlossen. 

Orthmann 2 ), welcher den von Wincke 1 gesammelten 1G Fällen von 
Heilungen der Osteomalacie nach Castration noch 12 Fälle aus der Literatur 
hinzugefügt, berichtet über einen von ihm operierten Fall von Osteomalacie: 

3G jährige, IX para; die Krankheit trat während der vierten Schwanger¬ 
schaft auf und steigerte sich trotz verschiedentlicher medikamentöser Behand¬ 
lung innerhalb 6 Jahren so, dass Pak vollkommen arbeitsunfähig wurde. 
Die Castration befreite Pak von ihren Beschwerden und machte sie wieder 
arbeitsfähig (letzter Bericht S x / 2 Jahre post operationem). Orthmann legt 
grosses Gewicht auf den mikroskopischen Befund an den Ovarien — hyaline 
Degeneration der arteriellen Gefässe; es stimmt diese Beobachtung mit denen 
v. Velits überein, welcher in 9 Fällen jedesmal in den Ovarien sowohl, wie 
in den exstirpierten Teilen des Uterus eine mehr oder weniger hochgradige 
hyaline Degeneration der Arterien nachweisen konnte. 

Donat 3 ) berichtet über einen Fall von hochgradiger Osteomalacie 
(grosse Druckempfindlichkeit, bedeutende Veränderungen der Wirbelsäule 
und des Beckens), wo nach der Castration eine bedeutende Besserung ein trat; 
Pak, welche das Bett nicht mehr hatte verlassen können, ging 5 Monate p. op. 
ohne Schmerzen wieder und fühlte nur noch eine Schwäche im rechten 
Beine. Die mikroskopische Untersuchung der exstirpierten Ovarien ergab 
Verdickung und hyaline Entartung der Gefässwände. Verfasser spricht der 
Castration einen grossen Heilwert bei der Osteomalacie zu, will sie aber nur 
dann angewendet wissen, wenn die Krankheit trotz medikamentöser Behand¬ 
lung rasche Fortschritte zeigt. 

Kl ein Wächter 4 ) berichtet übereinen Fall von hochgradiger Osteomalacie 
bei einer 9. gebärenden Frau, bei welcher er den konservativen Kaiserschnitt 
machte, die Ovarien aber nicht entfernte; obwohl hier keine Castration vor¬ 
genommen wurde, nahmen die osteomalacisehen Beschwerden ab, und Patientin 
stellte sich 3 Jahre p. op. als vollkommen gesund vor. Die festen Knochen 
waren bei Druck unempfindlich. Kleinwächter will mit der Publikation 
dieses Falles nichts beweisen, da es ja im allgemeinen längst bekannt isk 
dass nach abgelaufener Schwangerschaft die Osteomalacie zum Stillstand 
kommen kann. 

Fehling 5 ) berichtet über 14 von ihm bei Osteomalacie vorgenommene 
Castrationen und 6 Porro-Kaiserschnitte. (Die neun ersten Fälle sind von 
ihm im Archiv für Gynäkologie Bd. XXXIX beschrieben worden.) 

Der Erfolg der Castration in den 14 Fällen schwerer Osteomalacie 
ist folgender: 

Eine Kranke starb unmittelbar nach der Operation (Darmstenose). 

Eine Kranke, deren völlige Heilung nach der Castration ein Jahr lang 
verfolgt worden war, ist nach auswärts verzogen und nicht aufzufinden. 


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Vier Kranke sind, nachdem die Heilung bei ihnen mindestens 2 Jahre 
beobachtet war, auswärts gestorben; bei allen war die Gehfähigkeit bis zum 
Eintritt der letalen Krankheit erhalten. 

8 operierte sind am Leben und zwar: 

2 vor 7 Jahren operiert, völlig geheilt 
» » »> 

V » » 

„ wesentlich gebessert 

„ nach über 2 Jahre andauernder 

Heilung seit 3 / 4 Jahren etwas rückfällig. 

Von den 6 durch Porro-Kaiserschnitt entbundenen Frauen sind 5 ge¬ 
heilt (eine davon etwas rückfällig) und eine erlag der Sepsis nach der 
Operation. 

Die exstirpierten Ovarien (untersucht von Dr. Rossier) zeigen ähnliche 
Befunde, wie sie Velits beschrieb (hyaline Degeneration der Gefässe). 

Fehling empfiehlt die Castration (Entfernung der Tuben und Ovarien) 
für die schweren Fälle der Osteomalacie (ausserhalb des Puerperiums), wenn 
alle Mittel ohne Erfolg angewendet wurden und die Patientin geh- und ar¬ 
beitsunfähig geworden ist 

Ueber Heilung von Osteomalacie durch Castration berichtet Weil 6 ); 
ein halbes Jahr p. op. trat bei einem Falle Gehfähigkeit auf; Eckstein 15i ) 
konnte in 2 Fällen sehr schwerer Osteomalacie, wobei einmal wegen des 
hochgradigen Marasmus, im zweiten Fall wegen chronischer Nephritis von 
medikamentöser Behandlung abgesehen werden musste, einen raschen und 
vollen Erfolg der Castration beobachten. Poppe 7 ), der eine Uebersicht über 
sämtliche bei Osteomalacie durch Castration behandelte Frauen (113 Fälle) 
gibt, berichtet über drei an der HegaU sehen Klinik so behandelte Fälle; er 
hebt besonders die Befunde an den exstirpierten Ovarien hervor, die eine 
vielfach zu Blutextravasaten führende Hyperämie, Vermehrung und Er¬ 
weiterung der Gefässe und eine hyaline Degeneration der Arterien zeigten; 
der Erfolg, von dem die Entfernung der Ovarien begleitet ist, spricht dafür, 
in derartig veränderten Ovarien die Ursache der Osteomalacie zu erblicken, 
dieselbe also als eine von den Ovarien ausgehende Trophoneurose der 
Knochen zu betrachten. Weil und Eckstein fanden wohl sämtliche Ge¬ 
fässe der Adnexe ausgedehnt und mit Blut gefüllt, aber keine hyaline De¬ 
generation der Blutgefässe. 

Polgar 8 ), der entschieden für die Castration bei Osteomalacie eintritt, 
teilt 7 einschlägige Fälle aus der Kizmarszky* sehen Klinik in Pest mit 
(1 Fall an Sepsis gestorben). 

Truzzi 0 ) bringt eine Zusammenstellung aller dem Verfasser bekannten 
Fälle von Castration bei Osteomalacie; Chiarleoni 10 ) berichtet über zwei 
Porro’sche Kaiserschnitte wegen Osteomalacie; in einem der beiden Fälle 
wurde keine Heilung des osteomalacischen Prozesses erzielt 

Thorn 11 ) berichtet über einen Fall von Osteomalacie bei einer 31 jäh¬ 
rigen früher gesunden Frau. Die Zeichen der Osteomalacie traten schon bei 
der ersten Gravidität auf und wurden nach dem zweiten Puerperium sehr 
intensiv (charakteristische Verbiegung der Beckenknochen). Nachdem eine zwei¬ 
monatliche Phosphorbehandlung erfolglos blieb, wurde die Castration vorge¬ 
nommen. 9 Monate nach der Operation erscheint die früher schwer Kranke 
völlig genesen, sieht blühend aus, und die befallen gewesenen Knochen weisen 


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einerlei Druckempfindlichkeit auf. Eine von Thorn vor 6 Jahren wegen 
Osteomalacie castrierte Frau ist völlig gesund. 

V ® U8sc be 15 ) berichtet über 6 wegen Osteomalacie operierte Fälle 
( 890 1894). In einem dieser Fälle wurde der Kaiserschnitt nach Porro 

nut Erfolg ausgeführt, in den anderen führte die Castration viermal zu einem 
günstigen Resultate; eine Frau starb wenige Tage p. op. 

Neumann 16 ) berichtet über 9 klinisch beobachtete Fälle von Osteo- 
ni acie; viermal handelte es sich um Nichtschwangere, bei welchen die 
astration vorgenommen wurde. Die Erfolge derselben waren folgende: 

I. Fall betrifft eine Patientin mit weit fortgeschrittener Osteomalacie 
grossen Knochenverkrümmungen. Nach der Castration schwinden die 
k C ^ mei ^ en ^^blich und die Gehfähigkeit kehrt nur sehr im vollkommen 
j* n spät zurück. Nach 3 Jahren befindet sich die Frau ziemlich wohl, es 
cstehen keine Knochenschmerzen, die Knochen sind fest, Patientin versieht 
ihre häuslichen Arbeiten. 

yj Bedeutende Knochenveränderungen, hochgradige Kachexie. 

ach der Castration bessert sich die Gehfähigkeit nur sehr langsam und in 
80 geringem Masse, dass Patientin arbeitsunfähig bleibt 

i : _ m. Fall. Keine erheblichen Knochen Veränderungen. Patientin ver- 

Knochenschmerzen. Ueber 
da der weitere Aufenthalt 

Fall. Ziemlich vorgeschrittene, jedoch nicht sehr schwere Osteo- 
aAacie - Der unmittelbare und dauernde Erfolg der Operation ist sehr gut 




OXU öl, 


. — lag p. op. das r>ett und natte Rein 

cn Dauererfolg kann nichts ausgesagt werden 
er Patientin unbekannt ist 


Neumann sagt in seinem Schlussresumö, dass weder die Castration, 
n och der Kaiserschnitt (5 Fälle), noch auch die üblichen inneren Mittel als 
sichere endgiltige Heilmittel der Osteomalacie betrachtet werden können, 
eben der Mehrzahl der durch Castration und Kaiserschnitt geheilten Fälle 
leibt noch immer eine Anzahl von Fällen übrig, bei denen alle diese Ver- 
a bren nur Besserung, aber auch die nicht stets mit sich bringen. 

Die medikamentöse Therapie bekommt eine ganz besondere Bedeutung, 
Wenn sie nach der Castration und der Sectio caesarea bei langsamer Rekon- 
valescenz angewendet wird; bei Nichtschwangeren, bei denen der Prozess 
noch keine grösseren Fortschritte zeigt, soll die Castration so bald als möglich 
gemacht werden, wenn die Anwendung der inneren Heilmittel keinen aus- 
8 prochenen Erfolg zeigt 

Gelpke 19 ), der von einer physiologischen Osteomalacie in der Schwanger¬ 
schaft („parallel der allbekannten Auflockerung der Weichteile der puerperalen 
Beckenorgane gehe eine Auflockerung der Beckenknochen nach Art der 
Osteomalacischen einher“) spricht und hierin den Angelpunkt der ganzen 
Frage sieht, berichtet über 6 Castrationen und 3 Kaiserschnitte wegen Osteo¬ 
malacie. Alle neun Frauen sind geheilt; in einem Falle ist später wieder 
eine Verschlimmerung eingetreten. 


In dem Schlussresumö Neumann’s, welches oben citiert wurde, drückt 
sich so ziemlich dieselbe Meinung aus, die in vielen hier angeführten Arbeiten 
zu finden ist; die Castration hat bei der Osteomalacie einen grossen Heil¬ 
wert, wenn sie auch kein absolut sicheres Heilmittel ist. 


Aus einer kürzlich erschienenen, die Osteomalaciefrage in diagnostischer 
und therapeutischer Hinsicht zusammen fassen den Arbeit Latzko's 21 ) sei hier 
nur der Standpunkt angeführt, den der Verfasser der Castration gegenüber ein¬ 
nimmt: „Die Castration ist in der Regel nur als Gelegenheitsoperation (bei 


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gleichzeitiger Sectio caesarea, Salpingo-Myomotomie etc.) indiciert Ausnahms¬ 
weise kommt dieselbe dann in Betracht, wenn die Phosphorbehandlung wider 
Erwarten versagt, oder wenn rasch aufeinander folgende Schwangerschaften 
den Erfolg der internen Therapie verhindern.“ 

Die Aetiologie der Osteomalacie wird vielfach in vorstehenden Auf¬ 
sätzen berührt und hierbei werden die Veränderungen, die man an den 
exstirpierten Ovarien (übernormale Gefässentwickelung und hyaline Degene¬ 
ration der Gefässe) fand, herangezogen. 

Ferroni 22 ) meint, dass die hyalinen Veränderungen sekundärer Natur 
und die Hyperämie, welche vielleicht der Gravidität zuzuschreiben sei, das 
primäre seien. (In einem Falle von Rachitis zeigte das Ovarium im Centrum 
ähnliche Veränderungen, wie man sie bei der Osteomalacie findet, aber in 
geringerem Masse. 

Ein vor Kurzem erschienener Artikel von Heyse 18 ), der über den 
mikroskopischen Befund an 2 Ovarien berichtet, fasst die bisherigen in 
dieser Richtung angestellten Untersuchungen zusammen: „Die gefundenen 
Veränderungen können Erscheinungen einer specifischen Ovarialerkrankung 
sein, welche Ursache der Osteomalacie ist, aber sie brauchen es nicht un¬ 
bedingt zu sein. Sind sie es nicht, und lässt sich auch eine Verminderung 
der Follikel (nach der Angabe Hofmeier’s) nicht feststellen, so dürfen 
wir auch keine grosse Hoffnung haben, noch neue pathologische Befunde 
zu erheben, die den Begriff eines osteomalacischen Ovariums sicherstellen.“ 
Heyse, der mit Jehling annimmt, dass der Einfluss der Ovarien ein 
nervöser, die Knochenerkrankung der Osteomalacie eine Trophoneurose ist, 
findet es für notwendig, den Nerven der exstirpierten Ovarien viel Auf¬ 
merksamkeit zu widmen. 

Castration und sekundärer Geschlechtscharakter. 

1) v. Herff, Ueber virile Veränderungen nach Castration. Verhandlungen der 
Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie 1895. 

2) Bottermund, Ueber die Beziehungen der weiblichen Sexualorgane zu den oberen 
Luftwegen. Monatsschrift für Geburtshilfe und Gynäkologie 1896. 

3) Moll, Untersuchungen über die Libido sexualis, Bd. I, Berlin 1897. 

4) Hegar-Kaltenbach, Operative Gynäkologie 1897. 

5) Liesau, Der Einfluss der Castration auf den weiblichen Organismus mit besonderer 
Berücksichtigung des sexualen und psychischen Lebens. Inaug.-Diss., Freiburg i. B. 1896. 

Bei 2 Frauen beobachtete v. Herff 1 ) nach Castration männlichen Ha¬ 
bitus, der sich besonders durch Bartentwicklung und auch durch starke 
Entwicklung der Behaarung der Umgebung der Mamma und Brustbeingegend 
kenntlich machte. Dem Referate ist zu entnehmen, dass bei der einen Frau 
nur eine Salpingooophorectomia sin. ausgeführt worden war. Nach dem Sek¬ 
tion sprotokoll, in welches v. Herff Einsicht nahm, litt die Patientin später 
an einem rechtsseitigen Pyosalpinx. v. Herff führt auch so die geschilderten 
Veränderungen auf den Ausfall der Ovulation zurück, nur dass dieser durch 
Entfernung der linksseitigen und Erkrankung der rechtsseitigen Adnexe und 
nicht durch doppelseitige Castration bedingt war. 

Aus Bottermund’s 2 ) Arbeit „Ueber die Beziehungen der weiblichen 
Sexualorgane zu den oberen Luftwegen“ seien die Bemerkungen über den 
Einfluss der Castration auf die weibliche Stimme eiwähnt; während beim 
männlichen Geschlecht eine knabenhafte hohe Stimmlage der Entfernung der 
Hoden folgt, ist beim Weibe ein Tieferwerden der Stimmlage und Annäherung 


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an den männlichen Stimmcharakter beobachtet (Pott, Annal. für Frauenkunde 
1837, L. J. Möwe, Revue de Laryngol. et Rhinol. XV, 1894). 

Die eigentliche Ursache dieser Stimmverändemng ist nicht aulgeklärt; 
anatomisch-physiologisch hat man die Beeinflussung des Stimmcharakters als 
Entwicklungshemmung zu deuten versucht, von der Beobachtung ausgehend, 
dass der Impuls zu energischem Wachstum des gesamten Organismus, speeiell 
auch des Kehlkopfs zur Zeit der Pubertät von der Geschlechtsdrüse aus er¬ 
folgt Beim Weibe kann indes eine Entwicklungshemmung in Bezug auf 
den Kehlkopf als Folge der Castration nicht wohl angenommen werden, da 
die beobachtete Annäherung an den männlichen Stimmtypus durch Ver- 
grösserung des Kehlkopflumens, also gerade durch einen Wachstunisvorgang 
erfolgt; denn dass die Vergrösserung des Lumens und des Ansatzrohres, zu¬ 
mal beim jugendlichen Weibe, lediglich durch Gewebsschwund zustande komme, 
ist kaum wahrscheinlich. 

In seinem Buche „Untersuchungen über die Libido sexualis“ bespricht 
Moll 3 ) auch den Geschlechtstrieb bei castrierten Frauen und den Einfluss 
der Castration auf den sekundären Geschlechtscharakter. 

Moll geht von der Anschauung aus, dass sich der Geschlechtstrieb 
beim erwachsenen Menschen in zwei Komponenten zerlegen lässt: den Detu- 
mescenztrieb, welcher zu einer örtlichen Funktion an den Genitalien drängt, 
und den Kontrektationstrieb, welcher den Mann zur körperlichen und geistigen 
Annäherung an das Weib, das letztere ebenso zur Annäherung an den 
Mann drängt. 

Der Kontrektationstrieb ist ein sekundärer Geschlechtscharakter, der 
ebenso, wie der Detumeseenztrieb, von den Keimdrüsen abhängig ist, was 
sich beim einzelnen Individuum in den Folgen der Castration zeigt. Castration 
nach Eintritt der Pubertät lässt diese Folgen weniger deutlich hervortreten. 

Der Verfasser sucht diese Behauptungen durch Heranziehung alter 
und neuerer Literatur zu begründen. Die meisten Autoren (Pean, Tissier, 
Spencer Wells, Le Bec u. a.) sagen, dass eine Aenderung in dem Ge¬ 
schlechtstrieb nicht stattfinde, während andere (Hegar, Bruntzel, Schmal- 
fuss, Bailly, Anger, Goodell, Boi ne) bald eine Abnahme oder ein 
Bestehenbleiben und auch gänzliches Verschwinden des Geschlechtstriebes 
konstatieren. 

Moll findet es notwendig, dass für zukünftige Statistiken festgestellt 
werde, ob der örtliche Trieb an den Genitalien oder die Neigung zum 
anderen Geschlechte durch die Castration geändert werden; aus der 
Arbeit von Glävecke scheint ihm hervorzugehen, dass die Neigung zum 
Coitus bei castrierten geschlechtsreifen Frauen abnimmt; Erfahrungen über 
den Einfluss der Castration in der Zeit vor der Pubertät sind sehr spärlich. 

Miklucho Macley erzählt von einem frühzeitig ovariotomierten Mäd¬ 
chen (in Queensland), welches sehr gering entwickelte Brüste und wenig Fett¬ 
polster hatte; die Hinterbacken waren mager und am Kinn standen einige 
Haare; das Mädchen ging Weibern aus dem Wege, hatte aber auch keine 
Neigung zu jungen Männern. Moll führt noch einen analogen Fall an, 
den Robert’s von einer Reise von Delhi nach Bombay berichtet 

Der Geschlechtstrieb und auch das Wollustgefühl erscheinen nach den 
Erfahrungen, die der Arbeit Hegar-Kaltenbach’s 4 ) zu Grunde liegen, meist 
durch die Castration herabgesetzt, oder ganz verschwunden, nur in wenigen 
Fällen sind die sexuellen Empfindungen nicht vermindert 


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Castration und Stoffwechsel. 

1) Fehling, Weitere Beiträge zur Lehre von der Osteomalacie. Archiv für Gynä¬ 
kologie, Bd. XLVIII, 1895. 

2) Curätulo und Tarulli, Ueber den Einfluss der Entfernung der Ovarien auf 
den Stoffwechsel. Centralblatt für Gynäkologie 1895, Nr. 21. 

3) Neumann, Weitere Untersuchungen über die Stoffwechsel Verhältnisse des Cal¬ 
ciums, Magnesiums, der Phosphorsäure und des Nitrogens bei puerperaler Osteomalacie, mit 
besonderer Rücksicht auf die durch die Castration und andere therapeutische Eingriffe ver¬ 
ursachten Veränderungen des Stoffwechsels. Archiv für Gynäkologie, Bd. LI, 1896. 

4) l)enecke, H., Ueber das Verhalten der Kalk- und Phosphorausscheidung im 
Harne Osteomaiacischer vor und nach der Castration. Inaug.-Diss., Würzburg 1896. 

5) Cr00m, J. H., Glycosuria complicating an Ovarian Tumor and Ovariotomy. Brit. 
gyn. Joum. Part. 44, p. 476. (Der Diabetes verschwand allmählich nach der Operation). 
Citat aus dem Jahresberichte über die Leistungen der gesamten Medicin XXXI. Jahrgang, 
Bd. II, Abt. 3. 

6) Liesau, bereits citiert. 

Fehling 1 ), der bei Osteomalaci sehen vor und nach der Castration 
Harnuntersuchungen vorgenommen hatte, war anfangs, als er nur den rela¬ 
tiven Gehalt der Phosphorsäure in Betracht gezogen hatte, zu dem Schlüsse 
gekommen, dass unmittelbar nach der Operation mehr Phosphorsäure ausgeschieden 
wurde als vorher. Diese bei der Jubiläumssitzung der Berliner geburtshilf¬ 
lichen Gesellschaft ausgesprochene Meinung erklärt Fehling in seiner letzten 
Arbeit für unrichtig; im Ganzen scheint es ihm eher, dass in den späteren 
Wochen nach der Operation eine Abnahme der Phosphorausscheidung sich 
bemerklich mache. Im allgemeinen hält Verfasser es für nutzlos, den Harn 
Osteomaiacischer auf Kalk- und Phosphorgehalt zu untersuchen, nachdem 
sich vor und nach der Castration keine so wesentlichen Veränderungen 
darbieten, dass man daraus Schlüsse auf die durch die Operation bedingten 
Vorgänge ziehen könnte. 

Von der Thatsache ausgehend, dass die an Osteomalacie leidenden 
Frauen durch die Castration genesen, haben Curätulo und Tarulli 2 ) es 
unternommen, an Tierexperimenten den Einfluss der Castration auf den 
Stoffwechsel zu studieren. 

Hündinnen wurden vor der Operation einer anhaltenden Diät unterworfen, 
bis eine beinahe unveränderte Durchschnittsquantität in der Ausscheidung 
von Stickstoff und Phosphaten erhalten wurde. Nach Abtragung der Eier¬ 
stöcke wurde die Menge der im Harne ausgeschiedenen Phosphorsäure in er¬ 
heblichem Masse und für lange Zeit vermindert gefunden. Bei einer Hündin 
z. B. war ein täglicher Durchschnitt von 9*93 g Stickstoff und 1*50 g Phos¬ 
phorsäure vor der Castrierung — nach der Operation wurde durch tägliche 
ca. 3 Monate lange Beobachtung der Durchschnitt des Stickstoffes ungefähr 
stets gleich gefunden, der des Phosphors geht bis auf 0*60 g herunter. 
Diese auffallende Abnahme tritt ziemlich schnell nach der Castrierung ein; 
bei einer Hündin wurde bereits am 3. Tage p. op. eine Abnahme in der 
Ausscheidung von Phosphaten beobachtet 

Die Verfasser kommen, unter Hinweis, dass die Phosphate teils von 
den Nahrungsmitteln, teils von den Produkten des Verbrauches der phos¬ 
phorhaltige organische Stoffe enthaltenden Gewebe, zum grössten Teil von der 
Ausscheidung der in den Knochen enthaltenen Erdphosphate stammen, zur 
Schlussfolgerung: 

„Wir geben zu, dass die Eierstöcke, wie die anderen Drüsen des ani¬ 
malischen Organismus, nach der allgemeinen Theorie von Brown-Sequard 


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eine innere Sekretion haben, das heisst, fortwährend ein Ausscheidungsprodukt 
ins Blut absetzen, dessen chemische Zusammensetzung bis jetzt noch nicht 
bekannt ist, welches die Oxydation der phosphorhaltigen organischen Sub¬ 
stanzen, die den Stoff zur Salzbildung der Knochen liefern, zu begünstigen 
fähig ist. Daraus folgt, dass durch die Abtragung der Eierstöcke eine grossere 
Zurückhaltung des organischen Phosphors hervorgerufen wird, was eine 
grössere Anhäufung von Kalksalzen unter der Form von Calcium- und Magnesium- 
phosphat und die Wiederherstellung der normalen Festigkeit der Knochen 
zur Folge hat.“ 

Neumann 3 ) hat bei drei Osteomalacischen das Ca O, Mg O, die 
P 2 O h und den Stickstoff einerseits in den verabreichten Nahrungsmitteln, 
andererseits im Ham und Kot vor und nach der Operation bestimmt. Da 
es den Rahmen dieses Sammelreferates weit überschreiten würde, wenn wir 
die detaillierten Untersuchungsreihen auch nur auszugsweise bringen wollten, 
so sollen nur einige allgemeine Folgerungen, die Neu mann aus seinen 
exakten Befunden zieht, hier angeführt werden. Bei der Osteomalacie erleidet 
nicht allein der Stoffwechsel der Knochen, sondern auch der des Gesamt¬ 
organismus pathologische Veränderungen (im Stadium des Fortschreitens der 
Krankheit konnte ein bedeutender Eiweisszerfall nachgewiesen werden). Die 
Castration, beziehungsweise die Hysterotomie beeinflusst die Verhältnisse des 
Stoffwechsels in der günstigsten Weise. 

Neu mann glaubt auch nachgewiesen zu hahen, dass der Castration nur 
bis zu gewissen Grenzen eine Berechtigung zukommt, über die hinaus der 
Krankheitsprozess durch diese Operation nicht mehr beeinflusst werden kann 
(es hängt dies vom Mass der Knochenveränderungen und auch von Allgemein¬ 
erscheinungen, wie Abmagerung, Muskelschwäche, Störungen der Cirkulations- 
und Atmungsorgane, Albuminurie etc.) ab. Sonst ist der Verfasser für eine 
rasche radikale Therapie, wenn die palliative Behandlung innerhalb einer 
gewissen Zeit keine bedeutende Besserung bringt 

Li es au 6 ) hat in 42 °/ 0 seiner Fälle eine Zunahme der Körpefülle 
beobachtet. 


Castration und Organotherapie. 

1) Chrobak, Ueber Einverleibung von Eierstocksgewebe. Centralblatt für Gynä¬ 
kologie 1896, Nr. 20. 

2 ) Knauer. Einige Versuche über Ovarientransplantation bei Kaninchen. Vorläufige 
Mitteilung. Centralblatt für Gynäkologie 1896, Nr. 20. 

3) Mainzer, a) Vorschlag zur Behandlung der Ausfallserscheinungen nach Castralion. 
Deutsche mediz. Wochenschrift 1896, Nr. 12. 

b) Zur Behandlung amenorrhoischer und klimakterischer Frauen mit Ovarialsubstanz. 
Ebenda. 

4) Jacobs, Eierstocksth6rapie. Policlinicjue 1896, No. 23, nach Referat. 

5) Spill mann und Etienne, Behandlung der Chlorose mit Ovarialsubstanz. Gaz. 
m£d., Paris 1896, Nr. 35, nach Referat. 

6) Muret, De Porganotherapie. Revue m£d. de la Suissc, Rom XVI. 

7) Jaylc, Organotherapie ovarienne contre les troublcs consecutifs ä la castraüon chez 
la fcmme. Archiv, de Tocol., Vol. 23, nach Referat. 

8) Mond, Kurze Mitteilungen über die Behandlung der Beschwerden bei natürlicher 
oder durch Operation vcranlasstcr Amenorrhoe mit Eiei Stockkonserven (Ovariin Merk ». 
Münchner med. Wochenschrift 1896, Nr. 14. 

9) Boden, Ueber drei mit Ovariinum siccum (Merk) behandelte Fälle, darunter ein 
Fall von Epilepsie. Deutsche med. Wochenschrift 1896, Nr. 45. 

10) Bodon, Orvosi Hetilap (Ungar.) 1896, siehe Kl ei n wach ter. 

11) Klein Wächter, Die Organotherapie in der Gynäkologie. Zeitschrift für Geburts¬ 
hilfe und Gynäkologie XXXVII, Heft 3. 


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12) Felkin, Abtract of a note on the administration of organic extracts. The 
Transact of the Edinb. Obstetr. Transact. 1894 XIX, p. 10, siehe Kleinwächter. 

13) Touvenaint, Ueber Organotherapie mit Eierstockssubstanz. Bericht über 
die Sitzungen der Soci£t6 obstetr. et gyn. de Paris. Centralblatt für Gynäkologie 1897, 
S. 198. 

14) Jon in, Ueber die Wechselbeziehungen der Schilddrüsen- und Eierstocksgewebe¬ 
therapie, ebenda S. 199. 

15) Toth, Ovariin als Heilmittel. Orvosi Hetilap 1896. Ungar, med. Presse 1897, 
Nr. 3, siehe Kieinwächter. 

16) Rossier (Lausanne), Ovaradentabletten bei Menstruationsbeschwerden; nach 
Referat (Wiener med. Presse 1897, Nr. 51). 

17) Senator, Zur Kenntnis der Osteomalacie und der Organotherapie. Berliner kli¬ 
nische Wochenschrift 1897, Nr. 7. 

18) Latzko und Schnitzler, Ein Beitrag zur Organotherapie bei Osteomalacie. 
Deutsche medizinische Wochenschrift 1897, Nr. 37. 

Chrobak 1 ) findet, dass der gewaltsam erzeugte, antieipierte Klimax 
ohne Vergleich schwerere Symptome macht als der physiologische, und gibt 
dem Ausfall der Eierstocke hierbei die grösste Schuld. Er hebt hervor, dass 
ein Unterschied bestehe in der Intensität der Erscheinungen zwischen jenen 
Frauen, welchen nur die Ovarien, und jenen, welchen der Uterus allein oder 
mit den Ovarien entfernt wurde; sichere Daten hierüber anzugeben, ist er 
nicht imstande. 

Nach einem anfänglichen Versuche mit frischem Ovarialgewebe hat 
Chrobak Ovarialpastillen (ä0*2g) anfertigen lassen und sie an 7 Fällen 
ausprobiert. 

Eine Patientin, welche schwere klimakterische Molimina bei normalem 
Genitale hatte, fühlte sich während des Gebrauches der Pastillen (2—3—4 
pro die) wohler. 

Ueber 3 Frauen, denen die Ovarien exstirpiert worden waren, liegen 
Berichte vor (3 andere wendeten das Mittel noch zu kurze Zeit an). 

Die erste Kranke gab an, dass nach 14tägigem Gebrauche von 
täglich 2—3 Pastillen die Anfälle von Schwindel, Wallungen etc. (oft 10 
im Tage) an Anzahl geringer wurden und des Nachts sich gar nicht mehr 
einstellten; als ihr das Medikament ausging, wurden die Anfälle wieder häufiger. 
Die zweite Patientin verlor nach 12 Pastillen die Anfälle, die dritte hatte 
nach 20 Pastillen um die Hälfte weniger Anfälle. 

Die Ovarialpastillen wurden im ganzen gut vertragen. Der chirurgische 
Weg, das Zurücklassen von Ovarien oder ihren Resten, das Einheilen des 
Eierstocks, erscheint Chrobak aussichtsvoller; seiner Anregung ist Knauer 2 ) 
gefolgt und hat Versuche über Ovarientransplantation bei Kaninchen gemacht. 

Das Resultat der diesbezüglichen Experimente ist folgendes: 

Beim Kaninchen sind die Ovarien auf andere (von ihrem normalen 
Standpunkte entfernte) Stellen überpflanzbar und können nur am Peritoneum 
und zwischen Muskulatur einheilen; sie werden an diesen Stellen nicht nur 
ernährt, sondern sind auch funktionsfähig, indem sie Eichen entwickeln, zur 
Reifung und unter Umständen vielleicht auch zur Ausstossung bringen 
können. 

Knauer hält es für das Gelingen der Transplantation als wichtig, dass 
jede Verletzung des Ovariums vermieden werde. 

Mainzer 3 *) hat bei einem Fall, in welchem nach doppelseitiger Ent¬ 
fernung der Adnexe quälende Ausfallserscheinungen (stündliche starke 
Wallungen mit Hitzegefühl und Schweiss, häufige Kopfschmerzen, zur Zeit 
der früheren Periode mehrtägiger intensiver, schmerzhafter Druck im Hinterkopf) 


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aufgetreten waren, nach vergeblicher Anwendung der gebräuchlichen Mittel 
Kühen und Kälbern frisch entnommene Ovarialsubstanz verabreicht Danach 
trat eine Abnahme der Anfälle in Bezug auf Zahl und Intensität ein. 

Im Anschluss an diese vorläufige Mitteilung berichtet Mainzer 3b ) über 
seine weiteren einschlägigen Erfahrungen. Es wurde ein von Dr. Freund 
bereitetes Präparat von Ovarien Substanz (1 Pastille = 0,5 Trockensubstanz des 
Eierstockes) angewendet, und zwar 1. bei Ausfallserscheinungen nach künst¬ 
lich herbeigeführter Klimax (15 Fälle), 2. bei Beschwerden bei der natür¬ 
lichen Klimax (2 Fälle), 3. bei Amenorrhoen infolge Hypoplasia ovar., nach 
langem Stillen etc. (4 Fälle), 4. bei Beschwerden Hysterischer, welche zur 
Kontrolle dienen sollten (3 Fälle). 

Es zeigte sich bei der Darreichung der Ovarialsubstanz in den Fällen 
der ersten 2 Gruppen eine entschiedene Besserung, die aber beim Aussetzen 
des Medikaments nicht vorhält, weshalb nach Eintritt einer Wirkung noch 
kleine Dosen gegeben werden sollen. Bei primär oder sekundär amenorrhoi- 
schen Frauen leistet das Mittel symptomatisch gute Dienste, während es bei 
Hysterischen nichts leistet. 

Jacobs 4 ) empfiehlt Ovarienwein (20 cg Ovarienextrakt in 20 g Wein) 
als sehr gutes Mittel bei klimakterischen Beschwerden, Chlorose, Dysmenorrhoe, 
den Störungen nach Castration u. s. w. Das Präparat soll eine grosse thera¬ 
peutische Wirkung auf das allgemeine Nervensystem üben, was sich gleich 
in den ersten Tagen des Gebrauches zeigt. 

Spillmann und Etienne 5 ) gehen von der Ansicht aus, dass die 
Ovarien neben der Ovulation auch die Aufgabe haben, durch das men¬ 
struelle Blut organische Toxine aus dem Körper zu entfernen, und bei 
Ernährung eine ähnliche Rolle spielen, wie beim Manne der Hoden. 
Sechs chlorotische Patientinnen empfanden nach Einnahme von Ovarial¬ 
substanz anfangs Schmerzen im Unterleib, Kopfschmerzen, Mukeischmerzen; 

2 bekamen Temperatursteigeningen (38°) und Pulsbeschleunigung (100). Bei 

3 Kranken waren die weiteren Resultate gut (Abnahme der Blässe, Zunahme 
der Blutkörperchenzahl, Eintreten der Regel). 

Muret 6 ) hat 12 Fälle (natürliche und künstliche Menopause) mit 
Ovarienextrakt (Injektion oder Tabletten) erfolgreich behandelt 

Jayle 7 ) ist mit der Ovariensafttherapie bei durch die Castration hervor¬ 
gerufenen Beschwerden sehr zufrieden. 

Mond 8 ) hat zwei verschiedene Präparate aus der Fabrik E. Merk’s (ent¬ 
haltend die Substanz ganzer Ovarien oder ein Präcipitat des Follikelinhalts) 
bei 11 Frauen (5 hiervon waren operiert), die an klimakterischen Beschwerden 
litten, angewendet Aus den in einer Tabelle zusammengestellten Kranken¬ 
geschichten ist zu ersehen, dass die Anwendung dieser Präparate (4—6 Tabletten 
pro die) den Frauen eine Erleichterung ihrer Beschwerden (Wallungen, Kopf¬ 
schmerzen, Schlaf- und Appetitlosigkeit) brachte. 

Boden 9 ) hat in 2 Fällen, wo Ausfallserscheinungen bei künstlichem 
und physiologischem Klimax bestanden, und in einem Falle von Epilepsie 
zur Zeit der Menstruation das Ovariinum siccum (Merk) mit sehr gutem Er¬ 
folge angewendet; ebenso berichtet Bodon 10 ) über den günstigen Einfluss 
desselben Präparates (2—4—6 Tabletten pro die) bei einem Fall von Aus¬ 
fallserscheinungen. 

Klein Wächter 11 ) gibt in einem eben erschienenen Aufsatze einen 
zusammenfassenden Bericht aller jener Arbeiten, welche sich auf die Organotherapie 
in der Gynäkologie beziehen; neben den bisher erwähnten Mitteilungen, die 


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über die vielfache Anwendung des Ovarienextraktes handeln, finden wir er¬ 
wähnt, dass Gehirnsubstanz (Felkin 12 ) bei Ausfallserscheinungen, Schild¬ 
drüsen (Leith, Napier),' Parotis, Brustdrüsensubstanz (R. Bell) bei den 
verschiedensten lokalen Erkrankungen des Genitales (Carcinom, Fibrom des 
Uterus, Vergrösserung der Ovarien ohne oder mit gleichzeitiger Anschwellung 
der Tuben) mit gutem Erfolge angewendet wurden. Kleinwächter selbst 
berichtet, dass er in 2 Fällen von Carcinoma uteri, bei 5 Uterusfibromen 
durch Thyreoidintabletten eine Besserung (günstige Wirkung auf die Men¬ 
struation und die atypischen Blutungen) erzielt habe. Die Anwendung von 
Ovarienextrakt war in einem Falle, wo Dysmenorrhoe p. salpingit. bestand, 
von Erfolg begleitet, während dieselbe Therapie in einem Falle von Neu¬ 
rasthenie und Dysmenorrhoe eine Verschlimmerung verursachte. 

Rossier 16 ) hat Ovarientabletten bei Menstruationsbeschwerden (4—8 
Tabletten ä l / 2 —2 gr pro die, 3 Tage vor dem Auftreten der Menses und 
während derselben), sowie bei klimakterischen Beschwerden mit Erfolg ge¬ 
geben. 

Veranlasst durch eine Arbeit Senators 17 ), der bei einer Osteomalacischen 
die Beeinflussung des Stoffwechsels durch Thyraden und Oophorin untersuchte 
und hierbei eine Vermehrung der Stickstoff-, Kalksalze- und Phosphorsäure¬ 
ausfuhr fand, haben Latzko und Schnitzler 18 ) ihre seit Mai 1895 ange- 
stellten Versuche über die Wirkung der Eierstocksubstanz (von geschlechts- 
reifen Schweinen und Kühen auf dem Wege des Verdauungskanals ein verleibt) 
auf den Verlauf der Osteomalacie mitgeteilt; das Resultat dieser Versuche 
ist, dass keinerlei merkbarer Einfluss durch diese Therapie konstatiert werden 
konnte. 


Zur Pathologie und Therapie der Wanderniere. 

Sammelbericht über die seit dem Jahre 1892 erschienene Literatur. 

(Abgeschlossen i. Sept. 1897.) 

Von Dr. J. Fischer, Wien. 

(Fortsetzung.) 

e) Masturbation. 

Stifler gibt an, dass von seinen 100 Fällen in 5 (doppelseitig 2) 
forcierte Masturbation freiwillig als Ursache zugestanden wurde. 

f) Vermehrung des Gewichtes und der Grösse der Niere. 

Vielfach finden wir diese als ätiologisches Moment für eine Zahl von 
Fällen angeführt. Meist ist es aber nicht sicher gestellt, ob es sich nicht 
um eine Geschwulstbildung in einer bereits beweglichen Niere gehandelt habe. 
Dass eine stark vergrösserte Niere an sich den treibenden Kräften einen 
besseren Angriffspunkt darbiete, als ein Organ normaler Grösse, gibt auch 
Küster zu. 


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g) Tumoren der benachbarten Organe. 

Als Ursachen der Wanderniere werden auch häufig mechanische Ver¬ 
drängungen von den Nachbarorganen aus beschrieben; hierbei kommen Tu¬ 
moren der Leber und Milz, der Nebennieren, des Pankreas, Abscesse der 
Umgebung in Betracht. Diese Formen beweglicher Niere, die immer langsam 
sich entwickeln, werden auch als sogenannte spontane Dislocationen bezeichnet 
Dreyzchner beschreibt einen Fall, in dem die Differentialdiagnose zwischen 
einer Cyste der rechten Niere und einer intraabdominal entwickelten Cyste 
der Oberbauchgegend (Pankreasoyste) schwankte. Es wurde deshalb der 
Lumbalschnitt gemacht, wobei die rechte Niere stark atrophisch und um 180° 
um ihre Längsaxe gedreht gefunden wurde. Der Tumor stellte eine Pankrea^- 
cyste dar. Er erklärt nun die Drehung der Niere auf folgende Weise. Der 
Kopf des Pankreas berührt hinten die rechte Niere, die rechte Seite des 
Kopfes liegt in der konkaven Ausbuchtung des Duodenums, welches selbst 
wieder vor dem medianen, oberen Abschnitt der Niere liegt. Das Peritoneum 
setzt sich von der Vorderfläche der Capsula adiposa renis und dem Lig. duo- 
deno-renale auf die Vorderfläche des Duodenums fort. Entwickelt sich nun 
im Kopf oder Körper des Pankreas, der ebenfalls retroperitoneal liegt und 
mit dem Duodenum fest zusammenhängt, ein einigermassen grosser Tumor, 
besonders nach hinten und rechts, so wird die Folge sein, dass das Duo¬ 
denum von seiner Unterlage abgehoben wird, selbst wieder die Niere anzieht 
und diese allmählig auf die äussere Kante stellt. Wächst der Tumor weiter, 
nimmt er vor allem auch vorn an Breite zu, so wird er die Niere, die wegen 
ihrer Befestigung an den nicht genügend nachgebenden Gefässen nur bis zu 
einem gewissen Grade seitlich ausweichen kann, nach aussen umklappen, so 
dass sie mit ihrer hinteren Fläche der hinteren Cysten wand anliegt Eine 
weitere Folge ist die Verengerung des Linnens der Nierengefässe und Atrophie 
des Organes. 

Einen Fall von Dislocation der Niere durch einen von der Wirbelsäule 
ausgehenden Abscess führt Frank an. Ln unteren Dorsalsegment eine angu¬ 
lare Kyphose. Unter dem rechten PoupartVchen Band ein überfaustgrosser 
kalter Abscess, der mit einem am Darmbeintoller gelegenen subserösen Anteil 
kommunizierte. Die Fluktuation liess sich bis an den Rippenbogen hin ver¬ 
folgen. Leberrand am Rippenbogen; unter ihm tvmpanirischer Schall. Vier 
Querfinger unter dem Leberrand fühlt man eine an Grösse und Gestalt der 
rechten Niere entsprechende Geschwulst, welche deutlich auf dem subserösen 
Abscess ballotiert. Bei Druck auf den subinguinalen Abscessanteil hebt sich 
die Niere etwas. Ihr Hilus steht nach innen und oben. Auch Morris be¬ 
schreibt einen Fall von Beweglichkeit der Niere durch einen Abscess hinter 
derselben in Verbindung mit Malum Potii. 

Während Deleztine und Volkoff, ferner Le Gendre Tumoren in 
der Nierengegend eine grosse ätiologische Rolle für die Entstehung eines Ren 
mobilis beimesson, sieht sie Küster höchstens als begünstigende Momente 
an. Nach Banner haben Lebertumoren in der Regel nur eine ganz untere 
geordnete Bedeutung für das Entstehen der Wanderniere. Delore nimmt 
dagegen an, dass schon durch das physiologische Anschwellen der Leber 
während der Verdauung Ptosen der Niere hervorgerufen werden. Helm 
konnte feststellen, dass die Vergrösserung der Leber keine Abwärtsverschiebung 
der rechten Niere bedingt, während bei Verminderung ihres Volumens die 
Niere höher als sonst zu liegen kommt Das Wachstum der Lebertumoren 
findet nach ihm in der Regel über die Vorderfläche der Niere hinweg statt 


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und nicht in der Verlängerung ihrer Längenaxe und so werden die Nieren 
durch jene eher in ihrer Lage erhalten als herabgedrückt Ein Lebertumor 
kann die Niere nur dann nach abwärts drängen, wenn er an der hinteren Leber¬ 
fläche über dem oberen Nierenpol sitzt Die Wirkung der Grössenveränderung 
der Milz auf die Lage der linken Niere ist aber nicht ganz analog der der 
Leber auf die rechte Niere. Vielmehr glaubt Helm annehmen zu können, 
dass die Schwellung und Hyperämie der Milz bei hinreichender Stärke und Dauer 
imstande ist die linke Niere abwärts zu drängen. Der Magen hat wohl 
keinen Einfluss auf die ihm benachbarte Niere, da er nur mit ihrer Vorder¬ 
fläche in Berührung steht. Dieselbe Ansicht finden wir bei Deletzine und 
Volkoff wiederkehren. Le Gendre sieht die Erklärung dafür, dass Ne¬ 
phroptose bei Magenerweiterung auftritt in dem Umstande, dass Personen, die 
an Dilatatio ventriculi leiden, häufig mit Lebervergrösserungen behaftet sind. 
In einem Fall von Morbus Addisonii, den Stock ton mitteilt, waren beide 
Nieren beweglich, die linke deutlich flottierend. Ueber der linken Niere, mit 
ihr enge verbunden und sich mit ihr bewegend, doch auch beweglich, wenn 
die Niere festgehalten wurde, ein unregelmässig geformter Körper von über 
Hühnereigrösse, welcher die maligne erkrankte Nebenniere repräsentierte und 
vielleicht die Ursache der linksseitigen flottierenden Niere war. 

h. Traumen. 

Angaben, dass die festgestellte Wanderniere von den Kranken auf vor¬ 
hergegangene Traumen zurückgeführt wird, finden wir in einer grossen Zahl 
der in der Literatur mitgeteilten Krankengeschichten. Unter den 100 Fällen 
Stifler’s finden wir 36 mal schweres Heben, besonders von Klavieren und 
Kasten, Fall auf dem Eise, über Treppen, Springen, 2mal auch Reiten als 
Ursachen angegeben. Aehnliche Bemerkungen kehren in den Fällen zahl¬ 
reicher anderer Autoren wieder. Chamney, Senator und Krischewski 
halten die angegebenen Traumen nur für Gelegenheitsursachen, letztere mit 
dem Hinweise, dass sonst die bewegliche Niere bei Männern, welche solchen 
Ursachen mehr ausgesetzt sind, viel häufiger angetroffen werden müsste. Auch 
Knapp will die acuten Traumen nur für vereinzelte Fälle als Erklärung zu¬ 
lassen; in der Regel, meint er, werden schon früher symptomlos bestandene 
Nierendislokationen, die nach einem Trauma unangenehme Empfindungen, 
Schmerzen u. s. w. auszulösen beginnen, fälschlich in ihrer Entstehung auf 
das Trauma bezogen. Weit häufiger kommen nach ihm die chronischen 
Traumen in Betracht, lang anhaltender Husten, heftiges, sich oft nacheinander 
wiederholendes Niesen, Erbrechen, Obstipation, diese letztere insofern, als sie 
die erhöhte Thätigkeit der Bauchpresse und des Zwerchfells beansprucht 

Einleuchtender ist der Zusammenhang von Trauma und Wanderniere 
in Fällen, wie folgende: Huf schlag auf die linke Seite, lokale Schmerzhaftig¬ 
keit, Bluthamen, Fieber; nach einigen Monaten wird eine deutlich nach¬ 
weisbare, etwas verschiebliche, linksseitige Wanderniere gefunden (Iljin). 
Fall aus einer Höhe von mehreren Metern mit der linken Seite auf einen 
Haufen von Steinen; 63 Tage nach dem Unfall wird bei der Operation 
eine Verlagerung der linken Niere festgestellt, die im innern hintern Ab¬ 
schnitt einer durch Gerinnsel gebildeten grossen Höhle liegt (Peyrot). 

Weniger evident ist der folgende Fall Klamann’a: Ein junges Mäd¬ 
chen hatte auf der Strasse beim Aufheben eines mit Strassenschmutz gefüllten 
Korbes, den sie mit ihrem Unterleib stützte, plötzlich einen heftigen, stechen¬ 
den Schmerz in der rechten Bauchseite empfunden. Dicht unter dem Leber¬ 
rand ein weicher, deutlich abgrenzbarer, schmerzender Tumor, die dislocierte 

Oentrmlbifttt f. d. Gr. d. Med. u. Chir. I. IQ 


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rechte Niere, die sich mit Leichtigkeit an ihre alte Lagerstelle zurückdrucken 
liess, worauf die Schmerzen sofort nachliessen. Keine Symptome von Blu¬ 
tung oder Zerreissung; klarer Harn; keinerlei Beschwerden bei der Harn¬ 
absonderung. Klamann hält diese Dislokation der Niere für bedingt durch die 
starke Anspannung der Bauchmuskulatur beim Aufheben des Korbes, die 
noch dadurch vennehrt wurde, dass sich die betreffende Person den schweren 
Korb auf den Unterleib stützte, wobei sie sich stark nach hinten beugen musste. 
Dafür, dass diese Dislokation acut entstanden war, spricht ilnn die Lage der 
Niere dicht unterhalb des Leberrandes. 

Eingehende Darstellungen des Zusammenhanges zwischen Trauma und 
Wanderniere finden wir bei Küster, Güterbock und Keller. 

Küster, der alle früher angeführten Faktoren nur für begünstigende 
Momente, für die unmittelbaren Ursachen der Wanderniere aber ausschliesslich 
mechanische Einwirkungen ansieht, unterscheidet vier Gruppen i von hier in be¬ 
tracht kommenden akuten Traumen: 

1. Eine Art von Zugwirkung beim Fall auf die Füsse oder auf das 
Gesäss. Der dabei wirksame Mechanismus kann so vorgestellt werden, dass 
die schnelle Bewegung des Körpers in einer bestimmten Richtung allen Or¬ 
ganen desselben die gleiche Bewegung mitteilt, w r elche vermittelst des physi¬ 
kalischen Beharrungsvermögens auch dann noch fortdauert, wenn die Bewegung 
des fallenden Körpers plötzlich gehenunt wird. 

2. Stoss in die Lendengegend oder Fall mit der Lendengegend auf 
einen vorspringenden Gegenstand oder auch auf flachen Boden. 

3. Gewaltsame Zusammenpressung des Brustkorbes. 

4. Plötzlicher Muskelzug, plötzliche Zusammenziehung derjenigen Mus¬ 
keln, welche an den beiden unteren Rippen ihren Ansatz finden, das ist der 
breiten Bauchwandmuskeln. 

Von chronischen Traumen führt er die auch in der Literatur sich häu¬ 
fig wiederholenden an, wie Heben schwerer Lasten, angestrengtes Hochlangen, 
Presswehen unter der Geburt, heftiges Drängen wührend des Stuhles und 
heftigen Husten. Bezüglich der Wanderniere der Reiterinnen, die auch Tidey 
neben der bei vielem Fussgehen entstandenen betont, führt er aus, dass die 
reitende Dame mit schiefgestelltem Becken im Sattel sitzt, so zwar, dass die 
rechte Beckenhälfte höher steht als die linke. Dadurch nähert sich der 
Darmbeinkamm den unteren Rippen und verengert die Lendennische. Kommt 
nun bei angestrengtem Reiten eine Wirkung der Bauchpresse und damit eine 
immer wiederholte mässige Adductionsbew T egung der untern Rippen zustande, 
so wirken vier Kräfte in ungünstiger Weise zusammen: die Verengerung der 
Lendennische durch den Sitz, durch tiefe Inspiration, durch Adductions- 
bewegung der Rippen und endlich die Erschütterung des Körpers. 

Allen traumatischen Einwirkungen, den akuten sowie den chronischen, 
ist nach Küster die Verengerung des untern Abschnittes des Brustkorbes 
gemeinsam. Dieselbe erzeugt eine Verengerung der Nische, in welcher die 
Niere hegt, — gleichzeitige Kontraktion des M. psoas und quadratus lum- 
borum, sowie die Feststellung des Zwerchfelles wirken im gleichen Sinne — 
die Niere springt infolgedessen aus ihrem Lager heraus. Das Ueberwiegen 
der Beweglichkeit der rechten Niere erklärt die Ausfüllung des rechten Hypo- 
chondriums durch die mächtige Masse der Leber; denn obwohl diese formbar 
ist, so leistet sie bei starkem Druck doch genügenden Widerstand, um ein 
Widerlager zu bilden, an welchem die Niere nach abwärts und einwärts gleitet 
Dazu kommt, dass der vorwiegende Gebrauch des rechten Armes beim Heben 


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und Greifen die rechtsseitige Lendenmuskulatnr mehr in Anspruch nimmt, 
als die linke. 

Von 299 Nierenverletzungen entfallen 281 = 93,98% auf das männ¬ 
liche Geschlecht, 18 = 6,02 auf das weibliche. Bei der Wanderniere findet 
sich das umgekehrte Verhalten; Küster führt nun die Ursache, weshalb dieselben 
traumatischen Einflüsse beim Manne zur Nierenzerreissung, beim Weibe zur 
Wanderniere führen, auf die Verschiedenheiten des Körperbaues und der 
Kleidung bei den beiden Geschlechtern zurück. Die Lendengegend des Mannes 
ist so gebaut, dass die untern Rippen von jeder hier einsetzenden Gewalt 
senkrecht getroffen werden können. Dagegen hat die Lendengegend des 
Weibes einen Schutz durch die breit ausladenden Darmbeinkämme und das 
darüber gelagerte Fettpolster, welches Gewalteinwirkungen abschwächen muss. 
Die Lendengegend des Mannes ist cylindrisch, diejenige des Weibes kegel¬ 
förmig. Dazu kommt der Schutz, den auch die weibliche Tracht, die Röcke 
und das Korset, der Lendengegend verleihen. 

Keller scheidet die traumatischen Elin Wirkungen, die zur Entwickelung 
einer Wanderniere führen, in 3 Gruppen: 

1. Heftiger Schlag und Stoss von hintenher gegen die Lendengegend, 
sei es, dass die wirkende Kraft ausserhalb des menschlichen Körpers liegt, 
sei es, dass dieser selbst im Sturz mit der Lendengegend auf den Boden oder 
einen andern Gegenstand aufschlägt. Hiebei kommt in Betracht die plötz¬ 
liche übermässige Adduction der untern beweglichen Rippen gegen die Wirbel¬ 
säule, denen bekanntlich nach innen die Niere unmittelbar aufliegt, also mit 
denen sie gewaltsam nach vom und innen gedrängt wird, ferner eine mehr 
tangential zur Niere wirkende Komponente, durch welche die Rippen gleich¬ 
zeitig an der Niere vorbeigeschoben werden. 

2. Es fehlt jede direkte Läsion der hintern Lumbalgegend; das Wesent¬ 
liche liegt in einer hochgradigen Muskelaktion des Individuums selbst Ge¬ 
wöhnlich 4 ist der Vorgang der, dass die Patienten — ganz oder nahezu — 
ebener Erde vornüber stürzen und während des Falles in dem Bestreben, 
sich aufrecht zu halten, den Oberkörper mit heftigem Ruck nach hinten über 
w T erfen. Seltener handelt es sich um das Heben einer zu schweren Last 
oder um das Auffangen einer solchen im Sturze. Der Mechanismus ist hier 
derselbe wie beim direkten Stoss von hintenher — plötzliche, heftige Adduk¬ 
tion der untern beweglichen Rippen und damit der Nieren. 

3. Sturz aus mehr oder weniger beträchtlicher Höhe auf die Füsse, das 
Gesäss oder den Damm. Die durch den Sturz den Nieren mitgeteilte Ge¬ 
schwindigkeit hat eine solche Macht, dass sie die anatomischen Befestigungs¬ 
mittel der Nieren zerreisst oder lockert Hier trifft dieselbe Schädlichkeit 
beide Nieren und die Folgen müssen auch beiderseits gleich sein, wenn nicht 
Momente da sind, welche die eine Niere mehr disponiert erscheinen lassen. 

Bei der Häufigkeit des Vorkommens der Wanderniere kann die Wir¬ 
kung des Traumas oft nur in der Schädigung einer bereits beweglichen Niere 
bestehen (Steigerung der Verschieblichkeit). 

Unter den Momenten, welche dazu beitragen, dass bei Frauen Wander¬ 
nieren entstehen, während bei Männern nach gleichem Trauma es zu einer 
Nieren Verletzung kommen w ürde, führt er des Weitern jenes an, dass bei 
Frauen infolge des Tiefstandes der Nieren nur ein kleinerer Teil derselben 
von den Rippen gedeckt wird. 

Bezüglich des Einflusses des Traumas nimmt Keller an, dass es in der 
Regel nicht zu einer plötzlichen, totalen Ablösung der Niere, sondern nur zu 
einer Lockerung derselben kommt, wofern nicht besonders begünstigende Mo- 

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mente schon früher bestanden haben, nicht schon vorher ein Ren mobilis ge¬ 
ringeren Grades vorhanden war. 

Güter bock betont die Bedeutung der circumrenalen Blutergüsse für 
die Entstehung der traumatischen Wanderniere. Durch diese Blutergüsse, 
welche häufiger Vorkommen, als die Verletzungen der Niere selbst, ist die 
Möglichkeit gegeben, dass die Niere aus ihrer Verbindung mit ihrer adipösen 
Kapsel mehr weniger vollständig gelöst (döcapsulö) wird und so Gelegenheit 
zu abnormen Lageveränderungen erhält. Als Beweise für die Existenz einer 
traumatischen Wanderniere überhaupt führt er an: 

1. Befunde an der Leiche und in vivo. 

2. Klinische Beobachtungen nicht nur der auf ein Trauma folgenden 
Entwickelung einer abnormen Beweglichkeit des Organs sondern auch ihres 
Folgezustandes, der traumatischen Hydronephrose. 

3. Erzeugung auf dem Wege des Tierversuches. 

Eine wirkliche Verlagerung der Niere fern von ihrer normalen Position 
in direktem Anschluss an ein Trauma ist nach Güter bock nie beschrieben 
worden. Er selbst führt nur ein Obduktionsprotokoll an, wo nach einer queren 
Zerreissung der Arteria und Vena renalis die Niere nach Wegräumung der 
Gerinnsel an der Innenfläche des Darmbeines gefunden wurde. 

Unter gewöhnlichen Verhältnissen kommt es auch nach ihm zunächst 
nicht zu einer Verlagerung, sondern nur zur Lockerung der anatomischen 
Befestigungsniittel der Niere d. i. der Capsula adiposa und des Nieren Stieles. 
Die Insufficienz dieses letztem kann gleichzeitig mit der Dekapsuliening er¬ 
folgen, weil ja das hintere Blatt der Kapsel sich hinter die grossen Gefässe 
des Nieren stiels zur Aorta begibt und eine an dieser Stelle durch Blutextra¬ 
vasate bedingte Lockerung dem Nierenstiel eine grössere Nachgiebigkeit ver¬ 
leihen muss. Ein weiterer, hier in Betracht kommender Faktor ist das erhöhte 
Nierengewicht infolge Kongestion der Niere durch die Störung im Kreislauf 
des Arcus perirenalis und der Vena renalis, ferner infolge Entzündung und uri- 
nöser Rückstauung, für welche beide nach Traumen ausreichend Gelegenheit 
geboten ist. Durch nachträgliche Verwachsungen kann die traumatische 
Wanderniere wieder fixiert werden. 

Interessant sind die Ausführungen Güterbock’s, welche sich mit der 
Frage beschäftigen, ob nicht ein ähnlicher Mechanismus (Dekapsuliening und 
spätere Verlagerung des kongestionierten, vergrösserten Organs) auch für die 
Entstehung der nicht traumatischen Wanderniere in Betracht komme. Bei 
den innigen Beziehungen des Arcus venosus perirenalis zur Vena spermatica 
interna nimmt er eine Anteilnahme des erstem an jener Blutüberfüllung imd 
Stauung an, welche die Schwangerschaft und Menstruation im Gebiet der 
Vena spermatica hervorrufen. Hierbei kann es nicht ohne Lockerung der 
Niere in ihrer Kapsel abgehen, da der Sinus zwischen beiden eingekeilt liegt 
Begünstigt wird diese durch die allgemeine Lockerung des Zusammenhaltes 
der Baucheingeweide während der Schwangerschaft und Entbindung, ebenso wie 
die beiden letzteren auch die Ursache abgeben dafür, dass die Nieren an 
Gewicht und Grösse zunehmen (HarnStauung) und so noch mehr mit ihren 
Befestigungsmitteln in ein Missverhältnis treten. 

Bezüglich der Entscheidung, ob eine Wanderniere auf Grund eines 
Traumas entstanden ist oder schon vorher vorhanden war — eine Frage, 
welche für die Beurteilung eines Unfalles bedeutungsvoll ist — legt Keller 
auf zwei Momente besonderes Gewicht: 1. auf die Zeit, welche nach dem 
Unfall verflossen ist; 2. auf den Grad der Beweglichkeit selbst 


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Ad 1. Ist seit der Genesung schon lange Zeit verflossen, so entbehrt 
unser Urteil aller objektiven Anhaltspunkte, denn für die Schnelligkeit der 
Entwickelung der Wanderniere fehlt jeder Masstab. 

Ad 2. Ist die Nieren Verschieblichkeit eine so grosse, dass sie nur 
durch Verlängerung ihrer Gefässe erklärt werden kann, so hat die Wander¬ 
niere sicher schon vor dem Trauma bestanden; denn die Verlängerung der 
Gefässe braucht zu ihrer Entwickelung eine gewisse Zeit Verlässt die Niere 
auch bei einem geringeren Grade der Verschieblichkeit ihre normale Lage 
vollständig, so müssen wir wenigstens eine gewisse Vorbereitung, d. h. eine 
partielle Verschieblichkeit als vor dem Trauma schon bestanden, annehmen. 
Keller empfiehlt die Untersuchung im Stehen, da hierbei die Niere ihren 
tiefsten Punkt einnimmt Berührt sie hierbei die Bauch wand, so setzt dies 
ein vollständiges Verlassen ihres normalen Bettes voraus, wobei wir auch 
sicher auf eine Stielverlängerung schliessen können, wenn der Berührungs¬ 
punkt in Nabelhöhe oder unterhalb des Nabels liegt. 

Landau, der die bewegliche Niere als eine Teilerscheinung einer Allge¬ 
meinerkrankung, nämlich der Enteroptose ansieht, kann das Trauma weder 
als ein direkt ätiologisches, noch als ein prädisponierendes Moment gelten 
lassen und verneint prinzipiell die Entstehung einer Wanderniere infolge 
eines Unfalles. Wenn es auch hierbei zu einer geringen Beweglichkeit der 
Niere kommt, so wird, wenn die Ursache für eine weitere Lockerung und 
Senkung aufhört, die Niere keine weitere Locomotion erfahren. Auch diese 
wird bei genügender Ernährung und Ruhe schwinden. Bezüglich der Erwerbs¬ 
unfähigkeit erklärt er, dass die Wanderniere eine solche nicht bedingt, sofern 
es nur gelingt, sie zu reponieren und durch eine passende Bandage an ihrer 
Stelle zu erhalten, was von Ausnahmen abgesehen immer der Fall sein wird. 

Ein Landau zur Begutachtung vorgelegener Fall war folgender: 

Ein 41 jähriger Schreiner erlitt am 12. April 1894 einen Unfall, indem 
er, beim Tragen von Brettern auf der rechten Schulter von einem Windstoss 
erfasst und nach vorn übergedrückt, sich mit aller Kraft emporriss. Gleich 
darauf verspürte er einen heftigen Schmerz in der rechten Seite, der in den 
nächsten Wochen abnahm, aber bei schwerer körperlicher Arbeit sich ver¬ 
stärkte. Der Arzt konstatierte Ende April, dass die rechte Niere auf der 
Darmbeinschaufel zu fühlen ist und bis an ihren normalen Sitz reponiert 
werden kann. Innerhalb dieser Grenze ist sie frei beweglich. Es besteht 
ausserdem von früher her ein linksseitiger Leistenbruch und eine rechtsseitige 
Leistenbruchanlage. 

Landau meint nun, dass ein Trauma, welches die Niere gelockert hat, 
auch das Bauchfell durch Entzündung, die Harnorgane durch Blutung und 
Kolik schwer getroffen hätte, dass die traumatische Wanderniere dann adhärent 
oder nur beweglich gewesen wäre, dass schliesslich die präexistent nachge¬ 
wiesenen Darmdislokationen eine schon früher bestandene Schlaffheit des 
Bauchinhaltes beweisen. 

In dem von Blasius begutachteten Falle handelte es sich um eine 
43jährige Frau mit Hängebauch, welche beim Abladen von Steinen von dem 
abzuladenden Wagen gefallen war. Der Arzt, welcher sie erst nach 8 Tagen 
untersuchte, beschrieb eine Verlagerung der rechten Niere. Dass besonders 
schwere Verletzungen mit Blutungen in die Nierenkapsel oder Zerreissungen 
von Blutgefässen in der Substanz der Niere stattgefunden hätten, ist nicht 
anzunehmen, da die Kranke erst 8 Tage später zum Arzte kam. Die 
Niere war unbeweglich; eine eventuell neugebildete Tasche wäre noch nicht 
so fest gewesen, dass nicht eine Beweglichkeit in derselben hätte stattfinden 


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können. Die Niere war glatt; Blutergüsse, die bei Nierenkapselzerreissungen 
immer vorhanden sind, hätten sieh nicht in so kurzer Zeit völlig aufsaugen 
können. Es ist auch keine plötzlich entstandene Verschlimmerung einer 
schon früher beweglichen Niere anzunehmen, da auch in diesem Falle Blut¬ 
ergüsse in die Umgebung der Niere stattgefunden hätten. 

Der Fall, den Samter als traumatische Wanderniere beschreibt, ist 
keineswegs einwandsfrei. 

In dem von Weber mitgeteilten Falle von Steinbildung in beiden 
Nieren nach Sturz auf den Rücken bildet vielleicht die Beweglichkeit ein 
Zwischenglied zwischen Trauma und Lithiasis. 

i) Korset. 

Auf die ätiologische Rolle des Korsets, die fast durchgehends betont 
wird, legen insbesondere Ball, Chapotot, Gaches-Sarraute, Mann und 
Lapthorn Smith das Hauptgewicht. Der von Landau wieder vorge¬ 
brachten Ansicht gegenüber, dass normal sitzende Nieren durch das Korset 
nicht dislociert werden, weil der knöcherne Thorax die Nieren schützt, be¬ 
hauptet Küster, dass dies für jugendliche Körper sicher unzutreffend ist, 
dass aber auch für das spätere Alter noch immer eine Einwirkung auf die 
beweglichen unteren Rippen angenommen werden muss. Nach Küster wird 
infolge des Zusammen sehnürens der Taille durch Korset oder Rockbänder 
nicht nur ein Teil der Leber nach vom und unten über den untern Um¬ 
fang des Brustkorbes ausweichen, sondern auch der nicht von der Leber 
eingenommene Teil des untern Brustkorbes so verengert werden, dass die 
dort gelegenen Organe gleichfalls eine andere Lage einzunehmen gezwungen 
sind. Das, trifft insbesondere die Niere, deren Lager durch das Einpressen 
der beiden unteren Rippen in einen spitzen, vom offenen Winkel verwandelt 
wird, au9 welchem ein Entweichen nur nach vom gegen die Pars perpendi- 
cularis duodeni möglich ist Durch stete Wiederholung dieses Vorganges 
werden die Halte Vorrichtungen der Niere allmählich so gelockert, dass sie 
eins dauernde Dehnung erfahren, dass also das Organ beim Nachlassen des 
Druckes immer unvollkommener an seine normale Stelle zurückkehrt. Der 
Druck ist ein umso wirksamerer, je grösser die Oberfläche ist, welche das Or¬ 
gan darbietet Es wird also das Schnüren während der Menstruation besonders 
schädlich sein. Wenn die Gürtel beim Manne nicht zahlreichere Wandernieren 
hervorrufen, als dies thatsächlich der Fall ist, so erklärt sich das nach Küster 
aus 2 Gründen. Zunächst ans der Verschiedenheit des Körperbaues. Da beim 
jugendlichen männlichen Körper das Fettpolster der Hüften vollkommen 
fehlt, so wird ein schmaler Gurt seinen Halt dicht über den Darmbeinkämmen 
gewinnen und die unteren Rippen kaum berühren; bei breiten Gurten kommt 
aber in Betracht, dass diese in der Regel nur zugehackt werden und dann 
einen geringeren Druck ausüben. 

Hertz hat ausgedehnte Untersuchungen über die Schnürwirkung ange¬ 
stellt und unterscheidet 2 Formen von Schnürleber, denen entsprechend sich 
auch die rechte Niere verschieden verhalten wird. Die erste Form besteht 
darin, dass die Leber vom weit in das Abdomen hinunterreicht und sich an 
die Vorderfläche der Niere, die auf ihrem Platz bleibt, anlegt. Die Schnür- 
furche verläuft dann quer über die Vorderfläche der Leber in der Höhe der 
Nierenmitte. Unter der Niere kann sich die Leber wieder ausbreiten und 
bildet einen Klumpen, der sich unter die Nierenspitze legt und die Niere 
in situ erhält. Hertz nennt dies die Bildung eines Sustentacidums für die 
Niere. Die Niere wird dann nur unter besonderen Umständen aus ihrem 


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Nest herausschlüpfen können, z. B. wenn dasselbe unter dem Einfluss des 
Hängebauches nach unten geöffnet wird oder wenn Druck der Gedärme und 
Magenerweiterung ein Emporheben des Schnürlappens der Leber bewirken. 

Die zweite Form der Schnürleber besteht in einer Aufwärtsschiebung 
und Verdünnung des ganzen Organes. Die Schnürfurche liegt gerade an 
dem dünnen Rande der Leber und es kommt dadurch zur Ausbildung einer 
Rindenatrophie. Die Niere wird durch den Druck der Leber von oben her 
herabgepresst und ihr unteres Ende vorgekippt, so dass sich ihre vordere 
Fläche an die untere Fläche der Leber anlegt und nur ihr oberes Ende 
noch an die Lendengegend grenzt 

Was die Verlagerung der linken Niere betrifft, so können auch hierauf 
die Dislokationen der Eingeweide durch den Schnürdruck von Einfluss sein. 
Das Pancreas kann durch die Leber völlig nach der seitlichen Bauchwand 
geschoben werden und sich zwischen Milz und Niere eindrängen und auch die 
Milz kann den Schnürdruck auf die Niere übertragen. Gewöhnlich aller¬ 
dings liegt die ohnedies höher liegende Niere über der Schnürfurche und 
wird durch das Schnüren geradezu verhindert herunterzutreten oder wird 
sogar nach aufwärts gedrückt Ist sie aber verlagert, so verhält sie sich so 
wie die rechte Niere. Während letztere aber wegen der Leberverschiebung 
häufig nicht an ihre normale Stelle gebracht werden kann, ist dies bei der 
linken Niere, wo mehr bewegliche Organe sich an ihre Stelle legen, viel 
häufiger möglich. 

Tidey spricht von einer doppelten Wirkung des Schnürens: 1. beim 
engen Schnüren Verlagerungen der Bauchorgane und Atrophie derselben; 
2. wenn nicht enge geschnürt und das Korset bloss zur Stütze getragen 
wird, erzeugt es Schwäche der Bauchmuskeln. 

Banner u. a. schreiben einem Korset, welches bloss bestimmt ist, die 
Brüste zu tragen und für die Befestigung der Kleider einen genügenden 
Stützpunkt abzugeben, eher einen günstigen als ungünstigen Einfluss zu, in¬ 
dem es den gerade beim weiblichen Geschlecht haltebedürftigen Bauchdecken 
die nötige Festigkeit verleiht und somit eher zur Fixation als zur Dislokation 
der Eingeweide beiträgt. Auch nach Knapp ist das Mieder ein Schutz 
gegen Dislokationen der Niere, aber nur dann, wenn es seinen Stützpunkt 
am Darmbeinkamm findet. Es wird dadurch sogar eine Komponente ge¬ 
wonnen, die in ihrer Kraftrichtung geradezu die erschlafften Bauchorgane in 
ihre normale Lage zurückzudrängen imstande ist, andererseits entfällt dann 
auch die Notwendigkeit seiner Fixierung durch allzustarkes Schnüren. Unter 
10 von Knapp daraufhin untersuchten Fällen von Wanderniere betrafen 
4 Frauen, welche nie ein Mieder getragen hatten, 6 solche mit unzweck¬ 
mässig konstruiertem Mieder. Auch Deletzine und Volk off nehmen an, 
dass das Korset die Nieren fixiert, jedoch verlagerte Nieren daran hindert, 
ihre normale Lage wieder einzunehmen. Penzoldt weist auf das häufige 
Vorkommen der beweglichen Niere bei Bäuerinnen seiner Gegend hin, die 
nicht nur kein Korset benutzen, sondern auch jeden einzelnen Rock an 
einem besonderen Leinwandleibchen über den Schultern tragen. 

k) Knochendeformitäten. 

Verkrümmungen der Wirbelsäule wirken ähnlich wie der Schnürleib 
durch Verengerung des unteren Thoraxabschnittes und abnorme Stellung der 
unteren Rippen, namentlich Adduktionsstellung derselben (Küster). Insbe¬ 
sondere kommen hier die Kyphoscoliosen in Betracht Israel beschreibt 
einen Fall von hochgradiger Verkrümmung der Wirbelsäule nach links, wobei 


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die nicht bewegliche, sondern fixierte linke Niere im kleinen Becken lag. In 
einem anderen Falle Israel’» lag die linke Niere nicht lateralwärts, sondern 
direkt vor den beiden obersten Lendenwirbeln, indem offenbar durch die links 
konvexe Biegung der Lendenwirbelsäule und die damit verbundene Drehung 
der Wirbelkörper nach derselben Seite die neben denselben für die Niere be¬ 
stimmte Nische soweit verengt wurde, dass das Organ wegen der Raum¬ 
beengung gezwungen war, nach vorwärts und medianwärts auszuweichen. Be¬ 
wegliche Niere bei Scoliose beschreibt auch Herczel, Craig in einem 
Falle, wo durch eine Deformität des rechten Hüftgelenkes nach Coxitis eine 
Verkrümmung der Wirbelsäule bedingt war. 

Sanger-Brown deuten auf die Möglichkeit hin, dass umgekehrt die 
bewegliche Niere zu einer Rückgrats Verkrümmung führen könnte, indem es 
durch die von ihr ausgehende Reizung zu einer Atrophie der Muskeln und 
vielleicht zu einer ungünstigen Ernährung der Intervertebralscheiben kommt. 

Die Ansicht v. Koränyi’s von der Entstehung der Wanderniere infolge 
Tragens hoher Absätze wird von vielen Autoren acceptiert. 

1) Kongenital, hereditär. 

Alle die angeführten Ursachen sind je nach dem Standpunkte des 
Autors bald als eigentliche Krankheitsursachen, bald nur als prädisponierende 
Momente hingestellt worden. Immerhin blieb ein Teil der Fälle unauf¬ 
geklärt und für diese nahm man dann eine individuelle Disposition an. 
Während manche Schriftsteller (z. B. Stewart) nur die Wanderniere mit 
supponiertem Mesonephron für kongenital ansehen, vertreten andere die An¬ 
nahme, dass die bewegliche Niere stets eine kongenitale Anomalie sei, die 
angeführten Ursachen immer nur begünstigende Momente seien (Brühl, 
Litten, Walch). Küster hält diese Annahme für falsch und Hilbert er¬ 
klärt Litten gegenüber, dass sie weder anatomisch, noch klinisch bewiesen 
sei. Dagegen hat Albarran, der seit einem Jahre unter 9 wegen Ren mobilis 
Operierten 3 gelappte Nieren gesehen hat, die Wanderniere als ein Stigma der De¬ 
generation erklärt. Auch Rosen thal spricht von der Wanderniere als einer er¬ 
worbenen weiblichen Geschlechtseigentümlichkeit. Nach Penzoldt darf man nur 
eine gewisse Disposition als angeboren annehmen; unter dieser hatte man sich 
dann eine angeborene zu grosse Schlaffheit, Länge oder Dehnbarkeit der die 
Lage der Niere bestimmenden Gebilde der Umgebung (Fettkapsel, Bauchfell, 
Nierengefässe) vorzustellen. Nur für Fälle, wo kein ätiologisches Moment 
nachgewiesen werden konnte, nimmt Knapp eine individuelle pathologische 
(nach Senator anatomische) Disposition zu Lage Veränderungen der Niere an. 
Diese Disposition beschränkt sich nur auf die Niere allein oder auf sämtliche 
Abdominalorgane (Enteroptose). Le Gendre bezieht sie auf einen Mangel 
an ererbter Widerstandskraft der Bauch wand, während Tuffier ein allgemeines 
Krankheitsbild beschreibt, das durch eine physiologische Inferiorität aller Ge¬ 
webe bedingt sein soll. 

Dafür, dass Wanderniere auch vererbbar sein soll, sind drei Fälle 
Stifler’s viel citiert worden, bei denen auch die Mütter mit Wandernieren 
behaftet waren, während Penzoldt vom familiären Vorkommen sagt, dass es 
kaum viel häufiger sei, als es bei einer an sich so häufigen Krankheit der 
Zufall fügen kann. 

m) Aetiologie der kindlichen Wanderniere. 

Bei dieser wird man eher geneigt sein, einen kongenitalen Ursprung 
anzunehmen. In den von Comby beobachteten Fällen litt die Mehrzahl der 


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Kinder an dyspeptischen Zuständen; bei den meisten konnte auch eine Er- 
Weiterung des Magens, Schwellung der Leber und Ptosis der Abdominalorgane 
nachgewiesen werden. Nur zwei von den Mädchen schnürten sich, das eine 
mit einem Mieder, das andere mit einem Gürtel. Bei 2 hereditär luetischen 
weiblichen Säuglingen im Alter von 33 Tagen, respektive 3 Monaten nimmt 
er als" zweifellos kongenitalen Ursprung an. In ähnlichem Sinne spricht sich 
Ewald aus, der insbesondere mit Hinweis auf die kindliche Wanderniere 
eine kongenitale Disposition auch für die bewegliche Niere der Erwachsenen 
annimmt. Im allgemeinen sind die auf Kinder bezüglichen Angaben in der 
sonst so reichen Literatur ausserordentlich spärlich. 

VII. Pathologische Anatomie. 

Während früher allgemein die Seltenheit der Wandernieren bei Autopsien 
hervorgehoben wurde, haben in der neuesten Zeit insbesondere die Franzosen 
(Glantenay-Gosset, Legueu, Pasteau) in den „Bulletins de la Sociötö 
anatomique“ ausführliche Leichenbefunde von Wandernieren mitgeteilt. Jedoch 
die Angaben über die Häufigkeit des Vorkommens bei Sektionen sind noch 
immer sehr dürftige. Rotch giebt die Zahl der aus der Literatur bekannten 
Leichenbefunde auf 72 an; Loomis hat in 3 Jahren bei der „grossen Zahl“ 
von Sektionen im Bellevue-Hospital nur 3 Wandernieren gesehen, Andrew 
Clark unter 4000 Sektionen nur 2 Fälle. Brewer fand unter 151 unter¬ 
suchten Leichen 14mal dislocierte Nieren; unter 91 männlichen Leichen lOmal 
(6 rechts, 4 links), unter 56 weiblichen 4mal (2 rechts, 1 links). Keine von 
diesen Nieren war frei beweglich, eine Thatsache, die er auf die Solidifikation 
des perirenalen Fettes post mortem bezieht; nur in 3 Fällen war es sicher, 
dass die Nieren während des Lebens frei beweglich waren. Häufiger fand 
Watson die Wanderniere, unter 38 Fällen 8mal (4 männliche, 4 weibliche). 
In 4 Fällen waren beide Nieren beweglich, in 3 Fällen nur die rechte, in 
1 Falle nur die linke. Das Alter der untersuchten Leichen 40—84 Jahre. 

Ausser den vermehrten Sektionsbefunden verdanken wir unsere er¬ 
weiterten Kenntnisse der pathologischen Anatomie der Wanderniere auch der 
operativen Chirurgie. 

Nach Küster beschränkt sich in den ersten Stadien die Beweglichkeit 
auf einen hinter dem Bauchfell gelegenen Raum, in welchem das Organ ab- 
und aufwärts steigt; er widerspricht der landläufigen Vorstellung, dass es 
vorwiegend die Fettkapsel sei, welche sich erweitere, so dass die Niere wie in 
einem losen Beutel liege (Banner). Ueberwiegend wird zwar angegeben, dass 
die Fettkapsel schlaffer, dünner wird, auch vollständig schwinden kann (in 
5 von den 8 Fällen Watsons); doch kann dies keineswegs als Regel gelten, 
so dass Scheuermann sogar angibt, dass die Capsula adiposa „gewöhnlich“ 
gut erhalten ist. Dass der bei Wanderniere konstatierte Verlust der Fett¬ 
kapsel von einer allgemeinen Abmagerung unabhängig ist, geht aus dem Um¬ 
stande hervor, dass die an normaler Stelle liegende Niere eine gut gefüllte 
Fettkapsel zu haben pflegt. Nach Küster handelt es sich bei der Wander¬ 
niere in der Regel um eine abnorme Verschieblichkeit des in seine Kapsel 
eingehüllten Organes durch Lockerung der vorderen und hinteren Verbindun¬ 
gen der Fascia renalis. Aehnlich ist die Darstellung von Glantenay und 
Gosset, welche hierbei die Bildung einer retrorenalen Tasche, einer Art von 
Bursa serosa, beschreiben. 

Selten kommt es dazu, dass die Niere das Bauchfell gegen die Bauch¬ 
höhle einstülpt, so dass eine Peritonealtasche entsteht, welche man fälschlich 


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als Mesoren oder als Mesonephron bezeichnet hat Die Niere wird so gleich¬ 
sam zu einem intraperitonealen Organ, unterscheidet sich aber von den ur¬ 
sprünglich in der Bauchhöhle gelegenen Organen dadurch, dass das Bauchfell 
nicht wie bei letzteren, der Nierenoberfläche fest anhaftet sondern durch eine 
Schicht lockeren Bindegewebes von derselben getrennt bleibt (Küster). 

Die Niere liegt in der Regel in der Gegend zwischen dem 2.—5. Lenden¬ 
wirbel, sie kann aber auch an ihrer normalen Stelle, wohin sie bei Rücken¬ 
lage der Leiche gesunken ist gefunden werden. Selten ist sie unmittelbar 
unter den Bauchdecken anzutreffen. Was ihre Stellung betrifft so sieht meist 
der obere Pol nach aussen, der Hilus schräg nach oben innen, der konvexe 
Rand nach aussen unten. Selten ist der Hilus nach unten oder der konvexe 
Rand nach vorne gerichtet noch seltener ihr unterer oder ihr oberer Pol nach 
vorne gedreht welche letztere Lage Potain als Anteversion der Niere be¬ 
zeichnet hat. 

In dem von Glantenay und Gosset beschriebenen Falle lag die 
Niere in der Lumbar- und Iliacalgrube, insbesondere in letzterer. Die 
Crista kreuzte ihre hintere Fläche zwischen dem oberen und den beiden unteren 
Dritteln. Da die beiden Gruben nicht in gleichem Niveau liegen, war die Niere 
an ihrer hinteren Fläche wie ein retrof taktierter Uterus gekrümmt. Die Niere 
war vertikal geblieben. Dieser letztere Umstand erklärt sich aus den be¬ 
sonderen Verhältnissen des Falles, wo die Gefässe bedeutend verlängert und 
die Vena cava gezerrt war, denn für gewöhnlich steigt die Niere in 2 Etappen 
herunter, zunächst parallel der Medianlinie, soweit als es ihr Stiel erlaubt; 
dann, wenn derselbe ad maxinium verlängert ist, dreht sie sich um ihre 
Axe, indem sie einen Kreisbogen beschreibt, dessen Radius ihre Gefässe 
bilden. 

Ln Allgemeinen muss man annehmen, dass die verlagerte Niere ein 
gesundes Organ ist In einzelnen Fällen fand man sie atrophisch, was Kri¬ 
sch ewski durch Knickung ihrer Gefässe und so hervorgerufene Ernährungs¬ 
störung erklärt, in anderen durch kongestive oder entzündliche Vorgänge 
vergrössert Komplikationen mit Steinbildung beschreiben Davis und Stone, 
mit Cysten Cushing, Postempski und Scudder, mit Echinococcus 
Postempski, mit Adenocarcinom Bellati, Grunow, Knapp, Legueu, 
ferner Levy und Claude. 

Bei diesen letztangeführten Komplikationen wird es sich meist um zu¬ 
fällige Begleiterkrankungen gehandelt haben, doch wird von einigen Autoren 
die Frage aufgeworfen, ob wandernde Organe nicht zu Tumoren disponieren, 
entweder dadurch, dass sie, der Virchow’schen Anschauung entsprechend, 
mehr Insulten ausgesetzt sind oder durch eine ursprüngliche fehlerhafte An¬ 
lage, welche zugleich die Lageanomalie und das Neoplasma im Sinne Cohn- 
heim’s bedingt (Grunow). Ueber die Hydronephrose bei Wanderniere wird 
in einem späteren Kapitel abgehandelt werden. 

Verwachsungen der abnorm gelagerten Niere sind wiederholt gesehen 
worden; solche Adhäsionen beschreiben Angyän, Israel, Watson und Re- 
camier (mit dem Zellgewebe der Fossa iliaca). In einem Falle von Guetiö 
war die verlagerte Niere am rechten Leberlappen adhärent. Franks teilt 
einen Fall mit, in welchem ein peritonealer Strang die Niere an das Duo¬ 
denum fixierte, welches letztere beim Abwürtesteigen der Niere abgeknickt und 
vollständig verschlossen wurde. East mann beschreibt Adhäsionen mit dem 
Appendix, die zu lösen nur mit beträchtlicher Anstrengung gelang. Als der 
Appendix freigemacht worden war, sprang die Niere wie ein Gummi elasticum 
auf ihren Platz zurück. 


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Die Gefässe und Nerven der Niere erfahren eine langsam wachsende 
Dehnung und Verlängerung. In einem Falle Legueu ? s von doppelseitiger 
Wanderniere betrug die Länge der Nierenarterien rechts 11 cm, links 13 cm 
gegen 5 und 7 cm normal, in einem Falle von rechtsseitigem Ren raobilis 
(Glantenay und Gosset) rechts 12 cm. In diesem letztangeführten Falle 
war der Umfang der rechten A. renalis 18 mm, während er links 25 mm 
betrug, was beweist, dass mit der Verlängerung der Arterie auch eine Ver¬ 
dünnung derselben einherging. Nach Küster sollen sich aber wenigstens 
die Arterien meist bis zur normalen Wandstärke und auch darüber hinaus 
verdicken. Während im Falle von Glantenay und Gosset (rechtsseitiger Ren 
mobilis) die rechte Vena renalis ihre normale Länge aufwies, beschreibt Pas teau 
in seinem Falle von beiderseitiger Wanderniere eine Verlängerung derselben 
linkerseits auf 10,5 cm. (Normal misst die Vene 1 cm weniger als die Ar¬ 
terie.) Die normale Länge der V. renalis im ersteren Falle erklärt sich aber 
dadurch, dass hier die Vena cava selbst nach der rechten Seite gezogen war. 
Während zwischen Vena cava inferior und Aorta im Niveau des 4. Lenden¬ 
wirbels nur ein Zwischenraum von 7 mm besteht, betrug er hier im Niveau 
des 1. Lendenwirbels 3 cm. Ein ähnliches Verhalten, wie bei Glantenay 
und Gosset die Vena cava, bot im Falle Pasteau’a die Aorta, welche rechter- 
seits eine rechtskonvexe Deviation bildete, an deren Spitze die Arteria renalis 
dextra entsprang. 

Der Ureter, der in seinem oberen Anteil viel weniger fest fixiert ist 
wie die Niere, zeigt bei der Verlagerung der Niere eine dieser proportionelle 
Verlagerung seines oberen Endes (Legueu). Ist er zu lang für den zu 
durchlaufenden Weg, so kommt es zu Abbiegungen (coudures), die anfangs 
nicht obliterierend sind. Diese Abbiegungen, sowie die von manchen Autoren 
beschriebenen Torsionen spielen eine wichtige Rolle in der Erzeugung der 
intermittierenden Hydronephrose, wobei insbesondere noch abnorme Fixationen 
des oberen Ureterendes in Betracht kommen. 

Bezüglich des Verhaltens der Nachbarorgane wird übereinstimmend fest¬ 
gestellt, dass die Nebennieren an ihrem Platze bleiben. Die Leber zeigt häufig 
Schnürfurchen oder Schnürlappen, sowie häufig Erkrankungen der Gallenblase. 
Fälle von Wanderleber bei Wanderniere beschreiben Frank, P6an u. m. a. 
Ptose der anderen Organe überhaupt beschreibt als Leichenbefunde Watson 
in 4 von seinen 8 Fällen. 

(Schluss folgt.) 


Literatur. 

(Fortaetzung.) 

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Sitzung vom 13. Mai 1896. Progres medical 1896. Bd. XXIV, p. 327. 

(Schluss folgt.) 


II. Referate. 


A. Physiologie, Pathologie, pathologische Anatomie. 

Ueber Schleim im Stuhlgänge. Von A. Schmidt Zeitschrift für klm. 
Med. Bd. XXXII, S. 260. 

Autor bespricht bloss den auch makroskopisch als solchen erkennbaren 
Schleim. Die Gegenwart gelösten Mucins im Stuhle (Hoppe-Seyler) er¬ 
scheint nicht erwiesen, da die aus schwach alkalischen wässerigen Auszügen 
mit Essigsäure gewonnenen Niederschläge sich stets phosphorhaltig erwiesen und 
reduzierende Substanz nur schwer abspalten liessen. In Wasser ausgebreitet 
bildet Schleim grosse Fetzen, Bänder, Röhren oder kleine, fetzig begrenzte 
Klümpchen. Erstere sind häufig, ihr Vorkommen durchaus nicht auf die so¬ 
genannte Enteritis membranacea beschränkt, für welche letztere bloss klinische 
Merkmale (Koliken) charakteristisch sind. Fibrin wurde im Schleime stets 
vermisst (Nachweis mit Triacidlösung); dort, wo fädige Struktur ersteres ver¬ 
muten liess, fanden sich Bindegewebsfasern. Fibrin ist nach Schmidt nur 
bei diphtheritischer Zerstörung der Schleimhaut zu erwarten. 

Der Regel nach stammt aller Schleim aus dem Dickdarme. Die nach 
Nothnagel dem Dünndarminhalte zugehörigen gelben Schleimkömer und 
hyalinen Schleiminseln ermangeln zu sehr jeder Struktur und zelliger Ein¬ 
schlüsse, als dass sie als Schleim aufgefasst werden könnten. Die Bedingung 
zum Auftreten von Dünndarmschleim in den Faeces erscheint überhaupt nur 
bei abnorm rascher Passage des Darminhaltes, wie bei Cholera und Typhus, 
geboten. Bei letzterem fand Autor reichlich Rundzellen, fast bis auf die 
Kerne verdaut und dadurch ihren Ursprung aus dem Dünndarme erkennen 
lassend. Da sich nach Schmidt Rundzellen überhaupt im Stuhle bei ver¬ 
schiedenen Affektionen häufig finden, erscheint ihre Gegenwart allein für ulce- 


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rative Prozesse nicht bewiesen; die Diagnose solcher wird vielmehr erst durch 
das Fehlen schleimiger Grundsubstanz gestützt. 

Letztere charakterisiert sich durch ihr Verhalten gegen Essigsäure (Trübung 
bei reichlichen Zelleinschlüssen, sonst Aufhellung). Mit Triacidlösung färben 
sich die Schleimmassen nach vorhergegangener Behandlung mit Sublimat¬ 
alkohol und Wasser bei reichlichem Vorhandensein von Mucin grün, sonst 
rot (im Reagensglase). 

Durch Extraktion mit schwachen Alkalien gelingt es nur selten, aus 
Schleimmembranen Mucin darzustellen. Den Grund dafür sucht Schmidt 
in einer innigen Vermengung des Schleimes mit Fettkörpern, die sich bei 
künstlicher Pepsin- oder Trypsinverdauung der Membranen als weissliche, in 
Aether lösliche Schicht absetzen. In einem Falle wurden so 19% der 
Trockensubstanz als Fett bestimmt Dagegen ist der Stickstoffverlust den 
der Kranke auch bei reichlichem Schleimabgange erleidet, gering (einmal 
°' 18 g) * 

Besondere Aufmerksamkeit wendet Schmidt den im Darmschleime 
enthaltenen „verschollten“ Epithelzellen NothnagePs zu. Mit Lauge be¬ 
handelt hellen sie sich auf, bei Durchknetung mit Essigsäure und Erwärmen 
sieht man kleine Fetttröpfchen austreten, die sich mit Ueberosmiumsäure 
schwarz färben. Danach handelt es sich um Inhibition vermutlich abge¬ 
storbener Epithelzellen mit Fettseifen. 

Wilhelm Schlesinger (Wien). 

Die Bedeutung des Bacterium coli für die Pathologie der Harnwege. 

Von Dr. M. Melchior, Kopenhagen. Centralblatt für die Krankheiten 
der Harn- und Sexualorgane Bd. VHL 

Verfasser polemisiert vorzüglich gegen die von Roosing (lieber die Bedeutung 
des B. coli für die Pathologie der Harnwege, Hospitals. Pid. 1895, Nr. 32) ver¬ 
tretene Behauptung, dass die pathogene Einwirkung des B. coli äusserst zweifelhaft 
sei. Das bezügliche literarische Material erfährt hierbei eine eingehende kritische 
Würdigung. 

G. Nobl (Wien). 


Die morphologischen Veränderungen der Knochenmarkzellen bei eitriger 
Entzündung. Von Dr. Georg Marwedel, Heidelberg. Zieglers Beitr. 
zur path. Anat. u. allg. Path. Bd. XXII. 

Marwedel erzeugte an 4—8 Wochen alten Kaninchen experimentell durch 
Impfung von Staphylococcus pyogenes aureus in das Knochenmark eine eitrige 
Osteomyelitis, um die Zellveränderungen am entzündeten Knochenmark zu studieren, 
und gelangte zu nachfolgenden Resultaten : Die Veränderungen sind wechselnd, je 
nach der Menge der eingebrachten Coccen, ihrer Virulenz und der Disposition des 
Versuchstieres. Anfangs tritt bloss ein degenerativer Zerfall der Markzellen an der 
Impfstelle ein, nach einigen Tagen entsteht centrale Nekrose, um die sich ein Infil¬ 
trationsring von Leukocyten bildet. Als Zeichen der Degeneration ist das Auftreten 
polynucleärer Leukocyten im Eiter anzusehen, die normaler Weise nicht Vorkommen; 
sie entstehen grösstenteils aus eosinophilen Markzellen. An der Bildung der reaktiven 
Infiltrationszone nehmen die kleinen und grösseren rundkernigen Lyinphocvten 
teil. Unter Verlust ihrer eosinophilen Körnung wirken auch die grossen Markzeilen 
mit. Bei der Einwanderung der Coccen funktionieren die eosinophilen Markzellen 
als Phagocyten; dabei verlieren dieselben ihre Granula, nicht durch die Phagocytose, 
sondern wohl durch chemische Vorgänge. Die Knochen mark riesenzellen spielen 
bei der Phagocytose eine nur untergeordnete Rolle. 

Schon 24 Stunden nach der Impfung tritt im angrenzenden Mark eine Ver¬ 
mehrung der eosinophilen Zellen ein unter Bildung von Mitosen an denselben; auch 
die Riesenzellen erscheinen bedeutend vermehrt. 


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Die massenhafte Bildung polymorphkerniger Formen ist der Ausdruck der 
Lebensfähigkeit, der sich vorbereitenden oder gerade vollziehenden Bewegungen de» 
Kerns und somit der Zelle, d. h. aus sessilen Knocheninarkszellen können polymorphe, 
mobile, eosinophile Leukocyten des Marks und des Blutes entstehen. 

Das Knochenmark durchläuft sowohl bei seinem Aufbau als auch bei regressiven 
Metamorphosen ein „gelatinöses“ Stadium, dessen hervorragendes Merkmal das Auf¬ 
treten spindelförmiger Zellen ist, die in eine helle Intercellularsubstanz* eingebettet 
sind. Die Ursache dafür sind wohl lokale Ernährungsstörungen, wobei die verschie¬ 
denen Zellformen gelatinös degenerieren. 

Aus fixen Leukocyten können Spindelzellen werden, ebenso aus mobilen ana¬ 
log den histioiden Wanderzellen. 

Pigraentbildung im Knochenmark ist bedingt durch Ablagerung von Hämo¬ 
siderin. Die Bildung der eosinophilen Granulationen ist an die leukocytäre Natur 
der gesunden Knochenmarks- und Blutzelle gebunden. Aendert die Zelle ihren 
Charakter durch Umwandlung in eine spindelförmige Zelle, oder erkrankt sie unter 
Einfluss von Mikroorganismen, so hört die Produktion der Granula auf. — Einen 
der wichtigsten Bestandteile des roten Knochenmarks bilden die Riesenzellen. Bei 
der eitrigen Einschmelzung des Marks vollzieht sich ein Untergang des Kerns unter 
dem Zeichen der Karyo- und Chromatolyse. 

Hugo Weiss (Wien). 

Untersuchungen über den Einfluss der Nervenverletzung auf das 
Knochen Wachstum. Von C. Ghillini. Zeitschrift für orthopädische 
Chirurgie, Bd. V, Heft 2 u. 3. 

Kassowitz fand bei seinen Untersuchungen über das Knochen Wachs¬ 
tum, das9 nach Durchschneidung des N. isehiadicus das gelähmte Bein an 
Länge zugenommen hatte, und erklärte dieses Längenwachstum durch 
eine vasomotorische Lähmung infolge des Durchschneidens des Nerven. 
Ghillini wiederholte diese Versuche, hielt einen Teil der operierten Tiere 
(Kaninchen) in Käfigen eingeschlossen, welche eine Bewegung nicht gestatteten, 
die anderen operierten Kaninchen waren frei und wurden mehrmals täglich 
zur Bewegung angetrieben. Bei den eingesperrten Kaninchen war 6 Wochen 
nach der Operation das gelähmte Bein länger, bei den in Freiheit gelassenen 
dasselbe kürzer als das gesunde. Das vermehrte Längenwachstum des Beines 
hängt also nach Ghillini nicht nur von der Verletzung des Nerven allein 
ab, es dürfte auch durch den verminderten, auf dem Beine lastenden Druck 
hervorgerufen sein. 

Hermann Schlesinger (Wien). 

Ueber das Verhalten des Peritoneums gegen den künstlich in die 
Bauchhöhle geleiteten Urin und über die experimentelle Erzeugung 
der Urämie. Von H. Willgerodt. Mitteilungen aus den Grenzgebieten 
der Med. und Chir. H. 3—4, p. 461> 1897. 

Die experimentellen Untersuchungen des Verf. wurden im Strassburger 
physiologischen Institute an Hunden vorgenommen. Den Tieren wurde nach 
Eröffnung der Bauchhöhle in der Linea alba der eine Ureter dicht oberhalb 
der Blase unterbunden und über der Ligatur durchschnitten; das centrale 
Ende wurde in die Peritonealhöhle hineingezogen und auf den vom Perito¬ 
neum überzogenenen Teil der Blase mit Catgut oder Seide aufgenäht Genauer 
Schluss der Bauchwunde. Die Ergebnisse seiner Untersuchungen fasst Will¬ 
gerodt folgendermassen zusammen: Die Folgen des Eindringens von Urin 
in die Peritonealhöhle sind zweierlei Art: einerseits tritt eine lokal beschränkte 
Erkrankung des Peritoneums, eine adhäsive Peritonitis auf, andererseits führt 
die Resorption des Urins zu einer Allgemeinvergiftung, zur Urämie. In den 


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meisten Fällen führt die adhäsive Peritonitis bald zum Verschlüsse des Ureters 
und verhütet damit die Urämie. Immerhin tritt schon wenige Stunden nach 
der Eröffnung des Ureters ein urämisches Symptom, das Erbrechen, auf. Da 
dieses nur in den ersten 2 Tagen nach der Operation sich zeigte, dürfen wir 
wohl annehmen, dass nach dieser Zeit der Verschluss des Ureters bereits 
vollendet war. Hierfür spricht auch der Umstand, dass in jenen Fällen, wo 
es nicht zu einem glatten Verschlüsse des Ureters, sondern zu retroperitonealer 
Urininfiltration mit späterer Abscessbildung kam, sich vom 3. Tage an 
Diarrhoe einstellte. Die Konvulsionen brachen frühestens am 3. Tage nach 
der Operation aus; sie zeigten bei den verschiedenen Tieren einen durchaus 
verschiedenen Charakter. Begleitet waren sie regelmässig von Coma, in ein¬ 
zelnen Fällen von Erbrechen und Diarrhoe. Der Puls war meist sehr klein, 
oft kaum fühlbar, die Temperatur einigemal stark gesunken. 

P. Wagner (Leipzig). 

Experimente, betreffend die Folgen des Eindringens von Urin in die 
Peritonealhöhle. Von W. Klink. Mitteil. aus den Grenzgebieten der 
Med. und Chir. H, 3—4, p. 472, 1897. 

Zu Willgerodt teilweise widersprechenden Ergebnissen ist Klink bei 
seinen Untersuchungen gekommen. Er stellte seine Versuche in der Art an, 
dass die Einwirkung des Urins auf das Peritoneum entweder nur für kurze 
oder für längere Zeit oder dauernd bis zum tödlichen Ende stattfand. Als 
Gesamtresultat ergibt sich aus den Klink'sehen Untersuchungen folgendes: 
Sowohl das vorübergehende, als auch das dauernde Vorhandensein von Harn 
in der Peritonealhöhle bewirken dauernde schwere Schädigung des Gesamt¬ 
organismus nicht, vorausgesetzt, dass die Möglichkeit der Ausfuhr des Urins 
aus dem Körper nicht aufgehoben ist und dass jede Infektion sorgfältig fern 
gehalten wird. 

„Ob diese Ergebnisse auch auf den Menschen zu übertragen sind, 
bleibt eine offene Frage.“ 

P. Wagner (Leipzig). 


B. Weibliches Genitale, Gravidität 

a) Klinik, Physiologie der Gravidität. 

Zur Physiologie des Puerperiums. Von J. Hofbauer, Wien. Monats¬ 
schrift für Geburtshilfe und Gynäkologie Bd. V, Ergänzungsheft, 1897. 

Ueber die Blutbeschaffenheit während Schwangerschaft, Geburt und 
Wochenbett liegen nur unvollständige Angaben vor. Hofbauer hat nun 
das numerische Verhalten der weissen Blutzellen während der Geburt und 
im Wochenbette untersucht, wobei sich ihm folgende Resultate ergeben haben: 
Im Verlaufe der Geburt steigt die Leukocytenzahl bedeutend an, ja sie kann 
bei protrahierten Entbindungen das Doppelte des Anfangs wertes erreichen. 
Nach der Geburt hält das Ansteigen noch an, so dass der Höhepunkt in 
die Nachgeburtsperiode fällt Nach 10—12 Stunden verschwindet die Leuko- 
cytose, um am 2. bis 3. Wochenbettstage, wenn die Brüste anschwellen 
und empfindlicher werden, wenn auch in geringerer Intensität wieder zu er¬ 
scheinen. Versinnlicht man die Vermehrung der Leukocyten graphisch, dann 
ergibt sich bei Mehrgebärenden gegenüber Erstgebärenden die Differenz, dass 

Centralblatt f. d. Qr. d. Med. u. Chir. I. 11 


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die Kurven bei ersteren niedrigere Gipfel und weniger steilen Anstieg zeigen. 
Zur Erklärung der „Geburtsleukocytose“ zieht Hofbauer den Vergleich mit 
der „Arbeitsleukocytose“ nach Schulz heran, dass nämlich durch physische Arbeit 
der Druck in der Bauchhöhle steige, dadurch die Venen komprimiert und die 
Strömungsgeschwindigkeit des Blutes beschleunigt würde; dies bedinge eine 
vermehrte Bewegung der sonst wandständigen Leukocyten im kreisenden Blute 
und dadurch steige ihre Zahl in den peripheren Teilen. Die Leukocytose im 
Beginne der Laktation ist schwieriger zu erklären; sie kann durch eine leb¬ 
haftere Blutzufuhr zu den Milchdrüsen und durch die lokalen Vorgänge in 
den Brustdrüsen selbst, die von Lymphzellen strotzen, bedingt sein. 

J. Fischer (Wien). 

Die Einwirkung des Diabetes mellitns auf die weiblichen Sexualorgane 
und ihre Funktionen. Von M. Graefe. Sammlung zwangloser Ab¬ 
handlungen aus dem Gebiete der Frauenheilkunde und Geburtshilfe 
Bd. II, Heft 5. 

An der Hand eigener Erfahrungen und unter Ausnützung der ein¬ 
schlägigen Literatur entwirft Verf. ein Bild von den Einwirkungen, welche die 
Zuckerharnruhr auf das weibliche Genitalsystem ausübt Dass diese Erkrankung 
zu den weiblichen Geschlechtsorganen nicht ohne Beziehungen ist, geht aus 
dem Umstande hervor, dass der Diabetes am häufigsten in dem Lebensalter 
auftritt in welchem die Thätigkeit dieser Organe am meisten in Anspruch 
genommen wird. Ein ziemlich häufiges und zugleich ein Frühsymptom des 
Diabetes mellitus ist der Pruritus vulvae, daher ist in jedem solchen Falle 
der Urin zu untersuchen. Die bei dieser Erkrankung auftretenden Verän¬ 
derungen an der Vulva haben beim Diabetes nichts Charakteristisches. Die 
Behandlung muss dagegen eine spezifische, eine diätetische sein, selbstver¬ 
ständlich ohne eine lokale Therapie überflüssig zu machen. Besonders em¬ 
pfehlenswert ist die von Rüge angegebene, die im wesentlichen in einer 
energischen Reinigung und Desinfektion der Vulva besteht Eine seltenere 
Komplikation des Diabetes ist die Atrophie des Uterus und der Ovarien, 
etwas häufiger vielleicht scheint Amenorrhoe einzutreten. Diese letztere ist 
nicht durch die Stoffwechselerkrankung an sich, sondern durch Abmagerung 
und Kräfte verfall bedingt. 

Dass umgekehrt eine Genitalerkrankung die Ursache eines Diabetes 
sein kann, bezweifelt Verfasser im Hinblick auf die geringe Zahl ein- 
w'andsfreier, dafür sprechender Beobachtungen und auf die relative Selten¬ 
heit des Diabetes im Vergleich mit der Häufigkeit sexueller Affektionen. 
Während er weiter die Frage, ob die Libido coeundi bei diabetischen Frauen 
erlischt, für einigermassen irrelevant und für schwer diskutabel hält, legt er 
um so grösseres Gewicht auf die Beeinflussung der Conceptionsfähigkeit, bei 
der sowohl die etwaige Atrophie der Zeugungsorgane selbst, wie auch gewisse 
Rücksichten des Gatten gegenüber einer kranken Frau eine Rolle spielen. 
Die Entstehung eines Diabetes während der Schwangerschaft ist verschie¬ 
dentlich beobachtet werden; die Möglichkeit, dass diese Erkrankung ein Folge¬ 
zustand der Gravidität sei, ist nicht von der Hand zu weisen. (Selbstver¬ 
ständlich gehört die zur Zeit der beginnenden Milchsekretion auftretende 
Melliturie bezw. Laktosurie nicht hierher.) Nicht selten, und zwar in 33% 
der Fälle, macht der Diabetes der Schwangerschaft ein vorzeitiges Ende, 
meistens durch Absterben der Frucht, was auch bei ausgetragener Schwanger¬ 
schaft häufig vorkommt; wiederholt ist auch Hydramnion beobachtet worden. 


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Geburt und Wochenbett scheinen dagegen durch die Zuckerkrankheit nicht 
wesentlich gestört zu werden. Manchmal enthält das Fruchtwasser Trauben¬ 
zucker, der nicht vom Fötus, sondern aus dem glykämischen Blut der Mutter 
stammt 

Das Coma diabeticum vor Eintritt der Geburt gehört anscheinend zu 
den Ausnahmen, während der Geburt oder im Anschluss an dieselbe ist es 
häufiger und gewährt eine sehr ungünstige Prognose. 

Da Schwangerschaft und Diabetes mellitus sich in bedenklicher Weise 
komplizieren, und in Berücksichtigung des Umstandes dass ein Teil der 
Früchte ohnehin zu Grunde geht, könnte man an die Einleitung der künst¬ 
lichen Frühgeburt denken, zumal w f enn der Fötus abgestorben oder der 
Zustand der Mutter besorgniserregend geworden ist. Dabei ist aber wiederum 
zu überlegen, dass das schon bei spontaner Niederkunft drohende Coma bei 
der länger dauernden künstlichen Frühgeburt erst recht zu befürchten ist 
Es liegt daher nahe, den künstlichen Abortus einzuleiten zu einer Zeit, wo das 
Allgemeinbefinden der Mutter noch ein gutes ist Wird dies nicht zugegeben 
oder nicht für indiziert gehalten, so ist eine sorgfältige Allgemeinbehandlung 
Schwangerer durchzuführen, unter Umständen ist das Heiratsverbot auszu¬ 
sprechen, jedenfalls muss auf die Gefahr einer eintretenden Conception hin¬ 
gewiesen werden. Das Nähren des Kindes muss diabetischen Frauen unter 
allen Umständen untersagt werden. 

Ad. Calmann (Breslau). 


Sensibilitatsprüfungen am weiblichen Genitale nach forensischen Gesichts¬ 
punkten. Von Adolf Calmann. Verhandlungen der Deutschen gynäk. 
Gesellschaft 1897. 

Für die den Gerichtsärzten und Gynäkologen sicherlich nicht unbekannte That- 
sache, dass die Frauen häufig im Unklaren sind über eine Manipulation, die an 
ihren Genitalien vorgenommen worden ist, lieferte eine gerichtliche Verhandlung in 
Breslau ein treffendes Beispiel. Eine Frau, die unter der Anklage der Fruchtab¬ 
treibung stand, sagte gegen die mitangeklagte Hebamme aus, diese habe ihr seiner 
Zeit ein spitzes metallisches Instrument in die Scheide eingeführt, während diese 
beteuerte, die Frau nur katheterisiert zu haben. Angeregt durch diesen Vorfall 
führte Verfasser eine Reihe von Sensibilitätsprüfungen am weiblichen Genitale aus. 
Mit Rücksicht auf die lediglich praktische B#*deutung des Gegenstandes wurden diese 
Untersuchungen in ziemlich grober Weise unternommen, indem einfach durch Ein¬ 
führung der gebräuchlichen gynäkologischen Instrumente die verschiedenen Befuude 
erhoben wurden. 

Die gewonnenen Resultate sind verallgemeinert in folgende Thesen zu¬ 
sammengefasst : 

1. Am weiblichen Urogenitalsystem ist der Ortssinn sehr mangel¬ 
haft entwickelt; die räumliche Unterscheidung zwischen Harnröhre bezw. 
Blase einerseits, After bezw. Mastdarm und Scheide andererseits ist eine 
durchaus unsichere; eine diesbezügliche Differenzierung zwischen Scheide, 
Portio und Uterushöhle besteht überhaupt nicht 

2. Der Ta s t s i n n ist in diesem Gebiete, besonders oberhalb seiner Eingangs¬ 
pforten, ebenfalls mangelhaft ausgebildet Ueber die Länge eines eingeführten 
Gegenstandes fehlt jedes Urteil, die Dicke wird noch annähernd am genauesten 
erkannt, aber keineswegs mit zuverlässiger Sicherheit abgeschätzt Ueber die 
Form und Eigentümlichkeit der Gegenstände herrscht grosse Unklarheit Die 
Zahl der in die Vagina eingeführten Gegenstände wird häufig falsch ange¬ 
geben, Am Uterus ist der Tastsinn nicht vorhanden. 

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3. Der Drucksin n ist in der Harnröhre ziemlich gut entwickelt; in 
der Scheide ist er sehr herabgesetzt, an der Portio und im Uterus ist er 
nicht nachzuweisen. 

4. Der Temperatursinn ist in der Harnröhre ziemlich deutlich vor¬ 
handen. In der Scheide ist er sehr schwach ausgebildet, besonders den 
als „warm“ zu bezeichnenden Temperaturgraden gegenüber. An der Portio 
und im Uterusinnern fehlt er vollständig. 

5. Die Schmerzempfindung ist in der Harnröhre ziemlich lebhaft, 
in der Scheide, an der Portio und im Cervikalkanal besteht sie nur in 
massigem Grade, im Cavum uteri ist sie häufig deutlich auszulösen. Hierin 
besteht die einzige subjektive Unterscheidung zwischen Scheide und Uterus. 

6. Ausspülungen der Scheide mit den gebräuchlichen Desinficientien 
setzen die Sensibilität herab. 

Autorreferat. 

Les mätrorragies dans les nialadies du coeur. Von Paul Dalche. 
Gazette des höpitaux Nr. 77 u. 79, 1897. 

Metrorrhagien treten vorwiegend im Geleite von Herzkrankheiten auf, 
die eine gewisse Behinderung der Cirkulation des Blutes bedingen, ohne 
darum zu schweren, asystolischen Zuständen zu führen. Wir treffen sie 
daher häufiger bei Erkrankungen der Mitral- als der Aortenklappen an. 
Dalchö behauptet, dass eine uterine Blutung unter dem Einflüsse einer Hyper¬ 
trophie des 1. Ventrikels allein (z. B. bei Aorteninsufficienz) kaum möglich 
sei. Wenn eine Erkrankung der Aorta oder ihrer Semilunarklappen allein 
zu Metrorrhagieen führte, sei es immer noch notwendig, vorher festzustellen, ob 
nicht als Hauptursache etwa allgemeine Arteriosklerose bestehe; für die Er¬ 
krankungen des Aorten-Ostiums allein gelte viehnehr vorzeitige Amenorrhoe 
als Regel. — Die in der Literatur enthaltenen Fälle von M. bei Stenose 
des Aorten-Ostiums seien entweder Fälle von Haemophilie gewesen oder die 
Herzaffektion habe ohne Zweifel bei denselben nur eine sekundäre Rolle 
gespielt. 

Es sind demnach vorwiegend Mitralerkrankungen, welche M. zu ver¬ 
ursachen pflegen; von diesen nimmt wieder die Stenose des 1. venösen Ostiums 
die erste Stelle ein; das erklärt sich leicht aus der häufigen Entwicklung 
der letzteren Affektion im jugendlichen Alter der Kranken, im Beginne der 
Geschlechtsreife. . 

An zweiter Stelle sind (mit Rücksicht auf die Häufigkeit des Auf¬ 
tretens von M.) Stenosen des 1. ven. Ostiums kombiniert mit Insufficienz der 
Mitralklappe, an dritter Stelle kompliziertere Klappenaffektionen: Erkran¬ 
kungen der Mitral- und Aortenklappen, zu nennen. 

Bei Erkrankungen des rechten Herzens sind Komplikationen von seiten 
des Uterus selten. Die Erkrankungen des Ostiums der Pulmonalarterie sind 
ja vorwiegend angeborene Affektionen. Sie bedingen ein Zurückbleiben der 
Individuen auf infantiler Stufe; die Pubertät tritt erst spät ein, die Men¬ 
struation selbst ist spärlich. Die Kranken gehen fast ausschliesslich in jugend¬ 
lichem Alter zu Grunde. 

Zu M. prädisponieren auch Lungenemphysem und chronische Bronchitiden 
mit begleitenden Veränderungen des Herzens; dies gilt besonders für die 
Komplikation mit chronischer Metritis. Huchard war der erste, der M. 
als pathognomisch für das Latenzstadium der Arteriosklerose beschrieb. Der 
Einfluss der Herzerkrankungen auf den Uterus wird erhöht, durch die 


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Coexistenz von Krankheiten, die ihrerseits allein auch M. bewirken können, 
z. B. Nieren- und Leberaffektionen, Enteroptose, chronische Obstipation etc. 

Die Diagnose der M. cardialen Ursprungs ist nicht schwer. Es handelt 
sich darum, lokale Erkrankungen des Uterus oder seiner Adnexe auszu- 
schliessen. Frühe Störungen der Menstruation sind oft die ersten Symptome, 
welche die Aufmerksamkeit des Arztes auf eine bis dahin unbemerkt ge¬ 
bliebene Klappenerkrankung lenken. Sehr häufig handelt es sich dann um 
Mitralstenosen. Zuweilen werden latente Klappen-Erkrankungen nach einer 
stärkeren, körperlichen Anstrengung mit ganz geringer Pulsirregularität und 
einer heftigen Metrorrhagie manifest. 

Howship Dickinson in Dublin versuchte bei einem Falle von M. mit 
Klappenerkrankung und gesundem Uterus „Digitalis“. Die Blutung stand. 
Er empfiehlt Dosen von 15 bis 30 Gramm im Infus! Dalchö tritt für 
kleinere Dosen, 0,30—0,50 und Kombination mit Ergotin, Chinin, sulfur, 
Nux vomica oder Strophantus ein. 

Gegen die Schmerzen empfehlen sich Bettruhe und Opiate; eine kon- 
komitierende Erkrankung des Uterus oder seiner Adnexe wird naturgemäss 
operativ zu behandeln sein. 

Ludwig Braun (Wien). 

Maladies du coeur et grossesse. Lepons sur la pathologie de la 
grossesse. Von J. Lvoff, Kasan. Annales de gynöcologie et d’obstötrique 
T. XLVIII, Döcembre 1897. 

In ausführlicher Weise werden zuerst die in der Literatur bereits vor¬ 
liegenden Angaben wiedergegeben. Sie sollen illustrieren, wie weit die An¬ 
sichten der verschiedenen Autoren (sowohl der Internisten, wie der Gynäko¬ 
logen) über die in Frage stehenden Punkte auseinandergehen. Während die 
einen z. B. angeben, dass Herzfehler keinen besonderen Einfluss auf den 
Verlauf der Schwangerschaft und die Gesundheit der schwangeren Frauen 
haben, messen andere jenen Krankheiten eine besondere Bedeutung bei und 
weisen auf die sich oft einstellende Notwendigkeit hin, die Schwangerschaft 
künstlich zu unterbrechen; eine dritte Reihe von Autoren fühlt sich sogar 
veranlasst, den beteiligten Personen die Heirat oder Conception gänzlich zu 
untersagen. Auch die Angaben über den Einfluss der Schwangerschaft 
auf das gesunde Herz (Hypertrophie oder Dilatation oder beides) sind sehr 
schwankende. 

Nach Lvoff muss in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft infolge 
des Hinzutretens des utero-placentaren Kreislaufes, infolge der Vermehrung 
der Gesamtmasse des Blutes und ferner infolge der Erhöhung des arteriellen 
Blutdruckes die Thätigkeit des Herzens grösser werden, wobei es im Falle 
einer guten Ernährung desselben zu einer konzentrischen Hypertrophie des 
ganzen Herzens oder des linken Ventrikels kommt, im Falle schlechter Er- 
nährungsverhältnisse aber zu einer passiven Erweiterung seiner Höhlungen, 
insbesondere des linken Ventrikels, sowie zu einer Atrophie und Degeneration 
des Herzmuskels. Er nimmt aber auch an, dass sich neben der Hypertrophie 
stets wenigstens eine teilweise Dilatation des rechten Herzens entwickle. 

Bei den Herzfehlern wird es infolge der durch die dieselben geschaf¬ 
fenen (Zirkulationsstörungen fast immer in der zweiten Hälfte zu mehr oder 
weniger beträchtlichen Störungen kommen; von einer wirklichen und dauern¬ 
den Besserung wird während der Schwangerschaft nicht die Rede sein können, 


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solange die Gründe, die die Störung hervorgerufen haben, nicht beseitigt sind. 
Diätetisches Regime, Medikamente werden nur vorübergehenden Erfolg haben. 

Als Folgen der Insufficienz des Herzens sind die Oedeme, das Asthma, 
das Herzklopfen, die Arythmie, die Albuminurie und auch die Spontanunter¬ 
brechung der Schwangerschaft zu betrachten. Wenn letztere auch die Thätig- 
keit des Herzens erleichtert* so ist sie oft doch nicht mehr imstande, den 
letalen Ausgang aufzuhalten. 

Lvoff teilt 18 Beobachtungen mit. Davon entfallen 15 auf Erkrankungen der 
Valvula mitralis. In 10 Fällen erreichte die Schwangerschaft ihr normales Ende, in 3 
traten Frühgeburten spontan ein, während sie in 2 Fällen künstlich hervorgerufen 
werden mussten. Nur in 2 Fällen verlief die Schwangerschaft ziemlich normal. Zwei 
Todesfälle (einer unmittelbar nach der Entbindung und einer während derselben ). 

Die Fälle, in denen man am Ende der Schwangerschaft eine sachgemäße Be¬ 
handlung einschlug, verliefen regelmässiger. Da bei den Mitralfehlern die bedroh¬ 
lichen Erscheinungen insbesondere in der zweiten Geburtsperiode auftreten, sucht 
Lvoff diese durch die Kristeller’sche Methode oder den Forceps abzukürzen. Bei 
dem Auftreten schwerer Symptome bereits in der Schwangerschaft leitet er die 
künstliche Frühgeburt ein, die aber in den schwersten Fällen sich oft als vergeblich 
erweist. 

3 Fälle betreffen Erkrankungen der Valvula aortae (2 haben am normalen 
Schwangerschaftsende entbunden, eine spontane Frühgeburt). Die bedrohlichen Er¬ 
scheinungen von Seiten des Herzfehlers traten in der zweiten Schwangerschaftshälfte 
oder insbesondere unmittelbar nach der Geburt auf (ein Todesfall unmittelbar post 
partum). Der Akt der Entbindung selbst verlief normal. 

J. Fischer (Wien). 

Des rapports de la lithiase biliaire avec les fonctions utörines. Von 

J. Cornillon. Progrös Medical 1897, Nr. 17. 

Nach den Erfahrungen des Verfassers ist in einer nicht geringen Zahl 
von Fällen ein mehr oder weniger inniger Zusammenhang zwischen dem 
Eintritt der Menstruation und dem Auftreten von Gallensteinkoliken zweifellos. 
Einerseits fallen häufig Anfälle von Gallensteinkolik zeitlich mit dem Ein¬ 
setzen der Periode zusammen, andererseits wird diese bei Personen die an 
Gallensteinen leiden, dahin beeinflusst, dass sie, früher normal, nunmehr unregel¬ 
mässig wird, ganz aussetzt oder zu schwach oder zu stark auftritt, während die 
Untersuchung der Genitalien keinerlei Veränderungen nachzuweisen vermag. 

Verfasser sieht die Ursache des zeitlichen Zusammenfallens von Periode 
und Kolikanfall einmal in der erhöhten Reizbarkeit und Empfindlichkeit der Frau 
zur Zeit der Menstruation und in dem mit der Periode auftretenden stärkeren 
Blutzufluss zu den Bauchorganen. 

Eine Bestätigung seiner Ansicht findet Verfasser darin, dass die grösste 
Häufigkeit des Auftretens von Gallensteinkoliken in das Lebensalter der 
stärksten Thätigkeit des Uterus, in das 20. bis 35. Lebensjahr fällt 

Mit dem Eintritt der Menopause ändern auch die Anfälle von Gallen¬ 
steinkolik ihren Charakter. Mitunter hören sie ganz auf, um nur mit dem 
Auftreten verspäteter Blutungen wieder einzusetzen, häufig aber nehmen sie 
an Zahl, Stärke und Dauer zu. 

Während der Schwangerschaft setzen sie meist ganz aus und hält dieser 
Stillstand oft bis zum Aufhören der Laktation an, um alsdann mit verstärkter 
Heftigkeit wieder einzusetzen. 

In 5 Fällen hat Verfasser beobachten können, dass im Anschluss an 
einen operativen Eingriff am Uterus Gallensteinkoliken sich einstellten oder 
das schon vorher vorhandene Leiden in verstärktem Masse in Erscheinung trat 

R. Heiligenthal (Tübingen). 



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Ueber puerperale Gallensteinkolik. Von Dr. Arnold Ei ermann. 

Münchener med. Wochenschrift 1897, Nr. 2. 

Ei er mann berichtet über einen Fall von puerperaler Gallenstein kolik. Es 
handelt sich in demselben um eine 29jährige I para, die bis zum Beginn der 
Schwangerschaft vollkommen gesund war. Während der Gravidität entwickelte sich 
Nephritis gravidarum, sowie eine Bronchitis mässigen Grades. Am normalen 
Schwangerschaftsende erfolgte die Geburt; sie wurde durch Forceps beendet. Leichte 
abendliche Temperatursteigerungen, wie sie an den ersten 4 Tagen des Wochenbettes 
bestanden, wurden auf die noch bestehende Bronchitis bezogen, da eine puerperale 
Infektion sich nicht naehweisen liess. Am fünften Tage des Puerperiums erkrankte 
die Patientin unter den stürmischen Symptomen der Gallensteinkolik. Schüttelfrost, 
äusserst heftige, krampfartige Schmerzen in der Magengegend stellten sich ein. Der 
Puls betrug 124, die Temperatur war leicht erhöht. Am folgenden Tage trat Icterus 
auf, der Urin war gallig gefärbt, der Stuhl acholisch. Die Diagnose war somit 
sichergestellt. Bei Anwendung der usuellen Therapie (Morphium, Oel per os, fett¬ 
reiche Nahrung) verschwand der Icterus, und es erfolgte auch kein weiterer Anfall 
von Cholelithiasis. 

Der Autor hebt nun mit besonderem Nachdruck hervor, dass die ihm zu¬ 
gänglichen Lehrbücher der Geburtshilfe die Komplikation des Puerperiums mit 
Gallensteinkolik nicht enthalten. Müller erwähnt sie in seinem Handbuche der 
Geburtshilfe nur flüchtig. Der Referent erlaubt sich ergänzend auf Schauta's Lehr¬ 
buch der gesamten Gynäkologie, Wien 1896. p. 630, 631, hinzu weisen, wo Schwanger¬ 
schaft und Wochenbett geradezu als zur Gallensteinbildung disponierende Momente 
angeführt werden. Schauta erwähnt daselbst einen Fall eigener Beobachtung, bei 
dem im fünften Graviditätsmonate die Cholecystectomie ausgeführt werden musste, 
und citiert einen zweiten von Thiriar in gleicher Weise behandelten Fall. 
Skutsch, der nur vom Austritte der Gallensteine spricht, erklärt sich denselben aus 
den durch die Geburt bedingten Druckveränderungen im Abdomen. 

Eiermann sieht als ätiologisches Moment der Gallensteinbildung 
während der Schwangerschaft ein durch den Utemstumor bedingtes Abfluss¬ 
hindernis für die Galle an. Folge dieser Behinderung ist je nach der indivi¬ 
duellen Disposition entweder Icterus oder Gallensteinbildung. Die Geburt 
ändert die abdominalen Druckverhältnisse, wie sie während der Gravidität 
bestanden. Die Gallenwege werden wieder wegsam. Die Gallenblase trachtet 
nun nach Ansicht Eiermann’s, sich ihres Inhaltes zu entledigen. Die Koliken 
werden ausgelöst. Diese Entstehungshypothese für die puerperale Gallenstein¬ 
kolik wird auch von Lomer und J. Kraus sen. angeführt. (Die Arbeit 
von J. Kraus erschien während der Drucklegung der referierten Publi¬ 
kation). Wesentlich gestützt wird diese Hypothese durch die Beobachtung von 
Freund sen., der nach operativer Entfernung grosser Unterleibstumoren — 
diese stehen in Analogie zum graviden Uterus — Gallensteinkolik auftreten 
sah. Die Häufigkeit der durch Gallensteinkolik komplizierten Puerperien will 
Eiermann nicht gerade hoch ansetzen. Gottschalk beobachtete sie im 
Laufe von 10 Jahren 9—lOmaL Die Diagnose ist, insofern die Kompli¬ 
kation dejn Arzte überhaupt bekannt ist, eine leichte. Damit sie in weitere 
Kreise (Jringe, soll sie vor allem in den Lehrbüchern Aufnahme finden, und 
hierfür plaidiert der Autor entschieden. 

E. Waldstein (Wien). 

Nephrorrhaphie während der Schwangerschaft. Von Johann Merkel. 

Münchener med. Wochenschrift Nr. 31, 1897. 

Bei einer 29jährigen Frau, die im 4 Monate schwanger war, wurde die Dia¬ 
gnose auf Wanderniere und zwar (in Berücksichtigung der Anamnese) mit dreimaliger 
Achsendrehung und Zerrung am Ureter gestellt. 

Um eine erneute Torsion der Niere zu verhüten, die neben anderen Störungen 
auch den Abort würde herbeiführen können, ferner in Erwägung der Gefahr einer 
Einklemmung mit Kompression der Nierengefässe oder des Ureters durch den wach- 


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senden Uterus wurde die Anheftung der Wanderniere noch während der Schwanger¬ 
schaft beschlossen und ausgeführt und zwar nach der Simon’schen extraperitonealen 
Methode. Die Nachbehandlung wurde durch die verschiedensten Komplikationen 
erschwert und in die Länge gezogen, trotzdem trat keine Unterbrechung der 
Schwangerschaft ein, und schliesslich wurde die Patientin gesund entlassen. 

Ad. Cal mann (Breslau). 


Beiträge zum Tetanus puerperalis. Von W. Rubeska. Archiv f. Gynä¬ 
kologie Bd. LIV, Heft 1. 

Rube&ka hat 6 Fälle beobachtet und mitgeteilt, von denen drei durch 
ihren mutmasslichen endciniologischen Zusammenhang ein besonderes Interesse 
beanspruchen. 

Im Jahre 1895 ging eine wahrscheinlich ausserhalb der Anstalt mit Tetanus 
infizierte Wöchnerin zu Grunde, trotz des Versuches, durch Exstirpation des Uterus 
die Brutstätte der Tetanusbacillen zu entfernen. Das Sekret des Uterus enthielt 
die specifischen Erreger, während sich im Gewebe der Placcntarstelle keine fanden. 
Drei Tage nach der Entbindung dieser Patientin kam eine andere Frau uieder, 
erkrankte bald unter Erscheinungen von Tetanus und starb nach neun Tagen. Der 
Sektionsbefund fiel betreffs des Nachweises von Tetanusbacillen völlig negativ aus. 
Obwohl derselbe Assistent beide Frauen untersucht und behandelt hatte, hält Rubeska 
eine Uebcrimpfung durch ihn nicht für wahrscheinlich, da er an denselben Tagen 
verschiedene geburtshilfliche Eingriffe an anderen Frauen ausgeführt hatte, ohne 
diese zu infizieren. Derselbe Assistent hatte auch Beihilfe geleistet bei der Uterus¬ 
exstirpation bei der vorher genannten Frau; in der darauf folgenden Nacht machte 
er bei einer Gebärenden eine Deeapitation; 8 Tage später erkrankte diese Frau eben¬ 
falls am Tetanus und ging zu Grunde. In diesem Falle hält Verfasser die Infektion 
durch den Assistenten für erwiesen. Der Tetanusbacillus wurde in den sechs Fällen 
viermal durch Kultur- und Tierversuch nachgewiosen. In einem Falle blielxm beide 
Resultate aus, und gerade in diesem handelte es sich um eine reine Tetannsinfektion, 
während in den übrigen Fällen eine Misehinfektion mit Eiterkokken nachgewiesen 
werden konnte. Die antispasmodische und narkotische Therapie sowohl wie die Be¬ 
handlung mit Tizzonrs Antitoxin zeigten sich in gleicher Weise machtlos. 

Ad. Cal mann (Breslau). 


Ueber die Uebertragung von Milzbrandbacillen beim Menschen von 
der Mutter auf die Frucht bei Pustula maligna. Von M. J. Rostowzew. 
Zeitschrift für Geburtshilfe Bd. XXXVII, Heft 3. 

Rostowzew hat 3 Fälle von Milzbrand bei Schwangeren beobachtet 
und genau untersucht; er konnte dabei den Uebergang der Milzbrandbaeillen 
aus dem Blute der Mutter in das Blut der Frucht nach weisen, denn in 
der Placenta sowohl wie in der Nabelschnur, und zwar hauptsächlich in der 
Vene, fanden sich die charakteristischen Stäbchen. In den Früchten sassen 
sie ausserdem in der Milz, den Nieren und den Nebenieren; doch war die 
Gesamtzahl dieser Mikroorganismen bedeutend kleiner als in den mütter¬ 
lichen Organen; ausserdem erschienen sie blasser gefärbt, was Verfasser auf 
degenerative Prozesse der Bacillen zurückführt 

Die erkrankten Schwangeren starben alle, während drei zu derselben 
Zeit beobachtete, nicht schwangere Frauen, die ebenfalls mit Milzbrand infi¬ 
ziert waren, bei derselben Therapie genasen. 

Ad. Cal mann (Breslau). 


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Hautemphysem nach der Geburt Von Charles D. Musgrove. Lancet, 
July 31., 1897. 

l l j 2 Stunden nach einer spontan verlaufenen Geburt eines Kindes, dessen 
grosser Kopf die Austreibung etwas verzögert hatte , fühlte die Wöchnerin plötzlich 
einen Schmerz an der Trachea, der eine Stunde lang anhielt, ohne dass Atemnot ein¬ 
trat. Bei der Untersuchung fand sich über beiden Supraclaviculargruben Und über 
der ganzen vorderen Bnistwand subcutanes Emphysem. Da Pneuinathorax ausge¬ 
schlossen werden konnte, nimmt Verfasser an, dass dieses Emphysem durch Zer- 
reissung von Lungengefässen während der letzten Austreibungswehen entstanden ist. 
Erst nach 10 Tagen gingen die Erscheinungen völlig zurück. 

Ad. Cal mann (Breslau). 


b) Organo-Therapi e, Serum-Therapie. 

Die Organotherapie in der Gynäkologie. Von L. Kleinwächter. 

Zeitschr. für Geburtshilfe Bd. XXXVII, Heft 3. 

Nach einer historischen Uebersicht über die Entstehung und Entwicke¬ 
lung der Organotherapie und ihre Verwertung für die Gynäkologie, bespricht 
W. die Verwendung der verschiedenen Organextrakte bei gynäkologischen 
Erkrankungen, bevsonders bei Neoplasmen (auch malignen!) des Uterus, die 
erst eine Errungenschaft der Neuzeit ist. Ihre Fürsprecher arbeiteten mit 
den verschiedensten Produkten der verschiedensten Drüsen und „heilten“ 
damit alle Affektionen des Uterus vom Carcinom bis zu den katarrhalischen 
und hämorrhagischen Zuständen; vorsichtigerweise versäumten sie dabei jedoch 
keine der gebräuchlichen lokalen Behandlungsmassnahmen, wie Auslöffelung 
der Krebsmassen, Ichthyolbehandlung u. s. w. 

Verfasser hat 7 Fälle mit Organsäften behandelt und zwar 5 Fälle von Uterus¬ 
fibromen, ein Carcinoma Uteri und einen Fall von Dysmenorrhoe nach abgelaufener 
Salpingitis. Seine Erfahrungen sind keineswegs so glänzend, wie die der oben ange¬ 
führten Autoren. Das Carcinom wurde durch Thyreoidindarreichung nicht wesent¬ 
lich beeinflusst, bei den Fibromen gingen auf Thyreoidin die Blutungen entschieden 
zurück (sogar in einem Falle, in dem die Patientin die Pastillen irrtümlich in die 
Vagina eiugeführt hatte), die Tumoren selbst blieben so ziemlich unverändert. Die 
starken Schmerzen und Blutungen, die in dem einen Falle nach einer geheilten Sal¬ 
pingitis zurückgeblieben waren, besserten sich ganz bedeutend nach Ovarindarreichung. 
Am Schlüsse der Arbeit werden noch zwei weitere eigene Beobachtungen mitgeteilt: Bei 
einer neurasthenischen Frau mit dysmenorrhoischen Beschwerden hatte Ovarin nur 
geschadet, in einem Falle von Portiocarciuom hörten die Blutungen nach Thyre- 
oidingebrauch auf. 

Auf Grund dieser Erfahrungen spricht sich Kleinwächter etwas 
reserviert über den Nutzen der Organotherapie für die Gynäkologie aus. Eine 
unzweifelhaft gute Wirkung hat der Ovarienextrakt bei Ausfallserscheinungen 
nach Castration und im Klimakterium; bei Amenorrhoe und Chlorose ist seine 
Wirkung unsicher. Das Thyreoidin wirkt blutstillend bei Fibromen und 
möglicherweise auch bei Carcinomen des Uterus. In dem Falle von Dys¬ 
menorrhoe glaubt Verf. nur an einen roborierenden Einfluss des Ovarins. 
Beachtenswert ist seine Mahnung zur Vorsicht beim Gebrauch des Thyreoi- 
dins, besonders bei hysterischen und neurasthenischen Zuständen; auch die 
kumulative Wirkung des Mittels darf nicht vernachlässigt werden. Aus dem 
der Arbeit angefügten Nachtrag interessiert noch die literarische Notiz, dass 
auch Knochenmark zur Heilung der Osteomalacie verwendet worden ist 

Ad. Calmann (Breslau). 


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Ein Fall von puerperaler Sepsis, behandelt mit Antistreptococcenserum; 

Heilung. Von Lcslie I)urno. British med. Journal 1897, 30. Oktober. 

Bald nach der Anwendung des Serums trat in dem beschriebenen, sehr schweren 
Falle subjektive und objektive Besserung ein, die bei weiterer Anwendung des Mittels 
allmählich in Heilung überging.* ln den ersten Tagen der specifischen Behandlung 
hatte sich eine vorübergehende, aber sehr heftige Urticaria eingestellt. Ausserdem 
entwickelte sich an einer In iektionss teile ein Bauchdeckenabscess, den Verfasser auf 
eine Schädigung des Gewebes durch zahlreiche Einstiche an derselben Stelle oder 
auf das (von Borroughs, Wellcome u. Co. gelieferte) Serum zurückführen zu müssen 
glaubt. 

Ad. Calmann (Breslau). 


Zwei Fälle von puerperaler Sepsis, behandelt mit Antistreptcoccenserum: 
Heilung. Von R. Richmond. Lancet 1897, 25. September. 

Beide Fälle bieten keine Besonderheiten. 


Ad. Calmann (Breslau). 


Serumtherapie bei puerperaler Sepsis. Von E. A. T. Steele. Lancet 
1897, 2. Oktober. 

Steele konnte aus der Literatur 23 Fälle von puerperaler Sepsis, die mit 
Antistreptococcenserum behandelt worden waren, zusammenstellen und ihnen 3 eigene 
Beobachtungen anreihen. Von diesen 26 Fällen kamen 16 zur Genesung, 10 starben. 
Steele stellt fest, dass ein schädlicher Einfluss des Serums in keinem Falle mit Ge¬ 
wissheit angenommen werden konnte. Er empfiehlt, die erste Dosis recht gross zu 
geben (30 ccm oder mehr). Bei jeder Serumtherapie muss das Uterussekret möglichst 
bakteriologisch geprüft werden, aa diese nur bei Streptococceninfektionen von Wirkung 
sein kann; im Hinblick darauf, dass fast in allen Fällen eine Mischinfektion besteht, 
darf die lokale Therapie neben der specifischen nicht vernachlässigt werden. 

Ad. Calmann (Breslau). 


Behandlung eines Falles von puerperaler Sepsis mit Antistreptococcen¬ 
serum; Tod. Von J. D. Rawlings. Lancet 1897, 7. August 

Im Gegensatz zu der Mehrzahl der aus England stammenden günstigen Be¬ 
richte über das Antistreptococcenserum erlebte Verfasser bei der Anwendung desselben 
einen gänzlichen Misserfolg. Das Serum wurde 3 Tage nach dem Beginn der Er¬ 
krankung zum erstenmal gegeben und bis zum Tode nicht ausgesetzt, ausserdem 
wurde die übliche allgemeine und lokale Therapie sorgfältig durchgeführt. 

Ad. Calmann (Breslau). 


Erfolgreiche Behandlung eines Falles von Septicaemie mit Antistrepto- 
serum. Von Ernest R. G. Groth. Lancet 1897, 14. August. 

Nach anscheinend erfolgloser Durchführung der gebräuchlichen Lokalbehand¬ 
lung eines septischen Abortes wurde das Antistreptococcenserum versucht. Die Ein¬ 
spritzungen hatten stets den Erfolg, dass Temperatur und Puls sich für einige Zeit 
erheblich besserten. Die Semmbehandlung musste jedoch noch mehrmals wiederholt 
werden im Verlauf mehrerer Wochen, bis endlich Temperatur und Puls dauernd 
normal blieben. Eine interkurrente Behandlung mit Chinin, Antifebrin etc. schien 
gar keinen Einfluss auf das Krankheitsbild zu haben; die schliesslich eintretende Ge¬ 
nesung führt Verfasser einzig und allein auf das Serum zurück. 

Ad. Calmann (Breslau). 



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Behandlung eines Falles von akuter septischer, allgemeiner Peritonitis 
und septischer Metritis mit Antistreptococcenserum; Heilung. Von 
R. R. Law. Brit. medic. Journal 1897, 2. Januar. 

Eine junge Frau erkrankt unter Erscheinungen einer Pelveoperitonitis, die 
sich nach einigen Tagen zu einer allgemeinen Peritonitis unter schweren Allgemein¬ 
erscheinungen entwickelt; als Ursache wurde eine septische Metritis erkannt. Nach 
Injektion von 3 ccm Antistreptococcenserum unter die Haut fiel im Verlauf einer 
Stunde die Temperatur erheblich herunter, der Puls wird langsamer und voller. 
Am folgenden Tage wurden weiterhin 4 Einspritzungen von je 3 ccm gegeben mit 
derselben günstigen Einwirkung auf Puls und Temperatur; in den nächsten Tagen 
wurden die Seruminjektionen bis zu einer Maximaldosis von 35 ccm fortgesetzt, 
worauf allmählich völlige Genesung eintrat. Zwei Tage nach der letzten Injektion 
trat eine leichte Urticaria auf, die nach einigen Tagen wieder verschwand. 

Verfasser ist in diesem Falle von der lebensretteuden Wirkung des Serums 
überzeugt; das Präparat stammte aus dem British Institute of Preventive Medicine. 

Ad. Cal mann (Breslau). 

Ein Fall von schwerer puerperaler Sepsis. Einspritzung von Anti- 
streptococcenserum; Genesung. Von Arthur J. Sharp. British medic. 
Journal 1897, 27. Februar. 

Am 5., 6. und 7. Tage des Wochenbettes wurden einer an Sepsis Erkrankten 
10 ccm, am 8. Tage 30 ccm Serum eingespritzt. Von dieser Zeit an begann die 
Patientin sich zu erholen, und am 30. Tage wurde die normale Temperatur erreicht 

Ö tococcen im Blute hatten sich nicht gefunden.) Die definitive Heilung wurde 
ein eitriges parametranes Exsudat verzögert, das nach der Scheide zu eröffnet 

wurde. 

Ad. Calmann (Breslau). 

Antistreptococcenserum in der Behandlung des Wochenbettfiebers. 

Von J. F. L. Whitti ngdale. British medic. Journal 1897, Jidy 3. 

Verfasser wendete das Serum zu gleicher Zeit in einem Falle von puerperaler 
Sepsis und bei einem (erst später erkannten) Scharlach im Wochenbett an; beide 
Frauen genasen. 

Ad. Calmann (Breslau). 


C. Knochen, Gelenke. 

Ueber Spontanfraktnr bei Syringomyelie. Von Dr. Max Gnesda. (Aus 
der Klinik von Professor Albert in Wien). Mitt. aus den Grenzgeb. der 
Med. und Chir. Bd. H, Heft 3. 

In einem Falle von „Spontanfraktur des rechten Unterschenkels“ fiel die abso¬ 
lute Schmerzlosigkeit bei Vornahme der therapeutischen Proceduren auf; sowohl die 
aktiven als passiven Bewegungen waren absolut schmerzlos. Infolge dessen richtete 
sich die Diagnose auf neuropathischen Knochenbruch bei Tabes. Der Status prae¬ 
sens ergab aber folgende Störungen: Steigerung der Patellarsehnen-, Bauchdecken- 
und Cremasterreflexe; lebhaften Achillessehnen- und Fusssohlenstreichreflex. Wesent¬ 
liche Störungen der Temperaturempfindung an Ober- und Unterextremitäten, be¬ 
stehend in mangelhafter oder fehlender Differenzierung von kalt, warm und heiss. 
Herabsetzung der Schmerzempfindung am ganzen Körper. Pupillarreaktionen un¬ 
gestört. Keine Muskelatrophien. Auch sonst nichts Pathologisches am Nervensystem 
zu finden. Die Heilung der Fraktur ging ungestört vor sidi, die Callusbildung war 
eine sehr energische. 

Die Diagnose war jetzt: Supramalleoläre Fraktur des rechten Unterschenkels 
bei Syringomyelie. 

Dieser Typus von Frakturen entsteht in der Regel durch direkte Gewalt 
oder indirekt durch Compression des Unterschenkels in vertikaler Richtung 


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oder Torsion desselben. Anhaltspunkte für diese Momente fehlen entschieden 
in der Anamnese. Desgleichen mangelt es an Beweisen abnormer Knochen¬ 
brüchigkeit durch Tumoren oder Knochenentzündung etc. Es bleibt daher 
nur die Annahme einer neuropathischen Spontanfraktur bei Syringomyelie, 
wie sie bisher in 5 Fällen bereits beschrieben wurden. Jede andere Nerven¬ 
erkrankung konnte ausgeschlossen werden. Es handelte sich in diesem Falle 
um eine Syringomyelie mit vorwiegend sensiblen Erscheinungen ohne Mus¬ 
kelatrophien, nach den Angaben von Schlesinger, Schultze und Rosso- 
limo. Ueber die Ursachen der Spontanfrakturen ist man noch nicht einig, 
doch ist die Ansicht Kolisko’s, „dass infolge der Analgesie ganz ungleich- 
massige Belastungen der einzelnen Knochen zustande kommen, die bei einem 
gesunden Menschen durch die Muskelfunktionen vermieden worden wären, 
deren Thätigkeit ja die Stärke der Knochen wesentlich erhöhen“, am plau¬ 
sibelsten. Nicht zu vergessen ist, dass selbst sklerotische Knochen — wie 
sie häufig beobachtet wurden — zwar grössere Tragfähigkeit haben, aber 
wegen der geringen Elastieität leicht frakturieren; noch eher geschieht dies 
natürlich bei den unter trophischen Störungen porotisch gewordenen. 

Hugo Weiss (Wien). 

Arthropathie des linken Ellbogengelenkes bei Syringomyelie. Von 

Dr. R. Kienböck. Sitzung des Wiener med. Klubs vom 20. Okt 1897. 

Der Fall betrifft eine 33jährige Patientin und ist dadurch auffallend, dass 
trotz ausgedehnten Gelenkprozesses keine Atrophien besteheu. An der Beugeseite des 
linken Ellbogengelenkes ist eine bedeutende Schwellung zu palpieren, die nicht allein 
die Diaphysen, sondern auch die Epiphysen betrifft. Nicht allein die Knochen, 
sondern auch die Kapsel und die Bänder zeigen wesentliche Verdickung; daneben 
abnorme Beweglichkeit, Krepitation, Fluktuation ; Haut normal, das Gelenk schmerz¬ 
los. Die Diagnose der Syringomyelie stutzt sich auf den schmerzlosen Verlauf des Pro¬ 
zesses, Thermanästhesien, Analgesien, Verbrennungsnarben, Parästhesien, schmerzlose 
Panaritien, gesteigerte Reflexe und leichte Kyphoskoliose im oberen Brustsegment 
der Wirbelsäule. Als Sitz der Meduilarerkrankung nimmt Kienböck das linke 
Vorderhorn im unteren Hals- und oberen Brustsegment an. 

Das Auftreten einer Gelenkaffektion ohne Atrophien ist nach Schlesinger 
als Frühsymptom der Syringomyelie zu betrachten. 

Hugo Weiss (Wien). 

Ueber eine seltene Lokalisation einer Arthropathie bei Syringomyelie. 

Von Dr. Friedr. Hahn, Wien. Wiener klin. Wochenschr. 1897, Nr. 29. 

Verfasser berichtet über einen Fall von neuropathischer Gelenkserkrankung 
bei einer 38jährigen Patientin, bei welcher im 23. Lebensjahre die ersten Zeichen 
der Syringomyelie sich äusserten durch Steifwerden der Füsse und Abnahme des 
Gefühls daselbst. Im 32. Jahre Trauma auf das rechte Ellbogengelenk, Schwellung, die 
persistiert. Später Parästhesien, Atrophien, Temperatursinnstörungen. Der Status 
praesens ergibt das Bild einer Syringomyelie mit Skoliose, Muskelatrophien am 
Schultergürtel und an beiden Händen nach dem Typus Aran-Duchenne, trophische 
Störungen der Haut und Niigei neben Verbrennungsnarben, dissociierte Empfindungs¬ 
lähmung besonders links, Spasmen an den ITiterextremitäten. Ferner Atheromatose. 
Von besonderemInteres.se erscheinen die Veränderungen am rechten Ellbogengelenke: 
Verdickung des unteren und oberen Humerusendes. Stumpfwinklige Abknickung 
des proximalen Radiusanteils gegen die Beugeseite des Gelenks hin; zwischen Capi- 
tulum radii und Eminentia capitata eine Lücke (mittels Röntgenstrahlen bestimmt). 
Medial vom Capitulum radii wurde ein frei beweglicher kugeliger Körper gefühlt, 
vielleicht Knorpel, Neubildung in der Kapsel oder freier Gelenkkörper, eine 
Wucherung der Synovialzotten. 

Die erwähnte Abknickung ist auf eine Infraktion durch Trauma zu beziehen. 
Das Gelenk zeigte sich in vollem Umfange funktionsfähig, im Gegensätze zu den 


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schon beschriebenen Gelenkserkrankungen, die zu Ankylosen oder Schlottergelenk 
führten. Verfasser glaubt, dass das Trauma allein diese Veränderungen nicht hervor¬ 
gerufen habe, sondern ein schon durch das Nervenleiden verändertes Gelenk ge¬ 
troffen habe. 


Hugo Weiss (Wien). 


Beitrag znr Kasuistik der Blutergelenke. Von P. Lins er. (Aus der 
Klinik des Prof. Bruns.) Beitrage zur klin. Chirurgie, Bd. XVn. 

Verfasser liefert zu dieser interessanten Frage einen Beitrag, indem er zuerst 
über 3 neue Fälle berichtet und dann zusammenfassend über die bisher be¬ 
kannt gewordenen Erscheinungen dieser Krankheitsform spricht. 

1. Fall: 147,jähriger Junge. Neigt zu profusen Blutungen aus den Schleim¬ 
häuten und zu Hautblutungen. Hatte seit Jahren wiederholte Schwellungen in den 
Talo-Cruralgelenken, sowie auch in anderen Gelenken; die Anschwellung ging zu¬ 
meist in mehreren Tagen zurück. In letzter Zeit entwickelten sich aber lange 
stationär bleibende Schwellungen mit konsekutiven Beugekontrakturen. Während eines 
viermonatlichen Spitalsaufenthaltes Anschwellungen einer grösserer Zahl von Gelenken. 

2. Fall: fijähriger Knabe. Seit 188 b nach geringen Traumen, aber auch ohne solche, 
oft Anschwellungen in verschiedenen Gelenken. Dieselben waren zumeist (aber nicht 
immer) schmerzhaft und gingen in der Regel in kurzer Zeit zurück. 

3. Fall: Dessen Bruder, ein 6'/ ? jähriger Knabe. Blutet ausserordentlich leicht. 
Leidet auch an häufigen Gelenkschwellungen, besonders des rechten Knie- und Fuss- 
gelenkes. Nach einer Punktion des Kniegelenkes, welche übrigens reines Blut als 
Gelenkinh&lt ergab, Vereiterung des Gelenkes. Pat. geht, wie dessen Bruder, mit 
Spitzfuss. 

Bezüglich der hereditären Belastung fand Linser, dass die Krankeit in 
seinen Fällen von mütterlicher Seite übertragen wurde (zwei Brüder der Mutter waren 
Bluter; drei Brüder des Kranken leiden an Blutergelenken [1. Fall]; ein Bruder der 
Grossmutter mütterlicherseits, eine Tante mütterhcherseits und deren Sohn, sowie 
vier Brüder sind Bluter [2. und 3. Fall], 

Gelenkerkrankungen sind bei Blutern zweifelsohne häufig, wenn sie 
auch selten beschrieben wurden; Linser meint sogar, dass nur ausnahms¬ 
weise Bluter von Gelenkserkrankungen verschont bleiben. 

An den Blutergelenken lassen sich nach König das Stadium der ersten 
Blutung, das der Entzündung und das regressive Stadium unterscheiden. Die 
Neigung zur Schwellung resp. zu frischen Ergüssen nimmt mit dem Ein¬ 
tritte regressiver Vorgänge ab. Das erste Auftreten von Gelenkschwellungen 
bei Blutern dürfte meist in die ersten Lebensjahre fallen und traumatischen 
Ursprungs sein. Fast regelmässig wird das Knie zuerst befallen. Auch die 
Recidiverkrankungen dürften durch Trauma bedingt sein. Zu ausgebildeten 
Kontrakturen kommt es nur selten, zumeist stellt sich nur eine Bewegungs¬ 
beschränkung ein. Veränderungen an den Knochen sind nicht sehr selten. 

Schliesslich hebt Autor hervor, dass bei weiblichen Blutern Gelenk¬ 
schwellungen kaum vorzukommen scheinen. 

Hermann Schlesinger (Wien). 

Arthrite purulente suraigue ä pneumocoque. Von Tournier et Cour¬ 
mont Revue de mödecine, 10. Septembre 1897. 

Gelenksaffektionen, welche Pneumonieen begleiten, sind relativ häufig 
und seit langem bekannt Der vorliegende Fall betraf eine croupöse Pneu¬ 
monie der rechten Lunge und eine akute, purulente, destruierende linksseitige 
Gonitis, welcher auch durch rasches chirurgisches Eingreifen (Arthrotomie) 
nicht Einhalt geboten werden konnte. Daran schloss sich alsbald eine gleiche 
Affektion der Schultergelenke, eitrige Pleuritis und eine subphrenische Eiterung. 


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Im Exsudate des linken Kniegelenkes wurden Pneumooccen gefunden; 
durch intraartikuläre Inokulation derselben wurde an einem Kaninchen ein 
experimenteller Hämarthros erzeugt, in dem die gleichen Krankheitserreger 
nachgewiesen wurden. Die beiden Beobachter unterscheiden mehrere Grade 
von Pneumococcen-Arthritis: 

a) Die leichte Form (ohne makroskopische Läsion). 

b) Den leichten Hydarthros (Chantemesse). 

c) Die gewöhnliche eitrige Form. 

d) Die osteo-arthritische Form mit Destruktion der Knorpel und 
Knochen. Sie ist häufiger als man bisher geglaubt hatte. 

In den Fällen von Pneumococcen-Arthritis tritt der Tod gewöhnlich 
erst nach dem Auftreten von Pleuritiden, Perikarditiden etc., nur selten sofort 
nach der ersten Infektion ein. 

Die Generalisierung des Pneumococcus im Organismus betrifft jedoch 
zumeist nur Individuen, die durch andere, begleitende oder vorausgegangene 
Erkrankungen geschwächt und herabgekommen waren. (Der Fall von 
Tournier und Courmont litt seit ungefähr einem halben Jahre an 
Syphilis.) 

Ludwig Braun (Wien). 

Die gonorrhoischen Entzündungen der Gelenke, Sehnenscheiden und 
Schleimbeutel. Von D. Nasse. Volkmann’s Hefte, Neue Folge, Nr. 18 
(Leipzig, Breitkopf und Härtel 1897.) 

Nasse benutzte zu seinen Studien das grosse Material der Bergman n’schen 
Klinik. An 30 Fällen wurden von W. Rindfleisch bakteriologische Untersuchun¬ 
gen vorgenommen, welche in 19 Fällen den kulturellen Nachweis von Gonococcen 
ergaben. Das gesamte von Nasse studierte Material umfasst mehr als 100 Beob¬ 
achtungen. Der Beginn der Metastasierung der Schleirnhautgonorrhoe dürfte mit dem 
Uebergreifen des Prozesses auf die tieferen Schichten der Schleimhaut (und nicht 
auf bestimmte Abschnitte der Urethra) in Verbindung zu bringen sein. Beim Weibe 
könnten die physiologischen Veränderungen der Genitalien bei schon bestehender 
Gonorrhoe die Gelegenheitsursache für die Entstehung der Metastasen geben; die 
letzteren finden sich bei beiden Geschlechtern annähernd gleich häufig (24 Fälle bei 
Männern, 19 bei Frauen eigener Beobachtung). Traumen schaffen mitunter eine 
Pradisposition zur Erkrankung. 

Die klinischen Bilder sind recht mannigfaltig. Die Erkrankung ist oft poly- 
artikulär und auffallend hartnäckig in den zuerst betroffenen Gelenken. Mitunter 
besteht nur Schmerzhaftigkeit ohne nachweisbare Veränderungen, oder es stellt sich 
Hydrarthros ein oder es tritt Schwellung der Gelenkkapsel und des periartikulären 
Gewebes mit oder ohne Gelenkerguss auf. Letztere bleibt fast immer nach Ablauf 
des ersten akuten fieberhaften Stadiums bestehen. Es ist die Tendenz zur Versteifung 
der Gelenkes vorhanden. Geringe Eiterbeimengungen sind in dem Gelenkexsudate 
häufig. Durchbruch der Eiterung in das periartikuläre Gewebe ist selten. Die 
unter dem Bilde der pyämischen Gelenkentzündung auftretenden Gelenkschwellungen 
mit schweren Eiterungsprozessen sind nach Nasse nicht charakteristisch für die 
gonorrhoische Metastase. Subakute gonorrhoische Synovitiden sind häufig und 
scheinen seltener zu schweren Ankylosen zu führen als die akuten. 

Die gonorrhoische Sehnenscheidenentzündung ist nach Nasse viel häufiger, 
als man annimmt. Sie tritt bald isoliert, bald gleichzeitig mit Erkrankung benach¬ 
barter Gelenke auf. Bei den akuten Formen sind die Schmerzen ganz erheblich. Ver¬ 
wechselungen mit Phlegmonen sind möglich. Oft erkranken die Scheiden der Flexoren 
und Extensoren der Finger und an den unteren Extremitäten die Sehnen hinter dem 
Malleolus internus. Der Verlauf ist zumeist ein günstiger; nur selten kommt es 
zu Adhäsionen der Sehnen in der Scheide. Frühzeitige Bewegung der Finger ist 
ratsam. 

Jede akute Erkrankung der Hand- und Fussgelenke, welche durch Sehnen¬ 
scheidenentzündung kompliziert ist, ist als gonorrhoisch verdächtig. In den Schleim¬ 
beuteln ist die gonorrhoische Metastase seltener, noch am häufigsten m der zwischen 
Achillessehne und Calcaneus gelegenen Bursa und der Bursa subcalcanea. 


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Nasse hebt ganz besonders die bekannte Neigung zu Recidiven bei akuter 
Verschlimmerung einer fortbestehenden chronischen Gonorrhoe oder bei einer neuen 
gonorrhoischen Infektion hervor. Diese häufigen Recidiven können Gelenkverän¬ 
derungen erzeugen, welche denen des chronischen Gelenkrheumatismus tauschend 
ähnlich sind; andererseits dürften auch manche Fälle von anscheinend chronischem 
Gelenkrheumatismus bei Frauen gonorrhoischen Ursprungs sein (besonders wenn 
schubweise, schmerzhafte Anschwellungen zur Zeit der Menstruation bestehen). 

Für die Behandlung des gonorrhoischen Hydrops der Gelenke, der Sehnen¬ 
scheiden und Schleimbeutel ist Ruhe und Kompression das Wichtigste (Bindenein¬ 
wickelungen, eventuell Schienen- oder Gypsverband). Punktion und Ausspülung der 
Gelenke ist nur bei lange bestehendem, oft recidivierendem Rheumatismus mit Schwel¬ 
lung der Kapsel ratsam, wenn Ruhigstellung und Kompression des Gelenkes erfolglos 
angewendet wurden. Bei den schweren Formen der akuten Entzündung ist sofortige 
Anlegung von Schienen- resp. Gypsverbänden indiziert, jedoch soll nicht überflüssig 
lang fixiert werden und sind dann passive Bewegungen und Massage vorsichtig einzuleiten. 
Bei Ankylosierung der Gelenke empfiehlt Nasse warme Bäder, Priessnitz’sche Ein¬ 
wickelungen, heisse Sandbäder, zu gleicher Zeit mit Massage an gewendet. Besteht 
ausser Schwellung der Kapsel noch Gelenkerguss, so ist die Injektion von Jodoform¬ 
emulsion in das Gelenk nach vorausgegangener Punktion mitunter von günstigem 
Erfolge begleitet. Von Applikation externer Medikationen (Jodtinktur, Einreibungen, 
Vesikantien) hat Verf. keinen Erfolg gesehen. Nasse empfiehlt die Arthrotomie, 
wenn ein Gelenk auch nach mehrwöchentlicher Behandlung sich nicht bessert, ge¬ 
schwollen und schmerzhaft bleibt. Die Gelenkeiterungen bei Gonorrhoe unter dem 
Bilde schwerer pyämischer Erkrankungen sind mit Gelenkausspülungen, event. Inci- 
sion und Drainage zu behandeln. 

Die interne Medikation ist nach Nasse erfolglos. Bei torpiden chronischen 
Fällen sind ausser vorsichtiger Massage heisse Lokalbäder, Sandbäder und Thermal¬ 
kuren (Moorbäder, Wildbäder, Schwefelquellen) zu empfehlen. 

Die Gonorrhoe der Urethra soll womöglich durch die Behandlung nicht, wenn 
auch nur vorübeigehend, zur Exacerbation gebracht werden; eine wirkliche Heilung 
der Gonorrhoe ist unbedingt anzustreben, da nur eine solche vor Recidiven des 
Rheumatismus schützt. 

Hermann Schlesinger (Wien). 

Bakteriologische Untersuchung über Arthritis gonorrhoica. Von W. 

Rindfleisch. Archiv f. klin. Chirurgie Bd. LV, Heft 2, p. 445. 

Verfasser bespricht zuerst die Frage, ob die Gonorrhoe der Urethra, 
wenn sie Gelenkerscheinungen macht, eine Reininfektion durch den Gonococcus 
ist oder ob noch andere Mikroorganismen auf der Schleimhaut vorhanden 
sind. Frühere Untersucher konnten eine ganze Reihe anderer Bakterien kon¬ 
statieren, von denen einige imstande sind, allein leichte Schleimhautkatarrhe 
zu erzeugen. Unter 10—15 Fällen von untersuchtem Trippersekret bei 
gleichzeitigen Gelenkerkrankungen bekam Rindfleisch 4—5 Arten von 
Stäbchen, 4 Arten von Coccen, 2 Arten von Diplococcen in Reinkultur. 
Weder Staphylococcus albus noch aureus konnten nachgewiesen werden, wäh¬ 
rend der hauptsächlich neben den Gonococcen und auch allem in den Ge¬ 
lenken konstatierte Mikroorganismus der Staphylococcus ist. 

Was nun die bakteriologische Untersuchung über die Blutinfektion 
bei Gonorrhoe betrifft, kann man 4 Arten gonorrhoischer Allgemeininfektion 
unterscheiden, in denen 1. nur Gonococcen, 2. nur andere Mikroorganismen 
einer oder mehrerer Arten, 3. Gonococcen mit begleitenden Bakterien aus 
der Harnröhre, 4. Gonococcen mit begleitenden Bakterien aus anderen Re¬ 
gionen oder Organen im Blute erscheinen. Verfasser hat das Exsudat von 
30 Fällen mit gonorrhoischer Gelenkentzündung mikroskopisch und kulterell 
untersucht und dabei 18mal Gonococcen, 2mal mit Staphylococcen, 3mal 
Staphylocoecen allein nachgewiesen. Von den 30 Fällen betrafen 11 das 
Handgelenk, 6 das Knie, 4 das Ellenbogengelenk, 2 ein Handwurzelgelenk, 


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2 die Bursa calcanei, je einer ein Fingergelenk, ein Tibio-tarsal-Gelenk und 
ein Lisfranc’sches Gelenk. Im Gegensatz zur bisherigen Anschauung, 
dass das Kniegelenk am häufigsten von der gonorrhoischen Entzündung be¬ 
fallen wird, glaubt Rindfleisch, den kleineren Gelenken der Hand und 
des Fusses einen grösseren Anteil, als bisher angenommen wurde, zuerkennen 
zu müssen. Betreffs der Lebensfähigkeit der Gonococcen in den Gelenkexsu¬ 
daten ist anzunehmen, dass die Gonococcen wahrscheinlich sehr rasch zu 
Grunde gehen; dadurch wäre dann auch der negative Ausfall vieler Unter¬ 
suchungen erklärlich. 

Ziegler (München). 

Ueber intermittierende Gelenk Wassersucht. Von H. Senator. Charitä- 
Annalen Bd. XXI, p. 224. 

Senator bereichert die Kasuistik dieser Krankheit um zwei Fälle: 

Der erste betrifft einen 17jährigen Mann, der wegen Magenbeschwerden die 
Klinik aufsuchte. Am 7. Tage des Spitalaufenthaltes stellte 9ich bei dem Kranken 
ohne nachweisbare Ursache eine beträchtliche Schwellung des rechten Kniegelenkes, 
bedingt durch Erguss in dasselbe, ein. Die Schwellung, welche von keinerlei Ent¬ 
zündungserscheinungen begleitet war, schwand unter Massage nach wenigen Tagen. 
Einen Monat später stellte sich bei dem Kranken, der sonst vollständig normalen 
Befund darbot, eine ähnliche Schwellung des linken Kniegelenkes ein, die nach etwa 

3 Wochen, abermals recidivierte. 

Die zweite Patientin, ein 18jähriges Mädchen, litt seit 7 Jahren an zeitweise, 
meist vor den Menses wiederkehrendem, ohne Entzündungserscheinungen bestehendem 
und nur wenig schmerzhaftem Erguss im linken Kniegelenk, der nach 8—14 Tagen 
stets verschwand. 

Der genaue Status praesens ergab vollständig normalen Befund, bis auf ge¬ 
ringe Struma. 

Dem in Bezug auf Dauer und Verlauf der Anfälle, auf Lokalisation 
des Ergusses und auf die Periodicität ungemein wechselvollen Krankheits¬ 
bilde, welchem therapeutisch auf die verschiedenste Weise beizukommen 
versucht wurde, liegen offenbar verschiedene Ursachen zu Grunde. 

Für einen grossen Teil der Fälle möchte Senator die Theorie Seelig- 
müller’s, der das Leiden als vasomotorische Neurose auffasst, zur 
Erklärung heranziehen, wofür auch die Thatsache spricht, dass die Krankheit 
mit Vorliebe Weiber befällt, welche entweder neurotische Stigmata aufweisen 
oder sich in einer Phase des Geschlechtslebens befinden — Menstruation, 
Gestation — die erfahrungsmässig eine Disposition zu nervösen Storungen schafft 

Bei einem kleineren Teile der Fälle kommen als ursächliches Moment 
Traumen in Betracht, und zwar bei jenen Fällen, wo nur das ursprünglich 
vom Trauma befallene Gelenk erkrankt als direkte Ursache; bei den Fällen 
aber, wo späterhin auch andere Gelenke befallen werden, könnte die ursäch¬ 
liche Wirkung des Trauma nur in einer Schädigung des vasomotorischen 
Apparates gesucht werden. 

Auch die Auffassung O. Rosenbach’s, der in der Krankheit eine 
abweichende Art des akuten oder subakuten Gelenkrheumatismus erblickt 
könnte für einen kleinen Teil der Fälle zur Erklärung des Prozesses heran¬ 
gezogen werden. Jedenfalls steht trotz des nicht ganz einwandfreien Coccen- 
befundes, der von G. Hartinann gemacht wurde, die entzündliche Natur 
des Ergusses nur in jenen Fällen fest bei denen ein benachbarter Entzündungs¬ 
herd (Osteomyelitis, Garrö) den Erguss veranlasst hat welcher dann nach 
Beseitigung der Ursache nicht mehr wiederkehrte. 

v. Friedländer (Wien). 


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Beiträge zur Lehre von der „Osteoarthropathie hypertrophiante pneu- 
mique“. Von Ludwig Teleky (Klinik Schrötter). Wiener klinische 
Wochenschrift 1897, Nr. 6. 

Erkrankungen de9 Respirationsapparates können nicht als ausschliess¬ 
liche Aetiologie der Krankheit gelten und Teleky schliesst sich daher dem 
Vorschlag Arnold’s an, sie als „sekundäre hyperplastische Ostitis“ zu be¬ 
zeichnen. 

Auf Grund des vorhandenen Materials nimmt er folgende Gruppierung 
der Fälle nach ätiologischen Momenten vor: 

1. Nach solchen Erkrankungen, bei welchen es zu eitrigen und 
jauchiger Zersetzung im Organismus kommt: Tuberculosis pulmonum (mit Ca- 
vemenbildung), Bronchiektasien, Empyem, Cystopyelonephritis, Dysenterie. 

2. Nach Infektionskrankheiten und chronischen Intoxikationen: Pneu¬ 
monie, Pleuritis, Lues, Alkoholismus (?). 

3. Bei Herzfehlern, besonders angeborenen. 

4. Bei malignen Tumoren: Lungensarcom, Lungencarcinom, Parotis- 
sarcoin. 

5. Bei Erkrankungen des Nervensystems: Syringomyelie, Neuritis(?). 

Die Arbeit enthält eine Uebersicht der Literatur und zwei sehr gute 

Krankengeschichten. Im ersten Fall fiel das Auftreten der Knochenver¬ 
änderungen zeitlich zusammen mit einem dysenterischen Prozess, ohne dass 
sonst am Herzen oder an den Lungen eine Erkrankung nachweisbar ge¬ 
wesen wäre. 

Im zweiten Fall war wohl hochgradige Lungentuberkulose vorhanden, 
eine Verdickung der Endphalangen aber hatte sich schon zu einer Zeit ent¬ 
wickelt, als der Patient noch keine subjektiven Symptome der Lungener¬ 
krankung bemerkte. Er ist daher geneigt, eine bestehende chronische Alko¬ 
holintoxikation mit als ursächliches Moment anzunehmen. Die Untersuchung 
mit Röntgenstrahlen zeigte, dass die Trommelschlägelform der Finger grössten¬ 
teils auf Verdickung der Weich teile beruht Im zweiten Fall zeigten die 
Endphalangen auch die typische, von Bamberger beschriebene Form und 
die verminderte Intensität des Knochenschattens liess eine Rarefaktion des 
Knochengewebes vermuten. 

Eisenmenger (Wien). 

Ueber Osteomyelitis im Säuglingsalter. Von Norbert Swoboda. Wiener 
klinische Wochenschrift 1897, Nr. 4. 

Der klinische Verlauf der Osteomyelitis bei Säuglingen ist durch fol¬ 
gende Momente ausgezeichnet: 

1. Die Multiplizität der Knochenherde. 

2. Die Häufigkeit der Epiphysenlösung. 

3. Die häufige Beteiligung der Gelenke. 

4. Den akuten, meist tödtlichen Verlauf. 

Swoboda teilt in extenso einen von ihm beobachteten Fall mit, bei 
dem frühzeitige Eröffnung und ausgiebige Drainage den Verlauf günstig ge¬ 
stalteten. 

Differenzialdiagnostisch sind Lues und Tuberkulose der Knochen und 
in einzelnen Fällen auch die metastatische gonorrhoische Arthritis zu berück¬ 
sichtigen. 

Eisenmenger (Wien). 

OentimlblHtt f. d. Gr. d. Med. u. Chir. I. 1 q 


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Beitrage zur Osteomyelitis mit Immtmisienrngsversuchen. Von Canon. 
Deutsche Zeitschr. f. Chir. Bd. XLII, S. 185. 

Canon gibt eine Uebersicht über 63 Fälle von Osteomyelitis, die kli¬ 
nisch und bakteriologisch beobachtet wurden. In den typischen Fällen werden 
im Eiter und auffallend häufig auch im Blut Staphylococcen gefunden. Die 
Fälle mit Streptococcen sind entweder nicht typische oder aber es handelt 
sich um Mischinfektion, die auch durch Einwanderung von Streptococcen in 
die schon eröffneten Eiterherde erfolgen kann. Der Nachweis von Streptococcen 
im Blut scheint eine prognostisch ungünstige Bedeutung zu haben. Uebrigens 
führen Streptococceneiterungen nur sehr selten zu Metastasen in den Knochen. 

Bei intravenöser Injektion nicht zu grosser Dosen von Staphylococcen- 
kulturen aus einem osteomyelitischen Eiter gelang es auch Canon wieder, bei 
nicht ausgewachsenen Kaninchen regelmässig Erscheinungen von Osteomyelitis 
hervorzurufen, ohne dass ein besonderer Reiz auf die Knochen ausgeübt 
worden wäre. Durch Injektionen von Streptococcen in die Blutbahn junger 
Kaninchen liessen sich Knochenaffektionen nur in manchen Fällen hervor- 
mfen; Pneumococcen und B. coli waren in dieser Hinsicht noch weniger 
wirksam und B. pyocyan. typhi und diphtheriae gaben gar keine positiven 
Erfolge. 

Vom Magendarmkanal aus gelang es durch Verätzung der Schleimhaut 
und Darreichung von Staphylococcen nicht, osteomyelitische Prozesse hervor¬ 
zurufen. 

Aus einigen Versuchen, bei denen nicht ganz kleine Mengen ( x j t —1 cc) 
Serum von Osteomyelitiskranken zur Immunisierung von Kaninchen gegen 
Staphylococceninfektionen verwendet wurden, schliesst Canon auf die Möglich¬ 
keit, Tiere mit solchem Blut zu schützen, macht aber selbst auf die Unzu¬ 
länglichkeit seiner Versuche aufmerksam. 

Landsteiner (Wien). 

Ein chirurgisch interessanter Fall von Myelom. Von C. Ewald (Kli¬ 
nik Albert). Wiener klinische Wochenschrift 1897, Nr. 7. 

Kirschkern* bis haselnussgrosse, sehr weiche graue bis graurote Tumoren 
im Knochenmark, welche mitunter den Knochen aufblähen, sogar stellenweise 
durchbrechen und in die Muskulatur eindringen, bilden das einzige anatomische 
Substrat des Krankheitsbildes, welches von Zahn geschaffen und als „Mye¬ 
lom“ bezeichnet wurde. 

Klinisch ist die Erkrankung charakterisiert durch Schmerzen in den 
Knochen, die sich auf kleine umschriebene Punkte beschränken, zunehmende 
Anämie und Marasmus. Im Harn findet man meist reichliche Mengen von 
Hemialbumosen. 

Dieser dürftige Symptomenkomplex ist schuld, dass die Krankheit oft¬ 
mals nicht diagnostiziert werden kann. Manchmal, aber durchaus nicht 
immer, werden die Tumoren dadurch, dass sie den Knochen auftreiben oder 
Spontanfrakturen erzeugen, objektiv nachweisbar und können dann, wie in 
dem Falle, den Ewald mitteilt, eine chirurgisch zugängliche Erkrankung 
(Fraktur mit Hämatom, centrales Knochen sarcom) Vortäuschen. 

Die Tumoren bestehen aus einem Gewebe, das dem Knochenmark 
ausnehmend gleich sieht. 

Dadurch, sowie durch da9 multiple oder regionäre Auftreten, den perio¬ 
dischen Verlauf mit Exacerbationen und Remissionen bis zu völligen Inter¬ 
missionen, durch den Mangel an regressiven Metamorphosen und die Lokali- 


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sation, welche die peripheren Abschnitte des Extremitätenskeletes freilasst, 
charakterisiert sich das Myelom als zugehörig zur Gruppe der leukämischen 
und pseudoleukämischen Erkrankungen. 

Es verhält sich zur myelogenen Leukämie gerade so, wie die Lympho- 
sarcomatose zur lymphatischen Leukämie. 

Entsprechend der lymphatisch-myelogenen Leukämie gibt es auch eine 
Kombination von Lymphosarcomatosis und Myelom. Die Krankheit ist der 
chirurgischen Therapie nicht zugänglich. 

Eisenmenger (Wien). 


D. Verdauungskanal. 

Magen. 

Ein Fall von Schellacksteinen im menschlichen Magen. Von Yonne¬ 
gut. Aus dem Franziskushospital in Münster i. W. Deutsche medizinische 
Wochenschrift 1897, Nr. 26. 

Ein 55jähriger Stuckateur litt seit Jahren an Magenbeschwerden, die aber 
nicht ständig waren und sehr variierten. Durch das Erbrechen kam er zeitweise 
sehr herunter, erholte sich stets aber wieder bei Bettruhe und geeigneter Diät. Pa¬ 
tient selbst hat eine Geschwutst im Leibe gefühlt, die einmal ärztlicherseits auch für 
einen Pyloruscarcinom gehalten worden war. Die Beobachtung ergab aber, dass die 
Symptome nur Wirkungen der Zerrung des Tumors waren. Probelaparotomie. Der 
Tumor lag innerhalb des Magens. Es wurden aus demselben zwei Steine von 17 
und 26 cm Breitenumfang und zusammen 670 g Gewicht herausgenommen. Reak¬ 
tionslose Heilung. Die Untersuchung der Steine ergab, dass sie zu mehr als 88% 
aus Harz bestanden. Auf Befragen gab Patient nun an, dass er früher in einer 
Porzellanfabrik thätig war und dort oft vom Lackspiritus getrunken hatte. 

Albu (Berlin). 

Ueber Haargeschwülste im Magen, nebst Mitteilung eines glücklich 
operierten Falles. Von M. W. of Sch ul tön. MitteiL aus den Grenz¬ 
gebieten der Med. und Chir. II, 3—4, p. 289, 1897. 

Bei einer 30jähr. Kranken, die seit einem Jahre an heftigen Schmerzen in der 
Gegend des Nabels litt, ergab die Untersuchung in der rechten Bauchhälfte, haupt¬ 
sächlich in der Nabelgegend, einen klein faustgrossen, abgerundeten, harten Tumor, 
der im oberen Teile der rechten Bauchhälfte ziemlich unbehindert hin und her be¬ 
wegt werden konnte. Mit Ausnahme der nicht sicher lokalisierbaren Schmerzen 
waren keinerlei auf den Sitz der Geschwulst hinweisende Störungen vorhanden. 
Am ehesten wurde an eine Verbindung der Geschwulst mit der rechten Niere ge¬ 
dacht. Seitlicher Laparatomieschnitt Die Geschwulst sass im Magen, dessen 
Wand an einer Steile missfarbig verdünnt, der Perforation nahe war. Entfernung 
der Geschwulst und des verdünnten Teiles der Magen wand. Magennaht, äussere 
Wunde mit Jödoformgaze tamponiert. Heilung. 

Die beinahe kugelförmige, faustgrosse, harte Geschwulst wog 120ig, sie be¬ 
stand aus kleinen, mit Kuhhaaren übereinstimmenden Haarfrag¬ 
menten, die zu einer kompakten Masse zusammen gekittet waren. Bei Nachfrage 
teilte die Kranke mit, dass sie sich mit dem Spinnen einer Art Schnur oder Band 
von Kuhhaaren, um davon später Schuhe zu fertigen, beschäftigt hatte. Wahr¬ 
scheinlich befeuchtete sie hierbei oft die Finger an den Lippen, wobei Haarfragmente 
im Munde blieben und verschluckt wurden. Der Haarball hatte eine divertikelartige 
Ausbuchtung der Ventrikelwand in der Nähe vom Pyloru9 gebildet, Atrophie und 
Missfärbung der Schleimhaut veranlasst, wie auch ausgebreitete Adhärenzen zwischen 
dem Divertikel und dem Peritoneum in der rechten Lumbalgcgend. Zweifellos wäre 
in kurzer Zeit eine Perforation an dieser Stelle entstanden; die Schmerzen waren 
durch die schon längere Zeit bestehende adhäsive Peritonitis erklärlich. 

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Schulten fand in der Literatur noch 6 Fälle von durch Operation 
entfernten Haargeschwülsten im Magen (1 f). In 9 nicht operierten 
Fällen, in denen die Krankheit erst bei der Sektion festgestellt werden 
konnte, erfolgte der Tod an Perforationsperitonitis oder an unstillbarem Er¬ 
brechen. 

P. Wagner (Leipzig). 

Ueber einen Phytobezoar im Magen einer Frau und dessen Diagnose. 
(Operation, Heilung). Von Prof. Dr. J. Schreiber, Königsberg. Mitteil, 
aus den Grenzgebieten der Med. und Chir. Bd. I, Heft 5, 1896. 

Verfasser hatte Gelegenheit eine Frau zu behandeln, die über Beschwerden 
allgemein nervöser Natur klagte und seit 3 Monaten im Leib einen faustgrossen 
Knoten bemerkte, der auf- und abstieg. Appetit war gering. Kein Erbrechen. 
Früher Diarrhoe, zuletzt Obstipation. Gefühl von Völle und UebTigkeit in der Magen¬ 
gegend. Die Untersuchung ergab unterhalb des rechten Rippenbogens einen faust¬ 
grossen Tumor, der zunächst als rechtsseitige Wanderniere imponierte. Die Beob¬ 
achtung zeigte, dass der Tumor sehr leicht unter dem Rippenbogen verschwand, stets 
aber dadurch wieder zum Vorschein zu bringen war, dass man den unteren Thorax 
bimanuell abwärts drückte und die Kranke kurze Sprungbewegungen ausführen liess. 
Die Beweglichkeit war eine so grosse, dass der zugezogene Chirurg den Tumor in 
der linken Abdominalhälfte fand und eine Wandermilz annahm. 

Schreiber war auf Grund folgender Betrachtung zur Diagnose eines frei im 
Magen liegenden Tumoren gelangt: 

Grosse Verschieblichkeit fast über die ganze Breite des Abdomens. Fast auf 
jedem Punkte der Beweglichkeitsfläche konnte man den Tumor ohne ihn festzuhalten 
liegen lassen. Es konnte nur ein sehr lang gestielter oder frei in einem Raum von 
bestimmter Umgrenzung gelegener Tumor sein. Aufblähung des Magens zeigte den 
Tumor „wie durch eine Luftschicht von der Bauchwand getrennt“. Peristaltik des 
Magens verschob den Tumor im Sinne der peristaltischen Bewegung. 

Die Operation ergab einen Pseudotumor, frei im Magen liegend, von 12:6:5 cm 
Durchmesser, der in seiner Gestalt an die kontrahierte Innenform des Magens er¬ 
innerte. Mikroskopisch bestand derselbe aus zusammengepressten Pflanzenfasern. 

Die Entstehungsweise des Tumors blieb dunkel. Ob der von der Patientin 
angegebene häufige Genuss von in Butter gebratener Schwarzwurzel damit in Zu¬ 
sammenhänge steht, ist mindestens zweifelhaft. 

Ein ähnliches Gebilde im Magen des Menschen ist bis jetzt nicht be¬ 
schrieben. Es ist den Pilo- oder Trichobezoaren des Menschen gleichzustellen. 
Aus der Tierpathologie sind Phytobezoare bekannt. 

R. Heiligenthal (Tübingen). 

The signs and Symptoms of perforated gastric ulcer, with notos of 
two cases, in one of which Operation was succesful. By R. O. 
Adamson and J. Crawford Renton. The British medical Journal, 
21. August 1897. 

Adamson berichtet die Krankengeschichte eines Falles, bei dem er aus dem 
plötzlichen Einsetzen der Symptome, der physikalischen Untersuchung des Abdomens 
und der früher bestandenen Magen sch merzen w’ährend der ersten Zeit der Verdauung 
die Diagnose der Perforation eines Magengeschwüres gestellt hatte. 

In die mehr auffallenden Erscheinungen eingehend, hebt er hervor: 

1. Den geringen Shock, der bald vorüberging. 

2. Die Beschaffenheit des Abdomens. 

Die Bauchdecken waren bretthart gespannt. Die Leberdämpfung bedeutend 
verkleinert, in der Mittellinie fehlend, so dass das Vorhandensein von Gas in der 
Peritonealhöhle angenommen werden musste. 

3. Das dem Schall einer Glocke ähnliche Geräusch über dem Magen, manch¬ 
mal synchron mit der Herzaktion, manchmal mit der Respiration. 

4. Schmerz oberhalb der Schlüsselbeine, den Verfasser in einem früheren Falle 
bereits zu beobachten Gelegenheit hatte und den er als ausstrahlenden bezeichnet. 


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Er fahrt ihn zurück auf eine Reizung der sympathischen Nerven, ohne sich auf 
die Beziehungen, die zwischen den Erkrankungen der Eingeweide und den in der 
Haut gelegenen Schmerzen bestehen, einzulassen. 

Ren ton operierte diese Patientin. Laparatomie. Reinigung der Peritoneal¬ 
höhle mit Sublimat 1 : 6000. Naht der Magen Perforation. Im Douglas'schen Raume 
fand sich kein Mageninhalt, weshalb von einer zweiten Incision abgesehen wurde. 
Heilung. 

Bei einem zweiten Falle, den Ren ton berichtet, konnte bei der Operation keine 
Perforationsöffnung gefunden werden. Die Patientin starb und bei der Nekropsie 
zeigte es sich, dass ein Geschwür die hintere Magenwand perforiert hatte in eine 
Höhle hinein, welche durch Adhäsionen des Magens mit dem Diaphragma ge¬ 
bildet war. 

Ren ton weist auf die Notwendigkeit hin, die Perforationsöffnung des 
Magens operativ zu schliessen. Trotz Operation ist aber die Sterblichkeit 
95% und betrifft die grössere Zahl der Fälle Frauen im Alter von 14—30 
Jahren. 

Die Symptome der Perforation sind deutlicher ausgeprägt bei Perforation 
des vorderen Anteils des Magens, welche auch die häufigere, 84%, ist. Der 
Erfolg der Operation hängt grösstenteils von der früh gestellten Diagnose ab. 

W. Mager (Wien). 


A case illustrating the difficulty of diagnosis in gastric ulcer. By 
W. Clark Alexander. The British medical Journal, 29. May 1897. 

Verfasser teilt die Krankengeschichte eines 35iährigen Patienten mit, nach 
welcher die Diagnose eines durch peritoni tische Adhäsionen gebildeten Darm Ver¬ 
schlusses gestellt wurde. Bei der vorgenommenen Laparatomie gelangte man in eine 
Abscesshöhle, die nach Entleerung des Eiters durch die Bauchwunde drainiert wurde. 
Durch diese Drainageöffnung entleerte sich am nächsten Tage Mageninhalt und der 
Patient starb 5 Tage nach der Operation. Bei der Nekropie zeigte sich nun, dass 
ein kronengrosses Magengeschwür mit der eröffneten Abscesshöhle in Verbindung 
stand. Als wichtige Momente hebt der Verfasser hervor: das Vorhandensein eines 
grossen Magengeschwürs, welches nur die gewöhnlichen Symptome eines Magen¬ 
katarrhs gezeigt hatte. Der vor der Operation aufgetretene Schmerz stand in 
keiner Beziehung zur Nahrungsaufnahme und niemals war Bluterbrechen vorhanden 
gewesen. 

Der Schmerz war durch die gegen die Obstipation angewendeten Oelklysmen 
behoben worden. Nur durch die Lage des Geschwüres an der vorderen Wand der 
kleinen Kurvatur nahe dem Pylorus ist es zu erklären, dass auf dasselbe kein 
Schmerzauslöftender Reiz durch das Passieren der Nahrung oder durch Ansammlung 
von Speisebrei an den Geschwürsrändern ausgeübt wurde. 

W. Mager (Wien). 

A case of perforated gastric ulcer; Operation; Recovery. (Under the 
cuare of Dr. J. St Thomas Clarke). Lancet, 20. März 1897. 

Nach Smith, „Abdominal Surgery“, betragen die Todesfälle der 
Operationen bei perforiertem Magengeschwür in akuten Fällen 70%, in chro¬ 
nischen Fällen 55%; ohne Operation ist die Sterblichkeit mehr als 90%. 
Wenn daher nach der Statistik die Operation indiciert ist, so soll sie so bald 
als möglich vorgenommen werden. 

Verfasser teilt dann einen Fall und dessen Operation mit. Eine 19jährige 
Magd, die 2 Jahre früher an Hämatemesis und seither oft an Magen schmerzen nach 
der Nahrungsaufnahme gelitten hatte, erkrankte 2 Stunden nach der Mittagsmahlzeit 
am 11. November 1896 abermals unter heftigen Magenschmerzen, die eine Magen¬ 
perforation vermuten liessen. Die 6 Stunden darnach vorgenommene Operation — 
5 Zoll langer Meridianschnitt oberhalb des Nabels — ergab an der Vorderfläche des 
Magens nahe der Cardia eine drei Penny grosse Perforation mit verdickten Rändern, 


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durch welche Mageninhalt in die Bauchhöhle ausgetreten war. Sofortige Entfernung 
des flüssigen Speisebreies und der festen Nahrungs teile, Auswaschung des Magens 
mit reinem, heissen Wasser, Lembert’sche Seidennaht der Magen Perforation. Nach 
einer zweiten Ineision der Bauchdecken, median über der Symphyse, fand sich 
Speisebrei in Douglas’schen Raume. Irrigation der ganzen Peritonealhöhle mit 
heissem Wasser von 105° F., so besonders der Recessi und um die Leber herum, 
bis das Wasser klar abfloss; der Rest des Wassers wurde abgetupft. Drainage de« 
Douglas durch die untere, der Gegend der Perforation durch die oben angelegte 
Operationswunde. Dauer der Operation l 3 /. Stunden. Ernährung durch Klysmen. 
Am dritten Tage werden die Drainagerohre durch Jodoformgazestreifen ersetzt ; 
vom achten Tage an Ernährung per ob. Normaler Wundverlauf, so dass Patientin 
am 13. Januar 1897 vollständig geheilt war. 

Clarke legt in diesem Falle grosses Gewicht auf die reichliche Irrigation der 
Bauchhöhle, die allein das Peritoneum von dem Speisebrei reinigen konnte. Wichtig 
sei weiter die zweite Incision zur Reinigung des Douglas’schen Raumes und die 
Auswaschung des Magens für den Wundverlauf an der Perforationsöffnung. Die 
Temperatur des Irrigationswassers soll stets über 100° F. betragen. 

W. Mager (Wien). 


Zwei Fälle von Perigastritis adhaesiva nach Ulcus ventriculi. Von 
Hainebach. Deutsche medizin. Wochenschrift 1897, Nr. 41. 

In der heutigen Zeit, wo die chirurgische Therapie des Ulcus ventriculi 
und seiner Folgezustände in Debatte steht, sind die beiden Fälle, bei denen 
die Perigastritis bei der Autopsie festgestellt wurde, von besonderem Interesse. 

In dem ersten Falle handelte es sich um einen Patienten, der mehrfach Häma- 
temesis gehabt hatte. Im Vordergründe des Krankheitsbildes standen heftige 
Schmerzen und dauerndes Erbrechen. Patient ging kachektisch zu Grunde. Im 
zweiten Falle fehlten sichere Ulcussymptome auch in der Anamnese und das Bild 
wurde von Stauungserscheinungen im Kreislauf der Pfortader beherrscht, welche, 
wie die Sektion ergab, von den zur Leber ziehenden perigastritischen Schwarten 
komprimiert war. 

Verfasser bespricht die Schwierigkeit einer sicheren Diagnosenstellung 
intra vitam. Man wird aber doch bei Ulcussymptomen, welche einer strikt 
durchgeführten Therapie nicht weichen, bei hochgradigen andauernden Schmerzen 
an eine Perigastritis denken müssen, wenn sich Gastrektasie durch Pylorus¬ 
stenose ausschliessen lässt. 

Rudolf Meyer (Breslau). 


III. Bücherbesprechungen. 


Die Geschwülste des Nervensystems. Hirngeschwülste. Rückenmark¬ 
geschwülste. Geschwülste der peripheren Nerven. Eine klinische 
Studie von Ludwig Bruns. Mit 31 Textabbildungen. Berlin 1897. 
(Verlag von S. Karger). 

Das vorliegende Werk ist eine der bedeutungsvollsten unter den neueren 
Arbeiten auf dem Gebiete der Neurologie. Das Verdienst des Autors, den schwierigen 
Stoff klar, anziehend und durchwegs eigenartig bearbeitet zu haben, ist um so grösser, 
als das erst vor kurzem erschienene ausgezeichnete Buch von Oppenheim über 
die Gehirntumoren sich mit dem gleichen Thema beschäftigt Das Schwergewicht legte 


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der Autor in allen Kapiteln auf die praktische Seite der Frage und sind gerade die 
Abschnitte, welche die genaue Indikationsstellung zum chirurgischen Eingriffe be¬ 
handeln, den klassischen Arbeiten der Neurologie anzureihen. 

Der erste Hauptabschnitt behandelt die Hirngeschwülste, und zwar als 
Einleitung die pathologische Anatomie derselben. Bruns fordert eine scharfe 
Trennung zwischen Gliom und Sarkom, will den Ausdruck Gliosarkom nur für die 
seltenen Kombinationen echter Sarkome und Gliome verwertet wissen und nimmt 
mit Gowers an, dass diffuser Uebergang in die Umgebung ziemlich sicher für 
Gliom, scharfe Abgrenzung der Geschwulst für Sarkom spricht. Die praktisch wich¬ 
tigsten Geschwülste, die Sarkome, sind, wenn im Centrum der Nerven massen gelegen, 
bei einiger Grösse stets von einer Erweichungszone umgeben, während die von der 
Peripherie (den Häuten) her eindringenden seltener von einer Encephalomalacie be¬ 
gleitet sind. Von den rein knöchernen Geschwülsten haben die Exostosen die meiste 
praktische Bedeutung und führen, wie Bruns beobachtet hat, mitunter zu sehr 
schweren Störungen. Die meisten cystischen Bildungen im Gehirne nehmen ihren 
Ursprung von zerfallenen Gliomen, viel seltener sind sie parasitären Ursprungs. Der 
Hirntuberkel nimmt im Kindesalter vorwiegend seinen Sitz in der hinteren Schädel¬ 
grube, daselbst am häufigsten in der Brücke. 

Was die Häufigkeit der Hirntumoren anbelangt, hat Bruns bei zu verschie¬ 
denen Zeiten vorgenommenen Berechnungen dieselben immer wieder in ca. 2% seines 
Nervenmaterials gefunden; etwa zwei Drittel der Fälle entfielen auf Individuen 
männlichen Geschlechtes. Ein Trauma kann die alleinige Grundursache eines Hirn¬ 
tumors sein, jedenfalls ist dies aber sehr selten. Jedoch wird oft bei bestehender 
Hirngeschwulst der Verlauf des Leidens durch ein Trauma beschleunigt, mitunter 
ein Tumor erst nach einem Unfälle manifest. 

Das nächste Kapitel handelt von der Wirkung der Geschwülste auf Gehirn, 
Gehirnnerven und Gehirnhüllen. Verf. nimmt als gesichert an, dass an den allge¬ 
meinen Hirndrucksymptomen die Ansammlung und starke Spannung der Hirnflüssig- 
keit die wesentlichste Schuld trägt. Die Entstehung der Stauungspapille erklärt er 
auf rein mechanischem Wege, „auf dem Wege einer wirklichen und alleinigen 
Stauung“, und betont, dass in einer ganzen Reine von Fällen die Stauungspapille 
vollständig und rasch zurückging, wenn bei einer beabsichtigten Entfernung eines 
Hirntumors für die angestaute Hirnflüssigkeit auch nur Gelegenheit zum freien 
Abflüsse aus der Trepanationsöffnung gegeben war. — Diastasen der Schädelnähte 
entwickeln sich bei intracraniellen Tumoren nicht nur im Pubertätsalter, sondern 
auch noch im späteren Alter. 

Der Abschnitt „Symptomatologie“ bringt in klarer knapper Weise alles Be¬ 
kannte auf diesem Gebiete. Mit Recht wird die Wichtigkeit scheinbar lokaler Svmp- 
tome hervorgehoben, die weit ab vom Tumor zu stände kommen, hervorgerufen durch 
Steigerung des intrakraniellen Druckes und speziell des Hydrocephalus internus 
(z. B. Druckschwund des Chiasma, Abplattung der Augenmuskelnerven etc.). Bei 
den Lokalsymptomen fasst daher Bruns die direkten und indirekten Herderscheinun¬ 
gen in eins zusammen, berücksichtigt in zweiter Linie die Nachbarsymptome und 
behält dabei stets vor Augen, dass einzelne der Lokalsymptome auf echten Fern¬ 
wirkungen beruhen könnten. — Verf. hat unter 31 zur Autopsie gelangten Fällen 
die Stauungspapille nur fünfmal vermisst. Im Interesse eines günstigeren Operations- 
ergehnisses muss man bestrebt sein, womöglich die Diagnose eines Tumors zu stellen, 
bevor Stauungspapille aufgetreten ist. 

In den 76 Fällen von Hirntumoren, welche Bruns beobachtet hat, war nur 
in 10% bei längerer Beobachtung eine Lokaldiagnose nicht möglich; in 7 mit Lokal¬ 
diagnose zur Operation gebrachten Fällen hat sich dieselbe jedesmal bestätigt. 

"Die aus bestimmten Symptomen gewonnenen lokaldiagnostischen Schlüsse sind 
um so sicherer, je geringer die Allgemeinsyinptome sind, id est, je kleiner der Tumor 
ist. — Bei Perkussion des Schädels ist besonders zu achten: auf die perkutorische 
Empfindlichkeit und Auftreten eines tympanitischen Schalles, was man mitunter 
bei vorhandenen intracraniellen Tumoren beobachten kann. Diese Untereuchungs- 
methoden sind als objektive von besonderer Wichtigkeit. Der tympanitische Perkus¬ 
sionsschall (bruit de pot f&iö) findet sich am häufigsten bei Kindern vor, jedoch 
möchte Bruns erst vom 3. Lebensjahre an diesem Zeichen eine pathologische Bedeu¬ 
tung beiraessen. — Das Auftreten arterieller Gefässgeräusche am Schädel darf für 
die Diagnose eines Aneurysmas nur mit Vorsicht verwertet werden, da es keineswegs 
nur bei Gefässgeschwülsten vorkommt. 

Besonders wichtig ist der Abschnitt über Tumoren des Stirnhirns, zu deren 
Kenntnis die Arbeiten des Verfassers wesentlich beigetragen haben. Als wichtigste 


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Symptome sind Witzelsucht und frontale Ataxie zu bezeichnen. Genaue Schilderung 
der Begleitsymptome, welche sich bei der frontalen Ataxie, sowie bei der ihr sehr ähn¬ 
lichen cerebellaren Ataxie finden können! Bei Tumoren der Central wind ungen können 
alle objektiven Störungen des Gefühles fehlen, in anderen Fällen sind sie aber vor¬ 
handen und können sogar den Lähmungserscheinungen vorangehen. Sie beschranken 
sich meist auf Störungen der Tastlokaiisatiou und auf solche des stereognostischen 
Sinnes — auch Ataxie und Lagegefühlsstörung kann Vorkommen. — Eine Erkran¬ 
kung des Occipitalhirnes ist besonders sicher, wenn neben einer homonymen Hemia¬ 
nopsie optische Reizerscheinungen oder Seelenblindheit besteht; für den linken 
Occipitallappen und zwar für das Mark desselben spricht die Kombination von 
Hemianopsie, Alexie und optischer Aphasie. 

Frühes, isoliertes und intensives Einsetzen der Ataxie wird für eine primäre 
Kleinhirngeschwulst und gegen einen Tumor des Hirnstammes sprechen. Die Nach¬ 
barschaftssymptome erlauben mitunter, wenn sie durch einseitigen Druck auf den 
Hirnstamm, die Hirnnerven und die mittleren Kleinhimschenkel hervorgerufen 
werden, bestimmt die Diagnose der erkrankten Kleinhirnhemisphäre. Ganz sicher ist 
auch für die Seite der Läsion eine Blicklähnmng nach derselben Seite zu verwenden, 
welche event. mit gekreuzter Hemiplegie verbunden ist In Fällen von Ataxie mit 
Ophthalmoplegie lässt sich nur sehr selten eine sichere Differentialdiagnose zwischen 
Vierhügel- und Kleinhirntumoren stellen. 

Bei Tumoren der Schädelbasis, die in der mittleren Schädelgrube sitzen, lässt 
sich mitunter ausgesprochene Druckempfindlichkeit des Schädeldaches nachweiscn. 

Im Abschnitte „Verlauf und Prognose“ ist der Ausspruch Bruns’ von Wichtig¬ 
keit, dass nach seinen Erfahrungen bei gummösen Hirnprozessen dauernde Heilung 
nach spezifischer Behandlungsweise seltener ist, als angenommen wird; meist sind 
die Besserungen nur vorübergehend. 

Vorzüglich und recht eingehend ist die Differentialdiagnose gegenüber anderen 
Erkrankungen durchgeführt. Die event. Schwierigkeiten einer Differentialdiagnose 
zwischen Hirntumor und Abscess werden hervorgehoben; das Vorhandensein eines 

f >rimären Eiterherdes würde immer für Abscess sprechen. Gegenüber der Encepha- 
itis der Centralwindungen ist es praktisch zu wissen, dass die meisten Fälle um¬ 
schriebener Jakson’scher Epilepsie auf Tumoren beruhen und dass die Diagnose 
letzterer wahrscheinlicher wird, wenn sich aus den umschriebenen Krampfanfällen 
umschriebene Lähmungen entwickeln. Eine sichere Unterscheidung des Hydrocepha- 
lus acquisitus von Tumoren ist fast nie möglich. 

Für den Chirurgen besonders wichtig sind die Fragen nach der Natur, dem 
corticalen oder subcorticalen Sitze und der Grösse des Tumors. Die erste der Fragen 
ist deshalb von Bedeutung, da Sarkome, Tuberkel, Cysticercen und Echinococcen 
meist durch eine Erweichungszone vom eigentlichen Hirngewebe abgegrenzt sind, 
während Gliome und Carcinome untrennbar mit der Nachbarschaft verwachsen sind. 
Mitunter kann das Alter für die Artdiagnose entscheidend sein (z. B. Tuberkulose oder 
Sarkom im Kindesalter). Zumeist ist aber die klinische sichere Entscheidung nicht 
möglich. Für die Entscheidung, ob corticaler Sitz einer Geschwulst vorhanden sei, 
würde Verf. besonders die perkutorische Schmerzhaftigkeit und Tympanie heranziehen. 
Die Wahrscheinlichkeitsdiagnose der Grösse eines Hirntumors ist nicht zu stellen. 

Die Indikationen zur Operation von Hirntumoren können erst erwogen werden, 
wenn Allgemein- und Lokaldiagnose ausreichend fundiert sind. Auszuschliessen von 
operativen Eingriffen sind ausser den Tumoren des Hirnstammes die meisten 
Geschwülste der Hirnbasis, da der Eingriff ein zu schwerer ist, obgleich schon der¬ 
artige Operationen unternommen wurden. Wegen der ausserordentlich ungünstigen 
Operationsergebnisse, der Schwierigkeit und häufigen Unmöglichkeit einer exakten 
Lokaldiagnose spricht sich auch Bruns gegen operative Eingriffe bei Kleinhirn- 
turaoren aus. 

Einer Operation am leichtesten zugänglich sind die Geschwülste jener Hirn¬ 
teile, welche die früheste und sicherste Lokaldiagnose gestatten (1. Central Windungen, 
2. Sprachgebiete, 3. Stirnlappen, 4. Occipital-, 5. Schläfelappen). Von 100 Tumoren 
des Gehirnes bleiben aber nur etwa 32 übrig, bei denen eine sichere Allgemein- und 
Lokaldiagnose möglich ist und nach der letzteren der Tumor an einer chirurgisch 
angreifbaren Stelle sitzt. — Bei metastatischen Carcinomen rät Bruns von opera¬ 
tiven Eingriffen ab, bei metastatischeu günstig gelegenen Sarkomen ist er nur dann 
für den chirurgischen Eingriff, wenn der primäre Tumor entfernt, ist und andere 
Metastasen nicht nachweisbar sind. 

Bruns hebt hervor, dass die Gefahren der Operation früher zweifellos unter¬ 
schätzt worden sind, der Percentsatz der Todesfälle infolge der Operation ein sehr 
bedeutender sei und die Operation (z. B. bei Gliomen) eine erhebliche Verechlim- 


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merung des Hirnleidens herbeiführen könne. Wenn Herdsymptome seit langer Zeit 
bestanden haben, so bleiben sie meist auch nach erfolgreicher Operation. 

Nur etwa 8% aller Fälle der Gehirngeschwülste gestatten nach dem Verfasser eine 
genaue Allgemein- und Lokaldiagnose, sitzen an chirurgisch erreichbarer Stelle und 
ergeben bei der Operation keine Befunde, welche eine radikale Entfernung unmöglich 
machen. Aber auch in den Fällen, in welchen eine radikale Entfernung der Hirn¬ 
geschwulst nicht möglich ist, können durch die Trepanation Erblindung verhütet, 
die Kopfschmerzen wesentlich erleichtert werden; die Palliativoperation ist dann 
auszuführen, wenn bei vorhandener Stauungspapille Abnahme der Sehschärfe eintritt. 

In einem eigenen Abschnitte bespricht Verfasser die craniocerebrale Topogra¬ 
phie und elektrische Exploration der motorischen Centren. Er verweist auf die 
Desondere Wichtigkeit der perkutorischen Empfindlichkeit für die Lokaldiagnoee. 
Genaue Schilderung der angegebenen craniocerebralen Methoden. 

Der zweite Hauptabschnitt handelt über Geschwülste der Wirbelsäule, 
des Rückenmarkes und seiner Häute. Die Wirbeisäuletumoren sind zumeist 
maligner Natur. Zumeist bestehen zuerst Symptome von seiten der Knochen, dann 
erst der Wurzeln und des Rückenmarkes. In Bezug auf Symptome und Verlauf 
unterscheiden sich die Wirbeltumoren untereinander nur wenig. Aeusserst schwer kann 
die Differentialdiagnose zwischen Caries und Tumor der Wirbelsäule werden; auch 
die Unterscheidung zwischen vertebralen und intravertebralen Geschwülsten ist oft 
schwierig. Der Nachweis der metastatischen Natur des Leidens spricht für eine 
Wirbelerkrankung. 

Chirurgische Eingriffe sind beim Wirbelcarcinom zu verwerfen, zumeist auch 
beim Wirbelsarkom. Günstig liegen die Verhältnisse für eine Operation bei Wirbel¬ 
exostosen. 

Die Geschwülste der Häute des Rückenmarkes schädigen zumeist erst die 
Wurzeln, dann das Mark und zuletzt die Knochen. Das Mark kann einfach kom¬ 
primiert werden oder erweichen, oder es kann der Tumor direkt in das Mark hinein¬ 
wuchern. Am häufigsten ist bei Tumoren (und zwar bei intraduralen) der Häute der 
Beginn mit halbseitigen Wurzelsymptomen und deren Verbindung mit zunächst halb¬ 
seitigen, dann doppelseitigen Marksymptomen, beides manchmal verbunden mit 
Symptomen von seiten der Wirbelsäule. Eine differentielle Diagnose zwischen Tumoren 
der Häute und des Markes ist aber sehr schwer durchführbar. 

Bei der Besprechung der bei verschiedenem Höhensitze der Tumoren resul¬ 
tierenden Symptomenkomplexe ist besonders genau das klinische Verhalten der Tu¬ 
moren im unteren Abschnitte des Wirbelkanals gewürdigt. Die Differentialdiagnose 
zwischen Cauda equina- und Lenden-, speziell Sakralmarktumoren ist immer eine 
schwierige. Deutliche Symptome von seiten des Lumbalplexus sprechen mehr für 
einen Tumor am unteren Rückenmarksende, während bei Symptomen von seiten des 
Sakralplexus zumeist die Diagnose nicht mit Sicherheit gestellt werden kann. Ueber- 
wiegen die Lendenmarkssymptome oder waren sie die ersten im Krankheitsbilde, so 
ist dies für Tumor am caudalen Rückenmarksende zu verwerten ; tragen die Sakral¬ 
symptome den Charakter der Leitungsunterbrechung oder besteht Brown-Sequard- 
scher Symptomenkomplex, so ist dieser Sitz sicher. Bei etwaigen Operationen muss 
man aber immer, wenn man nicht ganz sicher ist, so verfahren, dass man sowohl 
die Lendenanschwellung wie die Cauda equina zu Gesicht bekommt. 

Wohl das beste Kapitel im ganzen Buche ist das über „Segmentdiagnose“, in 
welchem auch die so wichtige Lehre von der segmentären Lokalisation im Rücken¬ 
marke ausführlich dargestellt ist. Eine Bestimmung der unteren, über die Kompres¬ 
sionsstelle des Markes nach unten reichenden Grenze des Tumors ist bei Geschwülsten 
des Dorßalmarkes fast nur möglich, aber auch bei anderem Sitze nur selten durch¬ 
führbar. Nach oben hin macht der Tumor nur soweit Symptome, soweit seine 
Wirkung auf das Rückenmark und seine Wurzeln selbst noch reicht. Die sogenannte 
Segmentdiagnose des Rückenmarkstumors ist deshalb vor allem eine Bestimmung 
des oberen Endes der Geschwulst Zur genaueren Orientierung bringt Verfasser 
eine Tabelle der „Lokalisation der Funktionen in den verschiedenen Segmenten des 
Rückenmarkes“ (wesentlich verändert nach Edinger) und bespricht dann unter Bei¬ 
bringung von Beispielen die Innervationsverhältnisse der Haut auf Grund der neuesten 
Untersuchungen. Nach eigenen Erfahrungen hält Bruns es für möglich, dass beim 
Menschen an der Innervation einer Hautpartie oder eines Muskels nicht drei, sondern 
fünf Rücken markswurzeln teilnehmen. Die Unkenntnis der Thatsache der weit¬ 
gehenden Anastomoeierung der einzelnen Wurzeln in ihren peripheren Verbreitungs¬ 
bezirken hat zu manchen vergeblichen Operationen geführt; besonders verhängnisvoll 
war die Nichtbeachtung des Umstandes, dass bei kompleter Anästhesie eines Hautbezirkes 
oder vollständiger Lähmung eines Muskels die Grenze bis an die zweite nächst obere 


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Rückenmarkswurzel resp. das entsprechende Segment sich erstrecken muss. Dah^r hat 
man stets die oberste Grenze der Lähmung oder Anästhesie ausfindig zu machen 
und das oberste Tumorende in den höchsten Segmenten zu suchen, welche nach den 
bekannten Tabellen (Edinger-Bruns) überhaupt noch in Mitleidenschaft gezogen 
sein können. Der obere Rand des Tumors liegt dann in der Segmenthöhe des 
höchsten im betreffenden Falle in Betracht kommenden Wurzelgebietes und nicht in 
der Höhe des Austrittes dieser Wurzeln aus dem Wirbelkanale. Die für die Niveau¬ 
diagnose sehr wichtigen Schmerzen lokalisieren sich meist segmentär direkt über der 
Anästhesiegrenze. Bei sehr ausgedehnten Schmerzgebieten hat man die Schmerzen 
(ira Gegensatz zu den Anästhesien) auf die unter der Hauptwurzel des betreffenden 
Gebietes befindliche tiefere Supplementwurzel zu beziehen. Bruns bespricht dann 
weiter ausführlich die vertebro-medulläre Topographie (Bestimmung der Spina dorsalis, 
welche dem obersten in Betracht kommenden Rückenmarkssegmente entspricht). 

Bei der operativen Entfernung der Tumoren kommen als günstige Umstände 
in Betracht, dass es sich zumeist um isolierte und primäre Geschwülste handelt, 
welche sich in der Regel an den Seiten des Rückenmarkes oder an dessen dorsaler 
Fläche entwickeln und dass die durch die Markkompression gesetzen Läsionen nicht 
irreparabel sind. Bruns spricht die Ansicht aus: Man ist in jedem Falle von mit 
Sicherheit diagnostiziertem Falle von Rückenmarksturaor verpflichtet, den Rat zu 
einer Operation zu erteilen. Unter den bisher operierten (20) Fällen wurde in einem 
Drittel Besserung oder Heilung erzielt. Stets soll vor einem operativen Eingriffe 
eine antisyphilitische Behandlung eingeleitet werden. 

Der dritte Hauptabschnitt beschäftigt sich mit den Geschwülsten der 
peripheren Nerven und der Plexus. 

Für alle peri-, epi- und endoneuralen Geschw'ulstbildungen ist es charakteristisch, 
dass die in der Geschwulstmasse liegenden Nervenbündel, ja sogar die Nervenfasern 
anatomisch gut erhalten sein können. — Im anatomischen Teile sind das Fibroma 
molluscum multiplex und das plexiforme Neurom beschrieben, im klinischen die 
durch echte Neurome oder paraneuralen Geschwülste der Hirn- und Spinalnerven 
bedingten Symptomen komplexe geschildert. Die Wichtigkeit systematischer Unter¬ 
suchungen des Rectum und Genitale bei vorhandenen Symptomen von seiten des 
Plexus lumbo-sacralis wird hervorgehoben. 

Da man bei einem Neurom nie wissen kann, ob es sich um einen benignen 
Tumor handelt, ist man nach Bruns in allen Fällen von isoliertem Neurom an er¬ 
reichbarer Stelle verpflichtet, möglichst früh zur Operation zu raten ohne Rücksicht 
auf die Folgen dieser Operation für den Nerven selbst. 

Jedem der Hauptabschnitte ist ein gesondertes Literaturverzeichnis beigegeben. 

Die Ausstattung des Buches ist recht gut. 

Hermann Schlesinger (Wien). 

Die Encephalitis nnd der Hirnabscess. Von Prof. Dr. H. Oppenheim 
in Berlin. Spezielle Pathologie und Therapie, herausgegeben von Hofrat 
Prof. Nothnagel. Bd. IX, Teil I, Abt 3. Wien 1897. Alfred Holder. 

Es gereicht uns zur besonderen Befriedigung, das ausgezeichnete Buch Oppen- 
heim’s hier anzeigen, und allen jenen, die sich für den Gegenstand interessieren — 
und deren Kreis ist kein kleiner — auf das wärmste empfehlen zu können. Drei 
Vorzüge sind es insbesondere, welche die Lektüre dieses Buches zu einer ebenso lehr¬ 
reichen wie fesselnden machen: die besondere Befähigung des Autors, den behan¬ 
delten Gegenstand in klarer, anschaulicher Form darzustellen, seine eigene reiche 
Erfahrung, sowie eine selten vollständige Beherrschung und wirkliche Verwertung 
der vorhandenen Literatur. (Hier hätten wir nur gewünscht, dass die einzelnen 
Literaturangaben mit fortlaufender Nummerierung versehen wären, um das Aufsuchen 
der einzelnen Arbeiten zu erleichtern.) 

Unser Referat will im Folgenden versuchen, die wesentlichen Ausführungen des 
Verfassers in knapper Form wiederzugeben. 

I. Encephalitis. Nach einer Einleitung, die an der Hand einer historischen Dar¬ 
stellung des Gegenstandes zeigt, wie schwierig die Abgrenzung des Begriffes der 
Encephalitis auch heute noch ist, bespricht Oppenheim zunächst die Aetiologie 
der Krankheit. In erster Linie stehen 

Intoxikationen und Infektionen. Was die Wernicke'sche Poliencepha- 
litis hämorrhagica betrifft, so sind Fälle bekannt auf der Basis chronischen Alkohol., 



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weiters bei Schwefelsäure Vergiftung. Etwas zweifelhaft sind die Beziehungen der 
akuten Wurst-, Fleisch- und Fiscn Vergiftung, da für diese Fälle der anatomische 
Nachweis einer Encephalitis hiebei fehlt. Weiters sind zu nennen Kohlenoxydgas¬ 
vergiftung. 

Noch sicherer sind die ätiologischen Beziehungen der Encephalitis zu In¬ 
fektionskrankheiten. Am längsten gekannt in dieser Beziehung ist das Auftreten 
von Encephalitis bei epidemischer Cerebrospinalmeningitis. Es sind dann zu nennen 
Endocarditis ulcerosa, vor allem aber Influenza, bei der in einzelnen Fällen das 
Vorhandensein des specifischen Bacillus im Gehirn nachgewiesen wurde. Für an¬ 
dere Infektionskrankheiten ist zwar ein ätiologischer Einfluss auf die Encephalitis 
sehr wahrscheinlich, jedoch nicht überall mit Sicherheit nachgewiesen. 

Auch das Trauma kann in mehrfacher Richtung zur nichteitrigen Encepha¬ 
litis führen, wiew’ohl gerade hier die Beurteilung oft eine recht schwierige ist 
(traumatische Spätapoplcxie!); für gewöhnlich dürfte durch das Trauma bloss 
ein Locus jyinoris resistentiae geschaffen werden. 

In der pathologischen Anatomie und Histologie beschreibt Oppenheim 
zunächst sehr eingehend die Poliencephalitis acuta haemorrh. Auch aie anderen 
Formen der Encephalitis, vor allem die traumatische (nach den Untersuchungen 
von Fried mann) erfahren eine eingehende, durch Illustrationen unterstützte Dar¬ 
stellung. Oppenheim nimmt an, dass der Ausgang der Encephalitis entweder 
in vollständige Rückbildung oder in Nekrose und Erweichung, endlich in eine Narbe 
sein könne. Ob die Encephalitis in multiple Sklerose übergehen kann, ist noch 
zweifelhaft. 

Symptomatologie. Zunächst erhalten wir eine genaue Schilderung der 
Wemicke’schen Poliencephalitis sup. Oppenheim hebt hervor, dass ein Teil der 
zur Beobachtung kommenden Erscheinungen auf komplizierende Polyneuritis zurück¬ 
zuführen sei. 

Im Anschlüsse daran bespricht er die Poliencephalitis infer. (akute Bulbär- 
paralyse). Es folgt dann eine Beschreibung der Fälle von Poliencephalorayelitis, 
wobei in mehrfacher Kombination Störungen von Seite der motorischen Hirn- 
und Rückenmarksnerven auftreten können, mitunter auch sensible Erscheinungen 
vorhanden sind, während allgemeine Erscheinungen oft mehr minder fehlen. 

Den bisher besprochenen Fällen gegenüber stehen solche, bei denen vor¬ 
wiegend die Grosshirnhemisphären, und zwar im Anschluss an Infektionskrankheiten 
(Influenza etc.) befallen werden, Fälle,, die stets mit schweren allgemeinen Symp¬ 
tomen des Hirns einhergehen, aber auch Herdsymptome (Hemiplegie, Aphasie, 
Monoplegie) für gewöhnlich nicht vermissen lassen. Andererseits gibt es Ueber- 
gänge von dieser Form zur erst beschriebenen der Poliencephalitis acuta. 

Bezüglich der Prognose kann der Encephalitis Oppenheim, insbesondere auf 
Grund eigener Untersuchungen, nachweisen, dass es auch heilbare Fälle gibt, ja dass die 
Krankheit vielleicht recht häufig den Ausgang in vollkommene oder unvollkommene 
Genesung nimmt Diese Möglichkeit der Heilung besteht für alle Formen der En¬ 
cephalitis. Im allgemeinen geben die Fälle mit schweren allgemeinen Erschei¬ 
nungen, schwerem Fieber, sehr stürmischem Verlaufe eine schlechtere Prognose, 
als die mit bloss leichter Benommenheit, frühzeitigem Ueberwiegen der Herd¬ 
symptome einhergehenden, weniger akut verlaufenden Fälle. 

Wie schwierig die Diagnose der Encephalitis ist, erhellt wohl aus dem 
Umstande, dass Oppenheim trotz seiner grossen Erfahrung auf diesem Gebiete 
an die Spitze dieses Kapitels den Satz stellt, dass die Diagnose der Encepha¬ 
litis acuta nur selten mit Sicherheit gestellt werden kann. 

Es ist uns leider unmöglich, hier auf die einzelnen diagnostischen Er¬ 
wägungen des Autors einzugehen. Bezüglich der Therapie seien hier bloss die die 
Lumbalpunktion betreffenden Ausführungen des Verfassers erwähnt. Oppen¬ 
heim hält die Lumbalpunktion bei hirnkranken Individuen nicht für gefahrlos 
und meint, da die Encephalitis acuta ein der Spontanheilung fähiges Leiden ist, 
sei die Lumbalpunktion nur dort angezeigt, wo die Zeichen schweren Hirn¬ 
druckes vorliegen. 

II. Abscess. Es ist wohl richtig, wie dies Oppenheim betont, dass eine Darstel¬ 
lung des Hirnabscesses, die allen Anforderungen gerecht werden soll, eine Be¬ 
herrschung aller dabei beteiligten Diecipiinen (Otiatrie, Chirurgie, Neurologie und 
innere Medizin) und eine genaue Kenntnis ihrer Fachliteratur voraussetzt Wenn 
aber Jemand zur Behandlung dieses schwierigen Gebietes befähigt war, dann gewiss 
Oppenheim. 


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Aetiologie. Die häufigsten Formen sind traumatische und otitische Ab- 
scesse. Bezüglich der otitischen Abscesse sei hervorgehoben, dass nach neueren 
Untersuchungen auch den akuten Ohreiterungen ein grösserer Einfluss auf das 
Zustandekommen von Hirnabscessun zu sperchen ist, als dies früher geschah. 
Von sonstigen Prozessen am Schädel und dessen Nebenhöhlen dürften dann noch 
besonders die Nasenhöhleneiterungen zu nennen sein. 

Genau werden die metastatischen Abscesse (bei Lungen- und Peritoneal¬ 
eiterungen , Abscessen an der Peripherie, bei Pyämie) besprochen. Weitere 
kommen Hirnabscesse vor bei akuten Infektionen, bei Endocarditis ulcer. 
Oppenheim erwähnt endlich tuberkulöse Hirnabscesse, sowie solche durch 
den Soorpilz und die Aktinomykose bedingte. Die vielfach aufgeworfene Frage, 
ob es einen idiopathischen Hirnabcess gibt, ist dahin zu beantworten, dass die 
Träger der akuten Infektionskrankheiten direkt in das Gehirn eintreten und 
hier Eiterungen erzeugen können. Die bei Hirnabscessen gefundenen Mikro¬ 
organismen sind in der Mehrzahl der Fälle Streptococcus pyogenes und Staphylo- 
coccus albus und citreus; es kommen dann noch in Betracht Pneumococcen, ge¬ 
legentlich auch andere Bacillen (B. pyocyaneus, Influenzabacillen). 

Pathogenese. Hier werden in sehr anschaulicher, eingehender Weise 
die Wege, auf dem der ursprüngliche Eiterherd zum Hirnabscess führt, dargestellt 
und zwar dnrch direkte Einwanderung der Eitererreger, dann auf dem Wege der 
Blutgefässe, durch Venenthromböse oder durch rückläufige Embolie. 

Die Lokalisation der Abscesse steht in ziemlich engem Zusammenhänge mit 
dem Ausgangspunkt resp. der Aetiologie. Die traumatischen Abscesse sitzen meist 
an der Konvexität. Die otitischen Abscesse betreffen nahezu stets den Schläfe¬ 
lappen oder das Kleinhirn und zwar der gleichen Seite (die seltenen Ausnahmen 
hiervon werden zu erklären gesucht), die metastatischen die Rinde. 

Symptomatologie. Mit der Mehrzahl der neueren Autoren betont Oppen¬ 
heim, wie wechselnd das Verhalten der Temperatur ist, dass auch fieberloser 
Verlauf, inbesondere bei chronischen, sich abkapselnden Abscessen, durchaus nicht 
selten ist. Noch inkonstanter sind Schüttelfröste. 

Bezüglich der Lokalsymptome erörtert Oppenheim zunächst den Umstand, 
dass mitunter solche fehlen können, und erklärt dies daraus, dass das Nervengewebe oft 
nur verdrängt, nicht aber zerstört ist. Bezüglich der Schläfelappenabscesse sei 
hervorgehoben , dass linksseitige Abscesse nicht oder nur selten reine sensorische 
Aphasie bedingen, was damit zusammenhängt, dass sie selten die erste Bchläfe- 
windung ergreifen, sondern mehr die basalen hinteren Partien des Schläfelappens; 
die häufigste hier beobachtete Form der Aphasie ist die optische, resp. amnestische 
Aphasie. 

Bei den Kleinhirnabscessen hebt Oppenheim hervor, das cerebellare 
Ataxie dabei durchaus nicht besondere häufig ist, andererseits, dass dieselbe oder 
eine ganz ähnliche Störung auch bei Stirn- und Schläfelappenabscessen, endlich 
auch bei Labyrinthaffektionen Vorkommen kann. 

Beim traumatischen Abscess unterscheidet Oppenheim mit Bergmann 
eine akute recente Form, die meist oberflächlich sitzt, und einen chronischen 
oder Spätabscess, der meist mehr weniger tief im Hemisphärenmark skzt. Die 
nietastatischen Abscesse beginnen meist apoplektiforra infolge ihres embolischen 
Ursprungs. Sie sitzen meist in der Rinde, daher Rindensymptome, speziell solche 
der motorischen Rinde, häufig sind. 

Der spontane Ausgang des Abscesses ist in der Mehrzahl der Fälle Durch¬ 
bruch mit letalem Ausgange. Erfolgt derselbe nach aussen, dann kann Heilung 
eintreten. Recht zweifelhaft ist es, ob es eine Verkalkung und damit eine spon¬ 
tane Heilung des Abscesses gibt. 

Aus den ganz besonders vorzüglichen, sehr umfangreichen Ausfüh¬ 
rungen des Autors über die Diagnostik kann nur Einzelnes erwähnt 
werden. Die Diagnose des Hirnabscesses darf nach Oppenheim nicht gestellt 
werden, wenn sich nicht jene primäre Infektionsquelle nachweisen lässt, von 
der die Himeiterung ihren Ursprung herleitet, (Referent kann diesem Satz doch 
nur bedingte Geltung zuschreiben, da es ja auch bei der Obduktion Fälle gibt, 
wo sich ein primärer Eiterherd nicht nachweisen lässt. Man wird also unter Um¬ 
ständen docn ohne Nachweis des primären Eiterherdes die Diagnose machen 
müssen.) 

Das Wesentliche für die Diagnose ist die Kombination der 
Symptome der Eiterung mit denen des Hirndruckes und der lokalen 


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Erkrankung bestimmter Hirnbezirke. Recht schwierig kann die Diagnose 
eines traumatischen Abscesses gegenüber anderen, durch das Trauma hervorge¬ 
rufenen krankhaften Erscheinungen sein. Dahin gehört z. B. die Konvexitäts¬ 
meningitis, die traumatische Spätopaplexie. Auch Hirntumoren können sich im 
Anschluss an Traumen entwickeln. Hier spielt hauptsächlich das Fehlen jeglicher 
Fiebererscheinungen bei der Diagnose eine Rolle. Endlich kommt hier noch in 
Betracht der von Fried mann so genannte vasomotorische Svmptomenkomplex 
nach Traumen, wobei symptomatisch hauptsächlich das Diffuse der Erscheinungen, 
der in Schiiben fortschreitende Verlauf zu beachten ist. 

Noch grössere diagnostische Schwierigkeiten entstehen beim otitischen Hirn¬ 
abscess. die einmal dadurch bedingt sind, dass ein wesentlicher Teil der Sympto¬ 
matologie des Hirnabscesses (die Erscheinungen der Eiterung) schon durch das 
Grundleiden bedingt sein können, weiters durch die Ohraffektion selbst, 
speziell bei Kindern, ohne Abscessbildung Erscheinungen von Seite des Grosshirns 
ausgelöst werden können (Benommenheit, Neuritis opt., Meningitis serosa), endlich 
und vor allem deswegen, weil durch den Ohrprozess anderweitige endocranielle 
Prozesse (extradurale Abscesse, Sinusthrombose, Meningitis etc.) gesetzt werden 
können, die symptomatologisch grosse Aehnlichkeit mit dem Hirnabscess haben. 
Endlich können sich die genannten Prozesse miteinander zu einem schwer ent¬ 
wirrbaren Bilde komplizieren. Oppenheim stellt in einer Tabelle die einzelnen 
hier in Betracht kommenden Momente zusammen. 

Bezüglich der Differentialdiagnose gegenüber der Meningitis geben wir 
der Wichtigkeit wegen die Schlussfolgerungen des Verfassers hier wieder: 

1. Der typische Symptomenkomplex des Hirnabscesses ist von dem typischen der 
diffusen eitrigen Meningitis wesentlich verschieden, so dass die Differential¬ 
diagnose in einem Teil der Fälle mit einer an Sicherheit grenzenden Wahr¬ 
scheinlichkeit gestellt werden kann. Für den Hirnabscess spricht besonders 
die Pulsverlangsamung, die sich wenig von der Norm entfernende Temperatur, 
die einfache wachsende Benommenheit und alle die Erscheinungen, welche auf 
einen umschriebenen Sitz des Leidens (im Schläfelappen oder Kleinhirn) 
hin weisen. Auf Meningitis deuten die hohe Temperatur, die Pulsbeschleunigung, 
die Zeichen der sogenannten meningealen Reizung, die Symptome, die auf 
einem diffusen Prozess an der Basis, Konvexität und in den spinalen Me¬ 
ningen zu beziehen sind. 

2. Es gibt zahlreiche Fälle, in welchen sich das Symptomenbild des Hirnabscesses 
dem der diffusen Meningitis so sehr nähert, dass eine sichere Unterscheidung 
nicht möglich ist. Es gilt dies besonders für das jugendliche Alter, in wel¬ 
chem der Hirnabscess häufig meningitische Reizerscheinungen auslöst. 

Umgekehrt kann auch die diffuse eitrige Meningitis das Symptomen¬ 
bild des Hirnabscesses besonders dadurch Vortäuschen, dass sie an einzelnen 
Stellen, auf die Rinde übergreifend, diese tiefer schädigt und prägnante Herd¬ 
symptome erzeugt. 

3. Die lokalisierte Meningoencephalitis purulenta deckt sich in manchen Fällen 
völlig mit dem Symptomen bilde des Hirnabscesses gleicher Lokalisation. 

4. Die Meningitis serosa ist eine häufige Komplikation der Otitis purulenta und 
ihrer endocraniellen Folgezustände. Sie vermag fast alle Erseneinungen der 
diffusen eitrigen Meningitis zu produzieren. In der Regel bedingt sie jedoch 
keine erhebliche Temperatursteigerung und besonders keinen Kräfteverfall, da¬ 
gegen ist Neuritis optica und namentlich Stauungspapille ein gewöhnliches 
Symptom dieser Erkrankung. Auch die Zeichen der Spinalmenigitis können 
zum Teil durch die serösen Ergüsse hervorgerufen werden. 

5. Die Meningitis serosa ist der spontanen Rückbildung fähig. Ferner können 
ihre Erscheinungen nach jeder, die Eiterretention im Ohr oder in den extra¬ 
duralen Raumen beseitigenden Operation schwinden. Mehr noch gilt das 
naturgemäs8 für die mit einer Eröffnung des Subduralraumes verknüpften 
Eingriffe. 

6. Die Diagnose „diffuse eitrige Cerobrospinalmeningitis“ ist bei Ohrenkranken mit 
grosser Reserve zu stellen. Immer hat man sich zuerst die Frage vorzulegen, 
ob nicht eine einfache Otitis oder eine andere Komplikation derselben, nament¬ 
lich die seröse Meningitis, die Erscheinungen zu erklären vermag. Namentlich 
aber soll man da, wo neben den Zeichen des Hirnabcesses meningitische 
Symptome hervortreten, mit der Diagnose „diffuse eitrige Cerebrospinalmenin- 
gitis“ sehr vorsichtig sein. 


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7. Vereinigt sich der Abscess mit der diffusen eitrigen Meningitis, so können 
seine Symptome völlig verdeckt werden, so dass man bei manifester Cerobro- 
spinalmeningitis einen komplizierenden Himabscess nie ausschliessen kann. In 
manchen Fällen wies unter solchen Verhältnissen noch die Pulsverlangsamung 
auf den Abscess hin. Ebenso könnten die Symptome von Seiten der inneren 
Kapsel wohl in diesem Sinne verwertet werden. 

8. Umgekehrt kann es Vorkommen, dass die den Abscess begleitende diffuse 
eitrige Meningitis sich durch kein gravierendes Symptom verrät. 

Gegen die Lumbalpunktion als diagnostisches Hilfsmittel hat Oppenheim 
auch beim Abscess gewisse Bedenken, da dadurch ein Abscess zur Perforation 
gebracht werden kann, andererseits aus einer circumscripten eine diffuse eitrige 
Meningitis werden könne. 

Differential-diagnostisch ist endlich noch die akute, nicht eitrige Encephalitis 
zu berücksichtigen. 

Das Kapitel Therapie behandelt natürlich in erster Linie die chirurgische 
Behandlung des Hirnabscesses. Oppenheim gibt zunächst eine Uebersicht über 
die in den letzten Jahren operierten Fälle. 

Bezüglich der traumatischen Fälle kommt er zum Schlüsse, dass in jedem 
Falle, in welchem man die Diagnose „traumatischer Hirnabscess“ mit Sicherheit oder 
auch nur Wahrscheinlichkeit stellen und eine an sich unheilbare Komplikation aus¬ 
schliessen kann, die Eröffnung des Schädels, die Aufsuchung des Eiterherdes und 
die Entleerung desselben dringend geboten ist. 

Für die otitischen Abscesse gibt Oppenheim folgende Indikationen: 

1. In jedem Falle, in welchem die Diagnose des unkomplizierten otitischen Hirn¬ 
abscesses mit Sicherheit gestellt werden kann und evidente Erscheinungen des 
Durchbruchs, sowie die eines andern an sich todbringenden Leidens noch nicht 
vorhanden sind, ist die chirurgische Behandlung am Platze. 

2. Da die einfache Otitis purulenta und besonders die anderweitigen endocraniellen 
Komplikationen derselben, namentlich der extradurale Abscess, das Bild 
des Hirnabscesses Vortäuschen können, ist meistens der Weg der Behandlung 
einzuschlagen, weicher von der Bekämpfung des Ohrenleidens zu der des Hirn¬ 
leidens übergeht, d. h. es ist zunächst festzustellen, ob die innerhalb des 
Ohres selbst vorgenommenen, gegen die Eiterrentention gerichteten Massnahmen 
(Paracentesc, Stacke’sehe Operation, Trepanatio mastoidea) die Krankheits- 
erscheinungen zurückbringen. Wenn diese nicht zum Ziele führen, ist es 
geboten, durch Eröffnung der mittleren, beziehungsweise hinteren Schädelgrube 
oder beider zu ermitteln, ob ein extraduraler Eiterherd vorliegt. Und erst, 
wenn das Ergebnis dieser Exploration und Behandlung ein negatives ist, oder 
wenn die örtlichen Veränderungen und die Erscheinungen direkt auf einen 
cerebralen Prozess hin weisen, ist die Punktion oder Incision des Gehirnes 
selbst vorzunehmen. 

Dass im Einzelfalle bei feststehender Lokal- und Allgemeindiagnose von 
diesen Grundsätzen abgewichen werden kann und muss, liegt auf der Hand. 
Ebenso kann die drohende Lebensgefahr ein schnelleres direkteres Vorgehen 
verlangen. 

3. Die Pachymeningiti8 externa purulenta, die Sinusthrombose und selbst die be- 

g *nnende Pyämie bilden keine Kontraiudikation für die chirurgische Behandlung. 

as gilt auch noch für die umschriebene eitrige Meningitis. Liegt hingegen 
eine diffuse eitrige Meningitis vor, so ist es ratsam, von der Operation Abstand 
zu nehmen. Dabei ist aber zu bedenken, dass die umschriebene Meningitis 
und die einfachen, serösen Ergüsse durchaus geeignet sind, das Bild der eit¬ 
rigen Cerebrospinalnieningitis vorzuspiegeln, so dass man sich nicht zu schnell 
von der operativen Behandlung abschrecken lassen soll. 

4. Schwankt die Diagnose zwischen eitriger Cerebrospinalmeningitis und Hirn¬ 
abscess, so ist ein Zaudern, eine Unentschlossenheit durchaus berechtigt. Hat 
jedoch die Annahme des letzteren eine Wahrscheinlichkeit für sich, so ist die 
Explorativoperation nicht aufzuschieben. 

5. Kontraindiziert ist die direkte Behandlung bei erfolgtem Durchbruch, sowie 
da, wo ein an sich tödliches Grundleiden den HirnÄscess kompliziert. Der 
Eintritt des Comas ist aber noch nicht geeignet, den Eingriff als einen aus¬ 
sichtslosen erscheinen zu lassen. 

6. Die Thatsache, dass die unkomplizierte Otitis media und die Labyrintheiterun¬ 
gen schwere Hirnsymptome hervorrufen können, verlangt die sorgfältigste Be- 


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rücksichtigung. Ebensowenig darf die Bedeutung, welche die einfache Menin¬ 
gitis serosa unter den Komplikationen der Otitis media hat, unterschätzt 
werden. Die Entleerung des Eiters aus dem Ohre oder den extraduralen 
Räumen kann die durch dieses Leiden bedingten Erscheinungen schon zurück¬ 
bringen. Ausserdem gibt es Fälle, in denen erst nach Eröffnung der Dura 
ein so reichlicher Abfluss von Liauor cerebrospinalis statthat, dass bei un¬ 
sicherer Diagnose erst der Effekt dieser Entlastung abgewartet werden kann, 
ehe man sich zu weiterem Vordringen entschliesst. 

7. Der Umstand, dass sich nicht mit Bestimmtheit feststellen lässt, ob der Eiter¬ 
herd im Cerebellum oder im Schläfelappen sitzt, darf von der Operation 
nicht zurückhalten, du die vorbereitenden Explorationen schon zu einer Ent¬ 
scheidung dieser Frage führen können und in dubio der Eiter an beiden 
Stellen gesucht werden muss. 

Die metastatischen Hirnabscesse geben im allgemeinen wenig günstige Chancen; 
schon der Umstand, dass es sich meist um multiple Abscesse handelt, ist ein 
ungünstiges Moment. 

Beiden Abschnitten, sowohl der Encephalitis als dem Hirnabscess ist ein 
nach den einzelnen Kapiteln geordnetes Literaturverzeichnis beigegeben, das an 
Vollständigkeit nichts zu wünschen übrig lässt. 

Redlich (Wien). 


Ischias scoliotica (Scoliosis neuralgica). Von Siegmund Erben. Bei¬ 
trage zur klinischen Medizin und Chirurgie, Heft 16. Wien und Leipzig, 
Braumüller, 1897. 

Verfasser gibt eine zusammen fassende Kritik der verschiedenen, über die Patho¬ 
genese der Ischias scoliotica aufgestellten Theorien und weist zunächst alle diejenigen 
als unrichtig zurück, welche die Ursache der Deviation in einer Funktionsbehinderung, 
Lähmung oder Kontraktur, bestimmter Muskeln sehen. An der Hand von fünf genau 
analysierten Krankeitsfällen zeigt er, dass sich auf Grund der eigentümlichen Symp¬ 
tome bei jedem einzelnen Kranken die Entstehungsbedingungen für die betreffende 
Skoliose finden lassen, wenn bei der Untersuchung die von ihm studierte Beteiligung 
der Rumpfmuskeln an der Körperhaltung berücksichtigt wird (bei der Haltung des 
Rumpfes nach vorn treten normalerweise hauptsächlich die Strecker — Erectores trunci 
— bei Seitwärtshaltung die Rumpfmuskeln der anderen Seite — Erector trunci und 
Obliquus externus — also jedesmal die Antagonisten, in Thätigkeit). Seine an 63 
Kranken gesammelten Erfahrungen führen ihn zu dem Schlüsse, dass die Vorgefun¬ 
denen Variationen der Rückgratverkrümmung und ihrer Begleitsymptome in Zusam¬ 
menhang stehen mit verschiedener Lokalisation der Nervenerkrankung (Schmerz¬ 
haftigkeit), welche es mit sich bringt, dass in einem Falle dieser, im anderen jener 
Körperteil vor Druck geschützt werden muss und deshalb entlastet wird. 

M. Laehr (Berlin). 


Inh 


I. Sammel-Referate. 

Fog es, A., Die Castraüon beim Weibe und 
ihre Beziehungen zum Gesamtorganismus, 
p. 129—143. 

Fischer, J., Zur Pathologie und Therapie der 
Wanderniere (Fortsetzung), p. 143—155. 

Literatur (Fortsetzung), p. 155 —158. 

II. Referate. 3 

Schmidt, A., Ueber Schleim im Stuhlgange, 
p. 158. 


alt 

Melchior, M., Die Bedeutung des Bacterium 
coli für die Pathologie der Hamwege, 
p. 160. 

Marwedel, G., Die morphologischen Ver¬ 
änderungen der Knochenmarkzellen bei 
eitriger Entzündung, p. 160. 

Ghillini, C., Untersuchungen über den Ein¬ 
fluss der Nervenverletzung auf das Knochen¬ 
wachstum, p. 160. 

Willgerodt, H., Ueber das Verhalten des 
Peritoneums gegen den künstlich in die 
Bauchhöhle geleiteten Urin und über die 
experimentelle Erzeugung der Urämie, p. 160. 


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CORNELL UNIVERSITY 



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Klink, W., Experimente, betreffend die Fol¬ 
gen des Eindringens von Urin in die Peri¬ 
tonealhöhle, p. 161. 

Hofbauer, J., Zur Physiologie des Puer¬ 
periums, p. 161. 

Graefe, M., Die Einwirkung des Diabetes 
mellitus auf die weiblichen Sexualorgane und 
ihre Funktionen, p. 162. 

Cal mann, A., Sensibilitätsprüfungen am weib¬ 
lichen Genitale nach forensischen Gesichts¬ 
punkten, p. 163. 

Dalcb6, P., Les m^trorragies dans les mala- 
dies du coeur, p. 164. 

Lvoff, J., Maladies du coeur et grossesse. 
Le<;ons sur la pathologie de la grossesse, 
p. 165. 

Cornillon, J., Des rapports de la lithiase 
biliaire avec les fonctions uterines, p. 166. 

Eiermann, A„ Ueber puerperale Gallenstein¬ 
kolik, p. 167. 

Merkel, J., Nephrorrhaphie während der 
Schwangerschaft, p. 167. 

Rubeäka, W., Beiträge zum Tetanus puer- 
peralis, p. 168. 

Rostowzew, M. J., Ueber die Uebertragung 
von Milzbrandbacillen beim Menschen von 
der Mutter auf die Frucht bei Pustula ma¬ 
ligna, p. 168. 

Musgrove, Charles D., Hautemphysem nach 
der Geburt, p. 169. 

Kleinwächter, L., Die Organotherapie in 
der Gynäkologie, p. 169. 

Durno, L„ Ein Fall von puerperaler Sepsis, 
behandelt mit Antistreptococcenserum; Hei¬ 
lung, p. 170. 

Richmond, R., Zwei Fälle von puerperaler 
Sepsis, behandelt mit Antistrcptococcen- 
serum; Heilung, p. 170. 

Steele, E. A. T., Serumtherapie bei puer¬ 
peraler Sepsis, p. 170. 

Rawlings, J. D., Behandlung eines Falles 
von puerperaler Sepsis mit Antistreptococcen¬ 
serum; Tod, p. 170. 

Groth, Ernest R. G„ Erfolgreiche Behand¬ 
lung eines Falles von Septicämie mit Anti¬ 
streptococcenserum, p. 170. 

Law, R. R., Behandlung eines Falles von 
akuter septischer, allgemeiner Peritonitis 
und septischer Metritis mit Antistrepto 
coccenserum ; Heilung, p. 171. 

Sharp, Arthur J., Ein Fall von schwerer 
puerperaler Sepsis. Einspritzung von Anti¬ 
streptococcenserum ; Genesung, p. 171. 

Whittingdale, J. F. L„ Antistreptococccn- 
serum in der Behandlung des Wochenbett¬ 
fiebers, p. 171. 

Gnesda, Max, Ueber Spontanfraktur bei 
Syringomyelie, p. 171. 


Kienböck, R., Arthropathie des linken Ell¬ 
bogengelenkes bei Syringomyelie, p. 172. 

Hahn, Friedr., Ueber eine seltene Lokali¬ 
sation einer Arthropathie bei Syringomyelie, 
p. 172. 

Linser, P., Beitrag zur Kasuistik der Bluter- 
gelenke, p. 173. 

Tournier et Courmont, Arthrite purulente 
suraigue k pncumocoque, p. 173. 

Nasse, D., Die gonorrhoischen Entzündungen 
der Gelenke, Sehnenscheiden und Schleim¬ 
beutel, p. 174. 

Senator, H„ Ueber intermittierende Gelenk¬ 
wassersucht, p. 176. 

Rindfl ei sch, W., Bakteriologische Unter¬ 
suchung über Arthritis gonorrhoica, p. 176. 

T e 1 e k y, L., Beiträge zur Lehre von der 
,, Osteoarthropathie hypertrophiante pneu- 
mique“. p. 177. 

Swoboda, Norbert, Ueber Osteomyelitis im 
Säuglingsalter, p. 177. 

Canon, Beiträge zur Osteomyelitis mit Im¬ 
munisierungsversuchen, p. 178. 

Ewald, E., Ein chirurgisch interessanter Fall 
von Myelom, p. 178. 

Vonnegut, Ein Fall von Schellacksteinen 
im menschlichen Magen, p. 179. 

of Schulten, M. W„ Ueber Haargeschwülste 
im Magen, nebst Mitteilung eines glücklich 
operierten Falles, p. 179. 

Schreiber, J„ Ueber einen Phytobezoar im 
Magen einer Frau und dessen Diagnose, 
p. 180. 

Adamson and Renton, Crawford J., The 
signs and Symptoms of perforated gastric 
ulcer, with notes of two cases, m one of which 
Operation was successful, p. 180. 

Alexander, W„ Clark, A case illustrating 
the difficulty of diagnosis in gastric ulcer, 
p. 181. 

Clarke, J. St. Thomas, A case of perfora¬ 
ted gastric ulcer; Operation ; Recovery, 
p. 181. 

Hainebach, Zwei Fälle von Perigastritis 
adhaesiva nach Ulcus ventriculi, p. 182. 

III. Bücherbesprechungen. 

Bruns, Ludwig, Die Geschwülste des Nerven- 
systems. Himgesch Wülste. Rückenmarks¬ 
geschwülste. Geschwülste der peripheren 
Nerven, p. 182. 

Oppenheim, H., Die Encephalitis und der 
Hirnabscess, p. 186. 

Erben, Siegmund, Ischias scoliotica (Skoliosis 
neuralgica), p. 191. 


Um Einsendung von Separat-Abdrücken, Monographien und Büchern an den 
Redakteur Privat-Doc. Dr. HERMANN SCHLESINGER, Wien, IX, Allgemeines Krankenhaus 
wird gebeten. 


Druck von Ant. Kämpfe in Jena. 


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CENTRALBLATT 

für die 

Grenzgebiete der Medizin und Ghirurgie. 

Herausgegeben von 

Dr. Hermann Schlesinger, 

Privatdocent an der Universität in Wien. 

Verlag von GUSTAV FISCHER in Jena. 


I. Band. 


Jena, März 1898. 


Nr. 4. 


Das Centralblatt für die Grenzgebiete der Medizin und Chirurgie erscheint monatlich 
im Umfange von 3—4 Druckbogen. Der Umfang des Jahrgangs wird etwa 40 Druck¬ 
bogen betragen. Das Abonnement für das Centralblatt kostet 16 Mark für den Band in 
12 Nummern. — Die Abnehmer der Mitteilungen aus den Grenzgebieten der 
Medizin und Chirurgie, herausgegeben von J. Mikulicz und B. Naunyn, erhalten 
das Centralblatt zum Vorzugspreise von 12 Mark. 


I. Sammel-Referate. 


Rhinogene Gehirnaffektionen. 

Vom Docenten Dr. Dreyfuss in Strassburg. 

Das vorliegende Sammelreferat stellt einen Ueberblick dar über die seit 
dem Erscheinen meiner Monographie *) bekannt gewordene Kasuistik. Die 
durch Fortpflanzung nach dem Schädelinnern lebensgefährdend oder lebens¬ 
vernichtend werdenden Naseneiterungen sind zum Glück Seltenheiten und 
werden es mit der Ausbildung der klinischen Diagnostik und Therapie hoffentlich 
noch in höherem Masse werden; aber dieser glückliche Umstand hat anderer¬ 
seits für den Referenten die Unannehmlichkeit im Gefolge, dass die wenigen 
Fälle sich nicht leicht unter einen weitern Gesichtspunkt zusammenfassen lassen. 

1. Gehirninfektion infolge von Sondierung. 

Aeusserst lehrreich ist der Fall Von Mermod, wo bei der Probepunktion 
einer Stirnhöhle von der Nase aus die Kanüle in die Schädelhöhle eindrang 
und eine tödliche Meningitis erzeugte. Die Sektion ergab, dass eine Stirnhöhle 
auf beiden Seiten überhaupt fehlte und die Kanüle durch eine Siebbeinzelle 
in das Cavum cranii gedrungen war. Der Fall beweist von neuem die Ge¬ 
fährlichkeit der so wie so nutzlosen Stirnhöhlensondierung. 


1) Die Krankheiten des Gehirns und seiner Adnexa im Gefolge von Nasen¬ 
eiterungen, Jena 1896. 

Ceatndblatt f. d. Gr. d. Med. u. Chir. I. 13 


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2. Gehirninfektion infolge von Kieferhöhleneiterung. 

Die noch kleine Kasuistik der tödlichen Kieferhöhleneiterungen bereichert 
Bauby durch Beschreibung einer solchen Affektion, wo der Eiter nach Durch¬ 
bruch der oberen Wand der Kieferhöhle symptomlos das orbitale Zellgewebe 
infizierte, dann zu Caries der horizontalen Platte des Stirnbeins führte und 
von da aus einen ausgedehnten Abscess im Frontallappen des Gehirns hervorrief. 

3. Gehiminfektion infolge von Stirnhöhleneiterungen. 

Für die topographische Anatomie des Sinus frontalis haben die Unter¬ 
suchungen von Tilley, angestellt an 120 Schädeln, einiges Interesse, wenn 
ich auch allerdings gestehen muss, dass sie nicht viel Neues bringen. Erwähnens¬ 
wert ist der Befund, dass in keinem der Fälle eine Kommunikation beider 
Stirnhöhlen durch mangelhafte Ausbildung ihrer Zwischenwand bestand, welche 
Anomalie man im allgemeinen als nicht selten vorkommend zu betrachten 
gewohnt war. 

In einer klinischen Studie über die Fisteln der Stirnhöhle kommt Bois 
zu folgenden Schlüssen: Die Behandlung muss bestehen in radikaler Ent- 
fernung der Sinuswände, sei es einer oder beider, d. i. der vordem und der 
untern Wand einschliesslich des Margo supraorbitalis und Drainage nach der 
Nasenhöhle zu. Die Weichteile über der JIöMe können durch primäre Naht 
vereinigt werden. Referent hat bereits früher darauf hingewiesen, wie gefährlich 
die einfachen Auskratzungen der Sinusfisteln sind und wie eine ganze Reihe 
von Fällen fatal endigten, bei denen eine ausgedehnte Freilegung der Höhle 
zur Entdeckung von Fisteln auch in der Hinterwand geführt hätte. 

Auch Botey stellt an der Hand von 2 Fällen von Eiterung der Sinus 
frontales dieselben Schlussfolgerungen auf. Bei cerebralen Symptomen rät er 
zu schleuniger Eröffnung der Schädelhöhle von der hintern Stimhöhlen- 
wand aus. 

Von tödlichen Eiterungen sei hier der Fall von Planchu (operiert von 
Jaboulay) erwähnt; ihm mangelt jedoch der Sektionsbefund und müssen 
wir uns mit den Ergebnissen der Trepanation durch die Hinterwand begnügen. 
Es fand sich keine Meningitis, sondern ein Abscess im Lobus temporo- 
sphenoidalis, der durch Punktion gefunden wurde. Die horizontale Partie des 
Os frontale und das Os ethmoideum waren kariös und der Eiter nach der 
Orbita und der Nase durchgebrochen. Ein Abscess im Temporosphenoidal- 
lappen stellt nach den Erfahrungen des Referenten eine ganz ungewöhnliche 
Komplikation der Stirnhöhlen- als auch der Siebbeineiterungen dar, weshalb 
eine anatomische Untersuchung dieses Falls um so wünschenswerter gewesen 
wäre. Dasselbe gilt von der Beobachtung von von Hopffgarten, wo der 
ganze Sektionsbericht lautet: Chron. Leptomeningitis und chron. äusserer und 
innerer Hydrocephalus. 

Ueber den Zustand des knöchernen Schädels fehlt jede Mitteilung. 

Noch weniger anzufangen ist mit dem Fall von Montaz. 

Sehr interessant verlief der Fall von Hei man. 

Ein Soldat wird wegen Kopfschmerz abends auf die Station gebracht, unter¬ 
hält sieh trotzdem recht vergnügt mit seinen Kameraden, raucht dazu, bekommt 
plötzlich rasende Kopfschmerzen, Erbrechen und rechtsseitigen Exophthalmus und ist 
nach 2 Stunden eine Leiche. Die Autopsie ergibt: Dura mater in der rechten Frontal¬ 
grube stark verdickt, extraduraler Abscess daselbst; Oberfläche des Frontallappens 
abgeplattet, in ihm Abscess von Taubeneigrösse, der durch eine Fistel mit dem 
Subrarachnoidalraum kommuniziert; Hirnbasis mit Eiter bedeckt, aber nicht entzündet. 



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Beide Stirn- und Kieferhöhlen sind mit grünem, geruchlosem Eiter ausgefüllt; Schleim¬ 
haut blass, verdickt. Ein direkter Zusammenhang zwischen den Höhleneiterungen 
und den Gehirnabscessen nicht nachweisbar, ausser dass auf der Schleimhaut des 
rechten Sinus frontalis stellenweise kleine schwärzliche Flecken vermuten lassen, dass 
hiervon die Infektion des rechten Stirnlappens ausging. 

Aus der Anamnese waren nur Kopfschmerz und intermittierende Temperatur¬ 
schwankungen zu eruieren. 

Die besonders vom chirurgischen Standpunkt aus sehr lehrreiche Be¬ 
obachtung von Rafin eignet sich kaum zu kurzem Referat, sie sollte im 
Original nachgelesen werden. 

Dreimal mussten chirurgische Eingriffe vorgenoramen werden; das erste Mal 
Eröffnung beider Stirnhöhlen von aussen, Spaltung der knöchernen Nase in der 
Mittellinie mit temporärer Resektion des linken Nasenbeines, um zu den kariösen 
Siebbeinzellen zu gelangen, die ausgeräumt werden. 

Da das orbitale Zellgewebe gesund gefunden wurde, so kam Rafin wegen der 
Atrophia nervi optici sinistri e neuritide zum Schlüsse, dass die Ursache für diese 
Atrophie innerhalb der Schädelhöhle liegen müsse. 

Er punktierte daher durch die hintere Stirnhöhlenwand, die einen Defekt 
zeigte, das Gehirn, aber resultatlos, anscheinend wegen einer zu horizontalen Richtung 
des Troikarts. Heilung bis auf eine Fistel im innern Augenwinkel. Bei einer Son¬ 
dierung dieser Fistel (5 cm tief in der Richtung nach dem Frontallappen) entleert 
sich eine Menge Eiter, so dass die Diagnose eines Gehirnabscesses, der durch die 
Fistel nach aussen führte, feststand. 

Eröffnung des Abscesses von Hühnereigrösse. Besserung bis zu scheinbarer 
Heilung. Nach weiteren 4 Monaten massenhafte epileptiforme Anfälle mit tonischen 
Kontraktionen aller Extremitäten, Inkontinenz, Augen nach rechts gedreht, keine 
Pupillendifferenz. Erneute Operation. Dura kongestioniert, jedoch nirgends Eiter 
gefunden. Der Puls hebt sich von 70 auf 80. Nach dieser Eröffnung der Schädel¬ 
höhle erfolgen in den nächsten Tagen noch einige Anfälle, dann zunehmende Besserung. 
V, Jahr später besteht bei gutem Allgemeinbefinden noch eine Fistel im innern 
Augenwinkel, die mit den Siebbeinzellen kommuniziert und durch die beim Schneuzen 
Luft dringt. 

Nach weiteren 5 Monaten plötzlich Kopfschmerzen und Temperaturerhöhung 
bis 39°. Abnahme der Sehkraft, zunehmende Apathie. Erneute Operation ergibt 
150 g Eiter im Frontallappen. Sofortige Erleichterung; Wiederkehr der Intelligenz 
am nächsten Tage. Der Drain bleibt 3 Monate liegen und wird dann entfernt. Hier 
schliesst die Krankengeschichte. 

Einem kurzen Bericht entnehme ich, dass Goris einen Kranken mit 
Stimhöhlenfistel und lebhaften Kopfschmerzen operierte. 

Resektion der vordem Wand, kariöser Herd im äussern Winkel der Stirnhöhle. 
Am vierten Tag 40° Fieber, Erbrechen, Krämpfe, Pupillenerweiterung, Coma. Erneute 
Operation mit Entfernung der Hinterwand. Extraduraler Abscess. Der Kranke 
kommt wieder zum Bewusstsein, aber 2 Tage später Tod unter Konvulsionen. 

Anscheinend hat sich Goris nicht entschliessen können, die Dura zu 
eröffnen und das Gehirn zu punktieren. 

Den Bericht über das Beste habe ich mir bis zuletzt aufgespart, ich 
meine die zwei klassischen Abhandlungen von Luc. Ich verzichte auf die 
Wiedergabe der fünf äusserst lehrreichen Krankengeschichten, 2 Fälle von 
rhinogenen Frontalabscessen, 3 Fälle von otogenen Gehimaffektionen; ich 
möchte vielmehr den Leser mit den Resultaten bekannt machen, zu denen 
Luc auf Grund seiner Erfahrungen gelangt. 

Als das Auffallendste bezeichnet Luc die fast unglaubliche Latenz der 
Abscesse im Frontallappen. Sein erster Kranker zeigte weiter nichts als 
mehrere Wochen hindurch ein leichtes remittierendes Fieber und ein unerklär¬ 
liches Schwächegefühl und Abmagerung; die zweite Patientin fühlte sich ganz 
wohl, ja geradezu seelenvergnügt, solange der Eiter aus ihrem Frontalabscess 
freien Abfluss hatte, obwohl sie nach der zweiten Operation infolge Gehim- 

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prolapses und Abstossung dieses ein gutes Viertel ihres Frontallappens ver¬ 
loren hatte und im übrigen Teil des Frontallappens eine eiterabsondernde 
Höhle von 10 auf 9 auf 7 cm Dimensionen mit sich herumtrug. Sobald 
durch Entfernung oder Rutschen des Drains der Eiterabfluss behindert war, 
was mehrmals vorkam, änderte sich wie mit einem Schlage das Bild: tiefe 
Depression, Appetitlosigkeit traten auf. Kaum war der Drain wieder am 
Platze, so stellte nach wenigen Stunden das frühere Wohlbefinden sich wieder 
ein. Auffallend war, dass selbst bei Abflussbehinderungen die Temperatur 
sich nur wenig oder gar nicht steigerte. 

Pulsverlangsamung war nicht konstant in allen Fällen. 

In grellem Gegensatz zu dieser Latenz der Gehirnabscesse stand das 
Bild, sobald der Eiter auch nur an circumscripter Stelle die Pia mater des 
Stirnlappens infizierte: Coma, 40°, Parese des Arms der entgegengesetzten 
Körperseite. 

Die Differentialdiagnose der verschiedenenen Gehirnaffektionen hält Luc 
für ein äusserst schwieriges Problem; es gibt keine wirkliche pathognomonischc 
Symptome und volle Sicherheit gibt nur der Explorativeingriff. 

Was diesen anbelangt, so verwirft Luc die Punktion mittelst Pravazscher 
Spritze oder Kanüle, da man so nie sicher ist, dass man Keime von den 
entzündeten Hirnhäuten in die Gehirnsubstanz oder durch einen kleinen 
Gehirnabscess hindurch in das dahinterliegende Gewebe weiterverpflanzt 

Luc spaltet stets die Dura, weil das hiernach prolabierende Gehirn den 
Subarachnoidalraum gegen Infektion schütze. 

Er bedient sich zur Exploration eines 4 cm langen graduierten Bistouris, 
das auf beiden Seiten eine Längsrinne hat. 

Für die Behandlung der Gehimabsesse rät Luc, gleich bei der Eröff¬ 
nung das Bistouri in der Oeffnung liegen zu lassen, um sich dessen als 
Führer zu bedienen. 

Längs des Messers macht Luc dann mit einem feinen Paquelin einen 
Kanal durch die Gehirnsubstanz. Zur Drainage benutzt er aseptische Gaze, 
in Borsäurelösung angefeuchtet, und verwirft Kautschukdrains aus verschiedenen 
Gründen. Darüber feuchter Verband. Luc betont besonders die Vorteile, 
die der feuchte Verband gegenüber dem trockenen darbietet 

4. Gehirninfektion infolge von Siebbeineiterung. 

Den Fall von Treitel, in welchem es sich um ein primäres Stirn¬ 
höhlenempyem mit konsekutiver Caries des Siebbeins handelte, subsumiert 
man besser unter die Rubrik Siebbeineiterungen, weil der letale Ausgang 
durch Erkrankung dieses sekundär erkrankten Knochens herbeigeführt wurde. 

Auch dieser Fall zeigt wieder, wie die Träger ausgedehnter Stimlappen- 
abscesse monatelange Intervalle relativen Wohlbefindens aufweisen können. 

In die gleiche Kategorie (primäre Stirnhöhleneiterung mit sekundärer 
Infektion des Siebbeins) gehört die Beobachtung von Silex. Hier war sogar 
eine circumscripte eitrige Meningitis in der Gegend der Crista galli ausser 
den verschiedenen kleinen Abscessen des Frontallappens latent verlaufen, 
denn der Junge hatte bis zum Tage der foudroyanten Erscheinungen die 
Schule besucht und nur w T ährend der letzten vorangegangenen Wochen über 
etwas Kopfschmerzen geklagt 

Beide Fälle, wie auch die von Mair, Panas und Grünwald (Drey- 
fuss, 1. c. Seite 7, 9 u. 34) bestätigen anatomisch, was bereits längst klinisch 
feststeht, dass nämlich chronische Siebbeineiterungen häufig sekundäre, von 



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einer der übrigen Nebenhöhlen ausgehende Affektionen darstellen, woraus hin¬ 
wiederum der Schluss folgt, dass, sobald wir eine chronische Eiterung in den 
Siebbeinzellen konstatiert haben, wir uns mit dieser Diagnose nicht begnügen 
dürfen, sondern uns dessen versichern müssen, dass die übrigen Nebenhöhlen 
gesund sind. 

Eine tödliche Gehirnentzündung infolge syphilitischer Caries des Nasen¬ 
gerüstes beschreibt Miller. Das kariöse Siebbein scheint der Ausgangspunkt 
der Meningitis gewesen zu sein, doch fehlt der Sektionsbefund. 

5. Gehiminfektion infolge von Keilbeineiterung. 

In beiden Fällen, Foucher und Pekostawski, handelte es sich um 
syphilitische Keilbeinnekrosen. 


Literatur. 

Mermod, Annales des mal. de Poreille, Avril 1896. 

Bauby, Arehives d’opthalm, D6cembre 1897. 

Tilley, Lancet, 26. Sept. 1896. 

Bois, Arehives g£n6rales de m6decine, Juillet 1896. 

Botey, Referat. Iot. Centralblatt f. Laryng., 1897, p. 461. 

Planchu, Lyon medical, 1896, No. 48. 

von Hopffgarten, D. Zeitschrift f. Chirurgie, Bd. XLII, 1896. 

Montaz, Dauphin^ medical 1896. 

Heim an, Zeitschrift für Ohrenheilkunde, Bd. XXXII, p. 41, 1897. 

Rafin, Arehives g6n£r. de m6decine, Octobre 1897. 

Goris, Annales des mal. de l’oreille, Janvier 1898, p. 56. 

Luc, I. Mfcdecine moderne, Novembre 1896; 

2. Bull, et M6m. de la Soc. Iran9. d'Otologie, de Laryng. et de Rhinol. 
Congr£s de 1897. 

Treitel, Deutsche med. Wochenschr. 1896, No. 47. 

Silex, Berl. klin. Wochenschr. 1896, p. 1140. 

Miller, British medical Journal 1897, p. 913. 

Foucher, Revue intern, de rhinol., Octobre 1896. 

Refer. Int. Centralbl. f. Lar. 1897, p. 461. 

Pekostawski, Kronika Lekarska 1895, No. 6. 


Zur Pathologie und Therapie der Wanderniere. 

Sammelbericht über die seit dem Jahre 1892 erschienene Literatur. 

(Abgeschlossen 1. Sept. 1897.) 

Von Dr. J. Fischer, Wien. 

(Schluss.) 

VIII. Symptomatologie. 

Die bei der beweglichen Niere beschriebenen Symptome sind so zahl¬ 
reich und vielgestaltig, dass eine einheitliche Darstellung ausserordentlich er¬ 
schwert ist. Dazu kommt, wie eine Durchsicht der zahllosen mitgeteilten 
Krankengeschichten lehrt, dass die verschiedenen Beschwerden bei der grossen 
Zahl konkurrierender Faktoren keineswegs eindeutig sind; lehren ja auch die 


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bei der Nephrorrhaphie erhaltenen Resultate, wie oft einer beweglichen Niere 
Symptome zugeschrieben werden, die ganz andern Ursachen zuzurechnen sind. 

Ziemlich vereinzelt steht Kumpf mit der Ansicht da, dass durch die 
Wanderniere Beschwerden ganz bestimmter Art hervorgerufen werden, in An¬ 
betracht welcher es in vielen Fällen möglich ist, das Vorhandensein eines 
Ren mobilis zu erkennen, bevor noch durch die Palpation ihr strikter Nach¬ 
weis geliefert ist. Nach Glönard dagegen gibt es überhaupt keine „maladie 
du rein mobil“, sie ist nur ein Teilbild der Enteroptose, die ihr zugeschriebenen 
Symptome sind nur durch die Enteroptose bedingt. Selbst die als pathogno- 
monisch beschriebenen Lokalsymptome (Gefühl einer Kugel im Leibe, Ziehen 
im Hypochondrium, werden sehr häufig bei Kranken gefunden, die keine be¬ 
wegliche Niere haben. Die Symptome, die der Wanderniere eigen sein sollen, 
sind nach Glönard nur die Symptome der „malades ä sangle“, d. h. die¬ 
jenigen, die am wirksamsten durch eine Bauchbinde bekämpft werden. Die 
Patienten mit Wanderniere betragen nur 39% der Kranken ä sangle. Ma- 
thieu, welcher den Anschauungen Glönards entgegen tritt, behauptet, dass 
auch die bewegliche Niere ihr Symptomenbild habe. Die Krisen z. B., welche 
den tabetischen gleichen, sind der Enteroptose fremd. 

Ganz allgemein bekannt ist es, dass bewegliche Nieren von selbst 
höchstem Grade vollkommen symptomlos getragen werden können. Bei links¬ 
seitigen soll dies häufiger der Fall sein, als bei rechtsseitigen (Küster). Nach 
Stifler liegt die indolente Niere in der Mehrzahl der Fälle im obem Drittel 
des Abdomens. Hilbert fand nur in 15 °/ 0 Beschwerden, welche auf die 
Beweglichkeit der Niere bezogen werden konnten. Nach Noble verläuft die 
Hälfte aller Fälle symptomlos. 

Bekannt ist auch, dass die Schwere der Symptome von der Beweglich¬ 
keit der Niere unabhängig ist; Bryson giebt sogar an, dass sie ihr umge¬ 
kehrt proportioniert ist, weil die Gefässe und Nerven bei geringen Graden 
der Nierenverschieblichkeit weniger gelockert und daher der Niere nicht zu 
folgen imstande sind. 

In vielen Fällen datieren die Symptome erst von dem Moment an, als 
die Patienten aus dem Munde des Arztes erfahren, dass sie eine bewegliche 
Niere haben. 

Guinon, der zweimal bei Kindern im Alter von 4—5 Jahren Wander¬ 
nieren gesehen hat, gibt an, dass die Erscheinungen bei denselben die glei¬ 
chen wie bei Erwachsenen waren. 

Die akute Entstehung auf ein Trauma hin zeigt sich an durch heftigen 
Schmerz mit Ohnmachtsgefühl; oft geben die Kranken an, die Empfindung 
gehabt zu haben, als ob sich etwas im Bauche losgehakt hätte. Bei der pa¬ 
thologischen Luxation, die Bruhl der traumatischen gegenüberstellt, ist die 
Entwicklung der Symptome eine langsame. 

Sehr verschieden sind auch die Prinzipien, nach denen die Autoren die 
Fälle beweglicher Nieren mit Bezug auf ihre Symptome ein teilen. Treves 
giebt folgende Klassifikation: 

1. Fälle, welche eine bewegliche Niere haben, ohne dass sie davon etwas 
wissen und die sich vollkommen wohl befinden; 

2. solche, wo eine neurotische Veranlagung besteht und die eine Reihe 
von unbestimmten Symptomen haben; 

3. solche, wo wirkliche Schmerzen und Beschwerden von dem beweg¬ 
lichen Organe ausgehen. 


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Stifler unterscheidet verschiedene Symptomen gruppen, je nachdem die 
bewegliche Niere ober oder unter dem Nabel, am Nabel oder im obem Teil 
der Regio hypogastrica sich befindet; Franks wieder solche, welche der Be¬ 
weglichkeit beider Nieren, solche, welche ausschliesslich einer rechten, und 
solche, welche ausschliesslich einer linken beweglichen Niere entsprechen. Taylor 
spricht von Fällen 

1. ohne alle Beschwerden, 

2. mit gastro-intestinalen Erscheinungen, 

3. mit gelegentlichen oder häufigeren, milden oder schweren Anfällen 
von renalen Krisen. 

Duplay unterscheidet 

1. eine Forme douloureuse, 

2. neurasthönique, 

3. gastro-intestinale, 

4. urinaire, 

in ähnlicher Weise Stewart eine painful, dyspeptic und neurasthenic nephro- 
ptosis. 

a) Allgemeinsymptome. 

Als solche werden Mattigkeit, Abgeschlagenheit, leichte Ermüdbarkeit 
beim Gehen und bei körperlicher Arbeit, Schwindelanfälle, Ohnmächten, anä¬ 
mische Zustände und allerhand unbestimmte Schmerzen im ganzen Körper 
angegeben. Die Kranken klagen über Angstgefühle, Beklemmungen, Schlaf¬ 
losigkeit, ferner über eine Reihe von allgemeinen neurasthenischen und hyste¬ 
rischen Beschwerden in den verschiedensten Körpergegenden. Häufig ist auch 
rasch sich einstellende Abmagerung als Folge einer beweglichen Niere be¬ 
schrieben worden. 

b) Lokalsymptome. 

Die Kranken klagen meist über Schmerzen im Bauche, die von einem 
einfach unangenehmen Gefühl bis zu unerträglichem Schmerz variieren. Die 
Schmerzen können so gross sein, dass die Patienten sich nicht vom Bette 
bewegen können, dass es ferner vielen Frauen unmöglich wird, sich anzukleiden 
und die Röcke über dem Abdomen zuzubinden. Manche Kranke geben direkt 
an, die Empfindung zu verspüren, als ob ein schwerer Körper im Leibe hin 
und herfalle und vergleichen diese Empfindung oft mit dem Gefühl von 
Kindsbewegungen. Manchmal treten die Schmerzen nur bei gewissen Körper¬ 
haltungen oder gewissen Bewegungen z. B. Abwärtssteigen über Treppen 
(Knapp) auf. Nach Engström belästigen sie die Kranken am meisten, 
wenn dieselben vollständig angezogen, wenn auch nicht mit streng angezogenen 
Kleiderbändern eine körperliche Anstrengung ausführen oder längere Zeit 
vornübergebeugt sitzen, wie z. B. beim Nähen. Durch Bewegungen selbst 
massigen Grades werden sie immer vermehrt, durch Ruhelage oft auffallend 
gebessert. Solche Patienten fühlen sich am Morgen am besten (Schmidt). 
Schon der Lagewechsel im Bette kann wieder Schmerzanfälle hervorrufen; 
Knapp gibt an, dass einige seiner Kranken darüber klagten, dass sie beim 
Umdrehen im Schlafe sofort durch ausgesprochene Schmerzempfindungen aus 
demselben geweckt würden. Die meisten Leute erklären, nur auf dem Rücken 
oder auf der Seite der Nieren Verlagerung, seltener nur auf der entgegenge¬ 
setzten liegen zu können. 

Die Schmerzen im Baach, die in allen Variationen, als stechend, bohrend, 
klopfend, ziehend, reissend, beschrieben werden, sind entweder diffus oder sie 


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werden auf eine umschriebene Stelle bezogen, so z. B. bei Schöurp auf die 
NabelgegencL Edelbohls legt besonderes Gewicht auf den sogenannten 
epigastrischen Schmerz links 5—6 cm von der Medianlinie bei oder nahe 
dem freien Rande der linken Rippenknorpel, der unabhängig von dem Ver¬ 
dauungsprozess ist und sich von einer gewöhnlichen Intercostalneuralgie da¬ 
durch unterscheidet, dass er durch Druck nicht verstärkt wird Eine Er¬ 
klärung für denselben vermag Edelbohls nicht zu geben. 

Die früher erwähnten Schmerzen werden von den Autoren überein¬ 
stimmend auf Zerrungen und Dehnungen des Plexus renalis, ferner auf 
Knickungen des Ureters und der Gefässe bezogen. Von einem Druck auf 
die Lumbalnerven (N. ileo-hypogastricus und ileo-inguinalis) kann nach Eng¬ 
ström und Küster keine Rede sein, da dieselben durch die Fascia trans¬ 
versa und das retroperitoneale Bindegewebe von der Niere getrennt sind und 
die Beschwerden sich meist erst dann geltend machen, wenn die Niere sich 
von der Bauchwand bereits mehr weniger entfernt hat Das Gefühl einer 
wandernden Kugel im Hypochondrium, welches als charakteristisch für die 
Wanderniere angesehen wurde, ist nach Glönard ein Symptom coecaJen 
Ursprungs. 

Die Schmerzen strahlen oft aus ins Hypochondrium, in die Lenden¬ 
gegend, ins Kreuz und in das Becken, in die Brüste und Schultern, in die 
obem und untern Extremitäten. 

Sehr häufig werden die Schmerzen richtig auf die Seite der Verlagerung 
lokalisiert, mitunter aber auch, ähnlich wie bei der Appendicitis, auf die der 
Lageveränderung entgegengesetzte Seite bezogen (Edelbohls). Für Fälle, 
wo die bewegliche Niere atrophisch ist, erklärt Knapp die konsensuellen 
Schmerzempfindungen auf der Seite der nicht beweglichen Niere durch kom¬ 
pensatorische Hypertrophie derselben. 

Oft ist die Niere selbst empfindlich und in diesen Fällen hat es Eng- 
ström stets geschienen, dass sie mehr oder weniger an geschwollen sei. Er 
wagt es aber nicht, eine solche Schwellung als sicher hinzustellen, Weil es 
schwierig sei, die Grösse der Niere mittelst Palpation durch die Bauchdecken 
hindurch abzuschätzen, umsomehr als die Patienten der Empfindlichkeit dieses 
Organes wegen unfreiwillig die Bauchdecken spannen. Guyon giebt an, die 
Niere sei nicht schmerzhaft infolge ihrer Verlagerung, sondern schmerzhaft an 
und für sich, weshalb man in solchen Fällen immer an Komplikationen z. B. 
Lithiasis oder Tuberkulose denken und bei einem eventuellen operativen Ein¬ 
griff die Capsula fibrosa spalten müsse, um das Organ vollständig untersuchen 
zu können. 

Auch G16nard leugnet die Empfindlichkeit der Niere als blosse Folge 
ihrer Beweglichkeit. Nach ihm kann sie bedingt sein: 1. durch Erkrankungen 
der Niere, 2. dadurch, dass man an Stelle der Niere oder zu gleicher Zeit einen 
empfindlichen Leberlappen berührt, 3. durch unzarte Palpation. 

Bezüglich des objektiven Befundes verweise ich auf das Kapitel der 
Untersuchungsmethoden, wo das meiste Hierhergehörige schon erschöpfend 
dargestellt ist. 

c) Symptome von Seite des Nervensystems. 

Sie sind ausserordentlich verschiedener Natur und stimmen im Allge¬ 
meinen mit den nervösen Symptomen überein, welche die Frauen bei Genital¬ 
erkrankungen zeigen. Man darf daher nie an jene letzteren vergessen, weil 
man sonst nicht entsprechende Operationsresultate erhält (Albarran). 


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Man muss unterscheiden 

1. die nervösen Beschwerden, welche vor der Wanderniere bestanden 
haben und fortdauern oder durch sie verschlechtert werden; 

2. die nervösen Beschwerden, welche Folge der Nierenverlagerung 
sind. 

Diese Bestimmung wird unter Umständen ausserordentlich schwer oder 
gar unmöglich sein; manchmal wird uns das Befinden der Kranken nach 
eingeschlagener Behandlung einen Fingerzeig abgeben. In vielen Fällen wird 
ein solcher Rückschluss aber dadurch unmöglich gemacht, dass sich gewisse 
Affektionen und insbesondere die des Nervensystems leicht stabilisieren, auch 
wenn das ursprünglich sie veranlassende Moment weggefallen ist. 

Sehr häufig finden wir in den mitgeteilten Krankengeschichten Angaben 
über neuralgische Schmerzen in den verschiedensten Regionen, über Cephal- 
algien, Intereostal-, Lumbar- und Cruralneuralgien, über Ischias, über Neu¬ 
ralgien längs des Ureters, der Blase, des Samenstranges, über neuralgiforme 
Schmerzen in den Hoden und den grossen Schamlippen. Gewöhnlich sind 
die Neuralgien auf der Seite der Wanderniere beschrieben, selten finden sie 
sich auf der entgegengesetzten Seite (Schourp). Erklärt werden sie durch 
Zerrungen des Plexus renalis, von wo der Reiz auf die verschiedensten ander¬ 
weitigen Bahnen und selbst auf die andere Körperseite übertragen wird. 

Von Hyperästhesien an bestimmten Punkten hebt Küster die Masto- 
dynie, Thiriar die Ovarie hervor. Im Gegensatz zu diesen Hyperästhesien 
finden wir auch Parästhesien und Anästhesien erwähnt, letztere nicht nur an 
der Hautoberfläche, sondern auch an inneren Organen. So erwähnt Küster 
einen Fall seiner Beobachtung, bei welchem eine vollkommene Anästhesie 
der Blasenschleimhaut bestand; seit Jahren war die Frau ausser Stande, den 
Ham selbständig zu entleeren. 

Schwäche in den Beinen, Taubheit und Unsicherheit in denselben, tabes¬ 
ähnliche Symptome werden des weiteren berichtet. Studdiford beschreibt 
einen Fall von Wanderniere mit lokomotorischer Ataxie. 

Einen umgekehrten Causainexus scheint Habel anzunehmen, indem er 
die Frage aufwirft, ob Tabes zu Wanderniere führen könne, vielleicht als 
Folge einer starken Abmagerung, wie sie öfters bei Tabes vorkommt, vielleicht 
infolge Erschlaffung und Herabsetzung des Tonus der Ligamente der Bauch¬ 
organe. Er stützt sich hierbei auf folgende Zahlen. Unter 68 Tabesfällen 
(24 Frauen, 44 Männern) fand er 6mal eine ausgesprochene Wanderniere, in 
einem Falle gleichzeitig Wanderniere und Wanderleber. Diese 6 Fälle be¬ 
trafen alle Frauen = 25°/ 0 der tabischen Frauen, während sich sonst nur 
bei 1 °/ 0 der auf genommenen Frauen (53mal bei 5393) Wanderniere fand. 

Als Reflexkrämpfe werden Tetanie (Bruhl) und Epilepsie (Stone, 
Tillmanns) angeführt Unter den Neurosen werden Neurasthenie und 
Hysterie als Folgen beweglicher Nieren beschrieben. Unter 100 Fällen 
Stiflers war in 15 nach des Autors Ansicht eine deutliche Beziehung der 
Hysterie zur Wanderniere worhanden. Albarran spricht in diesen Fällen 
von einem hystörotraumatisme de cause interne. Verdriesslichkeit, Hypochon¬ 
drie, deprimierte und wechselnde Stimmung, Melancholie werden weiters mit 
der Wanderniere in kausalen Zusammenhang gebracht. 

Albarran hat, wie schon oben erwähnt, die Wanderniere als ein Stigma 
der Degeneration hingestellt, wobei er sich ausser auf die erwähnten Defor¬ 
mitäten der Niere (Lappungen) und die oft gleichzeitig vorkommenden Her¬ 
nien, den oft gleichzeitigen imvollkommenen Descensus testiculorum auch auf 
die mit der beweglichen Niere einhergehenden Symptome von Seite des 

Centralblfttt f. d. Gr. d. Med. u. Chir. I. 14 


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Nervensystems bezieht. Diese und die bewegliche Niere wären dann Coeffectc 
einer gemeinschaftlichen Ursache. Eine Kranke Albarran’s wurde neu- 
rasthenisch und hysterisch; sie hatte einen degenerierten Sohn mit physischen 
und psychischen Stigmata. Eine zweite hatte Strabismus, Affenohren, stark ge¬ 
wölbten Gaumenbogen, hysterische Attaquen. Eine weitere war sexuell pervers. 
Zwei Schwestern mit Wanderniere hatten ebenfalls deutliche Degenerations¬ 
zeichen. Eine Patientin war geistig schwach, zeigte Gesichteasymmetrie, stark 
gewölbten Gaumenbogen und Anomalien der Zähne. Die Mutter eines 
Kranken hatte eine Zungenlähmung; der Kranke selbst ist ein Neurasthe¬ 
niker; eines seiner Kinder hat Chorea u. s. w. Auch Stiller spricht von 
einem ähnlichen, congenitalen Ursprung der sogenannten enteroptotisehen 
Neurasthenie bei mageren, nervösen, dyspeptischen Individuen mit beweglicher 
Niere und plätscherndem Magen, wobei er darauf aufmerksam macht, dass 
in diesen Fällen die 10. Rippe beweglich und nicht knorpelig an den Rippen¬ 
bogen fixiert ist. Er bezeichnet daher diese Costa fluctuans decima als ein 
wahres Stigma neurasthenicum resp. enteroptoticum. 

d) Symptome von Seite des Cirkulationsapparates. 

Hierher gehören Cirkulationsstörungen in dem verlagerten Organe selbst 
(Hyperämie, Stauung), ferner Herzklopfen, Congestionen und Tachycardie (Knapp, 
Stifler). Stauungen im venösen Kreislauf des Abdomens können wohl nicht 
der beweglichen Niere allein zugeschrieben werden (Knapp). Oedem der 
unteren Extremitäten als Folge des Druckes der Niere auf die Vena cava 
inferior wird ebenfalls mitgeteilt. 

Senator hat bei einer 50jährigen Frau mit doppelseitiger Wanderniere 
eine aneurysmatische Erweiterung der Aorta abdominalis gesehen, die vielleicht 
auf Zerrung der Aortenwände durch beide Nierenarterien zurückzuführen ist. 

e) Symptome von Seiten des Verdauungsapparates. 

In den meisten Krankenberichten finden wir Symptome von Seite des 
Digestionstractes verzeichnet. Es wird über Appetitlosigkeit, Aufstossen, fal¬ 
sches Hungergefühl, über starken Durst, Trockenheit der Mundhöhle, über 
schlechten oder sauren Geschmack geklagt Stewart beschreibt Ulcerationen 
im Munde, schwammiges, leicht blutendes Zahnfleisch, rote exulcerierte Zunge. 

Insbesondere treten die Symptome von Seite des Magens in den Vorder¬ 
grund: Gefühl von Schwere und Vollsein, Schmerzen in der Magengegend, die 
bald unmittelbar nach den Mahlzeiten sich einstellen, bald auch bei nüchternem 
Magen Auftreten. Sie sind kontinuierlich vorhanden oder zeigen nur ein an¬ 
fallsweises Auftreten (crises gastriques), sind bald als bohrend, stechend, bald 
als drückend oder ziehend bezeichnet. Meist exacerbieren sie zur Zeit der 
Menses. Nach Knapp tragen sie im allgemeinen den Charakter funktioneller, 
nervöser Affektionen, wie wir sie unter dem Begriff Gastralgie oder Gastro- 
dynie zusammenfassen. 

Sehr häufig wird über Erbrechen geklagt; wahrhafte crises de vomisse- 
ments beschreibt Mathieu, der sie in weniger als 2 Jahren 7mal beobachtet 
hat und dessen Darstellung im Folgenden wiedergegeben ist Zuerst sind 
diese Brechanfälle über einen weiteren Zeitraum ausgebreitet, wiederholen sich 
dann häufiger, 1—2mal des Tages, meist morgens und abends, bis sich 
endlich eine absolute gastrische Intoleranz etabliert und jede Nahrungsaufnahme 
von Erbrechen gefolgt wird. Manchmal gehen dem Erbrechen Schmerzen 
voraus, die auf der Höhe der Paroxysmen nie fehlen. Es besteht eine voll¬ 
kommene Analogie mit den tabischen Krisen. Häufig kann man durch Druck 



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auf das Epigastrium die Schmerzen auslösen. Das Erbrechen tritt meist */ 4 — 
1 / 2 Stunde nach der Mahlzeit ein und besteht in dem Erbrechen der ge¬ 
nossenen Massen, manchmal werden aber grosse wässerige oder gallig gefärbte 
Mengen erbrochen, letzteres dann, wenn infolge der heftigen Brechbewegungen 
Galle in den Magen tritt, oder wenn infolge von Insufficienz des Pylorus 
der Kranke am Morgen galligen Mageninhalt hat. Die Dauer der Krisen ist 
sehr verschieden, tage- bis wochenlang. Alle Kranken waren neurotisch, mehr 
neurasthenisch als hysterisch. Meist begleitende Obstipation. Magenerweiterung 
hat er in den 7 Fällen nur einmal und dann ein zweites Mal in einem 
später mitgeteilten Falle beobachtet. Bei 4 Patientinnen, bei denen die che¬ 
mische Untersuchung des Mageninhaltes vorgenommen wurde, bestand Hyper- 
chlorhydrie oder Ueberschuss an Gährungssäuren. Die Intensität der gastrischen 
Krisen wies nie eine Beziehung zum Grad der beweglichen Niere auf. Die 
Kranken verlieren bedeutend an Gewicht, werden gelb und hochgradig nervös. 
Menses, reichliche Mahlzeiten, heftige Bewegungen sind Gelegenheitsursachen, 
die die Anfälle hervorrufen. Differential-diagnostisch kommen Tabes dorsalis, 
Schwangerschaft, Hysterie, innere Incarceration, Vergiftungen in Betracht, 
ferner, worauf Debove aufmerksam macht, Gallensteinkoliken. Während 
Mathieu und Debove die Magenerweiterung in diesen Fällen für eine ge¬ 
legentliche oder sekundäre Affektion halten, legt Le Gendre ein grosses 
Gewicht auf dieselbe. Aehnliche Anfälle von Erbrechen wie Mathieu beschreiben 
Lochhead (mit Magenerweiterung), Riviöre und F. White. 

Bezüglich der so häufig mit Wanderniere einhergehenden Magenenveite- 
rung berufen sich die meisten Autoren auf die alte Bartels’sche Druck¬ 
theorie, welche auch Küster acceptiert, da sie weder anatomische, noch 
pathologische Unmöglichkeiten enthalte. Nothnagel und Senator nehmen 
an, dass Wanderniere und Magendilatation Coeffecte einer gemeinschaftlichen 
Ursache seien. 

Einen Fall von Kombination der beweglichen Niere mit Ulcus ventri- 
culi beschreibt Gilford. Magensaftuntersuchungen bei Wanderniere liegen 
von Huber vor. Er fand 7mal keine Spur von freier Salzsäure im Magen¬ 
safte, 11 mal normalen Salzsäuregehalt, lOmal vermehrte Salzsäure. 12 von 
22 darauf untersuchten Patientinnen zeigten eine motorische Störung der 
Magenthätigkeit, und zwar betraf diese vor allem auch die 7 Fälle, bei denen 
keine freie Salzsäure nachweisbar war. 

Alle die genannten Symptome von Seite des Magens erklären sich, so wie die 
später zu berichtenden Darmstörungen teils durch nervöse Reflexe, teils durch me¬ 
chanische Kompression, teils durch die begleitende Enteroptose (Al bar ran). 
Durch Zug der rechten Niere an dem Nervus pneumo-gastricus erklärt Bry son die 
Magenbeschwerden. Stifler betrachtet auch die Magenerweiterung, für die, wie 
oben erwähnt, von der Mehrzahl der Autoren die mechanische Kompression 
der Pars perpendicularis duodeni als Ursache angenonunen wird, als Folge¬ 
erscheinung einer reflektorisch durch die Niere veranlassten motorischen In- 
sufficienz des Magens. 

Die Mitteilungen über das Auftreten von Icterus sind ziemlich zahlreich; 
Stifler hat 2 Fälle gesehen, weitere Beobachtungen liegen von Baker, Burg- 
hard, Guetiö, Sutton, F. und H. W. White vor. Bruhl giebt an, dass der 
Icterus schwindet, wenn die Patienten Rückenlage einnehmen und betont die 
Neigung zu Recidiven. Guetiö und Küster nehmen einen Druck auf den 
Ductus choledochus von Seite der verlagerten Niere als Ursache des Icterus 
an. Senator glaubt, dass durch Zerrung der Niere an dem Ligamentum 
duodeno-renale der durch die Dislocation des Magens ohnehin schon etwas 

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gedehnte absteigende Teil des Duodenums noch mehr verzogen und dabei die 
Einmündungsstelle des Ductus choledochus schlitzförmig verengt werde. Burg- 
hard nimmt als Ursache des Icterus einen chronischen Gastrointestinalkatarrh 
an und leugnet die Kompressionswirkung. Eine frei bewegliche Niere kann 
kaum einen solchen Druck ausüben. Die Niere müsste im Spalt der Porta 
hepatis fest angedrückt sein, was unmöglich ist, wenn der Patient nicht kon¬ 
stant auf dem Kopfe steht, oder sie müsste den gemeinsamen Ausführungsgang 
bei seinem Eintritt in das Duodenum komprimieren, in welchem Falle sich 
die Niere um ihren Stiel drehen und das Duodenum am inneren hinteren Um¬ 
fang komprimieren müsste. Auch dies ist unmöglich, wenn nicht der Kranke 
immer auf der linken Seite liegt und eine Art engen Gürtel trägt, der den 
unteren Thoraxabschnitt fest zusammenschnürt. Eine Kompression der Papille 
hält auch Küster für ausgeschlossen. 

Das häufige gleichzeitige Vorkommen von Gallenblasenerweiterungen 
und beweglicher Niere betont insbesondere Morris, der auch darauf hinweist, 
dass beide Leiden überwiegend bei Frauen auftreten. Das Bindeglied ist nach 
ihm das Mieder, welches Verlagerung und Beweglichkeit der Niere und zu¬ 
gleich Verlagerung der Leber, Abknickung des Gallenganges veranlasst Druck 
auf die Leber erzeugt Beweglichkeit der Niere und umgekehrt wirkt die Be¬ 
weglichkeit der Niere auf die Gallenblase durch Druck auf das Duodenum 
und den Gallengang. Dass die Wanderniere durch Kompression des Ductus 
cysticus Gallensteinbildung veranlasse, gibt Bruhl an. 

Im Bereiche des Darmkanals wird von den mit beweglicher Niere be¬ 
hafteten Kranken häufig über Schmerzen, Flatulenz, Meteorismus, hartnäckige 
Obstipation und über mit Verstopfung wechselnde Diarrhoe geklagt Auch 
diese Beschwerden sind teils reflektorischer Natur, teils durch Zug oder Druck 
veranlasst. Nach Franks kann die rechte Niere das Duodenum, die linke 
die Flexura splenica abknicken, so dass letztere eine V-Form zeigt, was er 
beides bei Operationen feststellen konnte. Erweiterung des Duodenums durch 
den Ren mobilis beschreibt Stewart Weber berichtet über eine sehr hart¬ 
näckige Colitis pseudomembranacea bei Wanderniere, die nach der Nephro¬ 
pexie verschwand. 

Bezüglich der Colostenose, die Glönard, wie oben erwähnt, so häufig 
bei Wanderniere antraf und der Enteroptose zurechnet, behauptet Mathieu, 
dass sie nichts anderes wie einen Spasmus des Darmes darstelle, der auch 
durch die bewegliche Niere für sich hervorgerufen w r erden kann. 

Erscheinungen von Darmocclusion durch Anhäufung von Kothmassen 
hat Kidd bei 7 Fällen beweglicher Niere beobachtet (4 Multiparae, 3 Vir¬ 
gines; Alter 42—72 Jahre). In allen Fällen sass die Anhäufung in der 
Flexura hepatica oder im Beginne des Colon transversum. In allen Fällen 
war die rechte Niere die Ursache des Druckes; ausser einer mechanischen 
Kompression zieht er auch eine nervöse Einwirkung von Seiten des Plexus 
solaris in Betracht, da letzterer mit dem Plexus renalis enge verknüpft ist 
Ileus bei Wanderniere führt Senator an. 

Im Kapitel der pathologischen Anatomie ist bereits der Fall von East¬ 
man erwähnt worden, wo die verlagerte Niere mit dem Appendix fest ver¬ 
wachsen war. Edelbohls weist hin auf das häufige Vorkommen beweglicher 
Niere mit Appendicitis. Er fand in 60°/ o von beweglichen Nieren Er¬ 
scheinungen von mehr weniger erkranktem Wurmfortsatz und sieht letztere 
als Folge der Nierendislocation an. Dies motiviert er in folgender Weise. Die 
A. ileo-colica, ein Ast der A. meseraica superior, versorgt das Caput coli und 
sendet Aeste zum Appendix. Den Abfluss des venösen Blutes besorgt die 


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V. meseraica superior. Die Vene begleitet die Arterie und geht hinter dem Kopfe 
des Pankreas zwischen ihm und der Wirbelsäule. Wenn nun die Niere herab¬ 
steigt, so trifft sie auf den Kopf des Pankreas und drückt dann die Vene 
gegen die Wirbelsäule, Venostase im Dickdarm und im Appendix veranlassend. 
Edelbohls sah auch eine Besserung solcher chronischer Entzündungen und 
Kongestionen post nephrorrhaphiam. 

Ueber die Häufigkeit der beweglichen Niere bei Symptomen von Seite 
des Digestionstraktes liegen Zahlenangaben von Glönard vor. Er fand sie 
hier in 14 °/ 0 der Fälle, und zwar in 2,7% bei Männern, in 22% bei 
Frauen (52 Fälle auf 2013 Männer, 485 Fälle auf 2202 Frauen.) Fellner 
hinwiederum giebt Zahlen über die Häufigkeit der einzelnen Störungen im 
Digestionstrakt bei Wanderniere. Unter 98 Fällen in 38 Beschwerden von 
Seite des Magens, in ;59 Störungen der Darmthätigkeit, 37mal Obstipation, 
9mal Obstipation und Diarrhoe abwechselnd, in 13 Fällen nur Diarrhoe, 
8mal Dilatatio ventriculi, 4mal Enteroptose. 

f) Symptome von Seite des uropoetischen Systems. 

Als solche werden häufiger Harndrang, Oligurie und Polyurie, sowie 
Schmerzen in der Blase und der Urethra beschrieben. Die letzteren können 
oft eine Urethritis oder Cystitis Vortäuschen (Stewart). Während Halstead 
die Blasen Symptome immer als Folgen einer Hydronephrose ansieht — die 
Hydronephrose bei Wanderniere soll später eine gesonderte Darstellung er¬ 
fahren —, erklärt sie Gavin oft durch direkten Druck von Seite der dislo- 
cierten Niere auf die Blase. In einem Falle Bryson’s hatte der Patient, 
wenn er auf war, Oligurie, wenn er herumging, Polyurie. Die Polyurie 
hat nach demselben Autor ihre Ursache 1. in einer Reizung der untern 
Hamwege (reflektorisch?), 2. in der Nierenstörung. 

Der Ham ist meist von normaler chemischer Beschaffenheit; tritt Bei¬ 
mengung von Blut, Schleim oder Eiter auf, so ist sicher eine Komplikation 
vorhanden. 

Albumen war in Stifler’s 100 Fällen in 14 % (9mal geringe, 5mal 
reichlichere Mengen) vorhanden. Rot mann erzählt von einem Fall, wo jedes¬ 
mal nach längerer Palpation bei völlig ungestörter Diurese Albuminurie auf¬ 
trat, welche nach 4 Tagen völlig verschwand. Newman beschreibt Hämaturie 
mit oder ohne Blutkörperchen, ferner Albuminurie mit oder ohne Cylinder 
bei Fällen von beweglicher Niere und führt diese Erscheinungen auf Gefäss- 
spannung in der Niere zurück, welche durch Torsion der Nierengefässe und 
des Ureters veranlasst wird. 

Die Störungen von Seite des Hamapparates können auch Steine Vor¬ 
täuschen (Bruce Clarke). 

3. Fälle von beweglicher Niere mit perinephritischen Abscessen führt 
M orris an; in einem derselben ging die Abscessbildung von einer malignen 
Erkrankung der Flexura sigmoidea aus. 

Einen Fall von akuter Pyelonephritis bei Wanderniere beschreibt Wat- 
son, Tansini und Laplace je einen Fall von Ren mobilis mit Pyelitis 
suppurativa. 

g) Symptome von Seite des Genitalapparates. 

Hierher gehören die bei Wanderniere und als Folge derselben be¬ 
schriebenen dysmenorrhoischen Zustände, Meno- und Metrorrhagien, endo- 
metritische Erscheinungen (Edelbohls, Noble, Stewart). 


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Knapp teilt nicht die Ansicht* dass die Metrorrhagien einen Bezug 
zu der Wanderniere haben; tritt in solchen Fällen beim Tragen einer Binde 
Besserung ein, so ist dies wohl nicht Effekt einer Zurückhaltung der Niere, 
sondern der Elimination des Hängebauches. Thiriar gibt an, dass in einer 
nicht unbedeutenden Zahl von Fällen Wanderniere die Ursache von Lage¬ 
veränderungen, Prolaps, Metritis, Oophoritis und Salpingitis sei, und schliesst 
aus den Erfolgen der Nephropexie, dass die Wanderniere hierbei das primäre Leiden 
darstelle. Erklärt würden diese Folgen des Ren mobilis durch Störungen im 
Nervensystem (Anastomosen zwischen renalen und ovariellen Nerven) und im 
Cirkulationssystem (Kompression des Plexus venosus spermaticus, manchmal 
auch der Vena cava). Nach Thiriar wird selbst die Entstehung von in¬ 
fektiösen Erkrankungen des Uterus und seiner Adnexe durch die Wander¬ 
niere begünstigt. 

Meinert bringt mit dem allgemeinen Eingeweideprolaps und dem Ren 
mobilis (einer Teilerscheinimg des ersteren) nicht nur die Chlorose des Ent¬ 
wickelungsalters (siehe oben), sondern auch die Hyperemesis gravidarum, die 
progressive puerperale Asthenie, die Melancholie der ersten Schwangerschafts¬ 
monate und des Wochenbettes, ferner mit der Menstruation kommende und 
verschwindende Psychoneurosen in Verbindung. Dass Symptome, welche in 
der Regel auf Rechnung von Genitalerkrankungen gesetzt werden, auch durch 
eine bewegliche Niere hervorgerufen werden können, sollen die folgenden 
Krankengeschichten beweisen: 

Johnson berichtet über einen Fall, welchem beide Ovarien weggenommen 
worden waren, ohne dass die Patientin eine Besserung verspürte. Johnson 
fand eine Wanderniere, fixierte sie und die Patientin genas. 

Der Fall von Sottas war gewiss in ausgedehntem Masse gynäkologisch 
behandelt worden. Die Kranke hatte drei Operationen durchgemacht. Bei der 
ersten Laparotomie, der sie unterzogen wurde, winden das rechte Ovarium und 
die rechte Tube entfernt. Nach einem zweiten Bauchschnitt wegen Ventral- 
hemie wurde sie zum dritten Male behufs Entfernung des linken Ovariums 
laparotomiert. Sottas fand eine bewegliche Niere, auf die er wenigstens zum 
Teile die früheren Beschwerden zurückführt. 

Bei einer Patientin Pozzi’s, welche wegen Nierenverlagerung und Retro- 
versio uteri zuerst mit Nephrorrhaphie behandelt w r urde, während die Ventro- 
fixation für später in Aussicht genommen worden war, erwies sieb die letztere 
als unnöthig, weil nach der Nephrorrhaphie alle Beschwerden verschwunden 
waren. 

Die Wanderniere wird auch häufig als Ursache von Abortus angeführt 
und Edelbohls ist es insbesondere, der dies nachdrücklich st betont. Knapp 
fand in den Krankengeschichten von 100 Fällen beweglicher Niere 59 Abortus. 
Unleugbar ist nur der mechanische Einfluss, den eine im kleinen Becken 
liegende, vergrösserte und fixierte Wanderniere auf das Wachstum des gra¬ 
viden Uterus auszuüben vermag (Knapp). Als Geburtshindemis ist die beweg¬ 
liche Niere nicht bekannt; die hier mitgeteilten Fälle sind solche von kongenitaler 
Ektopie der Niere. W i n c k el hat bei einer Zwillingsgeburt beide Nieren neben dem 
Uterus als Tumoren gefühlt. Dieselben waren beweglich, traten aber nicht so tief 
herab, dass sie die Geburt hindern konnten. Wenn ein solcher Tumor ver¬ 
schieblich wäre, so würde Win ekel die Reposition machen und die Retention 
durch Flachlegen auf die entgegengesetzte Seite zu erzielen suchen. 

Unter den 98 Fällen von Fellner waren in 53 Genitalleiden vor¬ 
handen. 


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h) Einklemmung (fitranglement). 

Bei allen Autoren finden wir das klassische Bild des mit dem Namen 
der Niereneinklemmung bezeichneten Zustandes wiedergegeben: Plötzlicher, 
überwältigender Schmerz in der der beweglichen Niere entsprechenden Seite, 
Auftreten eines schwer palpierbaren Tumors daselbst, peritoneale Reizerschei¬ 
nungen (Brechreiz, Erbrechen, hochgradige Empfindlichkeit des Abdomens), 
Fieber, Schüttelfrost, kleiner frequenter Puls, Atemnot, Präkordialangst, Anurie 
oder Oligurie, Haemat- und Albuminurie, meist plötzlicher Nachlass der Er¬ 
scheinungen. 

Diese als Einklemmung, ötranglement, acute Renaldislocation bezeich¬ 
neten Attaquen treten meist im Anschluss an ein Trauma auf. So teilt Cheves 
Bevill 2 Fälle mit. Bei dem einen traten im Anschluss an einen lV 2 Meilen 
langen Weg mit einem schweren Kind am Arme, bei dem anderen nach dem 
Verladen von Baumwollballen solche akute Erscheinungen auf. Sie treten 
häufiger bei Drehungen der Niere als bei blossem Abwärtssteigen derselben 
auf (Bryson). Stalker hat bei Wanderniere nie solche Anfälle gesehen. 
Jeder Anfall scheint nach Clarke das Individuum zu einem weiteren fähiger 
zu machen. 

Bezüglich der Bezeichnung dieser Anfälle als Einklemmungserscheinungen 
oder als akute Dislokation werden, so wie früher, auch jetzt stets Einwen¬ 
dungen erhoben. Küster stellt dem sie behandelnden Abschnitt wohl den 
entsprechendsten Namen „Stieldrehung“ voran. 

Während nämlich in der den Berichtsjahren vorausgehenden Zeit die 
Entstehungsursache und die Deutung der Einklemmungssymptome einer leb¬ 
haften Diskussion unterworfen war, wird nun fast allgemein ihre Entstehung 
durch Cirkulationsstörung, bedingt durch Torsion, Knickung oder spitzwinklige 
Einmündung der Nierengefässe, insbesondere der Nierenvenen, angenommen. 
Seltener wird noch auf eine Torsion des Ureters rekurriert oder werden cir- 
kumskripte peritonitische oder paranephritische Prozesse als Ursache angeführt. 
Die Lehre von der Einklemmung der Niere in Bindegewebsmaschen oder 
zwischen Rippen und Wirbelsäule ist ebenso, wie die Erklärungen durch 
Nephritis, Pyelitis oder Hydronephrose verlassen. 

Bezüglich des Mechanismus, der hier in Betracht kommt, stellt sich 
Edelbohls den Vorgang der Stieldrehung so vor, dass der untere Rand der 
Niere sich gegen die Bauchdecken anstemmt und bei fortgesetztem Druck der 
obere Rand nach unten ausweicht, bis die Niere horizontal zu stehen kommt. 
Bei der Taxia ist dann auch dieser Mechanismus umgekehrt zu verfolgen und 
eine Rotation in der entgegengesetzten Richtung zu machen. 

Betreffs der Seltenheit von Nierenatrophie nach Einklemmungserschei¬ 
nungen verweist Küster darauf, dass die heftigen Schmerzen die Kranken 
sofort zu einem zweckmässigen Verhalten zwingen, die Bettruhe ebenso wie 
das Erbrechen und die heftige Peristaltik der Darmschlingen die baldige 
Reposition der Niere bewirken. Ferner kommt hierfür und für das seltene 
Vorkommen von Vereiterung der Niere nach Stieltorsion die rasche Etablie¬ 
rung eines Collateralkreislaufes in Betracht, den einige feine Aeste der Nieren¬ 
kapsel und der Nebenniere übernehmen, die gerade in den Teil der Nieren¬ 
vene einmünden, welcher an der Wirbelsäule befestigt ist. Für die durch 
das Tierexperiment nicht erklärbare manchmal beobachtete Festlötung einer 
eingeklemmt gewesenen Niere rekurriert Küster auf eine Verschiedenheit in 
dem Verhalten des Bauchfells bei Mensch und Tier und auf die veränderten 


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Bedingungen, wie sie beim Menschen durch die Beweglichkeit des von seinem 
Platze gewichenen Organes gegeben sind. 

i) Die Hydronephrose bei Wanderniere. 

Die hydronephrotische Wanderniere stand in den abgelaufenen Berichts¬ 
jahren im Mittelpunkt des Interesses. Unter den französischen Autoren, die 
sich eingehend mit ihr beschäftigt haben, ragen Albarran, Legueu und 
Tuffier, unter den deutschen Israel hervor. Die Beziehungen zwischen der 
Hydronephrose und der Wanderniere, werden nach Tuffier schon durch den 
Umstand erwiesen, dass erstere überwiegend bei Frauen (21 von 25 Beobachtungen), 
überwiegend ferner rechterseits auftritt (21 von 23 Fällen). Die Hydronephrose 
scheint leichter bei mässig beweglichen Nieren, als bei ausgesprochen flottie¬ 
renden Nieren aufzutreten (Küster). Ihre Entstehung wird meist durch das 
Auftreten kurzdauernder kolikartiger Schmerzen eingeleitet, die nach zweck¬ 
mässigem Verhalten des Kranken mit Entleerung einer grösseren Hammenge 
enden. Bald dauern die Anfälle länger; es kommt zur Ausbildung eines 
deutlich tastbaren, beweglichen, fluktierenden Tumors auf der Seite der Nieren¬ 
dislokation, der nach einiger Zeit wieder verschwindet, kurz zu dem Zustand, 
der als intermittierende Hydronephrose (Hydronephrose intermittente ordinaire, 
Baudouin) beschrieben wird. Dasselbe Ereignis kann ohne alle Schmerzen 
und Krisen verlaufen, was Baudouin als Hydronephrose ä övacuation brusque 
bezeichnet hat. Die intermittierende Hydronephrose ist Folge einer Abbiegung, 
Abknickung oder Torsion des Ureters der beweglichen Niere, die durch plötz¬ 
lichen Lagewechsel der Niere hervorgerufen, durch die spontane oder künst¬ 
liche Reposition der Niere, sowie durch eine gewisse Druckhöhe der retinierten 
Flüssigkeit wieder ausgeglichen wird. Nach Tuffier, der experimentell an 
Hunden die Niere künstlich mobilisiert hat, erhält man zuerst keine Ab¬ 
knickung des Ureters, der Ureter biegt sich, aber knickt nicht ab. Die Abbiegung 
erhöht nur die Spannung im Nierenbecken, was zur Verminderung der Harn¬ 
ausscheidung führt, die Tuffier experimentell nach Exstrophie der Blase 
festgestellt hat. Ist die Spannung im Nierenbecken erzeugt, dann kommt es 
zur Abknickung zwischen der fixierten imd beweglichen Partie des Ureters, 
das ist gewöhnlich in der Höhe des Zusammentreffens mit den Gefässen. 

Ganz isoliert steht wohl Treub mit der Ansicht da, dass die inter¬ 
mittierende Hydronephrose „vielleicht“ auf einem Krampf des Ureters beruht; 
in einem Falle konnte er nämlich feststellen, dass der schmerzhafte Ureter 
bis in das Ligamentum latum hinauf sich wie ein harter Strang anfühlte und 
nach Aufhören des Schmerzes nicht mehr zu palpieren war. Der Ureter¬ 
krampf soll nach ihm durch eine plötzliche, wenn auch leichte Dislokation 
der Niere verursacht werden. 

Nach Watson erzeugt Unterbindung des Ureters Congestiön der Niere, 
aber keine Hydronephrose. Die grossen Quantitäten Harn, welche nach 
Auflassen der Unterbindung erscheinen, sind nach ihm grösser, als durch 
blosse Obstruktion bedingt sein kann. Er spricht deshalb von einer Polyurie 
nach Congestion. 

Bezüglich der Unterscheidung der durch transitorische Hydronephrose 
hervorgerufenen Schmerzanfälle und den durch Stieltorsion bedingten bemerkt 
Newmann, dass die erstem mit bedeutender Schwellung der Nierengegend 
einsetzen und plötzlich mit der Entleerung einer grossen Menge Harnes ver¬ 
schwinden, bei letzteren keine Schwellungen (?) auftreten und das Aufhören 
des Schmerzes in der Regel von der Entleerung einer kleinen Menge konzen¬ 
trierten Harnes begleitet ist. 



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Aus der intermittierenden Hydronephrose geht nach Israel als zweites 
Stadium die remittierende Hydronephrose hervor, das heisst, der Urin wird 
niemals mehr vollständig aus der Niere entleert, zeitweise aber gänzlich zurück¬ 
gehalten, wenn vorübergehend ein vollständiger Ureterverschluss durch Abknickung 
infolge plötzlicher Lageveränderung oder durch Bildung einer Art von Klappen¬ 
verschluss eintritt. Als häufigste Ursache für eine plötzliche Lageveränderung 
der Niere sieht Israel körperliche Anstrengungen, starke Gasentwicklung im 
Magen und Darm, Wirkung der Schwere bei langem Stehen an, besonders 
begünstigt durch die Gewichtszunahme der Niere infolge zunehmender Ueber- 
füllung mit retiniertem Urin. Die Entstehung eines Klappenmechanismus 
erörtert er in folgender Weise. Wendet sich der Ureter unmittelbar an seiner 
Austrittsstelle aus dem Nierenbecken spitzwinklig nach hinten, um an dessen 
hinterer Wand durch Adhäsionen fixiert schräg aufwärts und auswärts ent¬ 
lang zu ziehen, so kann ein stärkerer Flüssigkeitsdruck im Nierenbecken die 
Wandungen des Harnleiters bis zum Verschluss des Lumens gegeneinander 
drücken, da sie wegen ihrer Fixation nicht auszuweichen vermögen. 

Israel hat diese Verhältnisse an einem schönen Präparat demonstriert 
und hierbei gezeigt, dass die Harnstauung zu sekundären Lageveränderungen 
führen kann, indem sich das Nierenbecken nach vorne dreht, da es infolge 
der Ueberfüllung und Volumsvergrösserung Platz sucht, die unnachgiebige 
Wirbelsäule ihm aber einen Widerstand entgegengesetzt 

Bei allen Bewegungen der Niere wird das Anfangsstück des Ureters 
mitgezogen, da dieses schon in der Norm weitaus verschieblicher gegen seine 
Unterlage befestigt ist, als der ganze übrige Harnleiter; es geht zuerst in die 
horizontale, dann in eine von seinem Abgang aufsteigende Richtung, gelangt 
durch die vorerwähnte Drehung des Nierenbeckens an die Hinterfläche der 
Niere und wird dann schliesslich in der Richtung von innen unten nach 
aussen oben ziehen (Israel). 

Ein weiteres Stadium ist die dauernde Hydronephrose, die anfangs noch 
offen ist, später sich zur geschlossenen umgestaltet. Bei der Wanderniere 
muss der Bildung einer dauernden Hydronephrose aber nicht immer eine 
intermittierende vorausgehen. In 12 Fällen von Hydronephrosen Tuffieris, 
bei denen die Beziehungen derselben zur Wanderniere ganz klar waren, fehlten 
dreimal die Erscheinungen einer vorangegangenen intermittierenden Hydro¬ 
nephrose. Für eine Reihe von Fällen muss man auch annehmen, dass die 
Symptome der letzteren übersehen wurden (Schmidt). Es kann aber auch 
die Hydronephrose bei einer Wanderniere in der gleichen Weise, wie bei 
einer nicht beweglichen entstanden sein, so z. B. durch einen Stein (Morris). 
Bei der Umwandlung der offenen in eine geschlossene Hydronephrose spielen 
die Adhärenzen des Ureters eine wichtige Rolle; sie sind teils Folgezustände 
der durch die Abknickung des Ureters entstandenen venösen Stauung in seinen 
Wänden oder Folgezustände des Uebergreifens pyelitischer Entzündungsprozesse 
auf die fibröse Nierenbeckenwand (Israel), teils Konsequenzen einer Art 
chronischer Reizung, durch die gleichzeitige Abbiegung der Gefässe bedingt. 
Die Umwandlung der offenen Hydronephrose in eine geschlossene bei Wander¬ 
niere kann auch ferner die Folge einer Verengerung des Ureters selbst sein, 
die Legueu bei einer durch 20 Jahre getragenen Wanderniere im Niveau 
einer alten Abbiegung fand. 

Um die primäre Abbiegung des Ureters, welche die Hydronephrose 
veranlasst, von einer sekundären, durch die Hydronephrose selbst hervor¬ 
gerufenen zu unterscheiden, erinnern Albarran und Levi daran, dass im 
ersteren Falle die abgebogene Partie des Ureters erweitert sein muss; sie 
Gentralblatt f. d. Or. d. Med. u. Chir. J. 15 


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bedauern, dass diesem Detail, welches eine ausserordentliche Bedeutung hat, 
nicht immer genügende Berücksichtigung geschenkt wurde. 

Gilford beobachtete intermittierende Hydronephrose bei Wanderniere 
auch bei einem Mädchen von 11 Jahren; das Kind hatte vor 5 Jahren an 
an einem Keuchhusten gelitten. Aufhören der Anfälle nach dem Tragen 
einer Bauchbinde. 

Tuffier und Levi machen darauf aufmerksam, dass es sich in Fällen 
von sogenannter traumatischer Hydronephrose manchmal um Hydronephrosen 
handelt, die ihre Ursache in der durch das Trauma hervorgerufenen Wander¬ 
niere haben. Wagner bezeichnet dann diese Fälle als sekundäre traumatische 
Hydronephrosen. 

Durch Infektion kommt es zu weiteren Komplikationen der hydro- 
nephrotischen Wanderniere, zur Pyonephrose, welche wieder eine offene oder 
geschlossene sein kann; die Uropyonephrose (Guyon) stellt ein Uebergangs- 
stadium der Hydro- zur Pyonephrose dar. 

Fälle von intermittierender Hydronephrose werden ausser von den bereits 
in diesem Kapitel angeführten Autoren noch mitgeteilt von Butz, Durno 
(4 Fälle), Goodger, Monod, Neumann, Lanvers, Picquö, Schramm 
u. v. a. Einen Fall von beiderseitiger Hydronephrose erwähnt Knapp; 
Petersen berichtet über eine gleiche Beobachtung, bei der aber an der Ent¬ 
stehung der doppelseitigen Hydronephrose zwei Ursachen konkurrierten und 
zwar sowohl Herabsinken der Nieren, welche durch Schnürwirkung aus ihrer 
normalen Stelle verlagert waren, als auch auf einer Seite eine Abknickung 
des Ureters über ein abnorm verlaufendes Gefäss. 

Flaischlen berichtet über einen Fall von Pyonephrose in einer dis- 
locierten, fixierten Niere, wo die Entwickelung der pathologischen Veränderung 
beider 63 jährigen Patientin ein halbes Jahrhundert gedauert hatte, da sie schon 
als 10 jähriges Mädchen eine apfelgrosse Geschwulst unter der Leber bemerkt 
hatte. Fälle von intermittierender Hydronephrose mit Vereiterung beschreiben 
ferner F enger und Tuffier, eine Pyonephrose bei Wanderniere Cr am er. 

Bei einer Kranken Schmidts kam es zur Umwandlung der Hydro¬ 
nephrose in eine Pyonephrose erst im Anschlüsse an die Nephrorrhaphie, bei 
der eine Fistel von der Eröffnung der Niere zurückblieb, so dass SchmiJ 
nach 3 Monaten die Nephrektomie auszuführen gezwungen war. 

h) Einfluss der Menstruation und Schwangerschaft auf die 

Wanderniere. 

Die Menstruation und die Schwangerschaft sind bereits als ätiologische 
Momente gewürdigt worden. Auch der Einfluss, den die bewegliche Niere 
auf die Katamenien und die Gravidität übt, ist besprochen worden. Es be¬ 
darf hier nur eines Hinweises, dass diese beiden Perioden im Geschlechtsleben 
der Frau auch umgekehrt eine Rückwirkung auf die bewegliche Niere aus¬ 
üben. Ueber Steigerung der Symptome der beweglichen Niere während der 
Menses berichten alle Autoren. Knapp erklärt dies, seiner Theorie ent¬ 
sprechend, durch den vermehrten Zug, den die zur Zeit der Menstruation ver¬ 
stärkte Anteflexion des Uterus ausübt. In einem seiner Fälle war ferner 
eine intermittierende Hydronephrose nur zur Zeit der Menses nachweisbar; 
der Uterus lag retroflektiert, Niere und Ureter waren verlagert, letzterer nach 
Knapp zur Zeit der vermehrten Congestion des Uterus während der Periode 
komprimiert. Die Schwangerschaft soll im Allgemeinen die Symptome der 
qeweglichen Niere bessern, was man meist auf die physikalischen Verhältnisse 
(Reposition der Niere durch Erhöhung des abdominellen Druckes) zurück- 


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geführt hat Nach Bruhl beruht der günstige Einfluss der Schwangerschaft 
auf dem Aufhören der Menses. Eine Verschlechterung der von der Wander¬ 
niere herrührenden Beschwerden, wenigstens in den ersten Monaten der Gra¬ 
vidität betont Knapp aus den schon früher angeführten Gründen (gesteigerte 
Anteflexion). Dass aber auch in den letzten Monaten der Schwangerschaft 
es nicht zur Besserung kommen muss, beweisen zwei Fälle von Neumann 
und Schmitt Die wachsende Gebärmutter kann auch direkt auf eine stark 
verlagerte Niere drücken und schädigend auf die funktionellen Leistungen 
derselben wirken. 


IX. Differentialdiagnose. 

Wenn auch in den meisten Fällen bei genauerer Untersuchung und 
Beachtung aller Details derselben im Allgemeinen die Diagnose der beweg¬ 
lichen Niere nicht schwer zu stellen ist so ist doch kein Organ so häufig 
mit Tumoren anderer Abdominalorgane verwechselt worden, ebenso wie man 
nicht selten jene letzteren für Wandernieren angesehen hat Glönard legt 
insbesondere für die Differentialdiagnose besonderen Wert auf die von ihm 
angegebene Untersuchungsmethode. Während nach ihm der Prozentsatz der 
irrtümlichen Diagnosen früher bei der „klassischen“ Methode 10 °/ 0 betrug, 
will er durch seinen procödö nöphroleptique diese Zahl auf 3 °/ 0 hinunter¬ 
gedrückt haben. Er unterscheidet darum auch die diagnostischen Irrtümer, 
welche bei seiner jetzigen Untersuchungsmethode unmöglich sind, von denen, 
welche auch trotz Anwendung des Verfahrens Vorkommen können. In diesen 
letztgenannten Fällen wird aber ein von ihm zur Leberpalpation eingeschlagener 
Weg, der „procödö de pouce“, Aufklärung bringen. Seine detaillierten An¬ 
gaben über die diagnostischen Charaktere der beweglichen Niere im Allgemeinen 
und der verschiedenen Grade derselben im Besonderen müssen hier übergangen 
werden, sie gehen übrigens zum grossen Teile aus seinen früher angeführten 
Angaben über die Technik der Untersuchungsmethode und über die respi¬ 
ratorische Nierenverschieblichkeit hervor. 

Dass in zweifelhaften Fällen die Narkose zur Diagnosestellung heran¬ 
gezogen werden muss, ist früher schon erwähnt worden. 

Differentialdiagnostisch kommen der beweglichen Niere gegenüber in 
Betracht: 

1. Partielle Kontrakturen der Bauchmuskeln. 

Glönard hat drei hierhergehörige Fälle beobachtet Differentialdiag¬ 
nostisch sind hier zu beachten die allzu mediane und zu oberflächliche Lage des 
Tumors, das Fehlen der respiratorischen Verschieblichkeit, sowie das Fehlen 
einer tastbaren Furche über dem Tumor (Glönard). 

2. Hysterische Phantomgeschwülste. 

Hier wie bei der vorhergehenden Form wird die Narkose eine rasche 
Entscheidung bringen. 

3. Tumoren, Hypertrophien der Niere. 

Hier bleibt trotz der Verlagerung nach unten und vorne der lumbare 
Kontakt bestehen (Guyon). 

4. Ektopie der Niere. 

In vielen Fällen wird es intra vitam unmöglich sein, eine fixierte, früher 
bewegliche Niere von einer ektopischen zu unterscheiden. In anderen Fällen 
wird die Anamnese, sowie der etwaige Befund anderer Bildungsanomalien 
gewisse Anhaltspunkte gewähren. 

5. Tumoren der Nebenniere. Meist unbeweglich. 

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6. Tumoren (Hypertrophien, maligne Geschwülste, Cysten der Leber). 

Sie zeigen kein Echappement, keine Furche, haben ferner eine von der 

Niere verschiedene Form und Konsistenz (G16nard). 

7. Schnürlappen der Leber. 

Diese geben zu den häufigsten Irrtümem Anlass, weshalb man auch 
erklärt hat, dass nur infolge der oftmaligen Verwechslung mit Schnürlappen 
die Wanderniere für ein so häufiges Leiden angesehen werde. Hier ist der 
Befund einer scharfen Kante am Innenrande des beweglichen Tumors ein 
sicheres Zeichen des Schnürlappens (Glönard). Durch die Aufblähung des 
Darmes werden sowohl der Schnürlappen, als auch Tumoren der Gallenblase 
nach vorne gegen die Bauchwand, die Niere dagegen nach hinten gedrängt 
(Senator). 

8. Tumoren der Gallenblase (Neubildungen, Steine, Hydrops). 

Auch sie sind eine überaus häufige Quelle von falschen Diagnosen. Dies 
liegt nach Morris insbesondere daran, dass: 1. die vergrösserte Gallenblase oft so 
verlängert und gekrümmt ist, dass sie Nierenform annimmt, 2. sie in einigen 
Fällen ganz in die Lende zurückgeschoben werden kann, 3. die Leber manch¬ 
mal so gegen das Becken verschoben ist, dass die Gallenblase mehr als lum- 
barer, denn als abdomineller Tumor getastet wird. Umgekehrt erscheinen als 
Bedingungen, welche eine bewegliche Niere einem Gallenblasentumor ähnlich 
werden lassen, nach Morris: 1. dass die Niere so von hinten nach vorne ab¬ 
gebogen ist, dass ihr unteres Ende gerade an der Bauchwand getastet wird, 
und Lage sowie Richtung sie dann der Gallenblase ähneln lassen, 2. dass 
die Niere oft an den rechten Leberlappen adhärent ist. Bezüglich der Differen¬ 
tialdiagnose führt Morris an: 1. Beide bilden bewegliche Tumoren. 2. Beide 
zeigen Anfälle von Icterus. 3. Der Tumor einer vergrösserten Gallenblase 
kann immer direkt unter den Bauchdecken gefühlt werden, der bewegliche 
Nierentumor verschwindet zeitweise. 4. Die wechselnde Grösse hat nur dann 
eine diagnostische Bedeutung, wenn ein Zusammenhang mit vermehrter Harn¬ 
entleerung sicher feststeht. 5. Eine Gallenblase mit Steinen fühlt sich härter 
an als eine bewegliche Niere. 6. Die Art und Weise der Beweglichkeit Die Beweg¬ 
lichkeit der Gallenblase entspricht einem Kreise, dessen Mittelpunkt unter dem 
rechten Leberlappen liegt. Sie kann weiter in der Richtung nach links als nach 
rechts bewegt werden. Sie kann nach aufwärts und rückwärts bewegt werden; 
aber wenn nicht die Leber als Ganzes ungewöhnlich beweglich ist, kann sie 
nicht nach abwärts in das kleine Becken geschoben werden. Die Niere kann 
auf und ab, nach innen und aussen bewegt werden; sie bietet ferner das 
Echappement. Morris teilt 6 Fälle von Gallensteinen mit beweglicher Niere 
mit, wobei ein Fall zeigt, dass auch am geöffneten Abdomen die Unterscheidung 
noch schwer fallen kann. Häufig sind aber beide Organe getrennt abzutasten, 
und es lässt sich dann feststellen, dass sich die Niere unabhängig von der 
Gallenblase bewegt. 

Die Lendenperkussion ist auch nach Morris ohne Wert; ebenso sind 
die Resultate der Darmaufblähung nach ihm nicht eindeutig. Die Punktion 
ist sehr gefährlich, wenn der Tumor nicht der Bauch wand adhärent ist und 
oft gewährt auch sie kein sicheres Resultat, wenn der Inhalt der Gallenblase 
blos hydropische Flüssigkeit ist. Als einziges Mittel einer genauen Diagnose 
empfiehlt Morris in zweifelhaften Fällen eine Explorativincision. 

G16nard führt als differentialdiagnostische Momente an: zu oberflächliche 
und zu hohe Lage der Neoplasmen; bei den Erweiterungen der Gallenblase 
(Cholöcystocöle Gl^nard’s) sei es stets möglich, mit einem Finger den untern 
Pol der Blase zu umfahren. 


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Während Küster das Fehlen der seitlichen Verschieblichkeit und die 
Unmöglichkeit, den Tumor zum Verschwinden zu bringen, für die Tumoren 
der Gallenblase betont, gibt Mc. Fad den an, dass sich auch die vergrösserte 
Gallenblase oft wie eine Wanderniere in die Lendengegend zurückschieben und 
wieder hervorführen lässt. 

In einer Beobachtung Maunsell’s bestanden nie Gelbsucht, aber alle 
Zeichen einer renalen Kolik, und es fanden sich doch Gallensteine statt der 
erwarteten Wanderniere. Auch Stewart erwähnt, dass Icterus bei Gallen¬ 
blasentumoren fehlen, andererseits bei Wanderniere vorhanden sein kann. 

Tumoren der Gallenblase geben ferner oft ein deutliches Ballottement, 
und wenn sich dann noch das Colon vor dem Tumor lagert, wie in einem 
Falle Durante’s, so wird dadurch die Analogie mit der Niere vervollkommnet. 

Während nach Walch das Ballottement die einzige Untersuchungs¬ 
methode ist, welche diagnostische Irrtümer vermeiden lassen soll, hat Le Den tu 
sein Vorkommen auch bei Tumoren der Gallenblase und des Netzes, Reclus 
bei einem paratyphlitischen, durch Perforation des Appendix entstandenen 
Tumor festgestellt Le Den tu nimmt an, dass jeder Tumor, welcher unter 
der Leber gelegen ist, das Ballottement der Niere Vortäuschen kann. 

Morris teilt 3, Swartz 2 Fälle von Gallenblasentumoren mit, die ur¬ 
sprünglich für Wandernieren gehalten wurden. 

9. Carcinoma ventriculi. 

Zu oberflächliche und zu mediane Lage des Tumors (Glönard); geringe 
Verschieblichkeit nach oben (Küster). 

Tilmann erwähnt einem Fall, wo die Diagnose auf Carcinoma ven¬ 
triculi gestellt und eine Wanderniere gefunden wurde; ebenso in einem Falle 
Rammrath’s und in zwei von Lotheissen mitgeteilten Fällen der Bill- 
roth’schen Klinik. 

10. Grasanhäufung in der Flexura hepatica. 

In einem Falle, wo auch eine ausgedehnte Gallenblase vorhanden war, 
hielt Glönard einen unter derselben befindlichen Tumor zuerst für eine 
bewegliche Niere; der Tumor war aber zu weich, zu gross, zu empfindlich 
und zu flottierend für eine bewegliche Niere. 

11. Kothtumoren der Flexura hepatica oder des Colon ascendens. 

Verschwinden nach Abführmitteln. Zwei Fälle solcher diagnostischer Irr¬ 
tümer werden von Glönard erwähnt. 

12. Carcinoma intestini, insbesondere in den der Niere benachbarten 
Teilen des Quercolons. 

Die krebsige Geschwulst lässt sich nicht um ihren von vorn nach 
hinten verlaufenden Durchmesser drehen; der Percussionsschall über derselben 
ist bei leiser Fingerpercussion gedämpft, bei starken Schlägen dagegen tym- 
pani tisch. Aufblähung des Darmes vom Mastdarm her macht den Schall 
selbst bei leiser Percussion hell tympanitisch (Küster). 

Küster erwähnt einen Fall, wo eine solche Geschwulst von sehr freier 
Beweglichkeit, glatter Oberfläche und nahezu nierenförmiger Gestalt, bei der 
man in einem hilusähnlichen Einschnitt eine pulsierende Arterie fühlte, erst 
bei der Laparotomie als Dickdarmkrebs erkannt wurde. Auch Tau ff er fand 
bei einer Operation statt der Wanderniere ein von der Valvula Bauhini 
ausgehendes Carcinom und eine Intussusception des Coecums. 

13. Perityphlitis. 

Keine Reponibilität, keine Beweglichkeit, Sitz zu weit nach aussen 
(Glönard). 

14. Pancreastumoren. 


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15. Tumoren des Mesenteriums und des Netzes. 

Zu oberflächliche, zu starke Beweglichkeit in transversaler Richtung, 
Ueberschreiten der Medianlinie, Irreponibilitat ins Hypochondrium (Glönard). 
Auch wenn sie unter den Rippenbogen gedrängt werden können, so fallen 
sie beim Nachlassen des Druckes sofort wieder vor (Küster). 

In einer von Jean eil mitgeteilten Beobachtung handelte es sich um 
einen beweglichen Tumor in der linken Flanke, welcher von Faustgrosse 
war und alle Symptome einer beweglichen Niere bot (Bailottement, Reduktions¬ 
möglichkeit); Lumbalincision, wobeierthatsächlich eine bewegliche Niere fand 
und sie fixierte, Heilung. Bei der nächsten Untersuchung wurde aber der¬ 
selbe bewegliche Tumor gefunden. Jeannell schloss auf einen Misserfolg 
und machte einen neuerlichen Einschnitt in der Lende, wobei die Niere 
fixiert angetroffen wurde. Daraufhin Laparotomie, wobei eine Mesenterialcyste 
von Faustgrösse gefunden wurde. 

16. Bewegliche Milz. 

Innerer oder unterer scharfer Rand (Glönard, Küster). 

Der Fall Körtes war ursprünglich als Wanderniere gedeutet worden. 
Im Falle Runge’s schwankte bis zur Eröffnung des Abdomens die Diagnose 
zwischen Wandermilz und Wanderleber. 

17. Tumoren der Milz. 

Zu äussere und zu oberflächliche Lage, geringe Beweglichkeit, Form¬ 
verschiedenheit (Glönard). 

18. Aortenaneurysma. 

19. Bauchabscesse. 

Lund: Auf ein Trauma entstand eine Schwellung in der rechten Fossa 
iliaca; das rechte Bein angezogen. Die Kranke konnte nicht gehen; der 
fast fluctuierende Tumor in der Fossa iliaca wurde für einen Abscess ange¬ 
sehen. Bei der Incision parallel dem Poupart’schen Bande wurde die Wander¬ 
niere endeckt 

20. Eierstocktumoren. 

Zu oberflächliche Lage, zu grosse seitliche Verschieblichkeit, Fixation 
des untern Poles; Irreponibilitat ins Hypochondrium, Formverschiedenheit 
(Glönard — Wylie). 

2 Fälle Mundö’s. 

21. Intraligamentäre Tumoren. 

Referent hat einer Laparotomie beigewohnt, bei welcher der exstirpierte 
intraligamentäre Tumor sich als die normale, verlagerte Niere erwies. 

22. Tumoren des Uterus. 

Langgestielte, subseröse Myome (Knapp). 

23. Intrauterine Schwangerschaft. 

Glönard führt einen Fall an, wo ein Fruchtteil für eine bewegliche 
Niere angesehen wurde, und gibt als diagnostische Behelfe an: zu oberfläch¬ 
licher Sitz, zu grosse Beweglichkeit, keine respiratorische Verschiebung, kind¬ 
liche Herztöne. 

24. Extrauteringravidität. 

Knapp teilt einen Fall mit, in welchem der bei der inneren Unter¬ 
suchung durch das hintere Scheidengewölbe getastete Tumor für eine extrau¬ 
terin gelegene Placen tagehalten wurde und sich bei der Sektion als die hoch¬ 
gradig verlagerte, vergrösserte rechte Niere erwies, die an der Symphysis 
sacro-iliaca lag (Ektopie? d. Ref.). 

Glönard gibt auch genaue Hinweise bezüglich des so häufigen gleich¬ 
zeitigen Vorkommens von Kothtumoren, Schnürlappen und beweglicher Niere, 


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sowie bezüglich des Coincidierens von beweglicher Milz und linksseitiger be¬ 
weglicher Niere. 

Die diagnostischen Irrtümer, die bei der hydronephrotischen Wanderniere 
Vorkommen, beziehen sich insbesondere auf Ovarialcysten und Echinococcus¬ 
sacke. Knapp erwähnt einen Fall, der zuerst als Ovarialcyste angesehen 
worden war, aber in der der ersten Untersuchung folgenden Nacht verschwand, 
wobei die Frau auffallend viel Ham entleert hatte. 

Im Falle Flaischlen’s hatte die von der beweglichen Niere bedingte 
Pyonephrose einen von den Gallenwegen ausgehenden Abscess vorgetäuscht. 

Bei der Diagnose von Stieltorsionen muss man an gastrische Krisen, 
Gallensteinkoliken, an einfache Darm- oder Uteruskoliken, ferner an perityph- 
litische und peritonitische Schmerzanfälle (Bruhl), an Schwangerschaft, Darm- 
occlusion, hysterische und neurasthenische Attaquen, sowie an Vergiftungen 
(Med. Record. 96. Jan. 4) denken. 

X. Prognose. 

Während man früher die Prognose quoad sanationem zwar als schlecht, 
die quoad vitam aber als völlig beste ansah, haben sich infolge der Erkenntnis 
der consecutiven Erkrankungen der Wanderniere (Hydronephrose, Pyonephrose) 
die Anschauungen über die Prognose ein wenig geändert Walch erklärt 
sie mit Bezug auf die eintretenden Komplikationen sogar als ernst Als 
Folgeerkrankungen, welche die Prognose trüben, führt Cor di er ausser der 
Hydronephrose auch die Magendilatation, Gallensteine, tödliche (?) Torsionen 
der Gefässe und des Ureters, ferner Aneurysmen der Aorta abdominalis und 
der Vena cava an. 

Was die Stieltorsionen anbetrifft, so geht die Ansicht aller Autoren — 
Cordier ausgenommen — dahin, dass sie immer anstandslos vorübergehen, 
wenn auch nach Senator die Möglichkeit eines gefährlichen Ausganges durch 
Collaps oder Eintritt von Peritonitis nicht absolut ausgeschlossen ist Häufige 
Einklemmungen der beweglichen Niere können aber, wenn sie auch das Leben 
nicht unmittelbar bedrohen, doch Zustände in dem befallenen Organ herbei¬ 
führen, welche durch Atrophie, Eiterung, Steinbildung u. s. w. die Gesundheit 
ungünstig zu beeinflussen vermögen (Küster). 

Im übrigen ist die Prognose, wie Knapp mit Recht hervorhebt, im 
einzelnen Falle mit Rücksicht auf die äusseren Verhältnisse zu stellen, in 
denen sich die Kranken befinden; denn hochgradige Dislokationen verursachen 
bei entsprechender Ruhe und Schonung der Frauen weit weniger Beschwerden 
als geringgradige Lage Veränderungen bei solchen, die gezwungen sind, schwere 
körperliche Arbeit zu verrichten. Die Prognose bezüglich der Beseitigung be¬ 
stehender Beschwerden — denn eine restitutio ad integrum ist ja selbst bei 
sorgfältigster konservativer Behandlung nicht denkbar — richtet sich nach 
Knapp nach der Dauer und nach etwaigen Komplikationen und Begleit¬ 
erkrankungen der bestehenden Wanderniere. Er meint, dass man bei ent¬ 
sprechend langer und sorgfältiger Behandlung den meisten Frauen in Aussicht 
stellen kann, mittelst der konservativen Behandlung günstige, dieselben voll¬ 
ständig befriedigende Resultate zu erzielen. Hierbei gilt ihm als prognostisch 
wichtig folgender Versuch: Gelinge es, durch einen mit der flachen Hand der 
Seite, welche der Dislokation entspricht, ausgeübten, nach ein- und zugleich 
nach aufwärts wirkenden Druck momentan der Frau eine Erleichterung oder 
vollständiges Aufhören der Beschwerden zu verschaffen, so ist die Prognose 
ausserordentlich günstig zu stellen. Es ist dann vorauszusetzen, dass eine 


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entsprechende Bandage den versuchsweise erzielten Effekt für immer bringt. 
Es sollen dann auch alle reflektorischen Erscheinungen schwinden. Ist der 
Handgriff nicht von Erfolg begleitet, dann stellt Knapp die Prognose ernst, 
weil dann schwere Symptome bestehen bleiben, auch die Wanderniere selbst 
eine Reihe von Schädigungen erfahren kann. 


Literatur. 

(Schluss.) 

Tansini, J., Reni migranti. Doppia nefropessia. Guarigione. Riform. med. 1897. 
Bd. II, p. 622. — Tansini, J., Rene destro migrante con pielite suppurata; nefrectomia. 
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Original ftom 

CORNELL UNfVERSSTlf 



217 


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Centralblatt f. d. Gr. d. Med. u. Chir. I. 


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CORNELL UNIVERSUM 



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II. Referate. 


A. Physiologie, Pathologie, pathologische Anatomie. 

Ueber die Phagocytentheorie. Von H. Büchner. Münchner inedicin. 
Wochenschrift, 1897, No. 47. 

Während Metschnikoff trotz der durch verschiedene Autoren wohl 
konstatierten Thatsache, dass die Leukocyten einen chemisch antibakteriellen 
Stoff sccernieren, immer noch an seiner alten Theorie der Phagocytose, der 
„fressenden“ Thätigkeit der Leukocyten festhält, hat Büchner seine frühere 
Anschauung den neuen Ergebnissen entsprechend abgeändert. Nach ihm 
fressen die Leucocyten nicht die Bakterien auf, um sie dadurch unschädlich 
zu machen, sondern dieser Vorgang ist eher als ein Emährungsvorgang auf¬ 
zufassen, denn auch ganz harmlose Stoffe wirken als Lockreize für sie, wäh¬ 
rend gerade den virulentesten Mikroorganismen diese Fähigkeit zuweilen ab¬ 
geht Büchner denkt sich den Zusammenhang so, dass durch den schädigenden 
Einfluss teils im Serum vorhandener, teils in dasselbe durch Leukocytenthätig- 
keit ausgeschiedener Substanzen, „Alexine“, die Bakterien zur Ausscheidung 
plnsmatischen Zellinhaltes veranlasst werden. Diese Stoffe wirken als Lockreiz 
auf die Leukocyten, die dann ihrerseits wieder einen Stoff aktiv erzeugen, der 
schädigend auf den Chemismus der Bakterien wirkt. Und erst dieser mehr 
oder weniger geschädigte Mikroorganismus kann nun von dem Leukocyt aufge¬ 
fressen werden. Die bakterieide Eigenschaft des Leukocyts wirkt dann wohl auf 
den aufgenommenen Infektionserreger noch weiter schädigend fort. Das Wesent¬ 
liche ist also nicht die Fressthätigkeit der Leukocyten, sondern ihre Eigen¬ 
schaft, chemisch bactericide Stoffe zu secernieren. 

Rudolf Meyer (Breslau). 

Treten im menschlichen Blnte nach überstandener Streptococcenkrank¬ 
heit Antikörper auf? Von F. Neufeld. Deutsche med. Wochenschr. 
1897, S. 162. 

Um einen Anhaltspunkt für die Beurteilung der Streptococcensera zu 
erhalten, untersuchte N e u f e 1 d über Anregung von Koch das Blut einer 
nach einer Streptococcenseptikämie genesenen Patientin auf das Vorhandensein 
von Schutzstoffen. Versuche an Kaninchen und Mäusen ergaben die völlige 
Abwesenheit jeder Schutzwirkung des Serums sowohl gegen den aus dem 
Blute der Kranken gezüchteten Streptococcus, als auch gegen andere Stämme. 
In Uebereinstimmung mit früheren Angaben fand auch Neufeld, dass die 
Wirkung von Streptococcen auf die Versuchstiere eine recht ungleichmässige ist 

K. Landsteiner (Wien). 

Ueber das Verhalten des Blutes nach Kochsalz- und Wasserinjektionen. 
Von L. Goldbach. Zeitschr. für Heilkunde, XVII, p. 465. 

Goldbach findet nach subkutanen Injektionen geringer Mengen physio¬ 
logischer Kochsalzlösung bei einigen Personen, die an nicht näher bezeichneten 
Krankheiten litten, eine Verminderung der Erythrocyten und eine Vermehrung 
der polynucleären Leukocyten im Blute. K. Landsteiner (Wien). 


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Over den heilzamen invloed van venense stnwing en ontsteking in 
den stryd van het lichaam tegen bacterien. Von H. J. Hamburger. 
Nederl. Tydschr. v. Geneesk., 1897, II, Nr. 5. 

Die klinische Erfahrung hat gelehrt, dass der Stauung des Blutes eine 
bakterienfeindliche Wirkung innewohnt Rokitansky’s scharfsinnige Beob¬ 
achtung, dass chronische Herzklappenfehler, die mit höheren Graden von 
Stauung einhergehen und Lungentuberkulose sich gegenseitig ausschliessen, ist 
nach ihm von hervorragenden Klinikern, wie Bamberger, Traube, 
Quincke, vollgiltig bestätigt Auf diese Beobachtungen stützend, hat, wie 
bekannt Bier in neuerer Zeit bei der Behandlung der tuberkulösen Er¬ 
krankungen der Gliedmassen Erfolge erzielt durch Hervorrufung einer künst¬ 
lichen venösen Hyperämie mittels des Schlauches. 

Eine begründete Erklärung dieser bakterienfeindlichen Wirkung haben 
die Autoren nicht zu geben vermocht — Hamburger will sie erklären 
durch die Erhöhung des Alkalescenzgrades, der in den Gefässen und im Ge- 
webssaft nach venöser Hyperämie auftritt. 

Dass wirklich eine Wechselbeziehung zwischen Blutalkalescenz und 
antibakterieller Wirkung in dem Sinn besteht, dass die letztere steigt wenn 
die erstere sich erhöht ist seitdem Behring als Erster nachgewiesen hatte, 
dass die Immunität von Ratten, Milzbrand gegenüber von dem Alkaligehalte 
des Blutes abhängt von den verschiedensten Seiten vielfach experimentell 
festgestellt worden (v. Fodor, Arloing, Cornevin und Thomas, 
Roux und Nocart, Cantani, v. Lingelsheim und Boer und noch 
viele Andere). 

Nun war aus früheren Versuchen des Verfassers die Thatsache hervor¬ 
gegangen, dass nach Durchleitung von C0 2 durch arterielles Blut der Al¬ 
kaligehalt des Serums erheblich steigt, eine Folge der Spaltung eines Teiles 
der Albuminate sowohl im Serum selbst, als auch in den Blutkörperchen. 
5 Vol.°/ 0 C0 2 (der Gehalt des natürlichen venösen Blutes) gibt eine Er¬ 
höhung von 30% Alkali, vollkommen in Uebereinstimmung mit dem Um¬ 
stand, dass das Jugularisplasma 25% mehr Alkali enthält als das Carotis¬ 
plasma. Gleichzeitig gibt aber das Serum einen Teil seiner Wassermenge an 
die geformten Elementen ab, wodurch diese schwellen, und andererseits die 
Concentration des Serums noch grösser wird. 

Aus diesen Versuchen war mit Rücksicht auf die oben genannte Er¬ 
höhung der antibakteriellen Wirkung des Blutes durch Vermehrung seines 
Alkaligehalts schon mit Wahrscheinlichkeit zu entnehmen, dass auch bei der 
venösen Stauung der nämliche Faktor im Spiel sein musste. Der Verfasser 
hat es nicht unterlassen, dieser supponierten Wirkung experimentell eine 
wissenschaftliche Unterlage zu sichern. 

Seine Methode war folgende: 

Gleiche Teile von gewöhnlichem Blutserum und von Serum, das mit 
5 Vol.% C0 2 durchgeschüttelt war, wurden mit gleichen Quantitäten einer 
Bouillonkultur von Staphyloc. pyogenes aureus oder Bac. anthracis geimpft 
und während 3 bis 4 Stunden im Brutofen auf Körpertemperatur gebracht. 
Nach dieser Zeit waren die Sera noch immer vollkommen klar. Alsdann 
wurden Reagensgläser, die 5 ccm Bouillon enthielten, mit gleich grossen Quanti¬ 
täten dieser Sera geimpft und während 14 Stunden auf Körpertemperatur ge¬ 
halten. Hierdurch war das Verhältnis der noch entwickelungsfähigen Bak¬ 
terien zu ermitteln. Inzwischen wurden zum gleichen Ziele auch die ursprüng- 

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liehen Sera wiederum weitere 10 bis 11 Stunden in dem Brutschrank einer 
Temperatur von 38° C. ausgesetzt. 

Nunmehr galt es, die Zahl der Bakterien in den verschiedenen Kulturen 
festzustellen. Die Methode der Aussaat auf feste Nährböden und Zählung 
der aufgekommenen Kolonien verwarf Verfasser, indem die Schwierigkeit einer 
gleichmässigen Verteilung und die Agglutination der einzelnen Coccen not¬ 
wendig gewisse Fehler in sich schliesst Nachdem auch Versuche, die Zahl 
durch direkte Zählung unter dem Mikroskop festzustellen, misslungen waren, 
wrnsste er das Ziel auf eine ganz originelle Weise zu erreichen, nämlich durch 
Feststellung des Volumens der sämtlichen in den Kulturen vorhandenen Bak¬ 
terien. Dazu wurden Röhrchen verwendet, deren Reservoir, das 8 ccm 
Flüssigkeit enthalten konnte, in einen ganz dünnen, graduierten Teil ausläuft. 
In diese Röhrchen wurden die Kulturen gebracht und bis auf konstantes 
Volumen centrifugiert. Immerhin war durch die Intensität der Trübung allein 
schon eine gewisse Abschätzung möglich. Dazu wurden denn auch Glaser 
von gleichem Durchmesser verwendet. 

Das Ergebnis aller dieser Versuche w r ar ohne Ausnahme, dass dem 
vorher mit C0 2 behandelten Serum eine viel grössere antibakterielle Wirkung 
zukam als dem gewöhnlichen, auch w r enn die vermehrte Concentration durch 
Zusatz von Flüssigkeit ausgeglichen war. 

Dieselben Versuche wurden mit Jugularis- und Carotisplasma wiederholt, 
und auch hier ergab sich ganz übeieinstimmend, dass das erste bisweilen 
um 00°/ o grössere bakterienfeindliche Wirkung ausübte als das zweite. 

Weiter wurde auf dieselbe Weise ermittelt, dass das Serum des 
Stauungsblutes aus der Vena jugularis eine viel kräftigere antibakterielle 
Wirkung ausübt als das gewöhnliche, und schliesslich auch, dass die Gewebs¬ 
flüssigkeit den nämlichen Gesetzen folgt. 

Auch das Entzündungsexsudat zeigte ganz dasselbe Verhalten. Ver¬ 
fasser wiederholte seine Versuchsreihe sowohl mit künstlichem Exsudat 
(Pferdeblut, woraus, nach Entfernung der roten Blutkörperchen durch Centri- 
fugieren, die weissen mit ein w r enig Flüssigkeit entnommen w f aren, oder mit fein 
zerteilten Lymphdrüsen in ein wenig Blutserum), das mit C0 2 vorbehandelt 
war, als auch mit natürlichem vom Hunde, dessen Hinterpfote 8 Minuten 
in Wasser von 65° getaucht war. 

G. Th. Walter (*s Gravenhage). 

Over den invloed van veneuse stuwing op infectieuse processen. Von 
C. H. H. Spronck. Nederl. Tydschr. v. Geneesk., 1897, H, Nr. 10. 

Opmerkingen naar aanleiding van een opstel van Prof. Dr. C. H. H. 
Spronck getiteld: „Over den invloed van veneuse stuwing op in¬ 
fectieuse processen“. Von H. J. Hamburger. Nederl. Tydschr. v. 
Geneesk., 1897, H, Nr. 13. 

Over den invloed van C0 2 op infectieuse processen. Von C. H. H. 
Spronck. Nederl. Tydschr. v. Geneesk., 1897, II, Nr. 16. 

Over den invloed van C0 2 op infectieuse processen. Von H. J. Ham¬ 
burger. Nederl. Tydschr. v. Geneesk., 1897, II, Nr. 17. 

Anlässlich der oben referierten Arbeit Hamburgers hat Spronck 
gegen die vom Verfasser gezogenen Schlussfolgerungen Bedenken geäussert 
Aus den zwei von Hamburger festgestellten Thatsachen: 


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1. dass C0 2 den Alkaligehalt von Blut und Gewebsflüssigkeit sowohl in 
vivo als in vitro steigert; 

2. dass die baktericide Wirkung von Blut und Lymphe, die mit C0 2 ge¬ 
schwängert sind, sowie von Stauungsblut und Transsudat in vitro grösser 
ist, als die von arteriellem Blut und normaler Lymphe, 

darf nach S. noch nicht gefolgert werden, dass C0 2 „ein kräftiges Hilfs¬ 
mittel ist im Kampf des Körpers gegen Bakterien“, denn die Ergebnisse des 
Experiments in vitro dürfen nicht ohne weiteres auf die Prozesse in vivo 
übertragen werden. 

Die klinischen Erfahrungen widersprechen dem durchaus: akute Ent¬ 
zündungen, heisse Abscesse und Erysipel sind oft die Folge der Stauung, 
wenn pyogene Coccen die tuberkulöse Infektion komplizieren. Mit Ausschluss 
aller anderen Bakterienarten scheint dagegen nur der Tuberkelbacillus von 
der Stauung eine nachteilige Wirkung zu empfinden, indem dieser 1. für 
seine Weiterentwickelung O nicht entbehren kann, und 2. ein alkalisches 
Nährsubstrat ihm nicht zusagt. 

Weiter haben experimentelle Untersuchungen diese klinischen Erfahrungen 
gestützt, da sich herausgestellt hat, dass „seröse Entzündung nicht wenig für 
eine Invasion von Bakterien prädisponiert (Bibbert, de Wildt, Lubarsch), 
obwohl die baktericide Wirkung des serösen Exsudats in vitro gewiss und 
vielleicht auch in vivo grösser sei, als die normaler Lymphe“. Hieraus wäre 
zu entnehmen, dass die baktericide Wirkung der serösen Exsudate im leben¬ 
den Organismus gar wenig zu bedeuten habe, und es absurd wäre, mit 
Hamburger zu sagen, dass sie ein kräftiges Hilfsmittel im Kampfe des 
Körpers gegen Bakterien sei. Vielmehr meint Spronck, dass „Hamburgeris 
Experimente so gut als nichts gelehrt haben in Bezug auf die Frage, ob 
Häufung von C0 2 im Blut für den Organismus vor- oder im Kampfe gegen 
Mikroben nachteilig sei“. 

Gegen diese Bedenken führt Hamburger an, dass seine Folgerungen 
nicht allein auf die zwei oben citierten Thatsachen sich stützen, sondern noch 
auf eine dritte, in casu von übewiegender Bedeutung, nämlich diese, dass „so¬ 
wohl in vivo als in vitro die baktericide Kraft des Blutes mit der Alkali- 
cität gleichen Schritt hält“. Er beruft sich hier auf die erwähnten Tier¬ 
experimente von Behring, v. Fodor etc., die auch in vivo bei Vermehrung 
des Alkaligehalts eine grössere antibakterielle Kraft des Blutes konstatierten. 

Angenommen, dass durch Vermehrung der Alkalicität eine grössere 
baktericide Kraft sowohl im Reagensglase als im lebenden Körper fest¬ 
gestellt worden war, so war für Hamburger nur zu eruieren, ob auch Ver¬ 
mehrung von C0 2 eine Steigerung der antibakteriellen Wirkung zur Folge 
habe. Und dies in vitro nachgewiesen zu haben, war Hamburger genügend, 
obwohl er den Wert von gänzlich in vivo genommenen Experimenten, nicht 
unterschätzen will. 

Der Kernpunkt des ganzen Streites scheint dem Ref. die Frage zu 
sein, ob es erlaubt ist, wie Hamburger thut, Blut, dessen Alkalicität durch 
Zusatz von Alkali erhöht ist, so ohne Weiteres mit Blut zu vergleichen, 
dessen Alkalescenz durch Stauung erhöht ist Es ist nicht schwer einzusehen, 
dass dies ganz heretogene Sachen sind, und Hamburger einerseits kein Recht 
hat, sich auf die Experimente v. Fodoris, Behring’s etc. zu berufen, anderer¬ 
seits, wie Spronck betont, die Bedeutung der klinischen Erfahrungen sowohl 
als die Experimentaluntersuchungen Ribbert’s und seiner Nachfolger zu wenig 
beachtet hat. Uebrigens hat Hamburger selbst zugegeben, dass in vivo 
diese baktericide Kraft durch andere Einflüsse neutralisiert werden könnte, 


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wodurch sie nicht zur Geltung kommen könnte. Damit ist aber schon der 
Stab gebrochen über den praktischen Wert, den seine sonst interessanten 
Versuche verfolgten. 

Das Experiment in vivo allein kann in dieser Frage das entscheidende 
Wort reden und es wird es gewiss bald thun, indem dessen Ausführung 
ganz leicht ist G. Th. Walter (’s Gravenhage). 


Ytterligare nägra fall af magkräfta med särskildt afseend© pä mjölk- 
syrereaktion. Von G. Ekehorn. Upsala Läkarefören. Förh. Ny följd 
Bd. H, S. 332. 

Verfasser, der früher eine grössere Serie Untersuchungen über die Be¬ 
deutung des Nachweises der Milchsäure im Mageninhalte in derselben Zeit¬ 
schrift (Bd. I, Heft 8) veröffentlicht hat, berichtet über drei weitere Fälle, 
von denen der eine insofern bemerkenswert ist, als nach der Exstirpation 
eines Pyloruskrebses die Milchsäure im Mageninhalt verschwand, obgleich beides 
Salzsäure und Pepsinogen fortwährend fehlten. Nach ihm ist jedoch der 
Nachweis der Milchsäure im Mageninhalte eine gute Stütze der Diagnose 
Magenkrebs, obgleich demselben nicht pathognomonische Bedeutung zukommt. 

Köster (Gothenburg). 

Hypophysis and Thyreoidea in ihrer Einwirkung auf den menschlichen 
Stoffwechsel. Von Arthur Schiff (Klinik Schrötter). Wiener klinische 
Wochenschrift 1897, Nr. 12. 

Schiff untersuchte den Einfluss der Verabreichung von Hypophysis, 
Jodothyrin und Schilddrüse auf die Ausscheidung von Phosphorsäure und 
Stickstoff in Faeces und Harn. 

Bei einem gesunden, jungen Mann blieb eine Wirkung vollständig aus. 
Bei den übrigen (Akromegalie mit Myxödemsymptomen, typische Akromegalie 
und Paralysis agitans) erhält er folgende interessante Resultate: 

1. Die Wirkung der Hypophysis cerebri äussert sich in einer starken 
Vermehrung der Phosphorausscheidung bei gleichbleibender Stick¬ 
stoffausscheidung. Das deutet auf eine Aenderung des Stoff¬ 
wechsels in einem N-armen und P-reichen Gewebe, höchstwahr¬ 
scheinlich im Knochen. Die Thatsache ist von Interesse im 
Hinblick auf die Beziehungen der Hypophysis zur Akromegalie. 

2. Auch der Thyreoidea kommt ein ähnlicher steigernder Einfluss 
auf die P 2 0 5 -Ausscheidung zu (bei gleichzeitig gesteigerter Stick¬ 
stof fausscheidung). Das ist von Interesse in Bezug auf die noch 
unklaren Beziehungen zwischen Hypophyse und Thyreoidea, 
andererseits in Anbetracht des offenbaren Einflusses, welcher der 
Schilddrüse hinsichtlich des Knochen Wachstums zukommt 

3. Eine Aequivalenz zwischen dem Baumann’sehen Jodothyrin und 
der Schilddrüsensubstanz besteht nicht, da dieselben Individuen 
ganz verschieden gegen die beiden reagieren. 

4. Die verschiedenen Jodothyrinpräparate sind untereinander von ver¬ 
schiedener Valenz, trotz gleicher Provenienz. 

Wir sind demnach nicht berechtigt, in der Praxis die Schilddrüsen Sub¬ 
stanz, resp. die Tabletten, durch Jodothyrinpräparate zu substituieren. 

Eisenmenger (Wien). 


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Werden die Leprabacillen von Leprakranken ausgeschieden. Von 

K. Weber. Deutsches Archiv f. klin. Med. Bd. LVIU, H. 4 u, 5.) 

Untersuchungen über Lepra. Von Klingmüller und K. Weber. Deutsche 
med. Wochschr. 1897, No. 8. 

Mit Rücksicht auf die für die Kontagiosität Lepra ebenso wie für jene 
aller andern Infektionskrankheiten wichtige Frage, ob der spezifische Bacillus 
überhaupt den Körper verlasse, und auf welchem Wege dies ebenfalls geschehe, 
unterzogen Verfasser 

1. alle Se- und Excrete, 

2. Blut- und Gewebsflüssigkeit, 

3. Hautstücke, Hautschuppen und Haare bei einem Leprafalle aus der 
Weber’schen Klinik in Halle a. 8. einer systematischen Untersuchung. 

Damit, dass sie Bacillen im Blute aus erkranktem Gewebe in Blasen, 
Hautschuppen, Lanugohaaren, Schweiss und Sperma nach wiesen, folgern sie, 
dass die Verbreitung der Bacillen eine unbeschränkte sei, dass sie den er¬ 
krankten Körper in grossen Mengen verlassen und übertragen werden können. 
Ob sie auch imstande sind, wieder Lepra zu erzeugen, ist, wenn nicht erwiesen, 
so doch möglich. Es ist zwar auffallend, dass angesichts der ungeheuren 
Anzahl der Bacillen die Ansteckungsgefahr relativ gering ist Weber be¬ 
gründet das damit, dass die Bacillen in der Haut schon abgestorben sind 

oder bei der Ausscheidung Veränderungen erleiden und zu Grunde gehen, oder 
dass es besonderer Verhältnisse bedarf, um angesteckt zu werden. 

Kreibich (Wien). 

A possible Aid to the Discovery of the Tubercle Bacillus in the 

Urine. Von John P. Bryson. American Association of Genito-Urinary 
Surgeons 1897. Ref. Journal of Cutan. and Genito-urinary Diseases 

Bd. XV, Juli 1897. 

Der Verfasser hatte früher zufällig beobachtet, dass bei Tuberkelbacil¬ 
lengehalt des Urins die Bacillen im Residualharn reichlicher vorhanden 
waren als in dem gewöhnlich entleerten. Er vermutet dass die Mikroorga¬ 
nismen in der Blase zurückgehalten werden, bei Anwesenheit von Blut und 
Eiter und bei unvollständiger Entleerung des Harns sich dort möglicherweise 
sogar vermehren können. 

Um den Unterschied in der Bacillenmenge festzustellen, machte Bry¬ 
son in einer Anzahl von Fällen diesbezügliche Versuche und konstatierte, 
dass in dem durch den Katheter entleerten Residualharn stets mehr 
Tuberkelbacillen vorhanden waren und dass sie in diesem bisweilen nachweisbar 
waren, während sie in dem übrigen Urin nicht gefunden werden konnten. 
Er empfiehlt daher diese Methode zur Erleichterung des Auffindens von 
Tuberkelbacillen im Urin. 

J. Schäffer (Breslau). 


B. Hautaffektionen. 

Lepra und Syringomyelie. Von Laehr. Berliner klinische Wochenschr. 
1897, p. 45. 

Laehr bespricht die Differentialdiagnose der nervösen Form der Lepra 
und der Syringomyelie, den Nachdruck auf die für die klinische Diagnostik 


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praktisch wichtigen Punkte legend. Das von Morvan gezeichnete Krank¬ 
heitsbild ist kein einheitliches; zum mindesten sind ihm Fälle der beiden hier 
zu besprechenden Krankheitsformen subsumiert worden. 

Die Lepra wird in ihrer Entwickelung durch Heredität, sowie durch 
gewisse disponierende Momente begünstigt; die maculo-anästhetische Form der¬ 
selben charakterisiert sich durch die von den Leprabacillen (Hansen) direkt 
hervorgerufenen Affektionen der Haut und der Nerven, sowie durch die 
sekundären trophoneurotischen Affektionen der Muskeln, Knochen und Gelenke, 
der Haut- und Sinnesorgane. 

Dem gegenüber charakterisiert sich die Syringomyelie als eine primäre, 
in die centrale Rückenmarkssubstanz lokalisierte Erkrankung, der weder here¬ 
ditäre noch infektiöse Momente zu Grunde liegen. 

Trotz dieser tiefgreifenden Unterschiede in ätiologischer und patholo¬ 
gisch-anatomischer Beziehung ist eine Verwechselung beider Erkrankungs¬ 
formen insofern möglich, als es Leprafälle gibt (im wesentlichen die An¬ 
fangsstadien der Lepra nervosa), in denen die charakteristischen leprösen 
Hauteruptionen gegenüber den nervösen Erscheinungen in den Hintergrund 
treten; zudem scheint die Erkrankung in diesem Stadium nicht selten zur 
Ausheilung zu gelangen. 

Von derartigen mit Defekt geheilten Formen wird sich die Syringo¬ 
myelie durch ihren progressiven Verlauf unterscheiden lassen. Neben schon 
frühzeitig hervortretenden allgemeinen nervösen Beschwerden sind der Lepra 
Fieberbewegungen eigen, die der unkomplizierten Syringomyelie fehlen; der 
Nachweis der Leprabacillen gelingt nicht immer. 

Der Hauptunterschied ist jedoch in der Form zu suchen, in welcher die für 
beide Erkrankungen charakteristische Trias sich zeigt (die circumscripten 
Anästhesien, Muskelatrophien und vasomotorisch-trophisehen Störungen). Bei 
der Lepra ist die Lokalisation dieser Symptome eine sehr regellose, wogegen 
dieselben bei der Syringomyelie gemäss deren häufigem Vorkommen in den 
dorso-cervicalen Rückenmarkssegmenten sich zumeist an den Oberextremitäten 
dokumentieren. Die bei beiden Erkrankungen in höchster Mannigfaltigkeit 
sich findenden vasomotorisch-trophischen Störungen sind bei der Lepra häufig 
von eigenartigen pigmentierten oder partiell pigmentlosen, schon frühzeitig 
hyper- und bald hypästhetischen Flecken begleitet; der Lepra eigen sind 
ferner gewisse vasomotorische Störungen in der Haut, welche speziell in der 
Glutäalgegend durch termische oder mechanische Reize hervorzurufen sind. 
Arthropathien sind bei der Lepra häufig akut ein setzend und schmerzhaft, 
bei der Syringomyelie meist völlig schmerzlos. Die Verstümmelung der End¬ 
glieder durch Ulcerationen und schmerzlose Panaritien ist beiden Krankheiten 
gemeinsam; spontane Knochenatrophien sind bei der Lepra häufiger und aus¬ 
gedehnter. In den betroffenen Partien zeigt letztere häufig Anidrosis, die 
Syringomyelie Hyperidrosis. 

Die langsam verlaufenden Muskelatrophien zeigen keine durchgreifenden 
Unterschiede. Fibrilläre Zuckungen, geringe EaR, sowie Lokalisation der 
Atrophie am proximalen Ende der Oberextremitäten sprechen mehr für Syrin¬ 
gomyelie. Die Muskelatrophien bei der Lepra liegen stets im Bereich der 
Anästhesien. 

Etwaige Schluck- und Sprachstörungen kennzeichnen sich bei der Syrin¬ 
gomyelie als bulbären Ursprunges, bei der Lepra als Folge lokaler Entzün¬ 
dungsprozesse. 

Anästhesien bei der Lepra sind nur selten partiell, sie treten meist in 
r egellos zerstreuten Plaques auf und zeigen häufig eine strumpfförmige Aus- 


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breifcung, wogegen bei der Syringomyelie die zumeist dissozierte Sensibilitäts¬ 
lähmung sich gemäss der Erkrankung bestimmter Rückenmarkssegmente am 
Rumpf in Gürtelform, an den Extremitäten in Form längsgerichteter Streifen 
zu zeigen pflegt. Letztere Erkrankung ist zudem häufig durch progressive 
Rückgratverkrümmung, Blasen- und Darmstörungen und spastische Erschei¬ 
nungen an den Unterextremitäten kompliziert. Die Lepra hinwieder zeigt 
gelegentlich schon sehr frühzeitig durchtastbare Verdickungen an den auf 
Druck schmerzenden peripherischen Nerven, während bei der Syringomyelie 
zumeist eine Druckanalgesie besteht. 

L. Brauer (Heidelberg). 


Lepra nnd Syringomyelie. Von La ehr. Referat aus den Verhandlungen 
der internationalen wissenschaftlichen Leprakonferonz zu Berlin. Archiv f. 
Psychiatrie. Bd. XXX, H. 1. 

Ueber den Zusammenhang zwischen Lepra und Syringomyelie waren haupt¬ 
sächlich folgende zwei sich scharf gegenüberstehende Ansichten vertreten. 

Zambaco-Pascha hielt die Morvan’sche Krankheit, ferner die über¬ 
wiegende Mehrzahl der als Syringomyelie bezeichneten Fälle, auch solche von an¬ 
geblich progressiver-öpinaler Muskelathrophie und Raynaud’scher Krankheit, sowie 
die Sklerodermie und Sklerodactylie für identisch mit der Lepra. Gleichzeitig hielt 
er eine Differentialdiagnose zwischen Lepra und Syringomyelie für unmöglich. 

Eine entgegengesetzte Meinung vertrat C. Loof t. Er schloss seine Bemerkungen 
mit folgenden Sätzen: 

1. Die anästhetischen Formen sind nur Stadien der maculo-anästhetischen Lepra. 
Formen von Lepra, die ohne Hauteruptionen anfangen, sind bisher in 
Norwegen unbekannt. 

2. Die Spätstadien der Lepra maculo-anaesthetica, wo Flecken nicht vorhanden 
sind, können durch das klinische Bild allein — die Ausbreitung der An¬ 
ästhesien und Paralysen — sicher diagnostiziert werden. 

Jede dieser beiden Ansichten fand bei der Diskussion ihre Vertreter, v. D üri n g 
(Konstantinopel) stellte die Selbständigkeit der verschiedenen, bereits erwähnten Krank¬ 
heitsformen nicht in Abrede, erklärte aber die klinische Abgrenzung von der Lepra für 
aussordentlich schwierig. Dy er (New-Orleans) vertrat neben andereu die Ansicht, 
dass die Syringomyelie, ebenso wie durch andere Schädlichkeiten (Traumen, Lues), 
auch durch Lepra erzeugt werden könnte. Jolly (Berlin) konnte sich dieser Ansicht 
nicht anschliessen; er hält den sicheren Nachweis einer leprösen Erkrankung für not¬ 
wendig, um einen Zusammenhang der Lepra mit der Syringomyelie annehmen 
zu können. 

Die Auffassung, dass die lepröse Erkrankung von dem Hautinfiltrat aus inner¬ 
halb der Nerven centripetal fortschreite, vertraten Dehio (Dorpat) und Blaschko 
(Berlin). Babes (Bukarest) demonstrierte Präparate von Rückenmarksschnitten, in 
denen in den Spinal- und Vorderhornganglienzellen Leprabacillen zu finden waren, 
ausserdem bestanden ausgesprochene degenerative und regenerative Veränderungen in 
den hinteren Wurzeln und den GolPschen Strängen, während die zum Vergleiche 
demonstrierten Präparate von Syringomyelie dagegen nur Veränderungen der centralen 
Rückenmarkssubstanz, aber intakte hintere Wurzeln aufwiesen. 

Babes nimmt für seine Präparate eine direkte, von den peripherischen Nerven 
auf das Rückenmark übergreifende Propagation des Krankheitsprozesses an. In den 
von Jeanselme (Paris) anatomisch untersuchten 5 Leprafällen fanden sich neben 
leichten Veränderungen in den Vorderhorn zellen ausgedehnte Sklerosen in den GolP¬ 
schen Strängen, der hinteren medialen Wurzelzone und dem ventralen Feld. Nicht 
erkrankt waren die Burdach’schen Stränge, die Clarke’schen Säulen und die Lissauer*- 
sche Zone. Ausserdem fand sich noch eine Sklerose in der gekreuzten Pyramiden¬ 
bahn. Mit Rücksicht auf diese anatomische Gliederung und bei dem Fehlen von 
Bacillen und Gefässveränderungen sieht er in diesen Degenerationen nicht die Folge 


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einer direkten bacillären Einwirkung, sondern einer bacillär bedingten allgemeinen 
Intoxication. 

Kalindero (Bukarest) machte auf eine angeblich für Lepra charakteristische 
Veränderung an der Hand aufmerksam, die durch eine abnorme Kurze und Atrophie 
der Endphalangen, durch eine wechselnde Dicke und abnorme Beweglichkeit der Finger, 
häufig auch durch eine ulnare Richtungsabweichung der Metacarpi ausgezeichnet sei. 
Diese Verbildung soll auf einer abnormen Brüchigkeit und Atrophie der Fingerknochen 
beruhen. Trotz der vielfachen Unterscheidungsmerkmale könne aber das klinische 
und auch anatomische Bild beider Krankheiten ein so ähnliches werden, dass nur 
durch den Nachweis von Leprabacilleu die Entscheidung möglich sei. 

v. Rad (Tübingen). 


Pathogenese und pathologische Anatomie der Syringomyelie. Von H. 

Schlesinger. Wiener medizinische Wochenschrift 1897, Nr. 38 u. 39. 

Nach den anatomischen Befunden ist es bisher nicht erwiesen, dass 
der Lepra eine Rolle in der Aetiologie der Syringomyelie zukommt 

Der Ausdruck „Morvan’sche Krankheit" ist fallen zu lassen und dafür 
der Ausdruck „Morvan’scher Symptomenkomplex“ zu setzen, der sowohl bei 
Syringomyelie als auch bei Lepra Vorkommen kann. Weder der Aufenthalt 
in bisher leprafreien Gegenden, noch das Fehlen der specifischen Bacillen 
spricht absolut gegen die Diagnose Lepra. 

Halbseitige Bulbärerscheinungen, spastische Parese der unteren Extre¬ 
mitäten, Rigiditäten und Krämpfe derselben, Steigerung der Patellarreflexe, 
Nystagmus, heftige Schwindelattaquen und segmentale Anordnung der Sensi- 
bilitäts- und Motilitätsstörungen sprechen für Syringomyelie, hingegen peri¬ 
phere Facialislähmung, druckempfindliche, geschwellte Nerven, typische Augen- 
und Kehlkopf Störungen, über den ganzen Körper zerstreute, charakteristische 
Pigmentflecke und Blaseneruptionen für Lepra. 

Eisenmenger (Wien). 


Ueber den anatomischen Befund bei einem für Deutschland endogenen 
Fall von Lepra tuberosa. Von E. Storch. Zugleich ein Beitrag zur 
Frage nach den Beziehungen zwischen Aussatz und Tuberkulose (Virchow’s 
Archiv Bd. CXLVHI, p. 389 ff. 

Verfasser erörtert an der Hand eines an der Klinik Neisseria in Breslau 
beobachteten und an Sorfik’s Institut obduzierten Falles von Lepra in aus¬ 
führlicher Weise die anatomischen und bakteriologischen Verhältnisse bei 
dieser Krankheit. Zunächst nimmt Storch angesichts des Streites Neisser- 
Unna, ob sich die Leprabacillen intra- oder extracellulär fänden, dahin 
Stellung, dass er, nach den schubartigen mit Fieber verbundenen Exacerba¬ 
tionen, mit denen die Krankheit fortzuschreiten pflegt, der Möglichkeit der 
Uebertragung der Lepra von Mensch zu Mensch, sowie nach seinen Befunden, 
die innerhalb der Gefässe und Gewebslücken freiliegende Bacillen ganz un¬ 
zweifelhaft ergaben, neben dem gleichfalls erwiesenen intracellulären Vor¬ 
kommen der Bacillen in weissen Blutkörperchen und festen Gewebszellen, eine 
extracelluläre Existenz derselben annimmt. Das massenhafte intracelluläre 
Vorkommen des Leprabacillus ist ein wichtiger Unterschied gegenüber dem 
Tuberkelbacillus. In allen leprösen Herden fanden sich bacillenhaltige Lepra- 


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zellen. Nach den Befunden Storch’s trägt das Protoplasma in der Nachbar¬ 
schaft der Bacillen Zeichen fettiger Degeneration an sich; ebenso fasst er die 
Vacuolenbildung als nekrobiotischen Vorgang auf, sowie es sich nach Hansen 
bei den grossen sogenannten Lepraschollen um hochgradige Degenerations¬ 
zustande von Leprazellen handelt Dass die Entartung des Zellleibes nirgends 
so hochgradig ist, als man nach einer so starken Bacilleninvasion erwarten 
sollte, schreibt Storch der Phagocytenwirkung zu; überdies sei die Virulenz 
der einzelnen Bacillen keine beträchtliche. 

Von der anatomischen Beschaffenheit der innem Organe wäre das Ver¬ 
halten des Penis und der Lunge hervorzuheben. Entgegen Hansen, der 
eine Art Immunität der Glans penis gegen Lepra annimmt, führt Storch an, 
dass sich in seinem Falle sowohl im Präputium wie in der Glans penis zahl¬ 
reiche Vacuolenzellen fanden. Besonders in die Augen fielen hier grosse, aus 
Körnchen und Stäbchen bestehende, meist rundliche oder längliche Klumpen, 
welche die Bakterienfärbung angenommen hatten und sich deutlich in Gewebs- 
lücken befanden. Riesenzellen waren hier nur sehr spärlich vorhanden, wie 
sie überhaupt in allen leprös affizierten Organen nur vereinzelt nachgewiesen 
werden konnten. In der Lunge konstatierte Verfasser an gallertigen, grau- 
rötlich aussehenden, rosenförmigen peribronchitischen Herden, die wohl den 
Verdacht einer leprösen Affektion hätten erwecken können, typische tuber¬ 
kulöse Riesenzellen und centrale Verkäsung. Bacillen fanden sich in diesen 
Herden nur sehr spärlich. Bezüglich der Differentialdiagnose zwischen Lepra 
und Tuberkulose schreibt Storch den Vacuolenzellen Virchow’s einen viel 
grösseren Wert als Charakteristicum für Lepra zu, als ihn die Riesenzellen 
bei Tuberkulose besitzen. Eine ebensolche Bedeutung misst er der Verkäsung 
zu; bei der Invasion des Turbelkelbacillus folgt früher oder später die Nekrose, 
während die Leprabacillen die Lebensthätigkeit der Zellen kaum herabzu¬ 
stimmen vermögen. 

Kreibich (Wien). 


Ueber Erythromelalgie. Eine klinische und anatomische Untersuchung. 
Von Auerbach. Deutsche Zeitschrift für Nervenheilkunde, Bd. XI, 
H. 1 und 2. 

V erfasser berichtet zuerst über zwei auf arteriosklerotischer Basis beruhende, 
der Erythromelalgie ähnliche Erkrankungen. Das Leiden äusserte sich in heftigen 
Schmerzen und blau-rötlicher Verfärbung der Haut an den Füssen. Er will dieses 
Krankheitsbild völlig von der nervösen Affektion „Erythromelalgie“ getrennt wissen. 

Von letzterer Krankheit teilt er 2 Fälle mit, in welchen beiden wahrscheinlich 
Lues vorausgegangen war. 

In dem einen zur Sektion gekommenen Falle ergab die anatomische Unter¬ 
suchung eine beträchtliche Degeneration zahlreicher Wurzelbündel in der Cauda 
equina. Die degenerierten Wurzeln gehörten dem untersten Lumbal- und dem ersten 
und vielleicht auch dem zweiten Sacralnerven an. 

Höher oben traten keine degenerierten Nerven mehr ins Rückenmark ein. 
Diesem Verhalten entsprach auch eine aufsteigende, auf den medialen Teil der GolT- 
schen Stränge beschränkte Degeneration. Der Befund in den peripheren Nerven und 
Spinalganglien war ein sehr unsicherer. Die Gefässe waren normal. 

Der klinische Befund (träge Pupillen, WestphaTschee und Romberg'sches Phä¬ 
nomen) spricht sehr dafür, dass es sich um eine der Tabes verwandte Aftektion 
handelte. Verfasser will den Nachweis erbracht haben, dass die Erythromelalgie auf 
Wurzelerkrankung beruhen kann. 

v. Rad (Tübingen). 


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Teleangiectasies multiples chez une Basedowienne. Von Lötienne 
etArnal. Archives gönörales de m&licine, Mai 1897. 

Nach einer Uebersicht über die verschiedenen Hautaffektionen, die bei Leuten 
beobachtet werden, welche an Morbus Basedowii leiden, berichten die Verfasser die 
Krankengeschichte eines 27jährigen Mädchens, welches mit Ausnahme des Exo¬ 
phthalmus sämtliche andere Hauptsymptome des Basedow, Struma, Herzpalpitation, 
Tachycardie und Tremor aufweist. Ausser einzelnen hysterischen Beschwerden zeigt 
Patientin multiple, diffus über den Körper verteilte, wegdrückbare, rötliche Flecke, 
welche die Verfasser als Teleangiectasieen auffassen zu müssen glauben. 

Für die Entstehung dieser Teleangiectasieen, die qualitativ analog 
seien den häufig beobachteten Erythemen, Urticarien, Purpura etc., machen 
die Verfasser Toxine verantwortlich, welche, von der hypertrophischen 
Schilddrüse produziert, im Blute kreisen. Rein nervöse Ursachen für die 
Entstehung der Flecke seien nicht anzunehmen, da rein nervöse Alterationen 
keine wirklich anatomisch nachweisbaren Veränderungen, wie sie in den Tele¬ 
angiectasieen auf treten, hervorrufen könnten. 

Rudolf Meyer (Breslau). 


Operative Heilung eines Falles von Morbus Addisonii. Von R. Oest- 
reicli. Zeitsehr. für klinische Med. Bd. XXXI, p. 123. 

Bei einem Patienten, welcher, mit Ausnahme der Bronzefärbung, die charak¬ 
teristischen Erscheinungen des Morbus Addisonii bot, wurde ein Tumor in der Magen¬ 
gegend konstatiert, welcher exstirpiert wurde und sich als tuberkulös entartete 
Nebenniere deklarierte. Nach der Operation schwanden dauernd sämtliche Be- 
soliwerden. Da Oestreich die Bronzefärbung der Haut nicht für pathogno- 
monisch erklärt, so hält er die Diagnose „Morbus Addisonii“ für gerechtfertigt und es 
wäre dies der erste geheilte Fall dieser Krankheit. 

Oestreich schlägt für die Zukunft vor, in Fällen von Morbus Addisonii 
beide Nebennieren freizulegen und die kranke, event. beide zu exstirpieren. 

J. Halb an (Wien). 


Zur Anatomie der Gicht. Von G. Riehl. Wiener klinische Wochen¬ 
schrift 1897, Nr. 34. 

Riehl bringt den histologischen Befund eines excidierten Gichtknotens 
der Haut und des subkutanen Gewebes. 

Das Wichtige an dem Befund ist, dass er die feinen, nadelförmigen 
Harnsäurekrystalle nicht nur in die nekrotischen Gewebspartien, sondern auch 
— in weniger dichter Anordnung — in das gesunde Gewebe eingelagert 
fand; besonders auffallend ist das Vorkommen von solchen Krystallen in 
Lymphgefässen, deren Endothelbelag noch völlig unverändert ist In der 
Umgebung solcher kleiner Depots vermisst man häufig jede Spur der Ge- 
websreizung. 

Es sind dies offenbar die Erscheinungen des Beginns der Krystallab- 
lagerung, welche im unveränderten Gewebe erfolgt. Damit ist die herrschende 
Ansicht Ebstein’s widerlegt, dass bei der Gicht die Nekrose das Primäre und 
die Harnsäureablagerung das Sekundäre sei. 

Eisenmenger (Wien). 


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Four cases of bullous varicella. By P. H. Pye-Smith, London. The 
british Journal of Dermatologie, Vol. EX, Nr. 4. 

Vier Kinder im Alter von 11 Monaten bis 5 Jahren zeigen im Verlaufe von 
Varicella am Stamme, Nacken, Genitale, den Gelenken, erbsengrosse Blasen mit opa- 
lescierendem Inhalt. Mit dem Blaseninhalte angestellte Kultutversuche (nur in einem 
der Fälle angestellt) blieben negativ. Dass es sich hier um eine doppelte Infektion 
handelte, wird aus dem Auftreten der Eruption bei drei Kindern einer Familie und 
dem Ergriffen werden eines vierten Kindes, das mit den vorervvähuten in Kontakt 
kam, gefolgert. Die bullöse Eruption schloss sich in allen Fällen erst an die mani¬ 
feste Varicella an. 

Nobl (Wien). 


Chirurgische Scarlatina, eingeleitet von einer Lymphangitis brachii. 
Von F. Ingerslev. Zeitschr. für klin. Med., Bd. XXXI, p. 171. 

Ingerslev beschreibt drei Fälle von Scarlatina, welche im Anschlüsse an 
Hautläsionen entstanden waren. In einem Fall war die Infektionspforte ein Pana- 
ritium mit konsekutiver Lymphangitis brachii, in den beiden anderen Fällen Brand¬ 
wunden. 

Die sonst gewöhnlich initiale follikuläre Angina trat erst einige Tage nach dem 
Exanthem auf, so dass Ingerslev sie als ein Schleimhautexanthem auffasst, analog 
dem, was man bei Morbilli, Variola etc. findet. Es scheint also in den Scharlach¬ 
fällen, wo in den allerersten Tagen der Krankheit die Tonsillen nicht belegt sind, 
geboten, genau nachzuforschen, ob sich nicht eine Laesio continui der Haut oder der 
zugänglichen Schleimhäute nachweisen lässt. 

J. Halban (Wien). 


Couiment s© coniportent les exantheines de la syphilis et des fifevres 
Eruptives sur les membres touches par les affections spasmo-para- 
lytiques de l’enfance. Par P. Boulogne. These de Lille, Juli 1897. 

Im Jahre 1896 referierte Jolly (Soc. mödic. des höp.) über einen Kranken, welcher 
seit frühester Kindheit an cruraler mit Atrophie einhergehender Monoplegie litt und 
bei welchem eine luetische Allgemeineruption die affizierte Extremität unberührt liess; 
Thibierge (Jänner 1897, Soc. m4d. des höp.) konnte über eine ganz analoge Wahr¬ 
nehmung berichten. 

Verfasser hatte nun Gelegenheit, im Verlaufe weniger Monate zwei einschlägige 
Fälle wahrzunehmen. Beide Kranke waren seit Kindheit mit spastischer Hemiplegie 
behaftet; luetisch infiziert, bekamen sie Allgemeinerscheinungen, welche die atropischen 
Extremitäten verschont Hessen. 


Des Autors Studien gipfeln in der Anschauung, dass die Eruptionen an 
der allgemeinen Decke von dem Zustande des cerebro-spinalen Nervensystems 
und insbesondere der Beschaffenheit des vasomotorischen Centrums abhängig 


seien. 


Nobl (Wien). 


Gangräne disseminde de la peau d’origine iodopotassique. Par le 

Dr. Audry. Annales de Dermatologie et de SyphiHgraphie, Nov. 1897. 

Die Wahrnehmung des Autors, welcher er aus der Literatur kein Pendant an 
die Seite zu stellen vermag, betrifft eine 47jährige Frau, die seit dem Jahre 1895 
gegen nervöse Alterationen auf Empfehlung eines Pharmaceuten Jodkalium zu 
nehmen pflegte. Eine bullöse Joderuption im Gesichte bestimmte die Kranke, das 
Medikament nicht weiter zu nehmen. Trotz Verbotes begann die Frau Februar 1897 


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neuerdings, das Präparat einzunehmen, und sah sich im Monat Juli gezwungen, die Klinik 
wegen eines schweren Exanthems aufzusuchen. Das Krankheitsbild setzte sich aus varioli- 
formen Pusteln, mit gangränösen Schorfen bedeckten Infiltraten und ausgedehnten, 
nicht zu tiefen Ulceratiouen zusammen. Die Läsionen occupieren in grosser Ausbreitung 
die Achselhöhlen, die linke Brust, Arm, die perineo-crurale und lumbale Region. Die 
Schleimhäute sind nicht affiziert. Der Harn frei von abnormen Bestandteilen, auch 
von Jud, nachdem die Kranke seit mehreren Tagen kein Jodkali mehr genommen 
hatte. Obwohl sich allgemein nervöse Zeichen vorfanden, waren doch keine positiven 
Stigmata von Hysterie zu eruieren. Nachdem die Erscheinungen in Abheilung be¬ 
griffen waren, trat am 18. Oktober eine neue Eruption von hämorrhagischen Blasen 
am linken Arme auf, welche sich nach einigen Tagen in gangränöse Plaques um¬ 
wandelten. Diesmal wies der Harn Jod in grosser Menge auf, (obwohl die Kranke 
leugnete, welches genommen zu haben). 

Die histologische Untersuchung im Beginne der Gangränescenz begriffener 
Pusteln lieferte kein besonderes Ergebnis, Bakterien wurden nicht gefunden. Patho¬ 
genetisch möchte Verfasser eine durch das Jod bedingte Alteration der Blut- und 
Lymphgefässe verantwortlich machen. 

Bei der grossen Aehnlichkeit, welche der beschriebene Fall mit der 
hysterischen Gangrän aufweist, animiert Verfasser in Fällen letzterer Kate¬ 
gorie nach eventuell voran gegangenen Medikationen (Jod, Brom) intensiver zu 
fahnden, als es bisher geschehen ist 

N o b 1 (Wien). 


Ein Fall von Gangrän der Weichteile der seitlichen Thoraxwand nach 
Masern. Von K. Wunder. Münch, med. Wochenschr. 1897, p. 20. 

Bei einem 2jährigen gut genährten Kinde bildete sich vom 5. Tage der Masern 
an eine handtellergrosse Gangrän der rechten seitlichen Brustwand aus; innerhalb 8 
Tagen stiessen sich die gangränösen Teile ab, es lagen nun die Ränder des Pectoralis 
major und Latissimus dorsi, in der Tiefe das Rippenperiost frei. Einige Tage später 
musste noch ein an der gegenüberliegenden Seite des Oberarms entwickelter ober¬ 
flächlicher Absces» incidiert werden. Völlige Heilung. 

Wunder erörtert die Frage, ob die Gangrän Folge einer Thrombose der Art 
thor. longa war (das Kind pflegte auf der rechten Seite zu liegen), oder ob es sich 
um eine der Noma analoge Komplikation der Masern handle (es bestand gleichzeitig 
leichte ulceröse Stomatitis); er hält im ganzen die erste Möglichkeit für wahrschein¬ 
licher. Den Abscess am Arm glaubt er als einfache Metastase der Eiterung auffassen 
zu sollen. 

D. Gerhardt (Strassburg). 


Zur Symptomatologie und Pathologie des Rotzes beim Menschen. Von 
E. Ehr ich. Beiträge zur klin. Chirurgie, Bd. XVH, p. 1. 

Bei einem 2(3jährigen Kunstreiter entwickelte sich im Anschlüsse an einen 
lokalen Rotzprozess eine Allgemeinerkrankung unter dem Bilde von Fieber, Schmerzen, 
artikulären und periartikulären Phlegmonen an Knie, Ellenbogen und Zehengelenken, 
Pusteleruptionen auf der Haut des ganzen Körpers, die lebhaft an Variola erinnerten, 
Eiterausfluss aus der Nase und Hirnerscheinungen, an welcher der Patient am 20. Tage 
nach Beginn der Erkrankung zu Grunde ging. Verfasser hebt insbesondere ein Symptom 
von seiten der Haut hervor: Scharf begrenzte, lebhaft rote Hautpartien an Vorderarm 
und Knie, ähnlich einem Erysipel, deren Rötung nicht fortschreitet und welche auf tief¬ 
liegende Eiterung hin weisen. Anatomisch fand sich nebst diesen von Rotz herbei¬ 
geführten Veränderungen noch Hyperämie und Oedem beider Lungen, über welche 
multiple Rotzknötchen zerstreut waren, subperikardiale Blutungen, akute hämorrha¬ 
gische Nephritis und die anderen Zeichen einer allgemeinen Blutvergiftung. In dem 
Eiter aus den Gelenken sowie in dem Pustelinhalte wurden Rotzbacillen kulturell, 
nachgewiesen. Auch Tierexperimente fielen positiv aus. 

Bei der mikroskopischen Untersuchung ergab sich zunächst, dass den Haupt¬ 
bestandteil der Rotzknoten eine Ansammlung von Leukocyten nach dem Fonntypue 


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der Eiterkörperchen bildete, während die Beteiligung der epitheloiden Zellen an dem 
Aufbau überall zurücktrat. Rotzbacillen, Unna’sche Plasmazeilen fanden sich ebenso 
wie Ehrlich'sehe Mastzellen in Knuten der Haut und Lungen, letztere in grösserer 
Menge in der Umgebung der Gefässe. 

An dem ausgebildeten Rotzknoten fand Verfasser neben der von Unna 
mit Chromatotesis bezeichneten Form von Kerndegeneration noch die von 
Schmaus und Albrecht beschriebene Kernwandhyperchromatose. Die Gefäss- 
veränderungen in diesem Falle deuten darauf hin, dass es sich um eine embo- 
lische Verschleppung des Giftes handelte, und die Durchsetzung der Gefässwand 
und ihrer Umgebung mit Leukocyten und Bacillen von dem Gefässinnern aus 
erfolgte. An den Haarbälgen fanden sich nur hier und da Verbreiterung der 
äusseren Wurzelschcide und spärliche Mengen von eingewanderten Leukocyten zwischen 
den Epithelzellen, nie Rotzbacillen. In den Rotzbläschcn traf Eh rieh neben nekro¬ 
tischem Zellmaterial gut erhaltene Leukocyten wie Bacillen, aber nur sehr wenig 
Fibrin. Verfasser bezeichnet nach den Ergebnissen der histologischen Untersuchung, 
die an den innern Organen keinen primären Infektionsherd nachweisen konnte, seinen 
Fall als einen Impfrotz der äusseren Haut. 

Kreibich (Wien). 


Tuberkulin und Aktinomykose. Von Dr. P. L. Friedrich. Deutsche 
Zeitschr. für Chirurgie Bd. XLIH, p. 579 ff. 

Veranlasst durch die Mitteilung v. Eiselsberg’s über einen durch Tuberkulin 
geheilten Fall von Bauchwandaktinomykose leitete Verfasser an einer 22jährigen, mit 
Demselben Leiden unzweifelhaft behafteten Patientin die Tuberkulinbehandlung ein. 
Trotz der grossen angewandten Dosen (bis 1,0 g Tuberkulin pro dosi) wurden doch 
nie eine örtliche Reaktion und nur massige febrile Reaktionen beobachtet. Der Gesamt¬ 
zustand der Patientin sowie der Lokalprozess besserten sich ganz auffallend, letzterer 
in dem Grade, dass die Bauchwandgranulationsgeschwulst schliesslich nur noch den 
vierten Teil ihres früheren Umfanges einnahin. Um auch diesen Rest zu entfernen, 
wurde ein operativer Eingriff gemacht, hierbei der Darm verletzt; auch davon erholte 
sich die Patientin; bald darauf traten jedoch Fieber mit Schüttelfrost, Vergrösserung 
der Leberdämpfung, Schmerzen im r. Hypochondrium auf, welche nach (j Wochen 
zum Tode führten. 

Die Sektion ergab neben dem tiefgreifenden aktinomykotischen Lokalprozesse 
noch zahlreiche ältere und jüngere tuberkulöse Herde in den Lungen, einen prävesi- 
kalen Abscess sowie multiple Abscedierumren in der Leber. Das Parenchym der 
Leber war von einzelnen Fadenzügen des Pilzes durchwachsen; nirgends waren dicke 
verfilzte Anhäufungen der Mvcclien mit kolbigen Randpartien zu bemerken, ein Befund, 
welcher Verfasser mit Rücksicht auf das Zusammentreffen desselben mit der akut 
einsetzenden und nach ü Wochen zum Tode führenden Leberaffektion veranlasst, die 
kolbigen Bildungen am Rande der Drüsen als Involutionsformen zu deuten. 

Friedrich zieht aus dieser Beobachtung folgende Schlussfolgerungen: 

1. Das Tuberkulin als Heilmittel der Aktinomykose zu erachten, ist 
durch nichts sicher erwiesen. In diesem Sinne gedeutete Heilungsvorgänge 
müssen als spontane Ausheilung betrachtet werden. Auch reichliche Ver¬ 
abfolgung des Mittels vernichtet weder die Krankheitskeime, noch macht 
sie den Organismus des Trägers widerstandsfähiger. 

2. Das Tuberkulin wird bei allmählich durchführter Gewöhnung an 
das Mittel selbst bis zu Dosen von 1 g gut vertragen. 

3. Die sogenannte febrile Reaktion nach Tuberkulininjektionen bei 
Aktinomykose konnte im vorliegenden Falle auf die Aktinomykose nicht 
bezogen werden, da sich bei der Obduktion in den Lungen reichliche 
tuberkulöse Herde vorfanden. Eine „örtliche Tuberkulinreaktion“ liess sich 
nicht feststellen. 

Kreibich (Wien). 


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Ueber Aktinomykose. Von Dr. A. Habel. Ans der inediz. Universitäts¬ 
klinik des Prof. Dr. H. Eichhorst in Zürich. Virch. Archiv f. path. 
Anat. u. Physiologie und für klinische Medizin, Bd. CXLVT, 1. 

Verfasser berichtet über fünf innerhalb der letzten Jahre an der Züricher 
medizin. Klinik beobachtete Fälle von Aktinomykose. Der erste Fall betrifft eine 
40 Jahre alte Seiden Weberin, mit Tuberkulose hereditär wahrscheinlich belastet. Beginn 
der Erkrankung im Anschluss an eine Erkältung; es tritt Husten und Abmagerung auf. 
Befund 3 Monate später; linksseitige Spitzcndärnpfung, rauhes Atmen, pfeifende Rassel- 

f eräusche; beginnende Pericarditis. Diese nimmt zu, es entwickelt sich rechtsseitige 
leuritis, abendliche Temperatursteigerungen, Diarrhöen, Oedem, Exitus nach weiteren 
4 Wochen. Im Sputum keine Tuberkolbacillen, keine Aktinomyceskörnchen. Ne- 
kropsie: Verdichtungen des linken Oberlappens, die aus dicken von Eiter durch¬ 
setzten Faserzügen bestehen; im Eiter Aktinomyceskörnchen nachweisbar. Diese 
Faserzüge gehen auf Pleura und Pericard über. Zwischen beiden Pericardblättern 
viele Eiterherde. Herzbasis und die grossen Gefässe umfasst ein maschigee 
Gewebe, das in die Vena cava sup. eindringt. Auf der innern Fläche beider Pleura¬ 
blätter zahlreiche Knötchen. In diesem Falle ist die Aehnlichkeit des klinischen 
Verlaufes mit dem bei Tuberkulose hervorzuheben. 

Im zweiten Falle handelte es sich um eine 23jährige Fabrikarbeiterin, die 
hereditär tuberkulös belastet war. Zunächst Auftreten eines Abscesses im rechten 
Intereostalraum. Die Operation ergibt, dass die vermutete Rippencaries fehlt. Drei¬ 
vierteljahre später Erkrankung unter katarrhalischen Erscheinungen. Befund: Rechts¬ 
seitige Spitzeninfiltration mit Pleuritis. Rapider Verlauf. Exitus nach 14 Tagen. 
Sektion: Verwachsung des retrosternalen Bindegewebes mit dem Sternum, Ver¬ 
wachsung der Pericardblätter untereinander und mit dem Pleura; Verwachsungen 
des Zwerchfells mit der Leber. In dem diese Verwachsungen bildenden Bindegewebe 
Eiter mit Aktinomyceskörnchen. Im Sputum w T aren weder Tuberkelbacillen noch 
Aktinomyceskörnchen zu finden gewesen. Auch dieser Fall musste klinisch als Tuber¬ 
kulose imponieren. Die klinisch primäre Abscedierung im rechten 6. Intercostal- 
raum lässt es nach Verfasser wahrscheinlich erscheinen, dass das Mediastinum zuerst 
erkrankt war. 

Der dritte Patient erkrankte zunächst unter dem Bilde einer Paratyphlitis, die 
als aktinomykotische nach eingetretener Fistelbildung und Operation agnosciert werden 
konnte. Schon damals waren nicht nur im Eiter des paratvphlitischen Abscesses, 
sondern auch im Sputum Aktinomyccskörner nachweisbar. Vier Jahre später erkrankt 
der Patient an beiderseitiger Lungeninfiltration, linksseitiger Pleuritis und Laryngitis. 
Rascher Verfall. Sektion ergibt Aktinomykose beider Lungen neben Veränderungen, 
die auf Tuberkulose zu beziehen sind. (Zuletzt waren im Sputum nur mehr 
Tuberkelbacillen, keine Aktinomykosekörner zu finden gewesen.) Im rechten Leber¬ 
lappen ein aktinomykotiseher Tumor. In diesem Fall ist neben der jahrelangen Dauer 
die Mischinfektion von Tuberkulose und Aktinomykose hervorzuheben. 

Auch im vierten Fall war zunächst eine „Blinddarmentzündung“ aufgetreten. 
Sechs Jahre später erkrankte die 45jährige Patientin an rechtsseitiger Pleuritis, an 
die sich eine rasch letal verlaufende Peritonitis anschliesst. Die Sektion ergibt rechts¬ 
seitige Pleuritis, eitrige Peritonitis und einen linksseitigen subphrenischen Abscess, 
ferner einen Leberabscess und Eiterherde in den Ovarien. Im Eiter Aktinomykose¬ 
körner. Der Fall wird vom Verfasser als primäre Genitalaktinomykose aufgefasst. 

Im letzten Falle endlich, der einen 53jährigen Steinhauer betraf, begann die 
Erkrankung unter dem Bilde eines Bronchialkatarrhes. Vier Wochen später trat 
rechts eine zunächst auf eine Pleuritis bezogene Dämpfung auf; da die Percussion 
auffallende Härte der Thoraxwaud zeigt, wird an einen Tumor gedacht. Später aus¬ 
geführte Probepunktion ergibt vorne eitriges, hinten seröses Exsudat. Operation 
(über die nichts Näheres angeführt ist); einige Wochen später Exitus. (Im Sputum 
und Eiter keine Tuberkelbacillen.) Sektion: Multiloculäre eitrige Pleuritis, Perforation 
in das Abdomen, eitrige Peritonitis etc. Im Eiter Aktinomyceskörner. Auch in 
diesem Falle ist die Aehnlichkeit im Krankheitsverlaufe mit dem bei Tuberkulose 
sehr auffallend. 

Verfasser weist schliesslich darauf hin, dass hereditäre Belastung mit 
Tuberkulose, resp. Mischinfektion mit Tuberkulose in mehreren seiner Fälle 
bemerkenswert seien. Auch die Pseudoaktinomykose und Pseudotuberkulose 


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werden in ihrer Beziehung zur Aktinomykose mit einigen Worten erwähnt 
Jedenfalls geht auch aus des Verfassers Fällen hervor, dass die sichere 
Diagnose auf Aktinomykose nicht klinisch, sondern nur durch mikroskopische 
Untersuchung gestellt werden kann. 

J. Schnitzler (Wien). 

Contribnto all 9 eziologia della porpora emorragica. Del Dr. Giovanni 
Guicciardi, Modena. Giornale italiano deile malattie venereel e della 

pelle, Fascic. H, XXXII. 

Ein auf die dermatologische Klinik (Prof. Marian eili) in Modena aufgenom¬ 
menes öjähriges Mädchen zeigte an den unteren Extremitäten die Symptome einer 
Purpura haemorrhagica. Das Exanthem erfährt während einigen Wochen Nachschübe. 
Die histologische Untersuchung excidierter Hautpartien konnte keinerlei Anhalts¬ 
punkte für die Anwesenheit von Mikroorganismen liefern. Unter aseptischen Kau- 
telen entnommene Blutproben bis zu dem Quantum von 3 ccm, letztere mittelst 
Venaesection vom Arme gewonnen, wurden auf Gelatine, Glyceringelatine und Agar¬ 
glycerin exponiert. Die Entnahme der Blutproben wurde zu wiederholten Malen vor¬ 
genommen. Unter 6 Kulturversuchen lieferten 5 ein positives Ergebnis. Stets kam ein 
sich auf allen Nährboden gleich verhaltender Mikroorganismus zur Auskeimung, welcher 
sich in Form weisser, das Nährsubstrat verflüssigender Kolonien präsentierte und eine 
bei 36 bis 37° rasche Vegetation bekundete. Mikroskopisch zeigten die kleinsten 
rundlichen Coccen Eigenbewegung und Neigung zu Haufenbildung. Unter den 
Tinctionsmethoden erwiesen sich die Mikroorganismen dem Gram'schen Verfahren un¬ 
zugänglich; an Hunden und Kaninchen ausgeführte Impfversuche fielen negativ aus. 

Verfasser möchte die Mikrobe als eine Abart des Staphylococcus pyogenes 
albus ansprechen, welche sich jedoch Tieren gegenüber nicht pathogen erweist. Ueber 
die ätiologische Beziehung des Pilzes zur Purpura ist kein sicheres Urteil zu fällen. 

G. Nobl (Wien). 

Leg dermatoses arsenicaleg. Par le Dr. J. Möneau (de la Boubroule). 
Annales de Dermatologie et de Syphiligraphie, Tome VIH, Nr. 4. 

Eine übersichtliche Zusammenstellung aller Formen der Haudäsionen, 
welche bei Arsenintoxikation zu stände kommen. Akute Arsenintoxikationen 
bei äusserer Applikation von Arsenpräparaten kommen nicht häufig vor, zu¬ 
meist noch bei berufsmässiger Beschäftigung mit arsenhaltigen Droguen. Als 
hierbei auftretende Dermatosen werden papulöse, pustulöse und bullöse Erup¬ 
tionen verzeichnet Bei interner Medikation geht die akute Arsenvergiftung 
häufig mit Alterationen der allgemeinen Decke einher, welche sich als schup¬ 
pende Erytheme, papulöse, vesiculöse, bullöse und gangränöse Ausschläge 
präsentieren. Die gangränösen Veränderungen pflegen sich besonders häufig 
an den Genitalien zu lokalisieren. 

Für den chronischem Arsenicismus bilden die Schleimhäute als auch 
das äussere Integument häufig attaquierte Angriffsgebiete. Bei professionellen 
Intoxikationen entwickeln sich sowohl lokale als auch verbreitete eczematöse, 
häufiger erythematöse und vesiculöse Eruptionen, ferner oft tiefgreifende Ulce- 
rationen, welche bei ihrer Prädilektionsstelle am äusseren Genitale besonders 
den venerischen Erkrankungen gegenüber ein differentialdiagnostisches Inter¬ 
esse bieten. Der medikamentöse Arsenicismus hat meist Pigmentation zur 
Folge, geht aber auch mit desquamativen Erythemen, papulösen, petechialen 
Exanthemen, Urticaria und Oedemen einher. Ausserdem kommen häufig 
herpetische Eruptionen an den Lippen, Genitalien, Herpes zoster, bullöse Aus¬ 
schläge und Keratodermien zur Wahrnehmung. Eine Alteration der all¬ 
gemeinen Decke wird gelegentlich auch bei dem Gebrauche arsenhaltiger 
Thermalbäder konstatiert G. Nobl (Wien). 


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Pachydermie im Anschluss an habituelles Gesichtserysipel. Von E. P. 

Friedrich. Münchner med. Woch. 1897, No. 2. 

Verfasser hat 3 Fälle eigener Beobachtung und 3 Fälle aus der Lite¬ 
ratur zusammengestellt, bei welchen im Anschlüsse an häufig recidivierendes 
Erysipel elephantiastische Verdickungen der Gesichtshaut zurückblieben. Als 
Ursache dieser Folgezustände nimmt er an, dass die Lymphgefässe durch 
Ansammlung von Erysipelcoccen verlegt werden, wodurch es zur Entwicklung 
eines lymphatischen Oedems und analoger Vorgänge komme, wie bei der 
Elephantiasis arabum, die auch bisweilen durch Verstopfung der Lymphgefässe 
mit Filaria sanguinis entstehe. Der Sitz der Erysipele erklärt die Lokalisation 
der Verdickungen an Augenlidern, Wangen, Oberlippe und Nasenwurzel. 
Letztere bezeichnet Autor als diagnostisches Kennzeichen für eine im Ent¬ 
stehen begriffene Pachydermie nach habituellem Erysipel 

Kreibich (Wien.) 


Ueber einen mit Lymphocytose einhergehenden Fall von Sarcoma mul¬ 
tiplex cutis. Von G. Dieballa. Wiener klinische Wochenschrift 1897, 
Nr. 22. 

Bei einem 53 jährigen Fuhrmann entwickelten sich im Verlaufe eines Jahres 
ungemein zahlreiche erbsen- bis nussgrosse bläuliche, derbe rundliche Knoten in der 
Haut des Rumpfes und der Extremitäten. Die Lymphdrüsen sämtlicher Körper¬ 
regionen sind haselnuss- bis wälschnussgross geschwellt. 

Die mikroskopische Untersuchung der Knoten und Lymphdrüsen ergibt, dass 
man es mit einem nicht sehr typischen Fall von Sarcoma multiplex idiopathicum 
pigmentosum Kaposi zu thun hat. Der Patient starb, die Nekroskopie konnte nicht 
gemacht werden. 

Von besonderem Interesse ist das Resultat der Blutuntersuchung. Es fand 
sich eine beträchtliche Vermehrung der weissen Blutkörperchen (bis 34000 im mm 3 ), 
die sich nur auf die einkernigen Elemente beschränkte. Die grossen mononucleären 
Formen waren in verschwindend geringer Anzahl vorhanden. Die Hauptmasse be¬ 
stand aus kleinen und grossen Lymphocyten und zahlreichen Uebergangsformen. 

Die mononucleäre Beschaffenheit der bei Sarkomkranken vorkommenden 
Leukocytose scheint dafür zu sprechen, dass sie durch Hereingelangen von 
Zellelementen des Neugebildes oder der affizierten Lymphdrüsen in die Blut¬ 
bahn entstehen kann. 

Eisenmenger (Wien). 


Ein Fall von Pseudoleukamie mit specifischer Erkrankung der Haut. 

Von Th. Pfeiffer (Klinik Kraus). Wiener klinische Wochenschrift 1897, 
Nr. 23. 

Bei eiuem 56jährigen, kräftigen Manne mit beträchtlicher Schwellung zahl¬ 
reicher Lymphdrüseu verschiedener Körperregionen, bedeutender Vergrösserung der 
Milz und Intumescenz der Leber bei normaler Zahl der weissen Blutkörperchen und 
mässiger Anämie fanden sich in der Haut der Nase, der Stirn, des Kinnes, der 
Kieferwinkel und der oberen Brustpartie diffuse Infiltrationen, in der Gegend der 
Mammillae circumsoriptere Knoten. 

Aus dem Tumor der linken Mamma wurde ein keilförmiges Stück excidiert. 
Die histologische Untersuchung ist ausführlich mitgeteilt und entspricht einer Pseudo- 
leukaemia cutis. Der Verlauf war ein sehr chronischer; nach 8 Monaten war der 
innere Befund wenig geändert, die Hautiufiltrationen dagegen hatten ziemlich stark 
zugenommen. 

Eisenmenger (Wien). 


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Prime richerche sulla tossicitä urinaria in alcnne dermatosi. Par il 

dott. P. Colombini (Istituto dermosifilopatico della regia Universita di 
Siena, Prof. Barduzzi.) Giornale italiano delle malattie veneree e della pelle, 
1897, Fascic. HL 

Verfassers 63 Experimente beziehen sich auf gesunde und mit ver¬ 
schiedenen Dermatosen behaftete Individuen und zeitigten die nachstehenden 
Ergebnisse: 1. Der Harn von mit Eczema madidans rubrum behafteten Per¬ 
sonen weist eine fast halb so grosse Toxicitat auf als die Absonderung von 
gesunden. 2. Tieren injicierter Eczem-Harn provoziert Erscheinungen all¬ 
gemeiner Depression: Somnolenz, Coma, leichte Krämpfe, Lähmung der Ex¬ 
tremitäten, Myosis, Hypothermie. 3. Bei Heilung des Exanthems verschwindet 
meist auch die verminderte Toxicität des Harns. 4. Diese Verminderung der 
Urintoxicität wird auf Elimination der Toxine durch die entzündete und secer- 
nierende Haut bezogen. 5. Als wahrscheinlich sei hinzustellen, dass das 
Eczem selbst das Produkt der allzustarken Elimination der Gifte des Orga¬ 
nismus durch die Haut sei. 6. Bei Hautaffektionen, welche das normale 
Ausscheidungsvermögen der allgemeinen Decke alterieren (diffuses papulöses 
Eczem, Ichthyosis) ist die Toxicitat des Harns erhöht. Solcher Urin er¬ 
zeugt bei den Versuchstieren heftige allgemeine Krämpfe, Exophthalmus und 
Myose, Hypothermie. Bei Besserung der Hautalteration nimmt die Harn- 
toxicität ab. 7. Diese Thatsachen beweisen die Wichtigkeit der Haut als 
Eliminationsorgan der Körpergifte und zeigen, wie sehr man danach trachten 
muss, ihre normale Funktion zu erhalten. 

G. Nobl (Wien). 


Un cas d’arthroblenorrhagisme avec troubles trophiques. Von Jacquet 
et Ghika. Sociötö mödicale des höpitaux de Paris, Jan. 1897. — An- 
nales de Dermatologie, Bd. VIII, Nr. 7, Juli 1897. 

Jacquet und Ghika berichten die Krankengeschichte eines 27jährigen 
Mannes, der sechs Gonorrhoen hatte, die fünfmal mit akutem Rheumatismus von immer 
schwererer und hartnäckigerer Form kompliziert waren; bei den letzten drei Malen 
kamen hornige Wucherungen der Haut hinzu, bei der letzten Gonorrhoe erst nach 
vollständigem Verschwinden des Fiebers und Nachlassen der Schmerzen. An den 
Händen traten die hornigen Gebilde in Gestalt einer dicken Masse in der Nähe der 
Nägel auf, an den Füssen als Verdickung der Fusssohlen, die rissig und schuppig 
sind, stellenweise mit isolierten oder confluierenden Hornkegeln in der Nachbarschaft 
der Druckpunkte bedeckt. Die Nägel sind fast sämtlich verdickt und deformiert; 
einer ist abgefallen mit Hinterlassung einer blutenden papillomatösen Fläche. 

Die Arthropathieen hatten in diesem Falle wie in den von Vidal und 
Jeanselme mitgeteilten die Neigung, sich allgemein zu verbreiten und zu 
Deformitäten zu führen; die Patellarreflexe waren verändert, teils erhöht, teils 
abgeschwächt, was die Hypothese einer trophisehen Störung stützt. Auch die 
Analogie mit gewissen Hyperkeratosen, die augenscheinlich auf nervöse 
Störungen zurückzuführen sind, das Aussehen der Efflorescenzen und das 
symmetrische Auftreten sprechen nach Ansicht der Verfasser für einen tro- 
phischen Ursprung. 

J. Schäffer (Breslau). 


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Ueber weitere Erfahrungen mit Ichthalbin. Von A. Sack. Monats¬ 
hefte für praktische Dermatologie, Bd. XXV, Nr. 8, 1897. 

Sack empfiehlt zum innerlichen Gebrauch an Stelle des Ichthyols das Ich¬ 
thalbin, eine aus dem Ichthyol hergestellte, chemisch wohlcharakterisierte Eiwei߬ 
verbindung. Es wird ohne jede Belästigung vertragen, zumal es vom Magen aus 
nicht resorbiert wird und erst im alkalischen Dannsaft in seine Komponenten zerfällt, 
wobei eine vollständige Ausnützung des „nascierenden“ Ichthyols gewährleistet wird. 
Unter den allgemeinen Wirkungen hebt der Verfasser hervor die Beeinflussung aller 
mit Gefässdilatation einhergehenden Entzündung*- und Exsudationsvorgänge, die 
Regelung der Peristaltik, die Anregung des Appetits und die Erhöhung des Körper¬ 
gewichts. Das Präparat ist daher auch für Hautkrankheiten geeignet, besonders für 
die mit Darmstörungen einhergehenden Dermatosen reflektorischen Charakters, wie 
die Urticaria ex ingestis, Pruritus partialis ohne anatomische Grundlage, bei dem sog. 
Lichen scrophulosus der schlecht genährten Kinder. Das Ichthalbin wird bis zu 4 g 
gegeben. 

J. Schaffer (Breslau). 


C. Verdauungskanal. 

a) Magen. 

Operativ© Behandlung der Magenperforation. Von Dr. Le Den tu. 

Gazette des höpitaux 1897, Nr. 57. 

Verfasser berichtet über einen mit Erfolg operierten Fall, bei dem 
12 Stunden vorher ein an der vorderen Magen wand (nahe dem Pylorus) 
sitzendes Geschwür perforiert war. Die Diagnose schwankte, da Perforations¬ 
peritonitis eclatant war, nur zwischen der Annahme eines perforierten 
Proc. vermiformis und Magenperforation. Letztere fand sich. Wegen der 
Lage der Oeffnung und eintretenden Collapses musste von der Naht der 
Perforationsstelle abgesehen und Tamponade nebst Drainage des Bauches 
ausgeführt werden. Verfasser bespricht kurz die Diagnose der Perforations¬ 
peritonitis, als deren wichtigste Symptome er Zeichen des Collapses (kleiner, 
schneller Puls, kühle Extremitäten), Verschwinden der Leberdämpfung und 
Spannung der Bauchdecken angibt. Stets soll bei Perforationsperitonitis 
möglichst rasch, nachdem der primäre Collaps durch Excitantia beseitigt ist, 
operiert werden. Jul. Schnitzler (Wien). 

Die chirurgische Behandlung des chronischen Magengeschwürs. Von 

J. Mikulicz. Berl. klin. Wochenschrift 1897, Nr. 23—26. 

In lichtvoller, scharf präzisierter Darstellung gibt der um die Chirurgie 
des Magens so verdiente Chirurg in dieser Arbeit den Inhalt seines auf 
dem diesjährigen Chirurgenkongress gehaltenen Vortrags wieder. Er unter¬ 
scheidet mit Rücksicht auf die Frage eines chirurgischen Eingriffs scharf 
zwischen dem „unkomplizierten Magengeschwür“ und dem durch Pylorusstenose 
bezw. durch Bildung von Sanduhrform, durch Verwachsungen mit der Nach¬ 
barschaft — besonders mit der vorderen Bauchwand — ferner durch profuse 
Blutung oder durch Perforation „komplizierten Magengeschwür“. 

Nach den verschiedenen Statistiken sterben ca. 25—30 % aller Ulcus- 
patienten an direkten oder indirekten Folgen der Krankheit. Unter 238 in 
den Jahren 1886—97 wegen Ulcus ohne „schwere Komplikationen“ (Blutung, 
Perforation) operierten Patienten starben 52 = 21,8°/ 0 ; von den seit dem 
Jahre 1891 operierten Patienten starben nur 16,1%; die letzten 18 von 


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Mikulicz wegen Ulcus oder anderer gutartiger Magenaffektionen operierten 
Patienten sind sämtlich genesen. Also „ist die Lebensgefahr, in welcher sich 
ein Kranker mit offenem Magengeschwür befindet, zum mindesten nicht ge¬ 
ringer, höchst wahrscheinlich erheblich grösser, als die Gefahr, welcher wir 
heutzutage den Kranken durch eine technisch vollendete Operation aussetzen“, 
doch „dürfen wir nicht vergessen, dass die chirurgische Behandlung erst dann 
in Frage kommt, wenn die interne Therapie versagt“. Die Rückbildung der 
motorischen und häufig auch der sekretorischen Funktionsstörungen des 
Magens nach der Operation von narbigen oder uleerösen Pylorusstenosen ist 
bekannt; aber auch bei Fällen von offenem Geschwür ohne Stenose berech¬ 
tigen die wenigen bisher operierten Fälle nach den Erfahrungen von Cahn- 
Lücke, Küster, Mikulicz, Hofmeister, Klausner, Doyen, Carle zu 
den besten Hoffnungen. Dabei ist es nicht immer nötig, dass das Geschwür 
selbst excidiert wird, sondern es genügt in vielen Fällen, eine Erleichterung 
des Abflusses des Mageninhaltes in den Darm durch Pyloroplastik oder 
Gastroenterostomie, um alle Erscheinungen des Ulcus zum Schwinden zu 
bringen. 

Mikulicz illustriert die Berechtigung dieses Satzes des genaueren an 
4 von ihm selbst operierten Fällen, in welchen auch die Hyperacidität einige 
Zeit nach der Operation einer normalen Sekretion Platz machte. 

Unter den Methoden, welche den Abfluss des Mageninhaltes in den 
Darm erleichtern, bevorzugt Mikulicz die Pyloroplastik gegenüber der Gastro¬ 
enterostomie, jedoch nur dann, wenn erstere technisch leicht ausführbar ist, 
d. h. wenn der Pylorus frei beweglich und seine Wand weich und nach¬ 
giebig ist Mikulicz gibt der Pyloroplastik da, wo sie leicht ausführbar ist, 
gegenüber der Gastroenterostomie deshalb den Vorzug, weil sie ungefährlicher 
ist als diese, vor allem aber deshalb, weil bei den Gastroenterostomieen zu¬ 
weilen eine rückläufige Strömung des in den Darm getretenen Mageninhaltes 
auf dem Wege der zuführenden Darmschlinge in den Magen zurück nicht 
verhindert werden kann, wenn nicht — wie dies Mikulicz bei atonischen 
Mägen von vornherein prinzipiell durchgeführt wissen will — gleichzeitig 
mit der Gastroenterostomie eine Enteroanastomose nach Braun-Jaboulay 
angelegt wird. 

Mikulicz verlangt allerdings, dass die Incision bei der Pyloroplastik 
genügend gross, d. h. 5—6 cm breit, angelegt wird. 

Bei der Operation von Stenoseü am Pylorus, Duodenum oder am 
Magenkörper bevorzugt Mikulicz, wenn keine Contraindikationen vorliegen 
(Verwachsungen, Verdickungen oder Elastizitätsverlust der Wand), gleichfalls 
die Pyloroplastik, bezw. Gastro- oder Duodenoplastik gegenüber der Gastro¬ 
enterostomie bezw. Gastroanastomose. Die Resectio pylori oder die segmentäre 
bezw. sektoräre Resektion des Magens hält Mikulicz nur in Fällen von 
Carcinom für absolut indiciert. „Wir werden die einfache Excision des Ge¬ 
schwürs nur unter besondere günstigen Verhältnissen oder aus besonders 
triftigen Gründen vornehmen. So wird ein kleines Geschwür an der 
vorderen Magenwand sich sehr leicht excidieren lassen, ... es wird von den 
sonstigen Umständen, insbesondere von dem Verhalten des Pylorus abhängen, 
ob wir der Excision des Geschwüres noch die Gastroenterostomie oder die 
Pyloroplastik hinzufügen. Für Fälle von bedeutender Pylorusenge ist jeden¬ 
falls eine Kombination von Excision und einer der zwei eben genannten 
Operationen ins Auge zu fassen.“ Eine strikte Indikation für die Excision 
des Geschwüre sieht Mikulicz ferner dann, wenn feste, derbe Verwachsungen 
des Geschwüre mit der vorderen Bauchwand mit Infiltration derselben vor- 


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liegen. Bei lockeren Verwachsungen zwischen dem Magen und seiner Um¬ 
gebung, welche oft zu cardialgischen Zuständen führen, hält Mikulicz die 
Lösung derselben (Gastrolysis) für richtig. 

Beim Eintritt einer Perforation befürwortet Mikulicz, selbst wenn die 
Diagnose nicht ganz sicher steht, ein rasches chirurgisches Eingreifen, denn 
die Chancen der Operation sind viermal günstiger, wenn diese in den ersten 
12 Stunden nach dem Eintritt der Perforation erfolgt, als später. Bei fest¬ 
gestellter Diagnose soll man nicht zu lange warten, bis etwa der Collaps 
vollständig verschwindet, denn es könnte da allzuoft Vorkommen, dass der 
dem ersten Shock folgende Collaps unmittelbar in den die Agone einleitenden 
übergeht.“ Von 68 in den Jahren 1894—1896 incl. wegen Ulcus ventri- 
culi perforatum operierten Patienten starben 36 = 52,94 °/ 0 . Für die operative 
Behandlung der chronisch eitrigen Perigastritis nach Ulcus ventriculi lassen 
sich bis jetzt noch keine allgemein gültigen Grundsätze aufstellen. 

Profuse Blutungen geben nur eine relative Indikation für ein chirurgi¬ 
sches Eingreifen ab, da die Verhältnisse nur selten für eine etwaige Unter¬ 
bindung des blutenden Gefässes günstig liegen, dagegen soll bei chronisch 
recidi vieren den kleinen Blutungen, welche zu schweren Formen sekundärer 
Anämie führen, operativ vorgegangen werden. 

Nach einem Hinweis auf die Schwierigkeiten, welche die differentiell 
diagnostische Abgrenzung des Ulcus ventriculi unter Umständen gegenüber 
dem Carcinom, sowie gegenüber den Affektionen der Gallenblase und der 
Gallenwege, ferner gegenüber einfachen Adhäsionen, der Hernia epigastrica, 
dem Duodenalgeschwür, der einfachen Gastralgie, besitzt, kommt Mikulicz 
zu dem Schluss, dass die chirurgische Behandlung des offenen, nicht kom¬ 
plizierten Magengeschwürs ins Auge zu fassen ist, wenn 

1. Erscheinungen auftreten, die das Leben des Kranken direkt oder 
indirekt bedrohen (häufige Blutungen, zunehmende Abmagerung, 
beginnende eitrige Perigastritis, Verdacht auf Carcinom), 

2. wenn eine konsequente, eventuell wiederholte kurmässige innere 
Behandlung keinen oder nur kurz dauernden Erfolg gibt, und 
der Kranke somit durch schwere Störungen: Schmerzen, Erbrechen, 
Dyspepsie, in der Arbeitsfähigkeit oder dem Lebensgenuss schwer 
beeinträchtigt ist. . . . „In der Praxis werden wir jedes Mal das 
Für und Wider genau erwägen müssen; die persönliche Erfah¬ 
rung des beratenden inneren Arztes wird hier ebenso in die 
Wagschale fallen, wie das persönliche Können des zu Rate ge¬ 
zogenen Chirurgen.“ 

H. Strau ss (Berlin). 


Erfahrungen au» dein Gebiete der Magenchirurgie. Von Carl Lauen¬ 
stein. Deutsche Zeitschrift f. Chirurgie Bd. XLIV, Heft 3 u. 4, 1896. 

Lauen stein bringt in diesem Aufsatz eine Zusammenstellung aller 
bisher von ihm ausgeführten Magenoperationen und zwar 18 Pylorektomien 
wegen Carcinom (davon 12 +), 3 Fälle von Pyloroplastik (davon 2 f an 
Nahtlösung), 38 Fälle von Gastroenterostomie (mit 13 f) und 1 Fall von 
Gastroanastomose wegen Sanduhrmagen nach Ulcus (Heilung). Er befür¬ 
wortet in Fällen von Pförtnerstenose am meisten die Gastroenterostomie als 


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das schonendste Verfahren und möchte die Pylorusresektion einschranken, 
nur auf die allergünstigsten Fälle von Pyloruscarcinom bei kleinem circum- 
scriptem Tumor ohne nachweisbare Drüsenerkrankung. Bei narbigen Pförtner¬ 
stenosen mit nicht allzu starrer Wandung und ohne Fixation des Pylorus 
an die hintere Bauchwand oder die untere Leberflache tritt die Heineke- 
Mikuliez’sche Pyloroplastik in ihr Recht Einmal hatte Lauenstein Gelegen¬ 
heit, eine Magendünndarmfistel anzulegen bei Ulcus ventriculi ohne Stenose¬ 
erscheinungen und sah von dem Eingriffe einen ausgezeichneten Erfolg. Für 
manche Fälle von Ulcus mit hochgradigen Beschwerden empfiehlt er lange 
und konsequent durchgeführte, ausschliessliche Mastdarmernährung, die nach 
seiner Meinung bisher immer noch nicht genügend gewürdigt werde. 

Bezüglich näherer Details der in einer beigefügten Tabelle übersichtlich 
angeordneten Fälle muss auf das Original verwiesen werden. 

Marwedel (Heidelberg). 

Ein durch ein Magengeschwür hervorgerufenes Magendivertikel, das 
eine Neubildung vorgetauscht hat. Von Prof. Kolaczek in Breslau. 
MitteiL aus den Grenzgebieten der Medizin und Chirurgie, Bd. I, Heft 2, 
1896. 

Ein 45 Jahre altes Landmädchen kam wegen einer in der Magengend sitzen¬ 
den Geschwulst, die seit 3 Jahren bestehen sollte, in Behandlung. Seit 6 Jahren 
litt sie an Magenkrämpfen, selten war Erbrechen, nur einmal Blutbrechen aufgetreten. 
Hauptbeschwerden nach Nahrungsaufnahme. Hochgradige Abmagerung und Blut¬ 
armut. — Am linken Rippenbogen ein unbeweglicher Tumor, auf Druck empfindlich, 
von der Grösse eines Hühnereies. Da bei künstlicher Füllung des Magens der Tumor 
mit nachweisbarer Verschiebung der grossen Kurvatur seine Lage nicht änderte, wurde 
die kleine Kurvatur als Sitz angenommen. Per exclusionem kam Verfasser zu der 
Diagnose eines ulcerierten, mit der Umgebung später verwachsenen Leiomyoms. 
Bei der Operation fand sich ein dem oberen Abschnitt der vorderen Magenwand 
angehörender Tumor in der Nähe der Cardia, der über die kleine Kurvatur hinweg¬ 
ging und sowohl mit dem Rippenbogen, als mit dem Pankreas verwachsen war. Der 
Tumor wurde entfernt. Der Heilungsverlauf war ein ungestörter. Patientin hat 
sich später als vollkommen geheilt wieder vorgestellt. 

Der Tumor präsentierte sich als 2: (5 cm grosses Stück Magen wand mit wall¬ 
nussgrosser Divertikelhöhle. Die Schleimhaut kleidet die Innenfläche nicht aus. Die 
Höhlen wand ist geschwürig. Die Wandung des Divertikels besteht aus bis zu 1 cm 
dicker, hyperplastischer Muskularis. 

Nach Kolaczek’s Ansicht handelt es sich um ein ..Tractionsdivertikel infolge 
eines zur Perforation tendierenden, aber vor derselben durch Verwachsung der 
Magen- mit der Bauchwand bewahrten runden Magengeschwürs 44 . 

R. Heiligenthal (Tübingen). 

Lea stönoses pyloriques dans leurs rapports avec Phyperchlorhydrie. 

Von Carle et Fantino. La Semaine Mödicale 1897, Nr. 34. 

Den Erörterungen über die Wechselbeziehungen zwischen Magenektasie, 
Hyperacidität des Magensaftes und Pylorusspasmus liegen 84 Fälle zu Grunde, 
welche von Carle u. Fantino im Ospedale Mauriziano in Turin operiert 
worden sind. Darunter fanden sich 41, bei denen ohne einen malignen 
Tumor hochgradige Stauung des Mageninhaltes sich fand. Nur 3 Ursachen 
können dafür verantwortlich gemacht werden, entweder ein direktes Hindernis 
am Pylorus, oder Atonie der Muskulatur oder spastische Kontraktur des 
Pförtners. Bei einigen Patienten nun konnte man die ersten beiden Gründe 
aus verschiedenen Ursachen ausschliessen, und es blieb nur übrig, einen 
Spasmus des Pylorus als kausales Moment anzunehmen. Viele Kliniker 


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machen die Hyperacidität für diesen Spasmus verantwortlich, eine Hypothese, 
welche in der That in experimentellen und physiologischen Thatsachen 
eine Stütze zu finden scheint (z. B. Pylorusverschluss während physiologischer 
HCl Ausscheidung). Indessen sei doch in der grössten Mehrzahl der Fälle 
nach Ansicht des Verfassers der Spasmus das Primäre, der allerdings 
wiederum durch die Hyperacidität verschlimmert werde. Denn beseitige man 
in solchen Fällen operativ (Pyloroplastik oder Gastroenterostomie) die Wirkung 
des Spasmus, so schwinde damit auch die Hyperacidität, was nicht denkbar 
wäre, wenn die letztere ein selbständiges Leiden wäre. Ohne Operation 
bildet sich durch den andauernden Krampf des Pylorus auch eine Ver¬ 
dickung des Verschlussringes und seiner Umgebung (Peripyloritis). Die 
beginnenden Fälle seien sehr wohl der inneren Therapie zugänglich, bei vor¬ 
geschrittenen sei die Operation, digitale Dilatation, Pyloroplastik oder Gastro- 
enteroanastomose, indiziert; die Erörterung der Frage, welche der drei Methoden 
zu wählen sei, bildet den Schluss der Arbeit 

Rudolf Meyer (Breslau). 

Die Diagnose des Magencarcinoms aus Spülwasser und Erbrochenem. 

Von Reineboth. Deutsch. Arch. für klin. Med., Bd. LVIH, p. 62. 

Reineboth empfiehlt in den Blutgerinnseln, die sich im Spülwasser 
bei Magencarcinom häufiger finden, nach charakteristischen Geschwulstpar¬ 
tikelchen zu suchen. In zwei Fällen (von fünf untersuchten) wurden in den 
in Alkohol gehärteten und geschnittenen Präparaten einmal sichere Krebs¬ 
zellennester (Plattenepithelkrebs), das andere Mal Krebszellenschläuche (Cylinder- 
epithelkrebs) gefunden. Um Drüsenausführungsgänge concentrisch angeordnefce 
normale Drüsenzellen können ähnliche Bilder Vortäuschen. Makroskopisch 
fallen an Geschwulstpartikelchen kleine braune Punkte (Nekrosen mit Blutung) 
auf. Da Geschwulstpartikelchen nur bei exulceriertem Tumor zu erwarten 
sind, erscheint ihre Auffindung für die Frühdiagnose des Magencarcinomes 
nicht von wesentlicher Bedeutung. 

Wilhelm Schlesinger (Wien). 

Des rdtrdcissements du pylore d’origine liöpatique. Von Tuffier et 
Marchais. Revue de Chirurgie 1897, H. 

Tuffier hatte zweimal Gelegenheit, Pylorusstenosen, die durch Schwielen 
und Narben nach Abscessen in der Umgebung bedingt waren, zu operieren. 

Der eine, 27jähriger Mann, litt seit Jahren an Magenektasie und äusserst hef¬ 
tigen Schmerzanfällen im rechten Hypochondrium ohne Icterus. Ein Jahr vor der 
Aufnahme wurde ein Abscess an dieser Stelle eröffnet, dem schwärzlicher Eiter ent¬ 
floss, Galle kam nicht zum Vorschein. Eine Verbindung mit dem Magen konnte damals 
nicht festgestellt werden. Die Fistel schloss sich allmählich. Die Magenerweiterung 
nahm zu, der Kranke kam sehr herunter, besonders durch das kontinuierliche Er¬ 
brechen. Nebst den anderen Zeichen der Dilatatio ventriculi war ein Symptom be¬ 
merkenswert : äusserst kräftige Kontraktionen des Magens, die gegen den Pylorus 
zogen, nach jeder Nahrungsaufnahme. Tuffier stellte mit Rücksicht auf den voran¬ 
gegangenen Abscess die Diagnose auf eine Pylorusstenose infolge einer „peripylorischen 
Schwarte“. Bei der Operation zeigte sich die Richtigkeit dieser Annahme. Leber, 
Gallenblase, Duodenum und Pankreas sind durch eine harte, weisse Narbenmasse 
derart zu einem untrennbaren Tumor verbacken, dass eine Isolierung unmöglich er¬ 
scheint. Gastroeuterostomie. Am 4. Tage plötzlicher Collaps; Tod unter den Er¬ 
scheinungen einer inneren Verblutung. 

Im anderen P'alle, üöjährigcr Mann , bestandeu seit 20 Jahren Koliken in der 
Gallenblasengcgeud, manchmal mit subicterischer Verfärbung der Haut. Einmal 
gingen im Stuhle Gallensteine ab. Zu wiederholten Malen — in unregelmässigen Inter- 


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rallen und ohne sonstige Erscheinungen — profuse Magenblutungen, denen galliges Er¬ 
brechen später folgte. Seit einem halben Jahre siud die Schinerzanfälle unerträglich, 
steigern sich mit jeder Nahrungsaufnahme. Gewichtsabnahme in dieser Zeit 45 Pfund. 
Die Leber ist mässig vergrössert, der Magen reicht bis unter den Nabel, Plätscher- 
gerausch in weiter Ausdehnung. Im Mageninhalt reichlich C1H. Die Diagnose wird 
auf eine inkomplete Pylorusstenose ulcerösen Ursprungs gestellt. Die Operation er¬ 
gibt auch hier eine gleichmässig harte Schwiele, welche Gallenblase und Pylorus ver¬ 
einigt; keine Drüsen. Gastroenterostomie mit ausgezeichnetem Erfolge. 

Die grosse Zahl ähnlicher Beobachtungen in der neueren chirurgischen 
Literatur bezieht sich ausschliesslich auf schwielige Pylorusstenosen, welche 
sich nach Durchbruch von Gallensteinen oder von durch solche entstandenen 
Abscessen in den Magen oder in das Duodenum entwickelt haben. Zwei Fälle 
sind ausgenommen, in denen es Leberabscesse waren, welche bei der Autopsie 
als die Ursache der Narben erkannt wurden; ein drittes Mal (Kehr) war 
durch die Naht bei der Cholecystotomie nach 48 Stunden eine Passagestörung 
im Pylorus entstanden, die aber noch operativ behoben werden konnte. 

Man muss es noch unentschieden lassen, welche der möglichen Ur¬ 
sachen; die Konkremente der Galle, die Adhäsionen um die Organe, die 
Wand Veränderungen (Abscesse, Fisteln), die anatomische Veranlassung der 
Stenose abgeben, ja, ob es sich nicht ausserdem, oder in gewissen Fällen aus¬ 
schliesslich, um einen durch eines jener Momente hervorgerufenen chronischen 
Spasmus des Pylorus handelt, nachdem die Passage so oft annähernd normal 
gefunden wurde. Die Diagnose solcher Fälle wird bei genauer Untersuchung 
und Rücksichtnahme auf die Anamnese nicht schwer fallen. Die Behandlung 
kann nur eine chirurgische sein; sie wird als Gastroenterostomie oder als 
Cholecystotomie eingreifen. 

Julius Sternberg (Wien). 

Ueber Magenresektion. Von Dr. Wold. Fick. Aus der chirurg. Abteilung 
und Privatpraxis des Dr. W. Zoege von Manteuffel in Dorpat. Archiv 
für klinische Chirurgie, Bd. LIV, H. 3. 

Verfasser berichtet über sechs vom November 1895 bis Dezember 1896 
durch v. Manteuffel ausgeführte Magenresektionen; fünfmal gab ein Car- 
cinom, das sechste Mal ein intra operationem für ein Carcinom gehaltener 
Narbentumor des Pylorus Anlass zur Operation. Die Carcinome waren durchweg 
schon in ziemlich vorgeschrittenem Zustande; es waren bereits grosse Tumoren 
und hochgradige Magenbeschwerden vorhanden. Es waren also die in diesen 
Fällen ausgeführten Resektionen nur als palliative Operationen aufzufassen, 
und Verfasser bemüht sich, nachzuweisen, dass die Magenresektion selbst als 
palliative Operation den Vorzug vor der Gastroenterostomie verdiene. 

Die Resektionen wurden durchweg nach der Kocher’schen Methode gemacht, 
d. h. der Magen wurde nach Resektion des Erkrankten genäht und das Duodenum 
in eine besondere, an der hinteren Magenfläche angelegte Oeffnung eingenäht; 
Verfasser hebt die grössere Sicherheit dieser Methode gegenüber der circulären 
Vereinigung nach Pylorusresektion hervor. Von den sechs nach dieser Methode 
operierten Patienten v. ManteuffePs Überstunden fünf den Eingriff. Be¬ 
züglich der Technik sei hier nur bemerkt, dass die Vorschriften Kocher's 
strikte befolgt wurden. In Uebereinstimmung mit der Mehrzahl moderner 
Chirurgen liess v. Manteuffel seine Patienten auch in den ersten Tagen 
nach der Operation per os ernähren. Auch er hat davon niemals üble Folgen 
gesehen. — Trotz der Kürze der seit der Operation verstrichenen Zeit haben 
sich, wie bei der Grösse der operierten Tumoren sicher zu erwarten 


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war, bereits bei mehreren der Operierten Zeichen der Recidive eingestellt, in 
einem Falle wurde die sekundäre Gastroenterostomie erforderlich, ein Fall ist 
an Recidive gestorben. Verfasser führt nun an der Hand der Statistik aus, 
dass die Magenresektion gewiss nicht viel gefährlicher sei als die Gastro¬ 
enterostomie, dass jene günstigere Verhältnisse für die Magen Verdauung schaffe 
als diese, dass endlich die Lebensdauer auch nach einer nur palliativen 
Charakter tragenden Magenresektion — nach Mikulicz — eine längere sei 
als nach Gastroenterostomie. Verfasser resümiert daher folgendermassen: 
Die Resektion bei bösartigen Stenosen des Pylorus erscheint indiziert auch 
ohne Rücksicht auf die Chancen der Radikalheilung. „Sie ist auszuführen bei 
einigermassen erhaltenem Kräftezustand der Patienten, und man kann darauf 
rechnen, dass sehr bald nach der Operation durch Zufuhr kräftiger Nahrung 
die Inanition gehoben werden kann. Setzt die Resektion im Moment der 
Operation eine grössere Widerstandsfähigkeit des Patienten voraus, als die 
Gastroenterstomie, so haben die Kranken dafür nach der Operation günstigere 
Chancen, denn die Todesfälle an Inanition, wie sie nach Gastroenterostomien 
in den ersten Tagen nicht allzuselten Vorkommen, können bei den günstigeren 
Ernährungsbedingungen nach der Resektion leichter vermieden werden. Da 
wir ferner der Ansicht sind, dass die Gefahr der Resektion durch Anwendung 
der Kocherischen Methode noch beträchtlich gesunken ist, so glauben wir 
diese Operation auch in komplizierten Fällen empfehlen zu können, und 
meinen, dass Adhäsionen des Pylorus prinzipiell keine Kontraindikation geben, 
sondern nur ausgedehnte Verwachsungen desselben.“ (Referent möchte nur 
bemerken, dass er mit der weitaus überwiegenden Mehrzahl der Chirurgen 
als Palliativoperation beim Pyloruscarcinom nur die Gastroenterostomie als 
berechtigt ansehen kann, und dass die Resektion nur als Radikaloperation 
bei noch nicht weit fortgeschrittenen Magencarcinomen indiziert erscheinen 
kann. Die gegenteiligen Vorschläge des Verfassers dürften wohl auf Wider¬ 
spruch stossen.) 

Jul. Schnitzler (Wien). 

Des stenoses incomplfetes pyloriques et souspyloriques. Von Hayem. 

Gaz. des Höpitaux 1897, Nr. 58. 

Hayem lenkt die Aufmerksamkeit auf eine neue Form der Magenkrank¬ 
heiten. Bei allen Kranken, welche an kontinuierlichem Magensaftfluss in 
Verbindung mit Dilatation gelitten hatten, fand Hayem bei der Obduktion 
konstant ein mechanisches Hindernis der Magenentleerung in unmittelbarer 
Nachbarschaft des Pylorus. Ebenso konnte Hayem bei solchen Kranken, 
die wegen ihres Leidens gastroenterostomiert wurden, während der Operation 
verschiedene Ursachen für die Behinderung des Abflusses des Mageninhaltes 
finden. Es ist nicht möglich, diese inkomplete Stenose des Pylorus von den 
Symptomen bei kontinuierlichem Magensaftfluss zu unterscheiden und um¬ 
gekehrt. 

Die Ursachen des unvollständigen Pylorusverschlusses sind sowohl intra- 
als extraparietale, am häufigsten ein Ulcus, sei es an und für sich oder in Ver¬ 
bindung mit Perigastritis oder Carcinom. Auch am Duodenum kann der 
Sitz der Erkrankung gelegen sein, welches seiner Lage und Beziehung zu 
vielen Organen, seiner geknickten Form wegen sehr verschiedenartigen Kon¬ 
striktionen ausgesetzt ist. 

Die Diagnose der unvollständigen pylorischen oder subpylorischen 
Stenose ist nicht schwer. Sie stützt sich auf die konstante Anwesenheit von 



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Magensaft, gemischt mit Speiseresten, des Morgens, im nüchternen Magen, 
10—12 Stunden nach der letzten Nahrungseinnahme. Findet sich sehr reich¬ 
liche Flüssigkeit mit reichlichen Speiseresten, die eventuell von vor mehreren 
Tagen genossenen Speisen herrühren können, so wird man die Stenose nahe 
an den Pylorus verlegen; im gegenteiligen Falle, bei geringem Mageninhalte, 
eventueller häufiger oder täglicher Grünfärbung durch Galle, mit nur mikro¬ 
skopisch nachweisbaren Speiseresten, wird man die Diagnose auf subpylorische 
Stenose stellen. 

Die kausale Diagnose ist gewöhnlich sehr schwer. Das Wichtigste 
bleibt die Differentialdiagnose vom Carcinom, wobei Hayem sich hauptsäch¬ 
lich auf den Mangel der freien Salzsäure stützt, während bei nichtkrebsigen 
Stenosen gewöhnlich eine abnorm hohe HCl-Abscheidung stattfindet. 

Die Behandlung ist selbstredend nur eine chirurgische. Von nicht- 
operativen Methoden kämen nur häufige Magenausspülungen in Betracht, doch 
führt dies häufig zu einem Abusus der Magensonde durch die Kranken, 
welcher Inanition nach sich zieht. Spontane Besserungen kommen dann und 
wann vor, wenn das Hindernis durch ein recentes Geschwür gegeben war. 
Mit der Vernarbung lassen die Symptome nach. Ohne Intervention fallen 
die Patienten bald einem unerträglich qualvollen Zustande und der fortschrei¬ 
tenden Inanition anheim. 

Von allen Methoden der Operation scheint Hayem die Gastroenterostomie 
am meisten in Betracht zu kommen. 

Emil Schwarz (Wien). 

Ueber Sondenpalpation und die Lage des Magens. Von Schmilinsky. 

Archiv für Verdauungskrankheiten, Bd. n. 

Verfasser hat die Boas'sche Methode der Bestimmung der Lage (und 
Grösse) des Magens mittelst Sondenpalpation an 55 Kranken der Boa suchen 
Poliklinik nachgeprüft und ist dabei noch zu weit günstigeren Resultaten 
gelangt als Boas selbst. Der Verfasser erweitert noch die Grenzen der An¬ 
wendbarkeit und diagnostischen Verwertbarkeit der Methode. Zunächst hat 
er sich durch Versuche an Leichen und ausgeschnittenen Magen überzeugt, 
dass die Sonde sich stets der grossen Curvatur anlegt und zwar so, dass der 
Sondenknopf in die regio pylorica zu liegen kommt. Auch am Lebenden 
lässt sich der Weg der Sonde stets genau verfolgen, nur beim stehenden 
Patienten muss man sich darauf beschränken, die Sonde nach beendeter Ein¬ 
führung zu palpieren. Beim Herausziehen der Sonde, deren Verschwinden 
unter den Fingern die Sicherheit, sie wirklich gefühlt zu haben, erhöht, löst 
sie sich zuerst von der grossen Kurvatur los, bevor sich das Pylorusende in 
Bewegung setzt Fast regelmässig erfährt der Magen durch die Sonde eine 
Dehnung, welche die Grenzen etwas nach unten verschiebt; sie gleicht sich 
aber zum grössten Teil wieder aus, wenn die Sonde bis zum Pylorus weiter 
vorrückt Verfasser schliesst daran einige Bemerkungen über die Technik 
der Einführung der Palpation der Sonde im Sitzen, Liegen oder Stehen an. 
Bei liegenden Patienten versagt die Methode fast nie, sowohl bei gefülltem 
wie bei imgefülltem Magen. In den Fällen, wo die Sonde im Stehen nicht 
vollständig vom Rippenbogen bis zur Leber gefühlt werden kann, gibt sie 
wenigstens eine Kontrolle der übrigen Methoden. Bei chronischen Magen¬ 
krankheiten ist die Sondenpalpation noch meist erleichtert wegen des meist 
tieferen Standes der grossen Kurvatur (daher näher der Bauchwand) und der 
Schlaffheit der Bauchdecken infolge der Unterernährung. Vorzügliche Dienste 


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leistet die Methode durch Lokalisation von Magentumoren. Sie kann ferner 
dem Chirurgen die Stelle der Incision anweisen, wenn ein vermuteter Tumor 
nicht palpabel ist. Durch die Lage der Sonde zum Tumor kann auch 
eventuell entschieden werden, dass er dem Magen überhaupt nicht angehört. 
Ferner kann sie für die Lokalisation epigastrischer Schmerzen verwertet 
werden. Im Stehen gelang Verfasser die Sondenpalpation in 60 Proz. der 
Fälle. Die Untersuchungen an Gesunden haben im Gegensatz zu den 
Angaben von Martius und Melbrich gezeigt, dass die normale untere 
Magengrenze fast immer über dem Nabel liegt. Bei 43 Gastroptosen lag sie 
18 Mal unterhalb des Nabels, 13 Mal in Nabelhöhe und 12 Mal darüber. 
Bei neun Insufficienzen zweiten Grades (sog. Ectasien) lag sie niemals unter 
dem Nabel. 

Albu (Berlin). 

Erfahrungen über Magenchirurgie, vornehmlich bei malignen Ge¬ 
schwülsten. Von C. A. Ewald. Berliner klinische Wochenschrift 1897, 
Nr. 37 und 38. 

Die Chancen der Operation der Magengeschwülste haben sich ständig 
gebessert, indessen bestehen noch viele Differenzen in den Resultaten, wie 
sie von Internisten und Chirurgen veröffentlicht worden sind. Ewald hat 
in den letzten 2 1 /., Jahren 29 Fälle von Gastroenterostomie und 22 Fälle 
von Gastrostomie beobachtet Zumeist handelte es sich um carcinomatöse 
Neubildungen, dreimal um gutartige Pylorusstenosen. Bis auf drei Fälle war 
der unmittelbare operative Erfolg tadellos. Es ergiebt sich nun folgende 
Statistik des dauernden Erfolges: 26 Gastroenterostomieen mit 16=55,5 Proz. 
Todesfällen, 13 Resektionen mit 9, d. h. mit 69,2 Proz. Todesfällen und 
22 Gastrostomieen mit 12, d. h. 54,5 Proz. Todesfällen. Dieses Ergebnis ist 
ungünstiger als die von Chirurgen, namentlich aus der Mikulicz’schen Klinik 
veröffentlichten Resultate. Aber der Chirurg betrachtet die glücklich über¬ 
standene Operation oft als Heilung. Auch die Grenzen in der Indikations¬ 
stellung für eine Operation, die sehr schwankend sind, bedingen Unterschiede, 
z. B. der Ausschluss scheinbar ungünstiger Fälle, der die Statistik verbessert 
Die hauptsächlichste Ursache der Misserfolge muss aber doch in Umständen 
liegen, welche ausserhalb des chirurgischen Könnens liegen. Durch die Natur 
der vorliegenden Verhältnisse werden oft unüberwindliche Schranken gezogen. 
Für die Chancen der Operation sind folgende Momente von Bedeutung: 
1. Sitz und Verbreitung des Tumors am Magen selbst. 2. Die Ausbreitung 
der carcinomatösen Neubildung auf die Nachbarorgane. 3. Die allgemeine 
Kachexie und die dadurch bedingte mangelnde Resorptions- und Ernährungs- 
fähigkeit nach der Operation. Vor Eröffnung der Bauchhöhle kann man 
ein zutreffendes Bild von der Lage der Verhältnisse niemals erhalten. Die 
sogenannte Frühdiagnose des Carcinoms durch die chemische Magensaft¬ 
untersuchung hat dies nicht erleichtert Die Milchsäurebildung tritt meist 
später auf als der palpable Tumor. Auch ohne dieses Symptom lässt sich 
die Diagnose, wrie meist allerdings, nur vermutungsweise stellen. Wir 
operieren heute in Wirklichkeit nur deshalb früher, weil man sich früher zu 
einer Operation entschliesst Die Frühoperation ist wesentlich von der früh¬ 
zeitigen Erkenntniss eines Tumors abhängig. Die Gastrostomie ist nicht 
mehr als eine Art Euthanasie. Man soll deshalb Kranke mit Speiseröhren- 
resp. Cardiacarcinom solange als irgend möglich per os oder per rectum er¬ 
nähren und erst dann zur Operation raten, wenn das Körpergewicht unauf- 


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haltsam abnimmt. Auch die für die Operation scheinbar günstig liegenden 
Fälle von Magencarcinomen geben eine zweifelhafte Prognose. Der Rat 
zur Operation soll deshalb stets nur sehr zurückhaltend gegeben werden. Die 
Aussichten auf eine radikale Heilung sind kaum 25 Proz. Die Möglichkeit 
eines palliativen Erfolges ist in höchstens 50 Proz. der Fälle vorhanden. 
Dennoch soll man geeignet erscheinende Fälle so früh als möglich zur 
Operation bringen. Albu (Berlin). 


b) Wurmfortsatz. 

Nägra operativ! behandlade fall af allniän peritonit vid perforativ 
appendicit Von E. Perman. Hygiea 1897, Nr. 10, p. 359. 

Nach Bericht über vier Fälle von operativ behandelter allgemeiner 
Peritonitis nach Perforation des Appendix mit Exitus in einem Falle betont 
Verfasser, dass ähnliche Fälle sicher ohne Operation verloren sind, und dass 
ein operativer Versuch deshalb berechtigt ist. Allerdings dürfte in vielen 
Fällen auch die operative Behandlung vergebens sein, teils infolge der zu 
schnellen Verbreitung der Infektionsstoffe über das Peritoneum, teils auch infolge 
der hochgradigen Virulenz der Bakterien; die eingetretene Intoxikation oder 
Infektion mit Parese der Därme bleibt trotz der Entfernung der Infektions¬ 
erreger aus der Peritonealhöhle bestehen, wenn auch die subkutanen Koch¬ 
salzinfusionen und Transfusionen in dieser Hinsicht von Nutzen sind. Not¬ 
wendig ist eine frühe Operation und also auch eine Frühdiagnose. Diese kann 
durch reichliche Opium- und Morphingaben mit nachfolgender Euphorie er¬ 
schwert werden. Typisch sind folgende Symptome: der hochgradige Collaps, 
beginnende oder deutliche Cyanose, kleiner, frequenter Puls, vermehrte Respi¬ 
rationsfrequenz, Erbrechen, Singultus; ausserdem die lokalen Symptome als 
Meteorismus, Empfindlichkeit, Resistenz. In an amnestischer Hinsicht sind vor¬ 
hergehende Anfälle mit Fehlen von Stuhl und Flatus in der Zeit kurz vor 
dem Anfall von Bedeutung, 

Köster (Gothenburg). 

Appendicites nerveuses ou Syndromes appendiculaires növropathiques. 

Par F. Levillain. LTndSpendance m^dicale 1898, No. 3. 

Im Anschluss an eine Arbeit von Talamon bespricht Verfasser zwei 
Reihen appendicitisähnlicher Krankheitsbilder, deren Kenntnis ihm gerade im 
Hinblick auf die moderne „Appendicitisfurcht“ zur Vermeidung überflüssiger 
Operationen wichtig erscheint. Die erste Gruppe bezeichnet er als „neuro- 
pathische Pseudoappendicitis“, die zweite als „leichte Appendicitis mit verstärkter 
neuropathischer Reaktion“. 

Als Beispiele der ersteren führt Verfasser einige Fälle von Talamon 
und Brissaud an, in welchen sich hysterische Schmerzanfälle in der rechten 
Unterbauchgegend mit wiederholtem Erbrechen und starker Druckschmerz¬ 
haftigkeit verbanden. Es wurde unter irrtümlicher Diagnose in einzelnen 
solchen Fällen operiert, obgleich das Benehmen der Kranken während der 
Attaque (grosse Agitation, lärmendes Wesen etc.) auf die funktionelle Natur 
des Leidens aufmerksam machen und eine genauere Untersuchung zum Nach¬ 
weis hysterischer Stigmata hätte führen können. 

Als Beispiel der zweiten Gruppe führt Verfasser Beobachtungen von 
Talamon an, wo sich bei hysterischen Frauen plötzlich im Verlauf einer vor¬ 
handenen „leichten“ Appendicitis Erscheinungen des schweren „Peritonismus“ 


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einstellten ohne vorhandene Peritonitis. Hier löse die Appendicitis schwere 
Krankheitszufälle nervöser Natur aus, wie sie in andern Fällen bei hysterischer 
Veranlagung auf Grund anderer leichter Organerkrankungen entstehen können. 
Wartet man in solchen Fällen 24—48 Stunden mit der Operation, so sieht man 
die schweren Erscheinungen schwinden, während man vorher schon an eine 
ernste Komplikation der Appendicitis, etwa Perforation etc., gedacht hatte. 

(Referent möchte meinen, dass solche seltene Fälle entweder ein so 
ausgeprägt neuropathisches Gepräge tragen dürften, dass sie doch wohl keine 
erheblichen diagnostischen Schwierigkeiten bereiten, oder dass, falls die Aehn- 
lichkeit mit schwer komplizierter Appendicitis wirklich eine sehr weitgehende 
sein sollte, der Rat des Verfassers, 24—48 Stunden mit der Operation zu 
warten, doch kaum sich einer allgemeinen Zustimmung zu erfreuen haben wird.) 

Arthur Schiff (Wien). 

Sur l’appendicite. Von Nicaise. Revue de Chirurgie 1897, Tom. XVI, 
p. 386. 

Als Ursache der schweren perforativen Appendicitis betrachtet Nicaise 
stets die Gegenwart eines Fremdkörpers, so fand er in einem Falle, der infolge 
allgemeiner Peritonitis tödlich endete, einen Pflaumenkern in der Bauchhöhle. 

In einem anderen Falle erstreckte sich die Entzündung durch den 
Leistenkanal auf die Haut des Abdomens und des Genitale, wo aus einer 
Fistelöffnung austretende Fäkalmassen die Diagnose einer Perforativappen- 
dicitis sehr wahrscheinlich machten. Im weiteren Verlaufe septisches Exanthem 
und Aphasie, schliesslich Heilung unter dem Einflüsse kleinerer Incisionen 
und von Karbolinjektionen. 

Aus einem Kotabscesse (durch Incision in der Leistengegend eröffnet) 
entleerte sich erst am 43. Tage ein kleiner Kotstein (Fall 3). 

Fall 4 betrifft, ein tuberkulöses Individium mit Dämpfung, Fluktuation 
und Plätschern im Umkreise des Nabels (letzteres als Ausdruck der Gegenwart 
von Gasen, also Perforation). Schleichender Verlauf. Durch Incision wird 
1 Liter stinkenden Eiters entleert Die Autopsie ergibt Tuberkulose des Coecums 
und Wurmfortsatzes mit grosser, entzündlich veränderter Perforationsöffnung des 
letzteren gegen die Eiterhöhle. Gleichzeitig gefundene Genitaltuberkulose muss 
den primären Sitz der Erkrankung unentschieden lassen. Quer durch die 
Eiterhöhle zog eine der vorderen Bauchwand adhärente Dünndarmschlinge, 
die durch die Incision leicht hätte getroffen werden können. 

Wilhelm Schlesinger (Wien). 

On the Pathology of recurrent Appendicitis. Von F. A. Southam. 
The Lancet, 5. Juni 1897. 

Dieser Bericht über 20 Fälle von recidivierender Appendicitis bringt 
die bekannten Befunde chronisch entzündlicher Veränderungen des Wurm¬ 
fortsatzes (Verdickung der Wand, Verengerung und Obliteration, Dilatationen, 
cystische Höhlen an dem distalen Ende, Verkürzung des Appendix auf 
1 — l 1 ^ Zoll, starke Verkrümmungen und Verwachsungen mit dem Coecum und 
seiner Umgebung, schleimiger oder schleimig-eitriger Inhalt, selten harte fäkale 
Konkretionen in dem Lumen oder in einer Abscesshöhle). 

Der Verfasser macht aufmerksam, dass er einerseits oft schon nach 
dem zweiten Anfall ausgebreitete Adhäsionen vorfand, andererseits auch nach 
wiederholten Attaquen nicht die geringste Spur von Verwachsungen bemerkte. 
Ein Patient bot beim dritten Anfalle das Bild einer vollständigen Darm- 


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occlusion; bei der Laparotomie zeigte es sich, dass durch Verwachsungen 
auch Dünndarmschlingen an das Coecum und den Appendix herangezogen 
waren. In G Fällen wurde ein circumscripter Abscess, in 2 Fällen diffuse 
eitrige Peritonitis nach Perforation der Appendixwand gefunden. Verfasser 
weist auf die bekannte Thatsache hin, dass Suppuration auch ohne Perforation 
bestehen kann; er sieht in den Kotstauungen, zu welchen der Appendix als 
Divertikel leicht Gelegenheit gibt, die Ursache der Appendicitis. Putride 
und fermentative Veränderungen rufen katarrhalische Entzündung und sekun¬ 
där Geschwürsbildungen und Verdickungen hervor; fäkale Konkretionen sind 
aber als Folge, nicht als Ursache wiederholter Anfälle zu betrachten. 

Interessant ist ein Fall, wo bei einer 27jährigen Frau, welche durch 
zwei Jahre an wiederholten Appendicitiden gelitten hatte, am Grunde des 
eröffneten Abscesses eine Stecknadel gefunden wurde, deren Kopf Ablage¬ 
rungen trug. Um den Appendix zahlreiche Adhäsionen, sein Lumen fast bis 
zum Coecum obliteriert. Arthur Foges (Wien). 

Perityphlitis mit Rächfällen. Von C. Gerhardt. Mitteilungen aus den 
Grenzgebieten, Bd. I, p. 355. 

Der Patient hatte 1894 zum ersten Male Blinddarmentzündung von 
7wöchentlicher Dauer. Im folgenden Jahre Recidiv und Operation, die an¬ 
scheinend kein Ergebnis hatte. Es folgten in demselben Jahre vier weitere 
Anfälle, so dass Patient sich nochmals operieren liess, wobei ein wallnussgrosser 
Abscess eröffnet und ein Stück des Processus vermiformis samt einem darin 
enthaltenen Steine entfernt wurde. Die Schleimhaut des Wurmfortsatzes war 
intakt. Einige Wochen nach der Heilung erneute Entzündung. Ein weiterer 
Perityphlitisanfall erfolgte Februar 1898: unter Eis, Opium und flüssiger 
Diät schnelle Heilung. Ad. Schmidt (Bonn). 

Beitrag; zur Frage von der operativen Behandlung der recidivierenden 
Appendicitis. Von Hj. von Bonsdorff. Finska Läkaresällskapets 
handlingar, Bd. XXXIX, Nr. 1. (Schwedisch). 

Verfasser teilt 17 Fälle von chronischer recidivierender Appendicitis 
mit, in denen er die Exstirpation des Appendix innerhalb der freien Zwischen¬ 
zeit ausführte. — In einem Falle zeigte sich bei der Operation der Appen¬ 
dix nach mehreren Anfällen vollständig obliteriert. Die übrigen betrafen 
meist (12 Fälle) katarrhalische Appendicitiden mit oder ohne Verwachsungen 
zwischen dem Appendix und den umgebenden Organen — vordere Bauch¬ 
wand, Coeealwand, Dünndarm und Netz. Schliesslich werden 4 Fälle von 
perforativer Appendicitis beschrieben. Ein Fall endete tödlich infolge eines 
14 Stunden nach der Operation eingetretenen Darm Verschlusses, beruhend 
auf einer Drehung des kolossal verlängerten Coecums, das ohne jedes Meso¬ 
colon frei beweglich in der Bauchhöhle lag. 

Chr. Sibelius (Helsingfors). 

Pseudoperityphlitis. Von Dr. F. Bogdanik, Bialta. Przeglond Lek. 
(Med. Rundschau) 1898, Nr. 5. 

Verfasser beschreibt erneu Fall, den er für ein Unikum in der Literatur hält. 
— Ein 24jähriger Kranker wurde am 19. August 1897 mit den Erscheinungen von 
Perityphlitis und rechtsseitiger Hernia inguinalis ins Hospital aufgenommen. Als 
die akuten Erscheinungen vorüber waren, wollte Verfasser eine radikale Operation 
des Bruches nach Bassi ni ausführen. Es erwies sich aber dabei, dass an dem 


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Bruchsacke eine stielförmig gewundene Bildung befestigt war, derer centripetaler 
Teil gegen das Coecum zu verschwand. Bei der Vergrösserung des Bauchwand¬ 
schnittes bis zum Hypochondrium überzeugte sich der Verfasser allmählich, dass jene 
mit der Spitze des Bruchsackes verwachsene Bildung sehr verdicktes Omentum ist, 
weiches ausserdem auch mit Coecum, Ileum, Colon ascendens und mit der kleinen 
Beckenhöhle verwachsen ist. Der Tumor wurde auf unblutigem Wege entfernt, und 
der Verfasser hatte nun einen 35 cm langen Körper vor sich, dessen oberes Ende 
breit und das untere zugespitzt war. Dieser Körper hatte so vollkommen einen ent¬ 
zündlichen Tumor simuliert, dass Perityphlitis nicht auszuschliessen, d. h. eine rich¬ 
tige Diagnose nicht zu stellen war. Verfasser betrachtet seinen Fall als um so 
interessanter, weil keiner der Kollegen, welchen er den schon exstirpierten Tumor 
gezeigt, im stände gewesen ist zu erkennen, dass es sich um Omentum handelte. 

W. Janowski (Warschau). 


Pathogenese der Appendicitis. Von Dr. Paul Reclus. La Semaine 
mödicale 1897, Nr. 30. 

Nach R eclus’ Ansicht erklärt sich das Zustandekommen aller Formen 
der Appendicitis zwanglos aus den anatomischen Verhältnissen. Der Proc. 
vermiformis stellt nach Reclus „das Coecum des Coecum“ dar; es ist zum Zu¬ 
standekommen von Stauungen aller Inhaltsmassen — Schleim, Koth, Bakterien — 
durch das im Verhältnis zur Länge des Kanales sehr enge Lumen und die Position 
der einzigen Oeffnung an dem höchsten Punkt prädisponiert. Dass aber der¬ 
artige Stauungen zu Zersetzungen, Erhöhung der Virulenz der Bakterien, Ent¬ 
zündungen und Ulcerationen die günstigsten Bedingungen schaffen, ist 
plausibel und allgemein anerkannt. Als weitere lokale begünstigende Ursachen 
sind Fremdkörper und Kothsteine im weitesten Sinne des Wortes anzuer¬ 
kennen. Es ergibt sich aber aus den erwähnten anatomischen Verhältnissen 
auch, dass eine Entzündung des Darmes, die auch den Proc. vermiformis 
ergriffen hat, sich dort hartnäckiger einnisten wird als an anderen Stellen 
des Darmes. Während nach einer Enteritis der Darm schon gesundet sein 
kann, bleibt noch eine Appendicitis zurück. Derartige Fälle sind Reclus 
in grösserer Zahl bekannt. Es erklärt sich aber aus den erwähnten Ver¬ 
hältnissen auch das im Gefolge einer Allgemeininfektion zuweilen beobachtete 
Auftreten einer Appendicitis. Die Lymphollikel des Proc. vermiformis schwellen 
wie die der Tonsilben etc. an, während aber an allen anderen Orten diese 
Veränderungen leicht operabel sind, werden sie n Proc. vermiformis infolge 
der durch die Enge des Lumens bedingten Stauungsverhältnisse permanent 
und bilden die Grundlage einer Appendicitis. Endlich erklären sich auch 
die Recidiven der Appendicitis zwanglos aus den erwähnten anatomischen 
Verhältnissen, weil durch die Enge des Lumens und die Schwellung der 
Schleimhaut ein Circulus vitiosus geschaffen wird. 

Dr. Julius Schnitzler (Wien. 


D. Pankreas. 

Die Apoplexie des Pankreas. Von Sarfert. Deutsche Zeitschr. f. Chir. 
Bd. XLÜ, p. 125. 

Fall I bietet einigermassen klare ätiologische Verhältnisse: nach einem Trauma 
bei einem Potator Erscheinungen des Ileus. Bei der Sektion findet sich das Pankreas 
hier wie in den beiden anderen Fällen in eine pulpöse blutige Masse verwandelt. 

In Fall II — äusserst fettreiche, junge Frau — ähnliche Symptome, aber 
subakuter Verlauf (14 Tage). Bei der Sektion eitrige Peritonitis. 


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In Fall III fühlbarer Tumor in der Magengegend, geringe Störungen von 
Seite des Magendarmkanales, Phthisis pulmonum. 

In den beiden letzten Fällen (insbesondere Fall III) kein ätiologisches Moment. 

Als eigentliche Todesursache ist Sarfert geneigt, die konsekutive 
Cirkulationsstörung in der Darm wand mit Auswanderung von Bakterien zu 
betrachten (Fall II!). 

Vielleicht kommt auch Shokwirkung durch Blutung in den Plexus 
solaris in Betracht. In allen Fällen finden sich die charakteristischen 
Fettnekrosen Baisers auf dem Peritoneum, welche nach den experimentellen 
Untersuchungen von Langerhans, Hildebrandt und Jung direkter Ein¬ 
wirkung von in die Bauchhöhle ausgetretenen Pankreaspartikelchen auf das 
Peritoneum zuzuschreiben sind. 

Sarfert fand in ihnen fettsaures Natrium, keinen Kalk. 

Zucker im Harne wird bei dieser Affektion zumeist vermisst. 

Wilhelm Schlesinger (Wien). 


Zur Pathologie und Chirurgie des Pankreas. Von Sen die r. Deutsche 
Ztschr. f. Chir., Bd. XLIV, H. 3 u. 4. 

Eine 54jährige Frau leidet seit ®/ 4 Jahren an Appetitlosigkeit und Magen¬ 
drücken bei zunehmender Abmagerung. Oberhalb des Nabels findet sich in der 
Mittellinie eine harte, leicht höckerige, verschiebliche Geschwulst, die bei Aufblähung 
des Magens verschwindet. Da weder die klinischen Symptome noch die Unter¬ 
suchung des Mageninhaltes sichere Anhaltspunkte für Carcinoma ventriculi (Sitzander 
hinteren Wand) boten, wurde an eine maligne (Alter der Patientin!) Neubildung 
des Pankreas gedacht. Bei der Operation findet sich ein wall nussgrosser, graugelb 
verfärbter Tumor in die Substanz des Pankreaskopfes eingebettet; geschwellte Lymph- 
drüsen neben der Wirbelsäule. Dieser Tumor erweist sich als von miliaren Tuberkeln 
durchsetzte Lyraphdrüsensubstanz, nach Sendler von jenen kleinen interstitiellen 
Lymphdrüsen ausgehend, die von verschiedenen Autoren normalerweise im Pankreas 
gefunden werden. Trotzdem sich Patientin noch 9 Monate nach der Operation wohl fühlte 
und an keinem anderen Organe Tuberkulose nachzuweisen war, lässt Autor doch die 
Frage offen, ob es sich hier thatsächlich um primäre tuberkulöse Erkrankung des 
Pankreas gehandelt habe, und hebt bloss gegenüber Eichhorst hervor, dass die 
Tuberkulose des Pankreas w r ohl ausgesprochene klinische Erscheinungen bieten kann. 

Im II. Falle, bei einer 26jährigen Frau, die seit mehreren Jahren an kolik- 
artig auftretenden Schmerzen in der Magengegend litt, war hier eine in der Mittel¬ 
linie beginnende und in das linke Hypodhondrium hinüberreichende harte, höckerige, 
druckempfindliche Geschwulst zu fühlen: darüber leicht lympanitischer Schall. 
Bei der Laparatomie Pankreas in allen Teilen stark geschwollen, von grauer Farbe 
und harter Konsistenz, insbesondere der Kopf verdickt und mit dem Duodenum ver¬ 
wachsen. Danach wird von der Exstirpation abgesehen. 

Die Schmerzanfälle kehren wieder; 2 Jahre später bekommt Autor die Patientin 
anscheinend geheilt wieder zu Gesicht. Bei dem Fehlen jeder anderweitigen Erkran¬ 
kung hält Sendler die Affektion für chronische Entzündung des Pankreas, die, primär 
entstanden, trotz jahrelanger Dauer in Heilung überging. 

(Referent glaubt, dass nach den klinischen Symptomen Pankreassteinkolik mit kon¬ 
sekutiver Schwellung des Organes [Verwachsung mit dem Duodenum!] nicht auszu- 
achliessen ist, wodurch sich der günstige Ausgang erklären würde. Damit stimmt auch 
das Fehlen von Zucker im Harne, der bei gemeiner Cirrhose des Organes seltener 
vermisst wird. In Fall I erklärt sich das Fehlen von Zucker aus dem umschriebenen 
Sitze der Affektion.) 

Bei einem 39jährigen Wagenschieber (Fall III), der vor 4 Jahren zwischen 
zwei Pfuffer geriet, findet sich neben Rippenfraktur und rechtsseitiger Wanderniere 
eine Gleschwulst in der Nabelhöhe, quergelagert und nach links ziehend, drucke 
empfindlich, bei Magenaufblähung verschwindend. Klinisch bestanden im Unterleibe 
beginnende und nach den Rippen ausstrahleude Schmerzen — nach Sendler eine 
infolge entstandene chronische Pankreatitis. 

Wilhelm Schlesinger (Wien). 


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A case of pancreatic cyst associated with glycosuria and Gall-stones; 
Necropsy. Fall von Pankreascyste, verbunden mit Glykosurie und Gallen¬ 
steinen. Nekropsie. Von Horrocks und Morton. The Lancet 1897, I. 

Ein 56jähriger Mann erkrankt mit heftigen Schmerzen in der Magengegend, 
Nausea, Erbrechen, leichtem Icterus und Abgang von kleinen Gallensteinen. In der 
Oberbauchgegend ist ein resistenter Tumor zu paJpieren. Die Gegend des Herzspitzen- 
stosses zeigt abnormen Pcrkussionsschall, der Tumor im linken Epigastrium und 
Hypochondrium ist fest, bei der Respiration unbeweglich und zeigt von der Aorta 
abdom. mitgeteilte Pulsation. Er schallt leer, und seine Dämpfung geht in die der 
Leber über; ringsherum tympanitiseher Schall. Im Harn Albuinen und Zucker. 
Die Probepunktion fördert eine grünliche trübe Flüssigkeit zu Tage. Exitus letalis. 
Die Nekroskopie ergiebt: Grosse Cyste mit fibrösen Wandungen von 2 Pints (l Pint 
= 0,931 1) Fassungsrauni, an Magen und Milz adhärent und die Stelle des Pankreas 
einnehmend. Im Inneren eine grüne Masse gleich gekochtem Spinat, aussen kein 
Rest von Pankreasgewebe auffindbar. Der Ductus Wirsungianus nicht zu finden. Am 
Duodenalende der Cyste liegt ein taubeneigrosser Gallenstein gerade an der Aus¬ 
mündungsstelle des Ductus choledochus und pancreaticus. In der Gallenblase eine 
ganze Anzahl von Steinen, den Zugang zum Ausführungsgang verlegend. Mikro¬ 
skopisch lässt sich an der Cystenwand acinöses Gewebe nachweisen. Ob die Ver¬ 
stopfung des Choledochus und Pancreaticus die Ursache für die Cystenbildung war 
una ob die Gallensteine sekundär sich entwickelt haben oder ob beide von einander 
unabhängig sind, muss dahingestellt bleiben. 

Hugo Weiss (Wien). 


A case of pancreatic cyst treated by incision and drainage, with com- 
ments. By Alban Doran (London). Brit med. Journ., Dec. 1897. 

Eine 24jährige Patientin, wohl genährt, nicht anämisch, ohne Icterus, be¬ 
kommt einen Tumor im Abdomen, der langsam wächst und erst in letzter Zeit einen 
krampfartigen Schmerz im Epigastrium mit Nausea verursacht; niemals Erbrechen. 
Die Beschwerden nehmen allmählich an Intensität zu. Vorübergehend zeigen sich 
Anfälle von Melancholie. 

Es findet sich ein Tumor links zwischen Nabel und Rippenbogen, der gegen 
die Leber zu eine Zone tympanitischen Schalles freilässt; die Geschwulst fluktuiert 
deutlich. Urogenitalapparat normal. Es wird angenommen, dass es sich um eine 
cystische Geschwulst vom Darmtracte, vermutlich vom Magen ausgehend, handle. 
Vor der Operation erscheinen noch zwei Attaquen von Melancholie. Bei der Laparo¬ 
tomie zeigen die Därme nirgends cystische Erweiterung, die Beckenorgane sind intakt. 
Die Cyste hängt mit dem Pankreas zusammen. Die Punktion derselben fördert eine 
trübe, fettige, ockergelbe, geruchlose Flüssigkeit zu Tage, die Eiweiss, Fett und Cho- 
lestearin enthält, ferner anscheinend Tyrosin. Nach Abbindung des Stieles wird die 
Geschwulst exstirpiert. Es erfolgt volle Genesung. Glykosurie mangelt vollständig. 

Hugo Weiss (Wien). 


Case of complete removal of a maltilocular cyst of the pancreas. By 
Dr. Malcolm (London.) Brit med. Journ., 1897, Dec., p. 1797. 

In einem Falle von angeblicher Hydronephrose der linken Niere fand man bei 
der Laparotomie eine multilokulare Cyste, vom Pankreasschweif ausgehend. Die 
Blutstillung war eine schwierige; trotzdem konnte die Wunde geschlossen und drai- 
niert werden. Die enthaltene Flüssigkeit war amylolytisch. Die Cyste zeigte ge¬ 
spannte Wände infolge von Hämorrhagien, die in pankreatischen Cysten häufig 
Vorkommen. Es handelte sich also hierbei um eine echte Neubildung, deren Inhalt 
Blut und pankreatisches Sekret war. Malcolm empfiehlt in zweifelhaften Fällen 
die Probeincision. 

Hugo Weiss (Wien). 


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Case of peripancreatic cyst. By Dr. Rolleston and Dr. G. R. Turner 
(London). Brit med. Journ., 1897, Dec., p. 1797. 

Bei einem 30jährigen Manne bestand seit 6 Monaten Schmerz im Epigastrium, 
seit 3 Monate Icterus, erdfarbene Faeces, unterhalb der Leber ein resistenter Tumor, 
anscheiuend die ausgedehnte Gallenblase. Die Laparatomie ergab eine Cyste im 
Nachbargewebe des Pankreas mit braunschwarzem Inhalt, dessen chemische Analyse 
Methämoglobin, aber kein Pankreas fermen t aufwies. Ein Trauma war nicht vorher¬ 
gegangen. Durch den Druck auf die Gallengänge war der Icterus zustande ge¬ 
kommen, während infolge des freien Abflusses des Pankreassekretes ins Duodenum 
die Faeces ihre Farbe erhielten. Ausgang in Genesung. 

Hugo Weiss (Wien). 


Th© experimental prodnction of fat necrosis: fat necrosfs abont the 
pancreas of the hog. By Herbert TJ. Williams (Buffalo N.-Y.). 
Boston med. Journ., April 1897, p. 345. 

Bei 2 Hunden, einem Kaninchen und 17 Katzen wurde der lienale Anteil 
des Pankreas samt den Venen nahe am Duodenum abgebunden, so dass die 
Sekrete freien Abfluss in die Peritonealhöhle hatten und das Organ abgesondert 
wurde. In 12 Fällen zeigte sich ein negatives Resultat, in */„ Fällen kam es zu 
nachfolgenden Veränderungen. Bei 5 Katzen folgte eine typische Fettnekrose. Bei 
dreien von den letzteren trat als Komplikation eine Diplococceninfektion ein. Eine 
peritoneale Infektion bei einer Katze führte zu einer Pankreatitis, deren Endausgang 
Fettnekrose war. Knötchen, ähnlich artificieilen Produkten, die am Omentum zu 
finden waren, dürften alte Fettnekrosen gewesen sein. 

Fettnekrose in und um das Pankreas des Schweins wurde in zweien unter 
100 untersuchten Teilen gefunden. 

Die mikroskopischen Schnitte wurden in Alkohol gehärtet, in 5% Formalin 
und normaler Kochsalzlösung aufgehellt, und wenn sich dieselben in gewöhnlicher 
Osmiumsäure nicht schwarz färbten, zuvor auch in 1% Osmiumsäurelösung gehärtet 

Hugo Weiss (Wien). 


III. Bücherbesprechungen. 


Chirurgie der Leber und Gallenblase. Von Professor C. Langenbuch. 
Aue der „Deutschen Chirurgie“, herausgegeben von Bergmann und Bruns, 
Lieferung 45 c. (Stuttgart, F. Enke.) 

Die Darstellung zeichnet sich durch einen frischen lebhaften Ton aus, die oft 
originelle Auffassung des Stoffes ist stets fesselnd und anziehend, wenn auch dem 
Verfasser keineswegs in allen Punkten beigestimmt werden kann. Grosse eigene 
Erfahrung und umfassende Literaturkenntnis machen dos Buch zu einem der wich¬ 
tigsten Nachschlagebücher für den, der sich mit dem Gegenstände näher beschäftigt. 

Während der erste, schon vor längerer Zeit erschienene Teil des Werkes sich 
mit den allgemeinen anatomisch-physiologischen Verhältnissen, den Leberechino- 
coccen und dem Leberabscesse, wie dem subphrenischen Abscesse befasst, ist der 
zweite Teil den Lebergeschwülaten, den Gallensteinkrankheiteu, entzündlichen Pro¬ 
zessen der Gallenwege und den Verletzungen der Leber gewidmet. 

Bezüglich des Syphiloms der Leber verhält sich der Autor folgendermassen: 
Erst die Diagnose, wenn nötig, durch Probelaparatomie feststellen, operieren nur, 
wo man sofort und in relativ gefahrloser Weise dadurch Hülfe bringen kann. An 
Knollenlebern und an Lappenlebern möglichst wenig operieren. 


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Die nicht parasitären Cysten der Leber werden in kongenitale und nichtkon¬ 
genitale geschieden. Letztere treten entweder unter dem Bilde der cystischen De¬ 
generation der Leber oder als einfache cystische Bildungen in der Leber auf (und 
dann als seröse oder biliöse Cysten). Zahlreiche ausführlich mitgeteilte Beobach¬ 
tungen der Literatur werden als Beispiele angeführt. 

Bezüglich der Sarkornatose der Leber hebt L. hervor, dass es unzweifelhaft 
primäre Lebersarkome gibt, dass sie aber zumeist diffus oder multipel 9ind und 
daher oft einem chirurgischen Eingriffe nicht zugänglich sind; bisher sind aber doch 
drei Fälle operiert worden, von denen zwei einen günstigen Ausgang nahmen. Die 
Ansicht des Autors, bei einem metastatischen Lebersarkom unter sonst günstigen 
Umständen den Tum,.r wie den primären operativ zu entfernen und dabei mit dem 
Lebersarkom als dem gefährlicheren zu beginnen, dürfte auch bei operatkmslustigen 
Chirurgen auf manchen Widerspruch stossen. 

Beim Lebercarcinom betont Autor das Vorkommen primärer, oft scharf abge¬ 
grenzter Formen, welche einzelne Leberlappen ins Ungeheuerliche vergrössern können. 
Bezüglich der Entstehung des Carcinoms steht Verfasser auf dem B<xlen des parasi¬ 
tären Ursprunges derselben. Die Chirurgie des Leberkrebses fällt nach L. zum 
grössten Teile mit der Frühdiagnose der bestehenden oder vermuteten Magen- resp. 
der Darmkrebse zusammen. „Führt diese zur rechtzeitigen Probcincision, dann 
kann zugleich ein etw r a vorhandener primärer oder sekundärer Leberknoten entdeckt 
und operiert werden.“ 

Das Aneurysma der Leberarterie ist bisher dreimal operativ angegangen 
worden, ohne dass die Diagnose vorher gestellt worden w r ar; nach Darlegung der 
anatomisch-physiologischen Verhältnisse rät Autor bei eventuellem Eingriffe nach 
gestellter Diagnose die Arteria hepatica centralwürts, wenn möglich auch peripher- 
wärts zu unterbinden. 

Ein sehr interessantes, umfangreiches Kapitel, in welchem auch viele physio¬ 
logische Details enthalten sind, handelt von der Resektion der Leber. 

Hochgradige Schnürlappenbildung des linken Leberlappens rät L. mittelst 
Resektion, des rechten mit Ventrofixation zu behandeln. 

Im Kapitel „Wanderleber“ legt Autor den kongenital-mechanischen Entwicke¬ 
lungsvorgang für eine Gruppe dieser Affektion dar und stellt folgende wichtige Sätze 
auf: 1. Fötale Anomalien der Nabelgefässentwdckelungen können eine angeborene 
Verkürzung des Ligamentum teres und venosum zur Folge haben. 2. Alle mecha¬ 
nischen Momente, welche einen plötzlich wirkenden Ruck oder allmählich und langer 
wirkenden Zug auf das Ligamentum teres ausüben, können bei der kongenitalen 
Anlage oder überhaupt zur Bildung einer Wanderleber führen. 

Bezüglich der Behandlung der Wanderleber empfiehlt L. stets zuerst Versuche 
mit Anlegung von Bandagen zu machen; falls letzteres fehlschlägt, rät Autor die 
Durchschneidung des Ligamentum teres durchzuführen, eventuell eine umfangreichere 
oberflächliche Leberverschorfung mit dem Glüheisen zu setzen, um eine adhäsive 
Entzündung herbeizuführen. 

Dem sehr umfangreich gehaltenen Kapitel: „Pathologie und Chirurgie des 
Gallensystems“ ist eine ausführliche, gehaltvolle anatomisch-physiologische Einleitung 
vorausgeschickt. 

Bei Besprechung des Empyems der Gallenblase wird die Gefährlichkeit der 
Probepunktionen ganz besonders hervorgehoben. Nicht vollkommen übereinstimmen 
können wir mit der Ansicht des Autors (p. 128): „Das intermittierende Fieber da¬ 
gegen ist recht charakteristisch (sc. für das Empyem); dieses, dann der fühlbare, nicht 
höckerige, mehr glatte Tumor, sowde das Ausbleiben einer eigentlichen Kachexie 
schliessen ein Gallenblasencareinom fast sicher aus“. Findet man ja doch gerade bei 
Lebercarcinom (ohne Komplikationen), welches sich nach Gallenblasencareinom ent¬ 
wickelt, mitunter, wie dies auch schon Referent mehrmals beobachtet hat, typisch 
intermittierendes Fieber! 

L. spricht sich bei bestehendem Gallenblasencareinom für einen möglichst 
frühzeitigen chirurgischen Eingriff selbst dann aus, wenn das Neoplasma auf die 
Leber übergegriffen haben sollte, da es sich zumeist um einfaches Uebergreifen, nicht 
aber um Metastasierung handelt. 

Sehr gut sind die Abschnitte über Gallensteinkrankheit. Autor meint, dass 
die Gallensteinbildung bakteriellen Ursprungs sei. Die mechanischen Verhältnisse 
der Blase und die Wirkung pathogener Organismen auf die Epithelien der Wand, 
besonders aber die der Zotten, bewirken nach L. die fast ausschliesslich in der Blase 



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erfolgende Bildung der Gallensteine. Auch für die grösseren im Hepaticus stecken¬ 
bleibenden Gallensteine ist stets die Gallenblase als Erzeugerin verantwortlich zu 
machen. Nach sehr übersichtlich gehaltenen Kapiteln über die pathologischen Wir¬ 
kungen der Steine in den Gallen wegen, über das Vorkommen der Steine in den 
Gallen wegen bespricht Autor die Perforationen an den G allen wegeu. In ca. 40% der 
Perforationen erfolgt der Durchbruch von Galle und Steinen nach aussen durch die 
Hautdecken. (Nach den Erfahrungen an den Kliniken für innere Medizin muss 
diese hohe Ziffer Befremden erregen. Ref.) Ist Darm Verschluss durch einen Gallen¬ 
stein hervorgerufen, so kann man mit Sicherheit anuehmen, dass er auf perforativem 
Wege in den Darm gelangt ist. 

Die Indikation für einen operativen Eingriff fällt mit der Diagnose einer 
schweren Störung mechanischer Art am Gallensystem zusammen. Eine zusammen¬ 
fassende Darstellung der strikten Indikationsstellung zum chirurgischen Eingriff gibt 
aber Autor nicht, wohl aber in dem diesem Gegenstände gewidmeten Artikel eine 
Apotheose des operierenden Chirurgen, dem L. die Behandlung der Erkrankungen 
des Gallensystems ganz vindizieren zu müssen glaubt. Wir fürchten, dass gerade 
das Hervorheben subjektiver Gesichtspunkte dem gemeinschaftlichen Zusammen¬ 
arbeiten des Chirurgen und Internisten weit mehr schaden als nützen kann, und 
glauben nicht, dass der Verfasser mit seiner souveränen Geringschätzung der gleich¬ 
berechtigten Hauptwissenschaft der Chirurgie einen wesentlichen Dienst geleistet hat. 

Eine ausführliche Darstellung der Operationsmethoden bei Gallensystems¬ 
erkrankungen, sowie eine Abhandlung über Leber Verletzungen beschliessen das inter¬ 
essante Buch. 

Hermann Schlesinger (Wien). 


Diagnostik und Therapie der Magenkrankheiten; I. Teil: Allgemeine 
Diagnostik und Therapie. Von J. Boas. Leipzig (Thieme) 1897, p. 390. 

Das im Jahre 1890 herausgegebene Buch liegt jetzt in 4. Auflage vor. Wenn 
hierdurch schon eine hinreichende Empfehlung gegeben ist, so wurde dieselbe auch 
schon vielfach in der medizinischen Presse bestätigt. Der Hauptvorzug des Boas’schen 
Werkes liegt in der praktisch-empirischen Richtung, die sich bis zu einem gewissen 
Grade von der Schulmedizin emanzipiert, theoretische Erörterungen in den Hinter¬ 
grund stellt und, soweit möglich, auf Grund eigener Erfahrungen die ganze Darstellung 
gibt. In den letzen Auflagen trägt der Verfasser allerdings — und wahrlich nicht 
zu seinem Nachteil — auch den Bedürfnissen der sog. gelehrten Medizin Rechnung, 
indem er die Literatur in ausgiebiger Weise berücksichtigt und auch solche Methoden 
und Ergebnisse einfügt, über die ihm selber weniger Erfahrung zu Gebote stehen 
kann. — Im ganzen wird man Boas, namentlich bezüglich dieser 4. Auflage, das 
Zeugnis grossen Fleisses und eingehender, bis in die neueste Zeit reichender Literatur¬ 
verwertung bereitwillig erteilen. Im einzelnen soll hier des Verfassers Stellungnahme 
zu einigen, durch Wichtigkeit oder Neuheit ausgezeichneten Magenproblemen noch 
charakterisiert werden. 

Die praktischen Vorzüge der Magendurchleuchtung können nach Boas 
als keine erheblichen, angesehen werden: die Diagnose Descensus ventriculi kann 
auch ohne sie gestellt werden und, was die Diagnose „Ektasie“ betrifft, so sagt die 
Durchleuchtung uns nichts über die dynamische Leistungsfähigkeit, also das wichtigste 
Verhalten des Organs; im besten Falle wird die Methode eine unterstützende, keines¬ 
falls eine ausschlaggebende Rolle spielen. — Die Gastroskopie dürfte,Boas zufolge, 
wenn sie vereinfacht würde, zweifellos eine ähnliche Rolle spielen, wie die Cystoskopie 
für die Blasenkrankheiten. Indessen hat sie bisher noch kein einziges Mal das¬ 
jenige Postulat erfüllen können, was als ihre Hauptaufgabe erscheint, nämlich die 
Frühdiagnose des Magencarcinoms. — Auch die Röntgenstrahlen haben einen 
kleinen Platz in dem Buche gefunden. — Die Ulcusbehandlung durch aus¬ 
schliessliche] Rectalernährung (in der Regel 10—14 Tage lang) befürwortet 
Verfasser auch diesmal w'arm; er hat „in zahlreichen Fällen dauernde Heilung 
erzielt“, und seine Erfahrungen beziehen sich jetzt auf mehr als 100 Fälle (!); in 
einem Teil der Fälle wird sie gut vertragen und „beseitigt fast sofort und dauernd 
die Schmerzen“. — Der Wert der Antiseptika für die Magenspülung ist dem 
Verfasser, je grösser seine Erfahrungen werden, um so geringfügiger erschienen — 
ein Urteil, dem wohl jeder Erfahrene zustimmen wird. — Die morgendliche 
Spülung des Magens wird gegenüber der abendlichen (Riegel) befürwortet, doch 
werden ihre Indikationen entschieden etwas eng gezogen, wenn Verfasser sich 


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„gegen das planlose Probieren der Magenspülungen aufs entschiedenste ausspricht“. 
(Wie oft weiss man denn mit Sicherheit im voraus, ob die Spülung indiziert ist 
und ob sie helfen wird? Referent.) Am Schlüsse ist die Bedeutung der operativen 
Behandlung bei Magenkrankheiten, namentlich nach den neueren Arbeiten von 
Leube und Mikulicz, in dankenswerter Weise gewürdigt. 

Der buchhändlerische Erfolg dieser neuen Auflage wird ja durch die zahl¬ 
reichen ähnlichen Spezialwerke der neueren Zeit (Fleischer, Riegel, Fleiner) 
etwas beeinträchtigt werden, man muss aber gestehen, dass Verfasser alles gethan 
hat, um seinem Werke den durch die Anciennität gegebenenen Vorzug zu erhalten. 

Gumprecht (Jena). 

Aetiologie und Klinik des akuten Gelenkrheumatismus. Von Dr. 

Gustav Singer. Wilhelm Braunmüller 1898 (Wien und Leipzig). 


Die ausführliche, erstaunlichen Fleiss und grosses Geschick verratende Mono- 



Man wird dem Verfasser zugestehen müssen, dass er diesen bisher mehr theo¬ 
retisch angenommenen Zusammenhang durch eine Reihe wichtiger, neuer Thatsachen 
gestützt hat. 


Das Buch gliedert sich in einen bakteriologischen und einen klinischen Teil. 

Der erstere, der 24b Seiten umfasst , enthält zunächst eine ausführliche Dar¬ 
legung und Rechtfertigung der gewählten Untersuchungsmethoden und zwar besonders 
der bakteriologischen Harn- und Blutuntersuchung. 

Betreffs des Methodik und der gegen Kraus, Chvostek, Chvostek und 
Egger geführten Polemik sei auf das Original verwiesen, es genüge hier zu bemerken, 
dass Verfasser auf Grund zahlreicher Untersuchungen bei den verschiedensten In- 
fektiouskVankheiten zu der Ansicht gekommen ist, dass in der grossen Mehrzahl der 
Fälle die Harnuntersuchung homologe Bakterien ergibt, und dass die spärlichen Be¬ 
funde von heterologen Bakterien sich gewöhnlich durch Sekundärinfektionen erklären 
lassen. 

Es ist also demnach der Rückschluss erlaubt: die im Ham nachweisbaren 
Bakterien sind die eliminierten Krankheitserreger. 

Blut und Ham des Gesunden sind nach der Ansicht des Verfassers keimfrei, 
namentlich gibt es eine physiologische Resorption der Bakterien vom Darm aus nicht, 
ebensowenig werden Blut und Ham durch eine fieberhafte Temperatursteigerung an 
sich bakterienhaltig. 

Die Untersuchung des Blutes intravita ergibt verhälthismässig geringe Chancen, 
die krankheitserregenden Bakterien zu finden, da die Verdünnung eine sehr starke 
ist, und nur verhältnismässig wenig Blut entnommen werden kann. Die Untersuchung 
des Harnes hat zu berücksichtigen, dass die Ausscheidung der Bakterien nicht gleich- 
mässig, sondern schubweise erfolgt, und deshalb nur wiederholte negative Untersuchungen 
als wirklich negativ verwertet werden dürfen. 

Verfasser fand nun beim akuten Gelenkrheumatismus bei 88 Einzelunter¬ 
suchungen im Blut in 15% ein positives Kulturergebnis. Die Harnuntersuchung 
ergab in 85 Fällen mit 692 Einzeluntersuchungen in 57,6% ein positives Ergebnis. 
Die verschiedenen Arten des Staphylococcus bildeten neben dem Streptococcus die 
Hauptmasse der positiven Befunde. 

Untersuchung der Gelenkflüssigkeit ergab nur zweimal ein Resultat. Es erscheint 
das nicht auffällig, da einmal die rheumatische Arthritis nach der Ansicht Singer’s 
durch Erkrankung des periartikulären Gewebes zustande kommen kann, und ferner 
auch bei embolischem Ursprung der Gelenkentzündung der Uebergang von Bakterien 
aus den embolisierten Gefässen der Synovialw r and ausbleiben kann. 

In drei Fällen konnten post mortem aus Tonsillen, Endocard, Nieren und 
Synovialmembran pyogene Bakterien gezüchtet w r erden. 

Verfasser hält auf Grund dieser Befunde und namentlich auf Grund der 
Summation bei einzelnen Fällen, in denen in Blut, Ham und Organen eitererregende 
Mikroorganismen gefunden wurden, die Zugehörigkeit zur Pyämie für erwiesen. 

Der zw r eite klinische Teil der Arbeit betrachtet die einzelnen Symptome des 
Gelenkrheumatismus gleichfalls vorzugsweise unter diesem Gesichtspunkt. 

Die initiale Angina, die Endocarditis, die Ötaphylococccnpneumonien in Ver¬ 
lauf des Gelenkrheumatismus, die Pleuritis, die Hautaffektionen werden dadurch er¬ 
klärt, dass das Wesen des akuten Rheumatismus in der rheumatischen Blutinfektion 
und nicht in der Gelenkaffektion liege. 


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CORNELL UNiVERSITY 



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Die Rheumatoide werden als ätiologisch determinierte Rheumatismen angesehen. 

Die Beziehungen des Gelenkrheumatismus zur Chorea, zur Osteomyelitis, zum 
Erysipel, zur Dermatomyositis werden eingehend erörtert, und schliesslich das Krank¬ 
heitsbild der Pyärnie und des Gelenkrheumatismus vergleichend nebeneinander gestellt. 

.Es ist eine grosse Fülle klinischen Materiales von Singer in diesem zweiten 
Teile zusammengetragen, die Literaturverwertung ist gleichfalls als eine sehr voll¬ 
ständige und geschickte zu bezeichnen. Wünschenswert wäre vielleicht dem Refe¬ 
renten noch eine ausführlichere Erörterung des Verhältnisses zwischen akutem und 
chronischem Gelenkrheumatismus erschienen. 

Als Behandlungsmethode des akuten Rheumatismus, namentlich für die gegen 
Salicyl refraktären Fälle, werden intravenöse Sublimatinje